Genius (2016) | Filmkritik: Gut behütet

17. Februar 2017

Genius

Im offiziellen Programm einer jeden Berlinale gibt es diese seltsamen Fremdkörper, die ganz offensichtlich nur dazu da sind, den einen oder anderen Hollywood-Star auf den Roten Teppich zu locken, ansonsten aber nicht wirklich dazugehören, weil sie dem semipolitischen / weltkinofreundlichen Image, das dieses Festival so gerne vor sich herträgt, nicht das Geringste anzubieten haben. Dieses Jahr mussten dafür Danny Boyles „Trainspotting“-Sequel sowie Hugh Jackmans letzter Auftritt als „Logan – The Wolverine“ herhalten. 2016 fiel das Los auf eine handzahme biographische Annäherung an zwei der wichtigsten Figuren amerikanischer Literaturgeschichte – im Kern ein Fernsehfilm, der außer seinen kostspieligen Darstellern wenig stichhaltige Gründe für eine Kinoauswertung liefert.

Denn auch wenn es nicht der Fall ist, sieht „Genius“ aus wie die Adaption eines Dialogstücks, dem nur selten (zum Beispiel in der vielversprechenden Eröffnungsmontage) der Schritt ins andere Medium gelingt. Zur Verteidigung der Macher muss man allerdings hinzufügen: Angesichts des Sujets ist das auch nicht ganz so einfach. Wo in erster Linie über das geschriebene Wort diskutiert wird, da muss man sich schon nach der Decke strecken, um eine passende Bildsprache zu finden, ohne allzu experimentell zu werden. Letzteres wollte oder durfte (Theater-)Regisseur Michael Grandage ganz offensichtlich nicht, und so fällt sein Film beschwichtigend konventionell aus.

Das gilt aber nicht nur formal, sondern auch inhaltlich. Die Chance jedenfalls, sich ganz auf seine (vermeintliche) Hauptfigur Max Perkins zu konzentrieren und damit die Geschichte des einzigen Star-Lektors zu erzählen, den der Literaturbetrieb bis heute hervorgebracht hat, opfert Drehbuchautor John Logan („Hugo Cabret“, „Skyfall“) zugunsten des gängigen Topos einer gegensätzlichen Männerfreundschaft und verfällt dabei der Versuchung, dem extrovertierten Part zunehmend die Bühne zu überlassen.

Genius | Jude Law

Das muss niemanden wundern, denn zu Perkins fällt dem Film nur wenig ein, und der zugrundeliegenden, preisgekrönten Biografie von A. Scott Berg entleiht er auch nur ein paar Seiten. Mit Perkins mag er beginnen, mit Perkins mag er aufhören, doch sobald Thomas Wolfe als zweite Hauptfigur auftritt, ist für den bedächtig-zurückhaltenden Mann hinter dem Schreibtisch nur noch wenig Raum übrig. Dass Wolfe-Darsteller Jude Law dabei ziemlich ungebremst agiert (und agieren darf), macht alles nur noch problematischer.

Auf der anderen Seite Colin Firth: besonnen, überlegt, minimalistisch. Gut sitzt der Anzug, besser noch die Kopfbedeckung, die er nie ablegt, auch nicht, wenn er im Pyjama am heimischen Schreibtisch sitzt. „Der Hut schützt den Kopf“, hat Joseph Beuys einst behauptet, und wahrscheinlich braucht ihn Perkins gerade deshalb. Um sich vor den Angriffen seiner Autoren zu schützen, um seine Gedanken unbeeinflusst zu lassen, nie die Haltung zu verlieren. Vielleicht wollte ihm Grandage aber auch einen kleinen Funken Skurrilität zugestehen, die sich in einer Äußerlichkeit manifestiert. Einmal, ein einziges Mal legt Perkins den Hut und damit allen Schutz ab. Ein bisschen plakativ ist das schon.

Der historische Perkins hatte das arg konservative Verlagshaus Scribner’s gegen anfängliche Widerstände quasi rebootet, junge Talente durchgesetzt, die von einem neuen Zeitgeist kündeten, allen voran Hemingway, Fitzgerald und eben Wolfe. Der Bruch mit letzterem ist legendär. Perkins war es gelungen, die ersten beiden literarischen Monströsitäten des bis dato unveröffentlichten Autors zu verkaufbaren Büchern herunterzubrechen. So sehr Wolfe ihm dafür zunächste dankbar war, so sehr verfluchte er ihn später auch. Der Film geht all das mehr als beschwichtigend an.

Genius | Colin Firth

Stattdessen erfindet er eine Sequenz, in der Wolfe seinen Freund und Mentor, der mit Musik nicht viel am Hut hat (sic!), in einen Jazzclub zerrt, um ihm zu demonstrieren, was es heißt, sich über alteingesessene Regeln ungezügelt hinwegzusetzen – und ihm so seine eigene Haltung zum Schreiben zu erklären. Und tatsächlich, ein bisschen wippt Perkins irgendwann mit dem Fuß. Mehr allerdings nicht. Im Gegenzug wird er seinem Autor später gestehen, dass er sich keineswegs sicher ist, ob seine Arbeit auch wirklich bessere Bücher hervorbringt – ein Zweifel, der durchaus seine Berechtigung hat und von so manchem Wolfe-Exegeten heute dick unterstrichen wird („O Lost“, die uneditierte Originalversion von „Schau heimwärts, Engel“, erschien vor einigen Jahren mehr oder weniger inoffiziell und erlaubte einen direkten Vergleich).

Eher albern geraten Auftritte von Heminway (kommt selbstverständlich gerade vom Fischfang: Dominic West) und Fitzgerald (Guy Pearce, ernsthaft?), die der Geschichte wenig mehr hinzufügen als ein bisschen Name-Dropping. Das ist alles bei Weitem noch nicht so schlimm, dass es peinlich wird, aber über ein Schulterzucken hinaus reicht es eben auch nicht. Welchem Genius beim hiesigen Verleih zudem der grenzdebile Untertitel „Die 1000 Seiten einer Freundschaft“ eingefallen sein mag, hat unbedingt eine Goldene Himbeere verdient. [LZ]

OT: Genius (UK/USA 2016). REGIE: Michael Grandage. BUCH: John Logan. MUSIK: Adam Cork. KAMERA: Ben Davis. DARSTELLER: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West, Vanessa Kirby, Gillian Hanna. LAUFZEIT: 101 Min (DVD), 104 Min (Blu-ray). VÖ: 06.01.2017

Genius | DVD-Cover

[Abbildungen: Panorama Home Entertainment / Wild Bunch Germany]

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