Ghost Wars | Garantiert gruselfrei: Syfy-Serie ist Stephen King ultra-light

25. März 2018

Ghost Wars

[Lesedauer: ca. 2:20 Minuten]

Das größte Problem am nicht nachlassenden Serienwahn ist die begrenzte Lebenszeit des Konsumenten. Als Showrunner muss man alles daran setzen, ihr ein möglichst großes Stück abzuringen – und das bestenfalls über mehrere Staffeln hinweg. Gar nicht so einfach, denn wer kann schon alles wegbingen, was da praktisch wöchentlich auf dem Markt erscheint und die volle Aufmerksamkeit verlangt? Bei Netflix glaubt man (angeblich), der Herausforderung mit Verschlagwortung und Useranalyse beizukommen. Andere setzen auf eine mehr oder weniger ausgewogene Balance aus Originalität und Gutbewährtem. Schlimmstenfalls kommt lauwarme Ware dabei herum. „Ghost Wars“, eine Produktion des Syfy-Channels, ist dafür ein echtes Vorzeigebeispiel.

Die Serie mit insgesamt 13 Folgen in der bislang ersten Staffel gehört zum „Just like“-Genre (das wir gerade erfunden haben), und zwar nicht etwa, weil man das Gezeigte einfach mögen müsse, sondern weil sich nicht vermeiden lässt, permanent an anderswo herstammende Motive zu denken, die dank Copy & Paste in leichter Variation wiederverwertet wurden. Das kann funktionieren oder auch nicht. Im Fall von „Ghost Wars“ trifft eher letzteres zu, denn das Ergebnis ist ein mehr oder weniger gut sortierter Gemischtwarenladen, der leider kein schlüssiges Konzept gefunden hat, das die einzelnen Elemente wirklich zusammenhält.

Ghost Wars | Meat Loaf, Jesse Moss

Wagen wir einen Überblick: Roman Mercer (völlig nichtssagend: Avan Jogia) sieht tote Menschen, und während man den naheliegenden Witz schon mehrere Folgen lang im Kopf hat, spricht er ihn auch selber aus. Aber das nur am Rande. Ein durch Versuche in einem Forschungslabor ausgelöstes Erdbeben erschüttert eines Tages nicht nur die auf einer Insel gelegene Kleinstadt, in der er lebt, und von der er lieber heute als morgen verschwinden würde, es öffnet allem Anschein nach auch ein Portal ins Jenseits (obwohl – aber nehmen wir das nicht vorweg). Fortan spukt es in Port Moore, und das nicht zu knapp, denn die Geister sind seltsamerweise ziemlich schlecht gelaunt und sorgen für Halluzinationen und Gewalt. Aufs Festland zu fliehen ist keine Option. Alle Wege führen zwangsweise zurück, denn die Stadt befindet sich unter einer Art energetischer Kuppel. Nur Roman kann helfen, doch dem ist das alles erstmal herzlich egal.

Klingt nach Stephen King an einem mittelprächtigen Tag und fühlt sich auch so an. Der Außenseiter mit den übernatürlichen Fähigkeiten ist so dermaßen klassisches King-Territorium, dass es geradezu albern anmutet. „Under the Dome“ stand für die Kuppel Pate und die amerikanische Kleinstadt, in der das Böse sein Unwesen treibt, während sich die Bewohner in Machtkämpfe versteigen, gehört zum Standard-Sujet des Meisters. Hinzu kommt weiteres Personal mit eigener Agenda und fragwürdiger Vergangenheit, das die Handlung mal vorantreibt und mal ausbremst, zum Typus der Ensemble-Serie seit „Lost“ („Twin Peaks“ wollen wir erst gar nicht nennen) aber naturgemäß dazugehört.

Ghost Wars | Luvia Petersen

Ausgedacht hat sich die unausgegorene Angelegenheit, die sich nie entscheiden kann, was sie sein will (wahrscheinlich Horror), ausgerechnet Simon Barry, der mit „Continuum“ 2012 eine wirklich tolle, aber leider viel zu früh eingestellte Zeitreiseserie abgeliefert hatte, die alles beinhaltete, was „Ghost Wars“ fehlt – einen klaren Fokus und Charaktere, mit denen sich etwas anfangen lässt. Hier hingegen herrschen Klischee und Eindimensionalität vor, auch wenn (natürlich) jede einzelne Figur früher oder später ein zweites Gesicht offenbart. Lichtblicke bieten immerhin Vincent D’Onofrio als gefallener Priester (in Geschichten wie diesen gilt das als Tautologie) und Meat Loaf, dessen Figur als einzige eine echte Entwicklung durchlebt. Ihm gehört eine ganze Episode (die fünfte), und er nutzt sie, um dem albernen Budenzauber eine menschliche Seite abzugewinnen und vielleicht eine Idee davon zu vermitteln, wie man all das hätte besser machen können.

Wir wollen nicht falsch verstanden werden: Es ist nicht alles schlecht, insgesamt aber schlicht unfertig. Unheimliche Kinder, Seelenwanderungen (manchmal mehrere in einem Körper), Drogen aus einer Parallelwelt, Romans Geisterfreundin, die heimlich in ihn verliebt ist – da steckt schon eine Menge Potential drin. Charismatischere Darsteller, bessere Bücher, weniger stereotype Dialoge und Figuren hätten schon einiges retten können. So reicht es lediglich für ein bisschen Fastfood aus der Streaming-Welt. In Deutschland läuft die Serie aktuell bei Netflix. [LZ]

OT: Ghost Wars (USA/CA 2017). REGIE: Simon Barry, Mathias Herndl, Leslie Hope, Kristin Lehman, Michael Nankin, Jason Priestley, David Von Ancken. BUCH: Simon Barry, Gemma Holdway, Karen Lam, Damon Vignale, Sonja Bennett, Dennis Heaton, Rachel Langer. MUSIK: Patric Caird. KAMERA: Thomas Burstyn. DARSTELLER: Avan Jogia, Kim Coates, Vincent D’Onofrio, Kandyse McClure, Luvia Petersen, Kristin Lehman, Jesse Moss, Meat Loaf, Sharon Taylor, Elise Gatien. LAUFZEIT: 13 x 43 Min.

Ghost Wars

[Abbildungen: Syfy]

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