Ghost in the Shell (2017) | Filmkritik: Karaoke und Holographie

05. April 2017

Ghost in the Shell (2017) | Filmkritik

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Vergessen wir einmal für einen Moment die leidige Whitewashing-Debatte, denn Hand auf’s Herz: Wer hätte schon gerne auf den Anblick von Scarlett Johansson im Nude-Look eines hautengen Latex-Anzuges verzichtet? Eye-Candy liefert der Film aber auch unabhängig von seiner Hauptdarstellerin, und zwar in jeder Einstellung und über die volle Distanz hinweg. Kaum möglich, sich an den betörenden CGI-Welten sattzusehen, die einen völlig vereinnahmen – urbaner Futurismus, wie man ihn vielleicht seit „Blade Runner“ nicht besser gesehen hat. Damit sind aber leider auch schon fast alle Stärken dieser ersten Realversion des einflussreichen Mangas benannt. „Ghost in the Shell“ ist eine visuell makellose Oberfläche ohne nennenswerte Tiefe.

Das wäre alles halb so wild, gäbe es nicht eine relevante Adaptionshistorie mit einem bahnbrechendem Anime von 1995 an der Spitze. Ausgerechnet diesem zollt der Film dann auch ausgiebig Respekt, indem er einzelne Bildkompositionen ziemlich originalgetreu nachinszeniert, sie zugleich aber in völlig andere Zusammenhänge stellt. Man fragt sich mit einiger Berechtigung, wozu das gut sein soll, denn mehr als professionelles filmisches Karaoke ist das nicht. Aber dann fällt einem ein, dass hier Disney seine Finger mit im Spiel hat, und dort ist die Realfilmkopie animierter Originale ja neuerdings kassenträchtige Hauspolitik.

Mindestens drei Autoren haben offiziell am Drehbuch mitgeschraubt, darunter bezeichnenderweise Ehren Kruger („Transformers 2, 3, 4“) und William Wheeler („Ray Donovan“), der insgesamt gleich mal bis zu sieben Beteiligte vermutet [1]. Das verheißt in aller Regel nichts Gutes und spricht für große Unsicherheiten der Entscheider (also Anzugträger in den oberen Studioetagen) und gegen angemessene Treue zur Vorlage. Das Endresultat kann derartige Apriori-Befürchtungen kaum entkräften. Im Gegenteil: So ziemlich alles, was Masamune Shirows Manga und Mamoru Oshiis Anime inhaltlich so einzigartig macht, fällt 2017 fast ausnahmslos unter den Tisch.

Ghost in the Shell (2017)

Übrig geblieben sind ein paar wenige Basiskoordinaten und ein grobes Gerüst: Ein Cyborg mit menschlichen Erinnerungen, Teil einer Anti-Terror-Einheit, jagt einen genialischen Hacker mit Zugang zu synthetischen und vernetzten Steuerungseinheiten im ultimativen Internet der Dinge, das in der Welt von „Ghost in the Shell“ längst eine Ausweitung auf den Menschen vollzogen hat. Dementsprechend lassen sich über die richtigen Schnittstellen problemlos Erinnerungen manipulieren und unbescholtene Bürger in Attentäter verwandeln.

Wo Manga und Anime die Ausgangssituation aber zum Anlass für poetisch-philosophische Meditationen über Existenz, Identität und den klassischen Körper/Geist-Dualismus nehmen, setzt der Film ganz auf eine gängige Superheldendramaturgie mit Origin-Suche und einem Maximum an Action-Sequenzen. Zugegeben, in einem gewissen Rahmen ist das für eine ultrateure Hollywood-Produktion wie diese auch gar nicht anders machbar, aber das hätte man angesichts des zugrundeliegenden Materials bereits vorab wissen können. Hat man wahrscheinlich auch, doch die Verlockung, eine gute etablierte Marke weiter auszuschlachten, rechtfertigt nun einmal alle Mittel – in diesem Fall die Quasi-Überführung ins Marvel-Universum.

Ghost in the Shell (2017)

Klammert man hingegen alle Bezüge zu seinen Vorgängern aus (TV-Serie und Videospielversionen mit eingerechnet), kommt „Ghost in the Shell“ – sozusagen als Stand Alone Complex – gar nicht einmal so schlecht weg. Rupert Sanders ist als ehemaliger Werbefilmer im Grunde eine Idealbesetzung für den Regiestuhl, wenn es darum geht, für visuelle Überwältigung zu sorgen, ohne sich sonderlich in die inhaltlichen Entscheidungen des Studios einzumischen (und genau darum geht es hier). Manches ist geradezu virtuos, nur eben nicht virtuos genug, um nach den End Credits – über die wie ein akustischer Fremdkörper Kenji Kawais Originalmusik von 1995 zu hören ist – nicht schon längst wieder vergessen zu sein.

Haushohe Holographien, dreidimensional aufblitzende Fragmente diffuser Erinnerungen, das Eintauchen in ein fremdes synthetisches Bewußtsein – alles interessante Ideen, die keiner der Vorlagen entstammen. Aber eben auch gleich zwei Mutterfiguren für Scarlett Johanssons Cyborg (eine davon ist seltsamerweise Juliette Binoche), ein belangloser Gegenspieler (Peter Ferdinando) und jede Menge nivellierendes Herauswinden aus den komplexen Gedanken des Originals. Nur einmal traut sich der Film an ein Element des Mangas, das selbst Oshii nicht anrühren wollte, und deutet die sexuelle Orientierung der (eigentlich geschlechtslosen) Hauptfigur an. Aber auch das bleibt nur Oberfläche und wird nicht weiter vertieft.

An den US-Kinokassen ist „Ghost in the Shell“ eher untergegangen, aber der Hauptmarkt liegt ohnehin eher in Asien (wo die Einspielergebnisse allerdings auch recht bescheiden ausfielen). Die Beteiligung gleich zweier chinesischer Produktionsfirmen spricht Bände. Man wird sich auf diesen Typus Film in Zukunft weiter einstellen müssen, denn das heimische Publikum alleine reicht längst nicht mehr aus, um großbudgetierte Blockbuster gewinnbringend zu verkaufen. Wenn auf diesem Weg die amerikanisch-chinesische Freundschaft gefördert wird, ist diese Entwicklung bei aller Ernüchterung wenigstens dafür gut. [LZ]

OT: Ghost in the Shell (USA 2017). REGIE: Rupert Sanders. BUCH: Jamie Moss, William Wheeler, Ehren Kruger. MUSIK: Clint Mansell, Lorne Balfe, Kevin Riepl. KAMERA: Jess Hall. DARSTELLER: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Juliette Binoche, Michael Pitt, Takeshi Kitano, Peter Ferdinando, Chin Han, Lasarus Ratuere. LAUFZEIT: 107 Min.

Ghost in the Shell (2017) | Filmplakat

[Abbildungen: Paramount Pictures]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Tags:

Kommentare sind geschlossen.