GODZILLA (2014) | Filmkritik

29. Mai 2014

Godzilla

Wer die gefühlten viertelstündigen End Credits dieses neuerlichen Auftritts des Nuklearmonsters aus Fernost bis zum Schluss durchhält, dem könnte Zweierlei auffallen: Zum einen lässt sich da lesen, dass kein Geringerer als Performance-Capture-König Andy Serkis für entsprechende Beratungsleistungen auf der Gehaltsliste der Produktion stand, was angesichts der zuvor abgelaufenen rund 120 Minuten die Frage aufwirft, ob man sich diese Kostennote nicht auch hätte schenken können. Zum anderen haben die Macher offenbar allen Grund, sich bei einer stolzen Anzahl von Vertretern und Abteilungen der US-Army zu bedanken. Anders herum würde es mindestens genaus viel Sinn machen, denn nicht zuletzt ist „Godzilla“ ein ziemlich ausgedehntes Werbevideo für den beherzten Militäreinsatz amerikanischer Prägung (auch wenn der Film in Japan spielt).

Nun ist das Zusammenspiel von Hollywood und Army an sich kein neues Thema (das nächste Beispiel steht mit „Transformers 4“ schon in den Startlöchern) und so fährt der US-Verteidigungshaushalt auch diesmal wieder alles auf, was er so zu bieten hat: Vom regulären Panzer über den Kampfhubschrauber bis zum Flugzeugträger bleibt nichts außen vor. Interessanterweise zeigt sich da aber vor allem eins: Beim Angriff von zweibeinigen Riesenechsen und anderen Monströsitäten lässt sich militärisch nichts, aber auch rein gar nichts ausrichten. Da kann noch so viel Munition verschossen werden, die hochhaushohen Kreaturen lassen sich nicht beirren und trampeln unbeirrt alles nieder, was ihnen in den Weg kommt. Und von den menschlichen Kollateralschäden weiß man nur deshalb nichts Genaues, weil der Film nicht so genau hinschaut.

Das wäre alles halb so schlimm, würden die Militäreinsätze nicht einen viel zu großen Teil der ohnehin eher dünnen Handlung ausmachen. Und spätestens nach der dritten gescheiterten Aktion fragt man sich mit einiger Berechtigung, wie viele davon es noch zu sehen gibt, bis sich der Film endlich auf simple Monsterklopperei konzentriert (Godzilla hat gleich zwei Gegner im Alien-Look) und nicht mit weiteren, zwangsweise zum Scheitern verurteilten Verteidigungsmaßnahmen Zeit verschwendet (oder schindet). Denn die mächtigste Waffe von allen ist die Riesenechse selbst.

Godzilla

Das hat damit zu tun, dass Autor Max Borenstein und Ideengeber Dave Callaham („The Expendables“) ihren Monstern eine ebensolche urzeitlich-lovecraftsche Herkunft zugeschrieben haben wie gerade erst letztes Jahr Travis Beacham und Guillermo del Toro den Kreaturen ihres ähnlich gelagerten „Pacific Rim“. Im letzteren Fall hatte sich die Menschheit immerhin beeilt, einigermaßen gleichwertige Riesen-Kampfroboter zu konstruieren, die es mit den überdimensionierten Gegnern aufnehmen konnten. Bei „Godzilla“ hingegen kämpfen kleine Kampfjets auf verlorenem Posten gegen Urgewalten mit Millionen Jahren auf dem Buckel und begehen dabei im Grunde Harakiri.

Ähnlich aussichtslos ist die Lage für die Schauspieler, die dem arg schematischen Drehbuch mit schablonenhaften Charakteren wenig hinzufügen können. Ken Watanabe („Inception“) darf vor allem wahlweise entsetzt vor sich hin starren oder als Weisheit verpackte Allgemeinplätze formulieren („Der Mensch glaubt, über die Natur zu herrschen, dabei herrscht die Natur über ihn“ – oder so ähnlich). Sally Hawkins fungiert praktisch durchgängig als visueller Lückenfüller. Und Juliette Binoche ist eher ein hübscher Besetzungswitz, der schon nach mehreren Minuten wieder von der Leinwand verschwindet.

