Guilty Pleasures: FREITAG, DER 13. | Original. Reboot. Franchise.

23. März 2013

Freitag, der 13.

Es ist immer erfreulich, wenn ein Film den Erkenntnishorizont seines Publikums erweitert. Im Fall der 2009er Wiedergeburt des langlebigsten aller Horrorfilm-Reihen zum Beispiel klärte eine schlichte Infotafel bereits zu Beginn darüber auf, dass ein Remake inhaltlich nicht identisch mit dem Original sein muss. Der fleißige Kinogänger hat sich das zwar schon immer gedacht, doch hier bekam er es endlich auch einmal schwarz auf weiß (bzw. umgekehrt). – Welche dubiosen rechtlichen oder marktstrategischen Hintergründe diese Richtigstellung auch immer haben mochte, der bislang letzte Baustein im nicht totzukriegenden Slasher-Franchise um den Mann mit der Hockeymaske hielt sich daran und war im Wesentlichen eben keine Neufassung des Films von 1980.

Das hat seinen guten Sinn, denn die Figur selber, der die Serie ihre ungemeine Popularität verdankt, hatte in dem billig produzierten, mittelmäßig inszenierten und talentfrei gespielten Original überhaupt keinen Auftritt. Im Fahrwasser von „Halloween“ entstanden, bedienten sich Regisseur Sean S. Cunningham und Autor Victor Miller nicht nur fleißig bei John Carpenters erfolgreichem Vorstadthorror, sondern griffen auch beherzt bei „Psycho“ zu – nur dass die Rollen vertauscht wurden. So war es eben nicht der ödipal verkorkste Sohn, sondern eine rachebesessene und geistig umnachtete Mutter, die für jede Menge ebenso einfallsreiches wie drastisches Abschlachten hormongesteuerter Teenager sorgte.

Die spätere stumme Ikone des Schlitzerfilms namens Jason Voorhees (Vorsicht vor holländischen Einwanderern) erschien lediglich als untotes Kind in einer jener schockartigen Traumsequenzen, die seit Brian De Palmas „Carrie“ so effektiv die Leichtgläubigkeit des Zuschauers ausnutzen und immer mal wieder für einen zusätzlichen Adrenalinstoß vor den End Credits gut sind. Erst der unerwartet große Erfolg des Films hatte den Gedanken geboren, den Jungen, der zwei Jahrzehnte zuvor der Unachtsamkeit seiner Betreuer wegen im Crystal Lake ertrunken war und damit den Rachefeldzug seiner Mutter gegen alle Teenager dieser Welt ausgelöst hatte, einfach zum erwachsenen Untoten zu erklären und fortan selber mordend über die Leinwand ziehen zu lassen.

Cunningham konnte mit der Idee wenig anfangen und klinkte sich aus. Erst 1983, nachdem alles andere, was er als Filmemacher zu initiieren versucht hatte, nicht so richtig zünden wollte, stieg er wieder in die Serie ein und produzierte bis heute vier weitere Teile mit. Dass er im Grunde eigentlich gar nichts zum Erfolg des Franchise beigetragen hat, wohl aber sein Leben lang davon zehren wird, ist ein echter Treppenwitz der Filmgeschichte.

Freitag, der 13.

1981 erschien die Figur des Jason zum ersten Mal (damals noch ohne Maske) und wurde schnell zum Urbild des ikonischen Serienschlächters – wortlos, ultrabrutal, unkaputtbar und mit einer bemerkenswerten Instinktsicherheit ausgestattet. In seinen Tötungsszenarien einfallsreicher als Michael Myers, aber weitaus fantasie- und humorloser als Freddie Krueger (weshalb das Zusammentreffen der beiden 2003 auch nur bedingt funktionieren konnte), zudem meilenweit entfernt von der sadistischen Eloquenz eines Pinhead (aus Clive Barkers „Hellraiser“-Serie), zementierte er einen seltsamen Typus von Projektionsfläche, die zusammen mit den vier anderen Figuren trotz eines minimalen Variationsspektrums bis heute äußerste Langlebigkeit aufweist.

