Generation der Verdammten | BBC-Weltkriegsdrama ist vor allem bebilderte Historie

02. September 2017

Generation der Verdammten

[Lesedauer: ca. 2:00 Minuten]

Wer sich während der arg zerdehnten 180 Minuten dieses Mehrteilers auf seltsame Weise an seine Schulzeit erinnert fühlt, ist damit nicht allein. „The Passing Bells [dt. Generation der Verdammten]“ gehört zu jenem Typus bebilderter Historie, den Geschichtslehrer gerne einsetzen, um sich die Vorbereitung mehrerer Stunden Unterricht zu ersparen. Die BBC hatte die Produktion im Rahmen des weltweiten Gedenkprogramms zu 100 Jahren Erster Weltkrieg in Auftrag gegeben und gezielt ein jüngeres Publikum ansprechen wollen. Mit drei Jahren Verspätung erscheint das gut gemeinte Stück Bildungsfernsehen nun auch auf dem deutschen Markt.

Die Grundidee ist ehrenhaft und sicher pädagogisch wertvoll, die Story dafür umso dünner. Im Zentrum stehen je ein junger Deutscher und ein junger Engländer, beide unter 20, beide naiv und freiwillig in den Militärdienst eingetreten. Mehr oder weniger parallel verfolgt der Zuschauer ihre zunehmend desillusionierenden Kriegserlebnisse, das Bangen der zurückgebliebenen Familien, den Verlust von Kameraden in den Schützengräben und die schmerzhafte Sehnsucht nach der Geliebten in der Heimat. Die Erfahrungen sind auf beiden Seiten gleich, der Feind ist nur ein abstraktes Konstrukt und hat mit den Menschen nichts zu tun – so die Botschaft.

Was soll man sagen? Die Dramaturgie klappert und ächzt unter dem Druck, historische Gegebenheiten in die Form einer Geschichte zu gießen, die ihrer pädagogischen Aufgabe gerecht wird. Dass man den Figuren dabei nur bedingt nahe kommt, liegt in der Hauptsache an ihrer scherenschnittartigen Konstruktion. Im Grunde weiß man nichts über sie, insbesondere die jungen Soldaten sind Männer ohne Eigenschaften, die Sätze sagen wie „So habe ich mir den Krieg nie vorgestellt“ und als einzige Identifikationsfaktoren kaum mehr als ganz grundsätzliche menschliche Bedürfnisse und Ängste anbieten können. Das ist verständlicherweise ein bisschen wenig, um den Zuschauer emotional zu binden (zumal er schon Schwierigkeiten haben könnte, die Protagonisten optisch und akustisch auseinanderzuhalten – auch die Deutschen sprechen im Original perfektes Englisch).

Generation der Verdammten

Die Mütter sorgen sich um ihre Söhne, wie es gute Mütter eben tun, die Väter sind hilflos, wie es Väter sind, wenn sie ihre Familien nicht wirklich beschützen können. Die jungen Frauen sind stolz auf ihre Männer oder arbeiten im Lazarett. Alles wahr, aber eben auch alles sehr schemenhaft. Die Darsteller geben sich allesamt große Mühe, ihren Figuren Leben einzuhauchen, doch insgesamt kämpfen sie auf verlorenem Posten. Hochemotionale, je nach Geschmack die Grenzen von Kitsch und Süßlichkeit streifende Musik aus der Feder von John Lunn („Downton Abbey“, „Waking the Dead“) soll ihnen unter die Arme greifen, füllt die Lücken der Bücher (immerhin von „Life on Mars“-Miterfinder Tony Jordan) aber nur behelfsmäßig. Ab und an gelingen zwar Sequenzen, die nachhaltig berühren, doch da ist die Hälfte der Laufzeit schon um und die Geduld des Zuschauers merklich angeschlagen.

Hinzu kommt eine Besonderheit der vom Original abweichenden Version, wie sie jetzt auf der aktuellen DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung zu haben ist. Aus den fünf je halbstündigen Folgen der TV-Ausstrahlung sind vier Episoden â 45 Minuten geworden, deren Handlungsfluss beständig durch längere Passagen aus historischem Bildmaterial, Off-Monologen und alten Zeitzeugeninterviews unterbrochen wird. Der Spielfilmanteil mutiert damit endgültig zur bloßen Illustration. Das ist noch nicht ganz „ZDF History: Der Erste Weltkrieg“, aber auf dem besten Weg dahin. Warum man nicht die Vorzüge des physischen Datenträgers genutzt und das Archivmaterial einfach in den Bonusteil verlegt hat? Wir wissen es nicht. [LZ]

OT: The Passing Bells (UK/PL 2014). REGIE: Brendan Maher. BUCH: Tony Jordan. MUSIK: John Lunn. KAMERA: Tomasz Naumiuk. DARSTELLER: Patrick Gibson, Jack Lowden, Sabrina Bartlett, Erika Karkuszewska, Ben McGregor, Matthew Aubrey, Adam Long, Felix Auer, Brian Fletcher. LAUFZEIT: 180 Min. VÖ: 25.08.2017.

Generation der Verdammten

[Abbildungen: Pandastorm]

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