FROZEN GROUND | Filmkritik

22. März 2014

Frozen Ground

In den letzten Jahren waren die Engagements von Nicolas Cage oft ein untrüglicher Gradmesser für die Belanglosigkeit seiner Filme: Bestenfalls mittelprächtige Reißer, in denen der vormals gefeierte Schauspieler nach Lust und Laune zweifelhaften Manierismen frönte. Mit der auf wahren Begebenheiten beruhenden Serienkillergeschichte „Frozen Ground“ unternimmt Cage nun einen Schritt in Richtung Rehabilitation. Frei von plakativem Overacting, vielmehr angenehm zurückhaltend, interpretiert er hier einen bodenständigen Sergeant der Alaska State Troopers, der sich gegen alle bürokratischen Hindernisse an die Fersen des vermeintlich unbescholtenen Robert Hansen heftet. Eines Mannes, der zwischen 1971 und 1983 mindestens 17 Frauen im Umland von Anchorage entführte, missbrauchte und ermordete.

Auch wenn Hansens Verbrechen bereits mehrfach dokumentarisch aufbereitet wurden und darüber hinaus als Vorlage für diverse TV-Serienepisoden dienten, gelingt Regisseur und Drehbuchautor Scott Walker in seinem Spielfilmdebüt ein eigenständiger, durchaus ambitionierter Zugang zu den aufsehenerregenden Ereignissen. So nimmt er nicht nur die hartnäckigen Ermittlungen der Polizei und das Verhalten des Täters in den Blick, sondern befasst sich auch mit der siebzehnjährigen Cindy Paulson (eindringlich und glaubwürdig: Vanessa Hudgens), deren erfolgreiche Flucht die Überführung des Serienmörders erst möglich machte.

„Frozen Ground“ beginnt in medias res mit dem Aufgreifen des verstörten Mädchens durch Beamte der Polizei von Anchorage im Jahr 1983. Cindy behauptet, vom Familienvater Robert Hansen (treffend besetzt: John Cusack) verschleppt und vergewaltigt worden zu sein, findet bei den Ermittlern jedoch kein Gehör, da sie als Prostituierte arbeitet und der Beschuldigte ein scheinbar wasserdichtes Alibi vorweisen kann. Lediglich einer der Polizisten schenkt ihrer Geschichte Glauben und schickt die Unterlagen des abgehakten Falls daher heimlich an die State Troopers.

Auf diesem Weg gelangt das Material auf den Schreibtisch des umtriebigen Jack Halcombe (Cage, dessen Figur lose auf dem realen Detective Glenn Flothe basiert), der seinen Polizeijob in Kürze an den Nagel hängen will, aktuell allerdings noch mit dem Fund einer Frauenleiche betraut ist – möglichweise das Opfer eines Serienkillers. Cindys Schilderungen lassen Halcombe auf interessante Zusammenhänge zwischen seinen eigenen Ermittlungen und anderen Vermisstenfällen in der Region stoßen. Eine heiße Spur, die stets zu einem Mann führt: Robert Hansen.

Frozen Ground

Vor allem zu Beginn fällt die Orientierung nicht immer leicht, da der Film hektisch zwischen den einzelnen Handlungssträngen hin- und herspringt und im Zuge der langsam ins Rollen kommenden polizeilichen Nachforschungen Namen und Zahlen anreißt, zu denen der Zuschauer nur selten ein konkretes Bild erhält. Mit dem ersten Zusammentreffen von Jack Halcombe und Cindy Paulson schält sich jedoch mehr und mehr eine Fokussierung der Geschichte heraus.

Angetrieben von seinem Ermittlerehrgeiz und dem Streben nach Gerechtigkeit, versucht der State Trooper, das Vertrauen der jungen Prostituierten zu gewinnen. Denn nur so glaubt er, Hansen überführen zu können. In der Entwicklung ihrer Beziehung setzt Scott Walker auf ein Genre-Motiv, das den Serienkillerfilm seit „Das Schweigen der Lämmer“ durchzieht: Indem Halcombe ein traumatisches Ereignis aus seiner eigenen Vergangenheit preisgibt, kann er Cindy, zumindest vorübergehend, für sich einnehmen und Einblicke in ihre trostlose Kindheit erlangen.

