Ghostbusters (2016) | Filmkritik: Halluzinogene im Trinkwasser

07. August 2016

Ghostbusters (2016)

Eine Handvoll Filme aus den glorreichen 80ern genießt einen geradezu sakral anmutenden Unberührbarkeitsstatus. Ungeachtet dessen drohen die einschlägigen Hollywood-Studios seit Jahren mit Wiederbelebungen in Form verspäteter Sequels oder Remakes von Klassikern wie „Gremlins“, „Goonies“ oder „Zurück in die Zukunft“ – Pläne, denen die langjährigen Fans am liebsten mit Kruzifixen und Weihwasser entgegentreten würden, hätte das auch nur den geringsten Effekt. Umso eisiger war der Wind, der dem Reboot von Ivan Reitmans kultiger Geisterjägerkomödie von Tag Eins an entgegenschlug, fanatischer Hass, Frauenfeindlichkeit und dunkelster Rassismus inbegriffen.

Ein gründlich verkorkster, unlustiger und klischeedurchtränkter Trailer erntete zudem nicht nur die meisten Dislikes in der Historie von Youtube, sondern ließ selbst wohlgesonnene Beobachter das Schlimmste befürchten. Kaum möglich also, dem fertigen Film vor diesem Hintergrund einigermaßen unvoreingenommen zu begegnen, und die Kritiken zeigen, dass dieses Kunststück bislang tatsächlich auch nur wenigen gelungen ist. Schiebt man den ganzen Ballast jedoch zur Seite und setzt drei Jahrzehnte emotionaler Bindung an das Original einmal außer Kraft, dann mag man zum eigenen Erstaunen feststellen, dass „Ghostbusters“ in der aktuellen Fassung ein überraschend gelungener Kinospaß ist – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger (was man von dem 1989er Sequel nur eingeschränkt behaupten kann).

Da kein Remake, sind die Figuren nicht dieselben und die Story beginnt bei Null. Die Grundkonstellationen halten sich mal mehr, mal weniger eng an Motive und Muster des Originals, belassen es aber weitestgehend beim bloßen Wiedererkennungswert mit Augenzwinkern, ohne stur vermeintlich zementierten Gesetzlichkeiten entweder zu folgen oder sie metaspielerisch zu zerlegen. Wie leichtfüßig das gelungen ist, wie wenig forciert der Umgang mit dem bekannten Material daherkommt, kann durchaus erstaunen. Die Balance kippt lediglich bei den unvermeidlichen, insgesamt aber eher albernen Cameos von Bill Murray und Mit-Produzent Dan Aykroyd (der sich ernsthaft die Zeile „I ain’t afraid of no ghost“ ins Drehbuch hat schreiben lassen), verzichtbare Pflichtübungen, die eher im Weg stehen als nützen, während andere Gastauftritte zum Glück kaum auffallen.

Ghostbusters (2016)

Im ersten Drittel gehört der Film ganz Kristen Wiig und ihrer Figur Erin Gilbert, ihres Zeichens Doktor der Teilchenphysik, die kurz davor steht, einen Lehrstuhl an einer renommierten New Yorker Universität zu bekommen, dann aber am Wiederauftauchen eines wenig wissenschaftlichen Buches – eine Jugendsünde – über paranormale Phänomene zu scheitern droht, das ihre einstige Freundin und Mitautorin Abby (Melissa McCarthy) fröhlich über Amazon verbreitet. Kaum begegnet sich das zerstrittene Duo nach Jahren wieder, folgt auch schon die erste Geistererscheinung inklusive Youtube-Video mit einer hysterisch entzückten Erin. Die Hochschulkarriere ist dahin, aber mit Untoten in der Stadt lässt sich ja vielleicht freiberuflich etwas anfangen. Who you gonna call?

Hinzu gesellen sich eine Kerningenieurin (Kate McKinnon) und eine Subway-Bedienstete (Leslie Jones), die ihren Job nach einem Geistervorfall an den Nagel hängt und prompt das notwendige Einsatzgefährt für das aufstrebende Startup besorgt (einen Leichenwagen, wie passend). Und da sich sonst keiner für den Job als Bürokraft bewirbt, muss das Quartett wohl oder übel den strunzdummen, aber extrem attraktiven Kevin als männlichen Blondinenwitz einstellen (ein willkommener Imagewechsel für Chris Hemsworth). Zu diesem Zeitpunkt hat der Film bereits seine Betriebstemperatur erreicht und muss jetzt nur drauf achten, dass sich keine Durchhänger einschleichen.

Ghostbusters (2016)

Nicht alle Gags zünden, aber weil jede einzelne der Standup-geschulten Hauptdarstellerinnen ihre eigenen Humorqualitäten besitzt und (erfreulicherweise) keine der anderen die Show zu stehlen versucht, funktioniert das Zuwerfen der Bälle zum Vergnügen des Zuschauers bestens. Selbst den aufringlichsten paranormalen Phänomenen (einmal mehr will ein mächtiger Dämon die Menschheit unterjochen) gelingt es nicht, den vier nie auf den Mund gefallenen Geisterjägerinnen auch nur eine Pointe madig zu machen. Dass Paul Feig die Lacher diesmal ausnahmslos oberhalb der Gürtellinie hält, ist sicherlich dem familienfreundlichen Charakter zu verdanken, dem man seitens des Studios haben wollte, mag aber angesichts der Pöbelausfälle von „Brautalarm“ oder „Taffe Mädels“ überraschen (dass er auch das 2003er KZ-Drama „I am David“ zu verantworten hat, wird gerne übersehen).

Ohne Insiderscherze und Zitate geht es freilich nicht vonstatten, aber die sind meistens smart genug eingearbeitet, um nicht plakativ zu wirken (Ausnahmen siehe oben). Die Medien verpassen den Ghostbusters ihren Namen, ein Sprayer kreiert ungewollt ihr Logo. Wer braucht da noch eine aufgeblasene Werbeagentur von der Upper East Side? Dass die übliche urbane Zerstörungsorgie nicht ausbleibt, versteht sich zwar von selbst, menschliche Kollateralschäden gibt es jedoch offenbar keine – ein Glücksfall für den New Yorker Bürgermeister (übrigens Andy Garcia), der einen großangelegten Geisterangriff auf Manhattan kurzerhand zur Massenillusion erklärt, ausgelöst durch Halluzinogene, die Terroristen ins Trinkwasser gekippt haben sollen. In Kombination mit einer völlig unfähigen Melange aus US Army und Homeland Security ist das einsichtigerweise viel beruhigender als ein paar leicht aus dem Weg zu räumende Gespenster. [LZ]

OT: Ghostbusters (USA 2016). REGIE: Paul Feig. BUCH: Paul Feig, Katie Dippold. MUSIK: Theodore Shapiro. KAMERA: Robert D. Yeoman. DARSTELLER: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon, Leslie Jones, Chris Hemsworth, Neil Casey, Cecily Strong, Andy Garcia, Ed Begley Jr., Charles Dance, Steve Higgins, Bill Murray. LAUFZEIT: 116 Min.

Ghostbusters (2016) | Filmplakat

[Abbildungen: Sony Pictures Releasing GmbH]

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