Besonders bedauerlich: Bryan Cranston (immerhin Walter White aus „Breaking Bad“), der ihren Ehemann spielt und daran zerbricht, dass er indirekt für ihren Tod verantwortlich ist (ein Unfall in einem Kernkraftwerk) gelingt es kaum, auch nur den geringsten Ansatz einer emotionalen Bindung zu seinem Charakter zu erwecken. Das ist jedoch nicht unbedingt seine Schuld, denn die Figur ist so eindimensional und klischeehaft angelegt, dass es schon eines Darstellers bedurft hätte, den der Zuschauer mit vergleichbaren Rollen assoziieren kann, um die Lücken zu füllen (etwa John Lithgow, John Noble o.ä.).

Einzig Aaron Taylor-Johnson („Kick-Ass“) scheint als Mann ohne Eigenschaften ideal besetzt, da so nuancenfrei und ohne jeglichen Erinnerungswert, dass ein kleiner Junge, dem seine Figur mehrmals unter haarsträubenden Bedingungen das Leben rettet, sich nicht einmal mehr nach seinem Schutzengel umdreht oder gar bei ihm bedankt, wenn er im Trubel der Ereignisse wie durch ein Wunder seine Eltern wiederfindet (die sich ebenfalls nicht bedanken). Mit wem soll man da sympathisieren?

Regietechnisch greift Gareth Edwards nach seinem vielbeachteten Kinodebüt „Monsters“ leider allzu oft tief in die Klischeekiste und erweist sich vermutlich als Opfer einer ängstlichen Dauerüberwachung seitens des Studios. Herannahenden Gefahren wird beispielsweise statt mit sofortigem Davonlaufen immer (und „immer“ heißt tatsächlich „immer“) mit ungläubigem und unbewegten Starren begegnet, einem gelegentlichen „Mein Gott“ und/oder leidigem Stolpern und Hinfallen, das entweder die Spannung erhöhen oder dem jeweiligen Charakter einfach den Garaus machen soll.

Godzilla

Warum die Hauptattraktionen des Films – die metropolenzerstörenden Nahkämpfe der Riesenmonster – nahezu vollständig in der Nacht stattfinden (eine Entscheidung, die schon „Pacific Rim“ wenig zuschauerfreundlich gestaltete), bleibt ein Rätsel. Dass die ansonsten verzichtbare 3D-Version die ohnehin zu dunklen Bilder dabei nochmal eine Stufe abdunkelt, versteht sich von selbst.

Was sich noch sagen ließe? Dass es natürlich ein umsichtiger Amerikaner im fernen Japan ist, der die anfängliche Katastrophe im AKW hätte verhindern können, wenn die Einheimischen ein bisschen genauer hingehört hätten? Dass die Charakter-Konflike, die der Film zu Beginn auffährt, für den Rest des Films keinerlei Bedeutung haben? Dass sich immer wieder das gleiche Bild wiederholt, bei dem vorne rechts eine nichtsahnende Figur zu sehen ist und links im Hintergrund ein Monsterfuß aufsetzt?

Letztlich zählt das alles nicht, denn an den Kinokassen hat „Godzilla“ immerhin so gut funktioniert, dass eine Trilogie bereits beschlossene Sache ist, dass die Asiaten über eine eigene Neuauflage nachdenken und dass Gareth Edwards (zumindest momentan) für die Regie des ersten „Star Wars“-Spin-offs aus dem Hause Disney unterzeichnen konnte. Möge die Macht mit ihm sein. [LZ]

Godzilla

OT: Godzilla (USA/JP 2014) REGIE: Gareth Edwards. BUCH: Max Borenstein, Dave Callaham. MUSIK: Alexandre Desplat. KAMERA: Seamus McGarvey. DARSTELLER: Aaron Taylor-Johnson, Ken Watanabe, Elizabeth Olsen, Bryan Cranston, Sally Hawkins, David Strathairn, Carson Bolde, Richard T. Jones. LAUFZEIT: 123 Min.

Godzilla

[Abbildungen: Warner Bros.]

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