Neben der emotionalen Annäherung zwischen Ermittler und Opfer weiß „Frozen Ground“ vor allem mit seiner unaufgeregten und präzisen Beobachtung des zermürbenden Polizeialltags zu fesseln. Jack Halcombe ist ein akribischer Arbeiter, der sich in die Indizien des Falls regelrecht hineinwühlt, jedoch immer wieder Rückschläge hinnehmen muss. Immerhin verlangt der bürokratische Apparat eines Rechtsstaates unumstößliche Beweise. Aufgrund einer Beschuldigung und einigen möglichen Zusammenhängen haben Ermittler noch lange keine freie Hand bei ihren Recherchen. Von einer Aussicht auf einen Haftbefehl ganz zu schweigen. Ein Umstand, der in vielen anderen Genre-Vertretern leider nur sporadisch zum Ausdruck kommt.

Dramaturgisch aufgeladen werden die frustrierenden Erfahrungen Halcombes dadurch, dass wir parallel beobachten können, wie der Täter sein grausames Handwerk unbehelligt fortführt. Erfreulicherweise versteigt sich Walker hier nie zu voyeuristischen Torture-Porn-Exzessen, die der Fall durchaus hergegeben hätte. Stattdessen zeigt er Hansen als zielstrebigen, zumeist beherrschten Biedermann, der mit den Klischeefiguren des Genres nicht allzu viel gemein hat.

Frozen Ground

So begrüßenswert diese Darstellung sein mag, offenbart das Drehbuch bei der Ausleuchtung des Serienmörders aber auch einige unübersehbare Defizite. Angeblich soll Hansen ein bürgerliches und ehrbares Leben führen. Seine Familie und sein Berufsalltag – er ist Besitzer einer örtlichen Bäckerei – spielen im Film jedoch fast keine Rolle, obwohl gerade diese Spannungsfelder eine Diskussion über Schein und Sein bzw. die erschreckende Normalität des Bösen ermöglicht hätten.

Etwas irritierend nimmt sich auch der Subplot rund um Cindy und ihren Zuhälter heraus, der wahrscheinlich nicht auf die realen Ereignisse zurückgeht, sondern die Geschichte dramatisch ausschmücken soll. Fast hat es den Anschein, als sei dieser Erzählstrang allein für Mitproduzent Curtis Jackson alias 50 Cent eingebaut worden, der Cindys schmierigen Beschützer spielt. Derartigen Störfeuern zum Trotz entfaltet der Thriller gegen Ende noch einmal eine starke Sogwirkung, als Halcombe dem Täter in einer geschickt geschnittenen und intensiv gespielten Verhörsituation endlich auf die Pelle rücken darf.

Atmosphärisch vermag „Frozen Ground“ fast durchgehend zu überzeugen, wobei vor allem die mehrfach eingestreuten blaustichigen Bilder der schier endlosen Alaska-Panoramen den unterkühlten Ton der Geschichte treffend widerspiegeln. In Verbindung mit der unheilvollen, aber nie übertrieben aufdringlichen Musik (Lorne Balfe) stellt sich so immer wieder eine tiefgehende Beklemmung ein. [Christopher Diekhaus]

Frozen Ground

OT: The Frozen Ground (USA 2013) REGIE: Scott Walker. BUCH: Scott Walker. MUSIK: Lorne Balfe. KAMERA: Patrick Murguia. DARSTELLER: Nicolas Cage, Vanessa Hudgens, John Cusack, Dean Norris, Gia Mantegna, Robert Forgit, Brad William Henke, Michael McGrady, Katherine LaNasa. LAUFZEIT: 101 Min (DVD), 105 Min (Blu-ray). VÖ: 13.12.2013

Frozen Ground

[Abbildungen: Universum Film]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

The Walking Dead

Hinterlasse eine Antwort