The First Avenger: Civil War | Filmkritik: Staffelfinale

02. Mai 2016

The First Avenger: Civil War

Die beste Strategie, als Deutscher unauffällig in einem deutschen Hotel zu residieren: den Namen „Müller“ angeben (Meldegesetz dabei ignorieren), das Zimmermädchen als „Fräulein“ betiteln und zum Frühstück schwarzen Kaffee mit Speck ordern. Nonsens? Mitnichten. Denn im aktuellen „Avengers“-Ableger/Sequel/Spin-Off funktioniert genau das reibungslos und sagt eine Menge darüber aus, welche Klischeevorstellung von Hans, Fritz und Helmut man dem amerikanischen Blockbusterpublikum wohl servieren zu müssen glaubt, wenn man sich schon dazu bereit erklärt, mehrere hiesige Filmförderungen um rund 1,2 Millionen Euro zu erleichtern. Dafür prügeln sich die Superhelden aus dem Marvel-Universum dann auch gerne durch den Flughafen Leipzig/Halle und machen kaputt, was ihnen so im Wege steht.

Überhaupt gibt es eine Menge Deutschland zu sehen in diesem Film, der hierzulande „The First Avenger“ heißt und in den USA „Captain America“. Inhaltlich findet sich für die Motivwahl kein weitergehender Grund, aber man wird den Freunden von Disney schon deutlich entgegengekommen sein, damit sie ihre Zelte eine Weile an der Spree aufschlagen und ein bisschen vom Potsdamer Platz und dem Reichstagufer zeigen. Dass der Sponsor aus der Automobilindustrie fiktive deutsche Kennzeichen bekommt und zugleich mit einer ganzen Armada schwarzer Limousinen ins Bild gerückt wird, ist zudem Ehrensache. Ach ja, und auf dem Fernsehbildschirm im obigen Hotel flimmert die Pro7-Newstime. Wer redet da noch über TTIP?

Man könnte sich an so vielem reiben, was einem da noch auffallen mag, doch dafür ist die Dankbarkeit viel zu groß, dass der Film die noch frische Erinnerung an das letzte Gipfeltreffen psychisch angeknackster Superhelden zu neutralisieren hilft. Oder anders formuliert: „Civil War“ (sehr lose auf einer Comicreihe gleichen Titels beruhend) macht so ziemlich alles richtig, was „Batman v Superman“ gerade erst auf unsägliche Weise verbockt hat. Die Prämisse einer weiteren Konfrontration zweier Kämpfer für das Schöne, Wahre und Gute in der Welt ließ das Schlimmste befürchten. Das Ergebnis ist dafür umso überzeugender. Figurenentwicklung, Humor und vor allem Tageslicht – drei zentrale Elemente, die Zack Snyders Gladiatorentreffen fast vollständig fehlen – gibt es hier in ausreichendem Maß.

The First Avenger: Civil War

Das hat in erster Linie damit zu tun, dass sich die Hauptcharaktere ihre Sympathiewerte über eine ganze Reihe von Solo- und Ensemble-Filmen hinweg bereits verdient haben und die jetzt aufkeimenden Konflikte so auf ein bewährtes emotionales Fundament aufbauen können: Die Avengers (aber ohne Thor und Hulk) drohen erstmals auseinanderzubrechen, weil die UN die Nase von den Kollateralschäden der Truppe voll hat (da fällt einem kurzfristig wieder Snyder ein) und eine Verordnung beschließt, dergemäß alle zukünftigen Superheldeneinsätze vorab genehmigt und kontrolliert werden müssen. Tony Stark, den nach den Ereignissen in Sokovia (aus „Avengers: Age of Ultron“) Gewissensbisse plagen, erkennt die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme, während Steve Rogers a.k.a. Captain America auf Unabhängigkeit setzt und in der Regulierung durch die Vereinten Nationen die Gefahr einer generellen Blockadepolitik zu erkennen glaubt. Die Lager spalten sich und schon steht man auf entgegengesetzten Seiten.

