From Dusk till Dawn: Die Serie (Staffel 1) | Robert Rodriguez repariert in der Neuauflage seines eigenen Kultklassikers jede Menge lose Enden

21. März 2015

From dusk till dawn: Die Serie | Staffel 1

1996 gab es eine Menge Gründe, angesichts von Quentin Tarantinos seltsamem Genre-Zwitter ungläubig den Kopf zu schütteln. Heute drängt sich rückblickend vor allem die Frage auf, wie George Clooneys Karriere im Anschluss an seine Rolle als ultracooler Gecko-Bruder mit prominentem Schultertattoo so dermaßen geradlinig und politisch korrekt verlaufen konnte. Was hingegen die Entscheidung von Robert Rodriguez angeht, den Stoff knapp zwei Jahrzehnte später noch einmal aus der Schublade zu ziehen und als TV-Serie wiederaufleben zu lassen, so ist verständnisloses Schulterzucken vermutlich die einzig angemessene Erstreaktion.

Ob es dabei allerdings auch bleiben muss, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wo die ursprüngliche Idee herkommt, liegt mehr oder weniger auf der Hand. Im Hinblick auf eine zugkräftige Marke für seinen ersten eigenen Fernsehsender „El Rey“ (benannt nach jener mythischen Ruinenstätte der Mayas, die im Film eine zentrale Rolle spielt) hatte Rodriguez vermutlich bereits im Rahmen der Planung über seinen eigenen Kultklassiker und dessen Potential für die momentan vielfach praktizierte serielle Weiterverwertung älterer Leinwanderfolge auf dem heimischen Bildschirm nachgedacht.

Was konnte da schon schiefgehen? Selbst zwei mittelmäßige Sequels (eines davon ein Prequel) hatten dem Status des Originals nicht schaden können. „From Dusk till Dawn“ erfreut sich weiterhin eines guten Rufs, und so würde eine Serienfassung genügend Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sollte sie untergehen, hätte Rodriguez lediglich einen weiteren Flop in seiner Filmografie zu vermerken. Ging der Plan hingegen auf, war allen Beteiligten geholfen und „El Rey“ hätte sein erstes Erfolgsprodukt. Hier konnte also im Grunde nur gewonnen werden.

Nun ist Rodriguez als Filmemacher der gepflegten Selbstkopie nie sonderlich abgeneigt gewesen – „Desperados“, „Machete kills“, „Sin City 2“ und die „Spy Kids“-Reihe arbeiten allesamt mit breitflächigen Wiederholungen ihrer Vorgänger – und da passte seine Serienidee gut ins Schema. Dass aber schon gleich die erste Episode zu einem ausgedehnten eins-zu-eins-Remake geraten würde, muss dann doch überraschen. Bis hin zur vollständigen Nachinszenierung einzelner Einstellungsfolgen bekommt der Zuschauer die Eröffnungssequenz des Films (Schießerei im Schnapsladen) noch einmal zu sehen.

From dusk till dawn: Die Serie | Staffel 1

Zugleich stellt sich der Eindruck eines ultra-extended Director’s Cut ein, denn die Dialoge sind länger und ausführlicher (wenn auch selbstverständlicher voller tanrantinoesker Popkultur-Referenzen), die Schnittfolgen reichhaltiger und ab und zu schleichen sich sogar gänzlich neue Elemente mit ein. Und dann wird nach und nach offensichtlich, dass dies nur scheinbar eine punktgenaue Neuauflage des alten Films ist, denn so manches passt trotz aller inszenatorischen Übereinstimmung so gar nicht zum wohlbehüteten Bild des Originals. Der Hauptgrund dafür ist die Figur des bebrillten Richie Gecko, damals eine von Tarantinos wenigen wirklich gelungenen Leistungen als Schauspieler.

Hier porträtiert ihn Zane Holtz, doch das ist nicht der entscheidende Unterschied. War der jüngere Brüder im Original ein gefährlicher Trieb- und Gewalttäter mit psychotischen Zügen, so erweist er sich hier als hochbegabter Safeknacker, der unter unerklärlichen Visionen leidet und manchmal nicht zwischen Realität und Halluzination unterscheiden kann. Richie ist ein Getriebener mit krimineller Energie, aber kein Killer und erst recht kein Sexmonster. Es braucht ein bisschen mehr als eine Episode, um das herauszuarbeiten, denn die vom Film herrührende Erwartungshaltung steht dem klaren Blick auf die Figur deutlich im Weg. Dann jedoch gibt es irgendwann keinen Weg mehr zurück.

