Get Out | Filmkritik: Morgen schwarz, heute weiß

07. September 2017

Get Out

[Lesedauer: ca. 2:55 Minuten]

Am Ende von „Night of the Living Dead“ wird der Protagonist bekanntlich erschossen, weil man ihn für einen Untoten hält. Und weil er schwarz ist, werden bis heute Deutungen verfasst, die hier ein politisches Statement zu erkennen glauben. Für George A. Romero blanker Nonsens. Jegliches Kalkül wies er weit von sich, die Besetzung des farbigen Schauspielers Duane Jones sei reiner Zufall gewesen. Für die Wirkungshistorie ist das allerdings völlig belanglos, zumal schwarze Hauptfiguren im Horrorkino auch ein halbes Jahrhundert später noch Ausnahmefälle sind. Jordan Peele ist sich dessen wohl bewusst, und die Einflüsse, die seinem Debütfilm zugrundeliegen, reichen zurück bis zu „White Zombie“, jenem Pre-Code-Klassiker, der Rassismus als Thema erstmals ins Genre einführte, ohne ihn freilich zu thematisieren.

„Get Out“ macht hingegen nun genau das. Doch wer Rednecks, Alt-Right und Ku-Klux-Klan erwartet, wird sich wundern, denn der weiße Rassismus, den sich Peele vorgenommen hat, stammt aus der liberalen Mitte. „Lange Zeit war weiß in Mode, jetzt ist es schwarz“, bemerkt eine der Figuren irgendwann und bringt damit die These des Films auf den Punkt: Das liberale Amerika lebt seinen Rassismus in der Tendenz aus, selber schwarz sein zu wollen. Rap von der Straße in die blitzblanken Chefetagen der weißen Plattenkonzerne zu holen, schwarze Basketballer für weiße Vereine punkten und einen schwarzen Präsidenten weiße Politik machen zu lassen (zweimal wird einer der zentralen Antagonisten des Films als dezidierter Obama-Wähler ausgewiesen).

So in etwa. Ein Beispiel aus dem cineastischen Umfeld gefällig? Wir erinnern uns: Quentin Tarantinos exzessive Verwendung des Wortes „Nigger“ in „Jackie Brown“ motivierte einen verärgerten Spike Lee einst zu der Frage, was er eigentlich damit bezwecke – vielleicht zum ehrenamtlichen Schwarzen ernannt zu werden? Jahre später konterte Tarantino angesichts von „Django Unchained“ allen Ernstes mit der Behauptung, dank seines Films sei es nun endlich möglich, über Sklaverei zu sprechen. Auch eine Form von liberalem Rassismus.

Auf diesem gedanklichen Fundament hat Peele seinen Film gebaut, und das ebenso clever wie plakativ. Der Vorteil: Wer „Get Out“ lediglich als gut durchdachten, zuvorderst satirischen Genrebeitrag sehen will, wird auch ohne die zweite Ebene ganz gut bedient und darf sein Vergnügen daran haben, die zahleichen Vorbilder wiederzuerkennen, die in die Story eingeflossen sind (besonders offensichtlich „Die Frauen von Stepford“, „Rosemaries Baby“, „Angriff der Körperfresser“ und ja, letztlich natürlich auch „The Texas Chainsaw Massacre“).

Get Out | Betty Gabriel

Chris, der Protagonist, der allen Ernstes auch noch Washington heißt, bestimmt die Perspektive des Films. Dass er zusätzlich Fotograf ist, muss man wohl als Witz werten, denn deutlicher könnte man den Anspruch, die Geschichte durch die Augen des schwarzen Hauptcharakters zu betrachten, schwerlich kommunizieren. Erst an einem entscheidenden Wendepunkt bekommt der Zuschauer einen Wissensvorsprung serviert, doch dann ist es für einen warnenden Ausruf des Titels längst zu spät (hat zuvor eine andere Figur ohnehin schon vergeblich versucht).