Das ist alles mehr oder weniger glaubwürdig motiviert und trotz formaler Trennung (die Gegner des UN-Beschlusses handeln fortan illegal) bleibt der Respekt beider Seiten füreinander selbst im nicht ganz ernst gemeinten titelgebenden Bürgerkrieg erhalten. Kompliziert wird die Angelegenheit erst, als sich ein zwielichtiger Deutscher (siehe oben und zudem Daniel Brühl irgendwo zwischen Overacting und No-Acting) einmischt, den Winter Soldier – aus dem gleichnamig untertitelten letzten „Captain America“-Teil – reanimiert und den bestehenden Konflikt zwischen den Rädelsführern um eine fatale persönliche Note bereichert (noch eine bemerkenswerte Parallele zu „BvS“). Stellenweise kann man da schon einmal den Überblick verlieren und die zunehmende Anzahl nach und nach auftauchender alter und neuer Marvel-Recken macht es vor allen Neueinsteigern, die nicht mit mindestens je einem „Iron Man“-, „Captain America“- und „Avengers“-Teil vertraut sind, streckenweise nicht gerade leicht. Da gilt dann manchmal schlicht: Augen zu und durch.

The First Avenger: Civil War

Ein bisschen funktioniert „Civil War“ im besten Sinne wie das überlange Staffelfinale einer gigantisch budgetierten TV-Serie, das den bisherigen Folgen einen explosiven Abschluss bieten und zugleich möglichst vielversprechende Koordinaten für die nächste Runde installieren muss. Das ist ein durchaus interessantes Phänomen, denn nie zuvor war der auf das Kino überschwappende Einfluss des Erfolgsmodells linear-seriellen Erzählens, wie es heute vor allem im US-Fernsehen Standard ist, auf derart frappierende Weise sichtbar.

Die einzelnen Arme des Marvel Universums werden dabei von Film zu Film irrelevanter. Dass der aktuelle Beitrag dem „First Avenger“ zugeordnet ist, könnte vermarktungstechnischen Überlegungen geschuldet sein. Vielleicht wollte man auch einfach je drei Solohelden-Filme im Kanon haben oder war Chris Evans vertraglich verpflichtet. Was auch immer der Grund gewesen sein mag, inhaltlich gibt es dafür jedenfalls keine Rechtfertigung, denn „Civil War“ gehört spätestens ab dem zweiten Akt gänzlich Tony Stark. Das hat zum einen damit zu tun, dass Robert Downey Jr. den größten Star-Appeal für sich verbuchen kann (das war schon in den beiden „Avengers“-Teilen so), dem insbesondere der blasse Chris Evans mit seiner ebenso blassen Rolle (Marvels Variante von Superman) wenig entgegenzusetzen hat. Und zum anderen bekommt Downey schlichtweg die meiste Screentime und die einprägsamsten Sequenzen.

Die komödiantischste mag dabei seine Begegnung mit dem jungen Peter Parker sein – ein echtes Kabinettstück mit Sitcom-Qualitäten (und einem Ultrakurz-Auftritt von Marisa Tomei, die noch weniger zu sagen hat als der völlig verschwendete Martin Freeman). Von ganz anderer Qualität ist hingegen ein Auftritt des jugendlichen Tony Stark, etwa im selben Alter wie Spiderman. Als er – ebenfalls Downey, digital verjüngt – auf der Leinwand erscheint, bleibt der Film für einen Moment stehen und tritt aus sich heraus. Denn was wir sehen, ist kein gewöhnlicher Rückblick: Der spätere Iron Man erweist sich als Bestandteil einer holografisch rekonstruierten Erinnerung, die besser sein will als die Wirklichkeit und dabei umso schmerzhafter aufzeigt, dass verpasste Chancen ein ganzes Leben formen können. Näher ist man dem einstigen Waffenbauer nie gekommen. [LZ]

OT: Captain America: Civil War (USA 2016). REGIE: Anthony Russo, Joe Russo. BUCH: Christopher Markus, Stephen McFeely. MUSIK: Henry Jackman. KAMERA: Trent Opaloch. DARSTELLER: Robert Downey Jr., Chris Evans, Scarlett Johansson, Paul Bettany, Elizabeth Olsen, Sebastian Stan, Anthony Mackie, Don Cheadle, Chadwick Boseman, Jeremy Renner, Tom Holland, Paul Rudd, Emily VanCamp, Frank Grillo, Daniel Brühl, William Hurt, Martin Freeman, Marisa Tomei, Hope Davis, John Slattery. LAUFZEIT: 146 Min.

The First Avenger: Civil War

[Abbildungen: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany]

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