Monster und Menschenbastler: FRANKENSTEIN’S ARMY vs. I, FRANKENSTEIN

26. Januar 2014

Franksteins Army

Die Filmgeschichte nach Variationen von Mary Shelleys klassischem Schauerroman abzugrasen, würde Stoff für ganze Reihen von Büchern liefern. Die interessanteste Annäherung der letzten Jahre fand jedoch bezeichnenderweise auf der Bühne und nicht im Kino statt – wenn auch mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle und Danny Boyle auf dem Regiestuhl denkbar stark vom Bewegtbildmedium geprägt. Für die große Leinwand ist das Thema derzeit im Wesentlichen verbrannt und hat maximal parodistisches Potential. Zwei aktuelle Beispiele versuchen die Wiederbelebung auf recht eigenwillige Weise und mit unterschiedlichem Erfolg.

Bereits 2013 lieferte Storyboardzeichner Richard Raaphorst („Beyond Re-Animator“, „The Captured Bird“) mit der durchaus originellen Independent-Produktion „Frankenstein’s Army“ nicht nur sein Langfilmdebüt ab, sondern bot zugleich auch eine clevere Modernisierung des Shelley-Sujets. Gern gesehen auf Genre-Festivals und in Sitges sogar mit dem Grand Prize des Europäischen Fantasy Films ausgezeichnet, traf das in Prag gedrehte Creature-Feature auf genügend Gegenliebe, um trotz seines geringen Budgets rasch den einen oder anderen internationalen Verleih zu finden.

Im Fall der deutschen Fassung darf man sich allerdings nicht vom merklich aufgeblasenen Packaging täuschen lassen. Hinter „Frankenstein’s Army“ verbirgt sich ein gut choreografierter, aber nichts desto trotz auf die Notwendigkeit seiner Mittel reduzierter Beitrag in Found-Footage-Machart – eine Tatsache, über die das Marketing (inklusive Trailer) geschickt hinwegzutäuschen versucht.

Die Story: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stößt ein kleiner Trupp russischer Soldaten irgendwo im ostdeutschen Ödland auf ein geheimes Forschungslabor. Bizarre Kampfroboter im Steampunk-Look sorgen in bekannter Abzählmanier für eine rasche Dezimierung des Einsatzkommandos. Oder doch nicht? Wie sich dem Titel gemäß herausstellt, besteht die monströse Armee nämlich aus reanimierten Leichenteilen, die ein gewisser Victor Frankenstein im Auftrag der Nazis für militärische Zwecke umfunktioniert. Als Material kommen die Sowjets da gerade recht.

Franksteins Army

Lange Zeit erschließt sich nicht, warum der oftmals enervierende und arg erklärungsbedürftige Einsatz einer Handkamera durch einen der Protagonisten als ausschließliches Erzählmedium dem Film selber besonders gut tun soll, zumal die Handlung lange vor Erfindung der Digitalkamera angesiedelt ist (und deshalb offenbar eine Bolex zum Einsatz kommt). Erst gegen Ende gelingen Raaphorst und seinem Kameramann Bart Beekman ein paar klaustrophobische Spitzen, die sich sehen lassen können.

Im Kern ist „Frankenstein’s Army“ aber nicht wirklich mehr als ein auf bemühte 80 Minuten ausgedehnter Kurzfilm mit der Dramaturgie eines Ego-Shooters, dessen einziger echter Pluspunkt seine Kreaturen sind. In ihre Gestaltung hat Raaphorst sichtbar die meiste Energie gesteckt. Vor dem Hintergrund seiner künstlerischen Herkunft ist das kein Wunder, doch der Geschichte nützt das nicht wirklich. Hier war schlichtweg kein Erzähler am Werk, und das gilt auch für Co-Autor Chris W. Mitchell. Wie groß der Anteil des eigentlich erfahrenen Miguel Tejada-Flores war („Screamers“, „Rottweiler“), lässt sich nur erahnen.

Die einzelnen Figuren bieten keinerlei Identifikationspotential und Frankenstein selbst (im Film ein Deutscher) ist nicht mehr als ein Cartooncharakter. Dieter Laser, der in ernüchternder Typecasting-Manier für die Rolle angefragt war, lehnte dankend ab und musste sich später öffentlich gegen die von Raaphorst in die Welt gesetzte Behauptung wehren, man habe nach längerer Diskussion keinen gemeinsamen Level gefunden.

Franksteins Army

Die Parallelen zu der finanziell wesentlich aufwendiger produzierten Comicverfilmung „I, Frankenstein“ halten sich zwar in Grenzen, doch was die Reduzierung auf Monstergestaltung und das Ausbleiben von Identifikationswerten und Figurencharakterisierung angeht, stehen sich beide Filme in nichts nach. Letzteres ist angesichts der Besetzung mit an sich verlässlichen Darstellern wie Aaron Eckhart und Bill Nighy (an der Grenze zur Charge) geradezu ärgerlich. Da hilft auch kein 3D.