Guess who’s coming to dinner: Für Chris geht es zum ohnehin unangenehmen Vostellungsgespräch bei den Eltern seiner Freundin Rose, und da ein gemischtrassiges Paar offenbar immer noch eine fragwürdige Angelegenheit ist, sieht er dem Besuch (selbstredend irgendwo in der zivilisationsfernen Walachei) umso skeptischer entgegen. Doch Vater Dean (Bradley Whitford: Josh Lyman aus „The West Wing“) ist ein aufgeklärter Neurochirurg (und Obama-Fan, wir sagten es schon), seine Frau Missy (Catherine Keener) eine Psychiaterin und der Bruder studiert Medizin. Was sollte diese Bilderbuchfamilie aus der liberalen Mitte für ein Problem mit dem farbigen Freund ihrer Tochter haben? Offensichtlich keins. Doch die Hausangestellten – was für ein Zufall – sind schwarz und benehmen sich mehr als verstörend. Spätestens als Chris von der resoluten Mutter zwangshypnotisiert wird, lässt sich kaum mehr ignorieren, dass irgendetwas gewaltig schief läuft.

Genrekenner haben schnell begriffen, worauf die Geschichte hinausläuft, aber das ist halb so wild, denn der Weg wiegt wie so oft auch in diesem Fall wesentlich mehr als das Ziel. Als die Katze schließlich aus dem Sack ist, fällt dem Film leider nicht mehr allzu viel ein, was mit dem bis dato vergleichsweise originellen Verlauf standhalten könnte. Spannung oder gar Entsetzen bleiben ohnehin weitestgehend außen vor. Peele, von Haus aus Comedien, zeigt seine Stärken vor allem dort, wo er mit dem Motivkonglomerat aus liberalem Rassismus und schwarz/weiß-Klischees jonglieren kann (sehr lustig und böse gerät eine vermeintliche Gartenparty, bei der Chris ausführlich als Kuriosität taxiert wird).

Get Out | Daniel Kaluuya, Bradley Whitford, Catherine Keener

Bemerkenswert sind die Parallelen zu „A Cure for Wellness“, Gore Verbinskis gescheiterter Rückkehr zum Horrorkino aus dem letzten Jahr. Vom Autounfall mit einem Reh (oder Hirsch) zu Beginn über die seltsame Gesellschaft, die sich mit gemeinsamen Zielen in einem entlegenen Ressort zusammenfindet, bis hin zum Finale mit seiner – sagen wir einmal – „ausbeutenden“ Auflösung findet sich einiges wieder. Natürlich wird hier kaum einer vom anderen abgeschrieben haben, doch die architektonischen und motivischen Überlagerungen sollten durchaus aufmerken lassen.

Die aktuelle DVD/Blu-ray beinhaltet unter anderem ein alternatives, ernüchternderes und letztlich konsequenteres Ende, auf das Peele jedoch eigenen Aussagen gemäß nach langen Überlegungen lieber verzichtet hat. Zu düster seien die Zeiten, um nicht ein bisschen Hoffnung zu verbreiten – in diesem Fall allerdings auf Kosten der Logik.

„Get Out“ ist aber auch ein bezeichnendes Beispiel für die Art und Weise, wie in Hollywood mittlerweile Einnahmen generiert werden. Mit vergleichsweise lächerlichen 4,5 Millionen Dollar Budget und einem weltweiten Einspielergebnis von rund 175 Millionen alleine auf dem US-Markt ist die Rede von einem Sensationserfolg durchaus berechtigt. Dank des stets gut informierten John Landis [1] muss man da allerdings auch noch die Kosten hinzurechnen, die nötig waren, um den Film überhaupt auf ausreichend Leinwände zu bringen: sage und schreibe 38 Millionen. Das Achtfache der Produktionskosten. [LZ]

OT: Get Out (USA 2017). REGIE: Jordan Peele. BUCH: Jordan Peele. MUSIK: Michael Abels. KAMERA: Toby Oliver. DARSTELLER: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford, Catherine Keener, Caleb Landry Jones, Marcus Henderson, Betty Gabriel, Lakeith Stanfield, Stephen Root. LAUFZEIT: 100 Min (DVD), 104 Min (Blu-ray). VÖ: 07.09.2017.

[Abbildungen: Universal]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.