Nirgendwo greift das Gesetz der Serie so punktgenau wie im Slasher-Genre, und die Wiederbelebung, die nach und nach alle Beteiligten dieses Quartetts erfuhren (Pinhead erst kürzlich mit „Hellraiser: Revelations“), stellt lediglich eine Anpassung an veränderte Sehgewohnheiten dar. Wie groß der Bedarf nach einer zeitgemäßen Erneuerung derart bewährter Konzepte ist, zeigte das sensationelle US-Startwochenende, das den Film mit satten 43 Millionen Dollar (bei einem Budget von 19 Millionen) auf den ersten Platz der Kinocharts katapultierte. Fast drei Jahrzehnte nach dem Original mordete sich Jason unter der Regie von Marcus Nispel (zuletzt wenig erfolgreich mir seinem „Conan“-Reboot) bereits nach der ersten Viertelstunde munter durch die dünne Handlung und sorgte dabei für blutigen Schrecken. Beim US-Publikum kam das erstaunlich gut an.

Während zum gleichen Zeitpunkt etwa Tom Tykwers solider bis belangloser Verschwörungsthriller „The International“ kaum auf nennenswertes Interesse stieß, zeigte Jasons Rückkehr auf die große Leinwand einmal mehr, dass praller Horror in Krisenzeiten besonders gut funktioniert. Wer will sich schon das skrupellose Treiben von Großbanken im Kino ansehen, wenn er es seit Monaten täglich in den Nachrichten serviert bekommt? Richtig, niemand. Um wie vieles verlässlicher, überschaubarer und vor allem irrealer ist da das amoralische Gemetzel des Hockeymaskenträgers?

Freitag, der 13.

Mit ihrem Beitrag (dem insgesamt zwölften der Reihe) wiederholen die Initiatoren Andrew Form und Brad Fuller ihr zuvor vielfach bewährtes Remake-Konzept. Mal mehr, mal weniger gut funktionierte der modernisierte Neuansatz bereits bei „The Texas Chainsaw Massacre“ (ebenfalls unter der Regie von Nispel), „The Amityville Horror“, „The Hitcher“ und schließlich im Folgejahr bei „A Nightmare on Elm Street“. Zeitgemäße Optik, drastischere Gewalt, doch im Grundsatz keine allzu weite Abweichung von den Vorgängern, so lautet das schlichte, aber verkaufsfördernde Rezept.

Im Fall von Jasons Rückkehr gab es als Bonus jede Menge nackte Haut und ein bisschen Beischlaf zu sehen (im Slasher-Genre immer ein passender Anlass für den bigott erzogenen Schlitzer, strafend einzugreifen). Was den Film zudem von der Vielzahl der Asia-Remakes und Torture-Pornos seiner Zeit abhob, war die konsequente Gnadenlosigkeit, mit der nicht nur die üblichen Bauernopfer dran glauben mussten, sondern auch die Sympathieträger abgemetzelt wurden. Vor Jason ist niemand sicher, und daran ließ das Reboot keinen Zweifel.

Zugleich bewahrte diese Form der Konsequenz den Film davor, in die Selbstparodie abzustürzen. Denn während die Serie nach den ersten vier Teilen, an die sich Nispels Fassung im Wesentlichen anlehnte, zunehmend ihres Schreckens verlustig gegangen war und immer absurdere Szenarien entwickelte (inklusive eines Science-Fiction-Plots im von Todd Farmer konzipierten „Jason X“ mit Gastauftritt von David Cronenberg), setzte dieser „Freitag, der 13.“ gänzlich auf blankes Entsetzen.

Vom Paramount-Logo in blutigem Rot bis zum schocklastigen Finale gab es keinen Raum für ein relativierendes Augenzwinkern, und Steve Jablonskys äußerst drastischer Soundtrack (Elektronik wie sie seit den einschlägigen Partituren von Maurice Jarre und Jerry Goldsmith nicht mehr im Kino zu hören war) trug das Seine dazu bei, dass jeder bloße Gedanke an ein befreiendes Lachen bereits im Keim erstickt wurde.

Bis heute halten sich die Gerüchte über ein Sequel, das angesichts des beachtlichen Kassenerfolgs eigentlich längst überfällig ist. Von einem winterlichen Setting bis zu kostengünstigem Found-Footage lässt sich eine Menge Spekulation finden, offizielle Bestätigungen blieben bislang aber aus. Dass eine Fortführung des Franchise jedoch früher oder später stattfinden wird, gehört zu den Naturgesetzen der Branche. [LZ]

Friday the 13th VII

Freitag, der 13.

[Abbildungen: Paramount Home Entertainment (Remake 2009)]

Friday the 13th

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Eine Antwort zu “Guilty Pleasures: FREITAG, DER 13. | Original. Reboot. Franchise.”

  1. [...] „Guilty Pleasure“ trifft es schon sehr gut. Screenread beschäftigt sich mit „Freitag, der 13.“. Dem Reboot, dem Original und der Serie. Wer also noch mal an den Crysal Lake zurückkehren möchte [...]

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