GETAWAY | Filmkritik

17. Mai 2014

Getaway

Der Titel ist Programm. Zum einen, weil er die simple Handlung treffend auf den Punkt bringt. Zum anderen, weil er (bewusst?) auf den fast gleichnamigen Peckinpah-Klassiker bzw. dessen Remake verweist. Ein nachvollziehbarer Schachzug, der allerdings gänzlich überhöhte Erwartungen schürt. Denn „Getaway“ unter der Regie von Courtney Solomon („An American Haunting“) ist vor allem ein lieblos heruntergekurbelter Reißer, der wie so manche überschaubar budgetierte US-Produktion der letzten Jahre größtenteils im kostengünstigen Osteuropa (in diesem Fall Bulgarien) entstand.

Die Story: Gerade erst hat sich der frühere Rennfahrer Brent Magna (Hawke, drehte fast zeitlgleich „The Purge“) mit seiner Ehefrau in der bulgarischen Hauptstadt Sofia niedergelassen, da muss er sein Können erneut unter Beweis stellen. Ausgerechnet an Weihnachten lässt ein Unbekannter seine Liebste entführen und dirigiert Magna zu einem aufgemotzten Shelby Mustang, mit dem er fortan quer durch die Stadt jagen soll. Dabei werden ihm über Funk eine Reihe wahnwitziger Aufgaben gestellt, die Brent erfüllen muss, will er seine Frau unversehrt zurückbekommen.

Widerwillig liefert sich der Ex-Rennfahrer Verfolgungsjagden mit der Polizei, brettert über einen belebten Weihnachtsmarkt und kracht offenen Auges in andere Fahrzeuge hinein. Das scheinbar willkürliche Spiel bekommt einen neuen Dreh, als die Besitzerin des Mustangs (Selena Gomez, weniger überzeugend als in „Spring Breakers“) ihren Wagen mit vorgehaltener Waffe zurückfordert. Magna kann die Situation entschärfen und die anfangs aufmüpfige Jugendliche als Mitstreiterin gewinnen, so dass der Fortsetzung des erzwungenen Geschwindigkeitsritts nichts mehr im Wege steht.

Getaway

Das alles mag schon reichlich hanebüchen klingen (und nicht zuletzt verdächtig an Vorbilder wie „Speed“ oder „Gone in 60 Seconds“ erinnern), wird im Verlauf der Handlung aber erstaunlicher Weise noch übertroffen. Wenn es die Situation erfordert, verfügen die Figuren plötzlich über besondere Eigenschaften. Die Schnitzeljagd läuft auf einen recht banalen Diebstahl hinaus, den der Film jedoch als cleveren Coup verkaufen will. Und die Schlusspointe soll den Zuschauer vermutlich kräftig durchschütteln, wird dramaturgisch aber schon zuvor in den Sand gesetzt – Defizite, die nur halb so schwer ins Gewicht fielen, würden die Protagonisten dem Zuschauer etwas bedeuten. Doch auch wenn alles auf dem Spiel steht und wir zumeist ganz nah bei den Figuren sind (nämlich im Wagen), besteht nur wenig Identifikationspotential. Magna und die junge Autobesitzerin bleiben bloße Abziehbilder.

Wenn seitens des Drehbuchs schon so vieles im Argen liegt, sollte zumindest das inszenatorische Handwerk stimmen. Doch auch in diesem Punkt kann der immerhin von Action-Veteran Joel Silver produzierte Film nicht überzeugen, da er die (vermeintlich?) ohne Computerhilfe entstandenen Verfolgungsjagden und Crash-Kaskaden allzu oft in einem hektischen Schnittgewitter aus der Michael-Bay-Schule untergehen lässt. Die Folge: Immer wieder bleibt die Orientierung auf der Strecke und mit ihr der bewundernde Blick für handgemachtes Adrenalinkino.

Äußerst beeindruckend ist zumindest eine Sequenz gegen Ende des Films, die den Zuschauer für längere Zeit in Magnas Fahrerposition versetzt, während dieser – mit Höchstgeschwindigkeit – einen anderen Wagen durch die morgendliche Stadt verfolgt. Hier lässt man sich gerne mitreißen, da man den Hindernissen und Gefahren direkt ins Auge schauen darf. Retten kann diese Passage das Spektakel aber auch nicht, zumal jedes durchschnittliche Racing-Game mindestens gleichwertige Qualitäten aufweist. [Christopher Diekhaus]

P.S.: Wem nicht klar ist, wieso ihm das offizielle Filmplakat bekannt vorkommt, dem kann geholfen werden. Hier ist die Antwort.

Getaway

OT: Getaway (USA/BG 2013) REGIE: Courtney Solomon. BUCH: Sean Finegan, Gregg Maxwell Parker. MUSIK: Justin Caine Burnett. KAMERA: Yaron Levy. DARSTELLER: Ethan Hawke, Selena Gomez, Jon Voight, Rebecca Budig, Paul Freeman, Bruce Payne. LAUFZEIT: 90 Min. VÖ: 25.04.2014

Getaway

[Abbildungen: Universum Film]

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