Frankenstein: Das Experiment | Filmkritik: Euthanasie, keine Liebe

13. Juni 2016

Frankenstein - Das Experiment

Was denn, noch eine Frankenstein-Version? Gerade erst flimmerte eine ziemlich seltsame Verfilmung mit Daniel Radcliffe und James McAvoy über hiesige Leinwände, ohne dabei nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Jetzt also diese Fassung von Bernard Rose, der zuletzt den unsäglichen „Teufelsgeiger“ mit Nicht-Schauspieler, Alles-Fiedler und Escort-Fan David Garrett abgeliefert hatte. Zudem kommt die Kreatur, so die Prämisse, diesmal gleich aus dem 3D-Drucker – und nein, die Rede ist nicht von Prothesen oder Animatronics, sondern tatsächlich vom Monster selbst, ganz dezidiert als Erklärung für seine Herkunft. Könnten die Voraussetzungen weniger vielversprechend aussehen? Schwerlich.

Aber halt, begehen wir nicht den alten Hollywood-Fehler und beurteilen einen Filmemacher anhand seiner letzten Arbeit. Erinnern wir uns lieber daran, dass Rose mit „Candymans Fluch“ (1992) einen echten Genre-Klassiker im Repertoire und auch sonst über drei Jahrzehnte hinweg immer wieder interessante Beiträge abgeliefert hat („Paperhouse“, „Snuff Movie“, „Boxing Day“). Warum also ausgerechnet der x-fach adaptierte „moderne Prometheus“? Eine Auftragsarbeit (zumal hier deutsche Gelder aus dem Umfeld des Vorgängerfilms mit eingeflossen sind)? Vielleicht. Rose bekennt jedenfalls, die Geschichte lange Zeit ausschließlich aus dem Kino gekannt zu haben. Erst der Roman habe ihm eine völlig neue Perspektive eröffnet mit dem Ergebnis, einen Film gänzlich aus der Sicht der Kreatur erzählen zu wollen.

Diesem Ansatz ist er treu geblieben und so beginnt die Geschichte mit jenem Moment, da das Leben in das Monster fährt (von Geburt kann ja nur bedingt die Rede sein). Ein bisschen mag er sich da an Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ orientiert zu haben, wenn aus dem Off die Stimme des Namenlosen vor sich hin monologisiert, während der Zuschauer die Innenseite seiner Augenlider zu sehen bekommt. Aber keine Angst, es wird kein POV-Film, auch wenn die subjektive Perspektive zu Beginn überwiegt. Bald schon schieben sich die drei Schöpfer der Kreatur ins Bild (darunter Carrie-Ann Moss und Rose-Stammschauspieler Danny Huston, dessen Figur ernsthaft Viktor Frankenstein heißt), entzückt darüber, dass ihr Experiment (diesmal?) anscheinend geglückt ist. Das jedoch, seinem Verhalten nach ein Neugeborenes, hat nur Augen für die Frau, die es unmittelbar als seine Mutter erkennt.

Frankenstein - Das Experiment | Xavier Samuel

Zu diesem Zeitpunkt mag sich der Zuschauer noch nicht entscheiden können, ob er das Geschehen albern oder erschreckend finden soll. Als sich jedoch am Körper des Wesens – äußerlich ein Mensch Mitte 20 (Xavier Samuel, „The Loved Ones“) – die ersten Geschwüre zeigen und die beiden Männer gegen den anfänglichen Willen der Frau entscheiden, den missglückten Versuch zu beenden, ist der Spaß vorbei. Plötzlich steht Euthanasie im Raum, drei Todesspritzen werden angesetzt und die Kreatur schreit vor Schmerz. Wie man es auch drehen und wenden will, aber in letzter Konsequenz wird hier ein Kind eingeschläfert, lebensunwertes Leben. Davon erholt sich der Film nicht mehr und ist streckenweise (im besten Sinne) schwer zu ertragen.

Natürlich hat die Kreatur außergewöhnliche Kräfte, überlebt, flieht und tötet, weil sie ihre Fähigkeiten weder einschätzen noch kontrollieren kann. Gejagt, ausgestoßen, von seiner vermeintlichen Mutter zurückgewiesen, von Kopf bis Fuß von Mutationen gezeichnet, sind seine einzigen Gefährten ein streunender Hund und ein blinder Obdachloser (beeindruckend und kaum wiederzuerkennen: Tony Todd, eben jener „Candyman“). Doch nichts, was er, der sich selber „Monster“ nennt, weil man ihn als solches beschimpft, zu lieben wagt, kann er halten, auch wenn er rasend schnell lernt. Am erschütterndsten gerät eine Sequenz, in der ihn eine junge Prostituierte entjungfern will und nicht ahnt, worauf sie sich einlässt.

Gute Laune geht anders und selbst Lars von Trier wäre die Geschichte wohl mit mehr Humor angegangen. Dass so manche Szene nicht unfreiwillig komisch gerät, ist vor allem der eindringlichen, von Schmerz getragenen Darstellung Xavier Samuels zu verdanken und den durchaus glaubwürdigen Straßenfiguren (ein Attribut, das für die drei Wissenschaftler in ihrer klischeelastigen Anlage allerdings eher nicht zutrifft). Ob die regelmäßig wiederkehrende Erzählung der offenbar erwachsenen Kreatur nicht auch verzichtbar gewesen wäre, sei einmal dahingestellt. Richtigen Sinn macht sie vor allem rückblickend nicht. Doch das sind Marginalien in einem Film, der überraschend ausgewogen zwischen Body Horror und Außenseitertragödie balanciert. Leicht zu übersehen und deshalb umso nachdrücklicher empfohlen. [LZ]

OT: Frankenstein (USA/DE 2015). REGIE: Bernard Rose. BUCH: Bernard Rose. MUSIK: Halli Cauthery. KAMERA: Candace Higgins. DARSTELLER: Xavier Samuel, Carrie-Anne Moss, Tony Todd, Danny Huston, Maya Erskine, Jorge-Luis Pallo, John Lacy. LAUFZEIT: 86 Min. VÖ: 25.05.2016.

Frankenstein - Das Experiment

[Abbildungen: Eurovideo]

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