Das ist ausgesprochen clever gemacht, denn auf diese Weise schleichen sich nach und nach Sympathien für das Bruderpaar ein, die im Original nicht einmal ansatzweise vorstellbar gewesen wären, für eine längerlebige Serie aber unverzichtbar sind. Nicht wenig trägt dazu der charismatische Seth-Darsteller D.J. Cotrona bei, der die nötige Souveränität mitbringt, um manch irrsinniger Wendung eine gewisse Erdung zu verschaffen. Zugleich werden mehrere Antagonisten installiert, von denen sich einer selber als Hauptfigur eignet. Auf der einen Seite steht Drahtzieher Carlos (tatsächlich: Wilmer Valderrama), dessen Rolle im Vergleich zum Film nicht nur erheblich ausgedehnt wird, sondern der sich auch bald selber als Vampir herausstellt. Auf der anderen Seite findet sich der neu hinzuerfundene Ranger Gonzalez, Partner seines zu Beginn erschossenen Partners (erneut im Rodriguez/Tarantino-Kosmos: Don Johnson) und fortan Racheengel auf rastloser Jagd nach den Brüdern.

Speziell der Ranger erlaubt der Geschichte eine Dynamik, die sie bislang nicht hatte. Doch auch sonst fügen sich Elemente zusammen, die im Film völlig disparat nebeneinander standen. Rodriguez scheint bemüht, die vielen Löcher im Original seines Freundes zu stopfen und lose Enden zusammenzuführen. Wo Tarantino mit einiger Beliebigkeit auf die Anarchie des Zufalls setzt, konstruieren Rodriguez und sein Autorenteam einen übergeordneten Zusammenhang aus (Privat)Mythologie und Parallelhandlungen. Wie auf diesem Weg Ordnung geschaffen wird, wo nie Ordnung war, ist äußerst spannend zu beobachten, zumal sich die Dramaturgie andererseits lange Zeit sklavisch genau an die Vorlage hält.

From dusk till dawn: Die Serie | Staffel 1

Natürlich sind die Fullers, die als dysfunktionale Familie eine ganze Menge Psychoballast mit sich herumschleppen, von zentraler Bedeutung geblieben. Aber auch hier gilt: Mehr ist mehr. Blieb Harvey Keitel im Film nur wenig anderes übrig als den gefallenen Prediger mit karikaturhaften Zügen zu gestalten, steht Robert Patrick („True Blood“ und ironischerweise auch bereits in „From Dusk till Dawn 2“ zu sehen gewesen) der volle Raum der Serie zur Verfügung, um seine Rolle ein Stück weit in die Tiefe auszuloten. Zur echten Entdeckung gerät dabei Madison Davenport (trug schon mit 13 Jahren fast alleine die Independent-Produktion „The Attic Door“ auf ihren Schultern), die der von Juliette Lewis geprägten Tochter Kate das Herz verleiht, das die Figur bis dato nie hatte.

Erst mit der Ankunft im berüchtigten „Titty Twister“ und der bildgetreuen Kopie des dämonischen Schlangentanzes löst sich die Serie fast vollständig vom Film und erforscht die Tiefen des Tempels, auf dessen Spitze der Stripclub errichtet wurde. Hier lugt möglicherweise auch bereits die zweite Staffel durch: In einem der Feauturettes von DVD und Blu-ray erklärt Rodriguez, es sei die letzte Einstellung im Original gewesen, die Totale auf den Maya-Bau, von der aus er seine Neuinterpretation hatte aufziehen wollen. Ob er da auch tatsächlich genug Stoff findet, um über die bislang bekannte Geschichte hinauszuerzählen, bleibt abzuwarten.

In jedem Fall ist „From Dusk till Dawn: The Series“ mit Abstand das Interessanteste, was das einstige Wunderkind seit langem abgeliefert hat. Enttäuschungen wie der unoriginelle „Sin City“-Zweitaufguss, das überdrehte „Machete“-Sequel, der überflüssige „Predator“-Aufguss oder die x-te „Spy Kids“-Variante haben neben vielen im Keim erstickten Projekten („Red Sonja“) selbst bei hartgesottenen Rodriguez-Fans für Ermüdung und wachsendes Desinteresse gesorgt. Hier nimmt er sich ungewohnt stark zurück, inszeniert schnörkelloser und kümmert sich wieder mehr um seine Figuren. Der Wechsel zum Home-Entertainment könnte sich für den Texaner auch künstlerisch als echter Befreiungsschlag erweisen. Wünschenswert wäre es in jedem Fall. [LZ]

From dusk till dawn

OT: From dusk till dawn (US 2014) REGIE: Robert Rodriguez, Dwight H. Little, Fede Alvarez, Nick Copus, Joe Menendez, Eduardo Sánchez. BUCH: Robert Rodriguez, Matt Morgan, Juan Carlos Coto, Diego Gutierrez, Marcel Rodriguez, Ian Sobel, Álvaro Rodríguez. MUSIK: Carl Thiel. KAMERA: Eduardo Enrique Mayén, Michael Bonvillain, Armando Salas. DARSTELLER: D.J. Cotrona, Zane Holtz, Jesse Garcia, Robert Patrick, Madison Davenport, Wilmer Valderrama, Eiza González, Brandon Soo Hoo, Jake Busey, Manuel Garcia-Rulfo, Don Johnson, Samantha Esteban, Jamie Tisdale, Marycarmen Lopez. LAUFZEIT: 436 Min (DVD), 454 Min (Blu-ray). VÖ: 28.03.2015.

From dusk till dawn: Die Serie | Staffel 1

[Abbildungen: WVG Medien]

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