Mit Shelley hat die Comicvorlage von Kevin Grevioux („Underworld“) noch weniger zu tun als Raaphorsts Variante und das Drehbuch von Stuart Beattie (der von Charakterdramen wie „Collateral“ über Edelkitsch vom Typus „Australia“ bis zum Haudrauf-Nonsens „G.I. Joe“ schon alle Qualitätsebenen durch ist) zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass möglichst viel Raum für visuellen Overkill mit jeder Menge mittelmäßiger CGI und Explosionen bleibt, wie es sie in dieser Häufung sonst nur bei Michael Bay zu sehen gibt.

Das „I“ in „Frankenstein“ ist hier nicht der Schöpfer, sondern seine Kreatur, die im Verlauf des Films (also eigentlich erst kurz vor den End Credits) den Namen ihres verhassten Vaters annimmt. Nach dessen Tod gerät der überraschend muskulöse Homunkulus (Eckhart mit antrainiertem Sixpack) in eine Fehde zwischen Dämonen und Gargoyles, bei der es um nichts weniger geht als das Überleben der Menschheit.

I Frankenstein | Aaron Eckhart

Das Monster, das die Gargoyle-Königin (Miranda Otto) ganz alttestamentarisch „Adam“ tauft, hält sich aus der Angelegenheit zunächst raus, ändert zwei Jahrhunderte später aber seine Meinung und steht den vom Erzengel Michael beauftragten Flugwesen im Kampf gegen die dunkle Seite der Macht bei. Ganz nebenbei ist der zwielichtige Naberius (Nighy) hinter Frankensteins Aufzeichnungen her, um seine eigene Dämonenarmee zu schaffen.

Klingt gaga und ist es auch. Das Problem dabei: Das Fantasy-Allerlei macht einfach keinen Spaß. Völlig humorlos manövriert sich die dünne Story von einer Kampfsequenz zur nächsten, belästigt mit vorhersehbaren Klischeedialogen und lässt völlig offen, warum man sich um das Überleben der Gargoyles (also der Guten) sorgen sollte, wenn man doch Zeuge wird, wie sie nach ihrem Tod in einer schicken Lichtsäule gen Himmel fahren.

Bei direkter Gegenüberstellung kommt „Frankenstein’s Army“ hinsichtlich der Aufwand/Nutzen-Relation zwar deutlich besser davon, doch gelingt in der Summe letztlich keinem der beiden Filme eine sonderlich ergiebige Modernisierung des klassischen Menschenbastler-Stoffs. Für ein gelinde unterhaltsames Doppelfeature akzeptabel, insgesamt aber eher unbefriedigend. [LZ]

P.S.: Wer ein wirklich gelungenes Beispiel für eine aktuelle Variante des Sujets sehen will, ist gut beraten, einen Blick auf „The Diary of Anne Frankenstein“, Adam Greens politisch angenehm inkorrektes Segment der Trash-Anthologie „Chillerama“, zu werfen, in dem ein grenzdebiler Adolf Hitler seiner eigenen Schöpfung zum Opfer fällt.

OT: Frankenstein’s Army (NL/USA/CS) REGIE: Richard Raaphorst. BUCH: Richard Raaphorst, Chris W. Mitchell, Miguel Tejada-Flores. KAMERA: Bart Beekman. DARSTELLER: Karel Roden, Joshua Sasse, Robert Gwilym, Alexander Mercury, Luke Newberry, Hon Ping Tang, Andrei Zayats, Mark Stevenson, Cristina Catalina. LAUFZEIT: 81 Min. VÖ: 24.09.2013

OT: I, Frankenstein (USA/AU 2014) REGIE: Stuart Beattie. BUCH: Stuart Beattie, Kevin Grevioux. KAMERA: Ross Emery. MUSIK: Reinhold Heil, Johnny Klimek. DARSTELLER: Aaron Eckhart, Bill Nighy, Miranda Otto, Yvonne Strahovski, Jai Courtney, Socratis Otto, Caitlin Stasey, Mahesh Jadu, Steve Mouzakis, Nicholas Bell, Deniz Akdeniz, Aden Young. LAUFZEIT: 93 Min.

Frankensteins Army | DVD-Cover

I Frankenstein | Poster

[Abbildungen: Ascot Elite (Frankenstein's Army) | Sony Pictures (I, Frankenstein)]

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Eine Antwort zu “Monster und Menschenbastler: FRANKENSTEIN’S ARMY vs. I, FRANKENSTEIN”

  1. [...] Screen/read wirft einen vergleichenden Blick auf die beiden modernen Frankenstein-Variationen „Frankenstein’s Army“ und „I, [...]

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