Frontera | Filmkritik: Grenzwestern ohne Fokus

21. Oktober 2015

Frontera

Während die Flüchtlingsdebatte Deutschland seit kurzem in Atem hält, gibt es in den USA schon lange hitzige Diskussionen zum Thema Einwanderung. Zäune und bewaffnete Patrouillen an der Grenze zu Mexiko sind nach wie vor bittere Realität und stehen für Amerikas Versuch, den eigenen Wohlstand gegen vermeintlich schädliche Einflüsse abzusichern. Allen Abschreckungsvorkehrungen zum Trotz sind die Vereinigten Staaten aber noch immer ein Sehnsuchtsland, das viele Mexikaner auf teilweise gefährlichen Wegen ansteuern. Regisseur und Drehbuchautor Michael Berry befasst sich in seinem programmatisch betitelten Spielfilmdebüt „Frontera“ (spanisch für „Grenze“) mit der Immigrationssituation und ist bestrebt, sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Eine lobenswerte Absicht, die leider in ein unbefriedigendes Drama mündet.

Miguel (Michael Peña) will seiner schwangeren Frau Paulina (Eva Longoria) und dem anstehenden Nachwuchs ein besseres Leben ermöglichen und begibt sich daher gemeinsam mit einem Bekannten auf einen beschwerlichen Fußmarsch nach Arizona, wo er den Grund und Boden des ehemaligen Sheriffs Roy (Ed Harris) betritt. Als die beiden Mexikaner seiner Ehefrau Olivia (Amy Madigan) begegnen, peitschen auf einmal Schüsse durch die Luft, und die Reiterin zieht sich beim Sturz von ihrem Pferd tödliche Kopfverletzungen zu. Da die jugendlichen Schützen unerkannt fliehen können, wird Miguel kurz darauf verhaftet und des Mordes beschuldigt. Auch wenn Roy der überraschende Verlust schwer zu schaffen macht, drängt er den örtlichen Polizeichef dazu, weitere Ermittlungen durchzuführen. Schließlich verweist der Inhaftierte hartnäckig auf die fatalen Schüsse, die auch der Witwer gehört hat. Unterdessen beschließt Paulina, ihrem Ehemann zu helfen, und bricht ebenfalls in Richtung Arizona auf.

Einen seiner stärksten Momente hat der Film gleich zu Anfang, wenn er mit den Erwartungen und Vorurteilen des Zuschauers spielt: Dunkelhaarige Gestalten schleichen um ein erleuchtetes Haus. Vielsagende Blicke werden ausgetauscht. Spannende Musik setzt ein und man glaubt, dass etwas Schlimmes passieren muss. Doch weit gefehlt. Miguel und seine Verwandten versammeln sich lediglich vor der Tür seiner Schwiegermutter, um sie mit einem Geburtstagsständchen zu überraschen. Eben diese Ambivalenz und Doppelbödigkeit lässt „Frontera“ im weiteren Verlauf schmerzlich vermissen, weshalb der gut gemeinte Grenzwestern zu einem enttäuschenden Melodrama mit oftmals uninspirierten Dialogen verkommt.

Frontera

Als Hauptproblem erweist sich dabei ausgerechnet die reizvolle Entscheidung, das Geschehen aus mehreren Perspektiven zu präsentieren. Ohne klaren Fokus, aber leider auch ohne ein Gespür für einen packend-kunstvollen Erzählrhythmus schwenkt der häufig mit banalen Westernklängen unterlegte Film von einem Protagonisten zum nächsten, reißt manche Blickwinkel bloß an und lässt einige Figuren plötzlich für längere Zeit außen vor.

Nehmen Miguels Erfahrungen zunächst den größten Raum ein, fällt der illegale Einwanderer nach seiner Verhaftung mehr und mehr aus der Handlung heraus, während Paulina zur Trägerin eines eigenen Subplots avanciert. Überdeutlich will der Film damit offenbar das Ausbeutungssystem anprangern, dem viele mexikanische Flüchtlinge ausgesetzt sind. Skrupellose Schleuser und korrupte Grenzpolizisten nutzen, wie sich zeigt, die Not der Immigranten aus, doch das Schicksal der schwangeren Ehefrau wirkt trotz drastischer Zuspitzung eher aufgepfropft statt ehrlich berührend. Ähnliches gilt auch für den Strang rund um Ex-Sheriff Roy, dessen Trauer zumeist in plakative Szenen gepresst wird – etwa, wenn er wiederholt die von seiner Gattin eingesprochene Ansage des Anrufbeantworters abhört.

Ed Harris ist als ehemaliger Gesetzeshüter treffend besetzt und verleiht dem wortkargen Gerechtigkeitsmenschen schon allein dank seines prägnant-zerfurchten Aussehens Ecken und Kanten, strahlt letztlich aber nicht die eindrucksvolle Präsenz aus, die seinen Auftritt im Gangsterthriller „Run All Night“ zu einem Erlebnis machte. Das geringste Interesse gilt den jugendlichen Tätern, die auf das Klischeebild von waffen- und spaßfixierten Ego-Shooter-Spielern reduziert werden und nach den fatalen Schüssen nur noch kurz in den Blick geraten.

Positiv ist sicherlich, dass sich „Frontera“ im letzten Drittel für ein friedliches Miteinander starkmacht. Als Beschreibung des rauen Alltags in der amerikanisch-mexikanischen Grenzregion taugt der Film aber nur bedingt, da vieles an der Oberfläche bleibt und die unterschiedlichen Erzählebenen bisweilen holprig miteinander verwoben sind. Eindringlicher und differenzierter gestaltet sich im Vergleich das gerade erst in Deutschland angelaufene Flüchtlingsdrama „Mediterranea“, obwohl hier nur eine Perspektive vorherrscht: nämlich die eines afrikanischen Einwanderers, der nach Italien kommt und dort Rassismus und Ausgrenzung erlebt. [Christopher Diekhaus]

OT: Frontera (USA 2014). REGIE: Michael Berry. BUCH: Michael Berry, Louis Moulinet. MUSIK: Kenneth Lampl, Darren Tate. KAMERA: Joel Ransom. DARSTELLER: Ed Harris, Michael Peña, Eva Longoria, Amy Madigan, Aden Young, Michael Ray Escamilla, Daniel Zacapa, Michael Berry. LAUFZEIT: 100 Min. VÖ: 25.09.2015.

Frontera

[Abbildungen: Lighthouse Home Entertainment]

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