Geschichte, Theorie und Praxis für Cineasten: Ein Besuch im Filmmuseum Düsseldorf

07. Dezember 2014

Filmmuseum Düsseldorf

In der Düsseldorfer Altstadt gibt es kleine verwinkelte Gassen mit rustikalem Charme, Kneipen, die eine bestimmte Sorte Bier verkaufen (das ein Kölner niemals anrühren würde), und direkt am Rhein ein besonderes Museum. Dort stehen nicht Dali, Picasso oder Macke im Mittelpunkt, sondern Murnau, Hitchcock und Tarantino: Es ist das NRW-Filmmuseum. Seit 1993 bietet es auf vier Etagen Dauerausstellungen mit einer halben Million Fotos und jeweils 300.000 Plakaten und Büchern, sowie Sonderausstellungen und natürlich ein eigenes Kinoprogramm – also eigentlich alles, was das Cineastenherz begehrt.

Wer dem Museum einen Besuch abstattet, der geht auch immer auf eine Zeitreise. Denn je länger man durch die Räume flaniert und je höher man steigt, desto weiter reist man zurück zu den Anfängen des Films. Besonders dabei ist, dass der Trip nicht bei der Entwicklung des bewegten Bildes Mitte des 19. Jahrhundert endet, sondern noch viel weiter in die Vergangenheit reicht.

Eindrucksvoll wird gezeigt, wie lange der Mensch schon den Wunsch nach bewegten Bildern hegt. In einem gesonderten Raum etwa entdeckt man eine überdimensionale Darstellung von Kindern, die mit einem Dorf im Rücken und Laternen in den Händen ihrer Wege gehen. Langsam verdunkeln sich Raum und Szenerie: Das Bild ändert sich, es wird Nacht. Die Laternen in den Händen der Kinder leuchten und auch in den Fenstern der Häuser im Hintergrund brennen die Lichter. Dann wird es wieder hell und alles sieht aus wie zuvor. Als Zuschauer wartet man nun gebannt auf die Verdunklung, um immer wieder zu erleben, wie sich das Bild wandelt.

Filmmuseum Düsseldorf | Guckkasten

Oben: Klassischer Guckkasten.

Daneben finden sich Exponate, die den frühen Erfindergeist der Menschen demonstrieren. Eine Szene etwa, die in Porzellan geritzt wurde, zeigt sich überraschend, wenn man den Boden filigraner Tassen ins Licht hält. Beeindruckend auch Schattenspiele, die sich als echte Silhouettenfilme erweisen. Ganze Armeen und Fantasiebilder bauen sich auf und versetzen den Betrachter in Staunen. Für 2016 ist eine Sonderausstellung über Lotte Reiniger geplant, eine der bekanntesten Scherenschneiderinnen Deutschlands.

Natürlich gibt es auch die „eigentliche“ Geburtsstunde des Films zu sehen: erste bewegte Bilder im Zoetrop, das man selbst bedienen kann, Serienfotografie und die berühmte Kodak-Box. Man erlebt die Epoche, als Film zum Massenmedium wurde, betritt kahle Räume, die zeigen, wie das mobile Tourkino funktioniert, und kann Modelle von prächtigen Filmpalästen betrachten, die den Hunger auf Kino wecken sollen.

Neben der frühen Historie wird aber selbstverständlich auch das moderne Kino nicht vernachlässigt. So erforscht man die Entwicklung der Filmgeschichte, lernt ihre Höhepunkte genauer kennen und findet Informationen zu allen Genres. Zudem gibt es auf spielerische Weise das eine oder andere über den Produktionsprozess zu erfahren. So kann man sich zum Beispiel mit Greenscreen im Rücken vor die Kamera stellen und berichtet plötzlich live aus Moskau.

Setmodell

Oben: Nachbau eines Setmodells von Georges Méliès.

Ein ganzes Set befindet sich in der obersten Etage. Riesige Scheinwerfer leuchten auf den Besucher herab, man ist umgeben von Kamerakränen und überall haben sinnvolle und weniger sinnvolle Requisiten ihren Platz gefunden. Hier kann man selbst bei einem Film mitmachen. Überhaupt ist Mitmachen das große Motto der Museumspädagogik des Filmmuseums. So werden neben Führungen auch Workshops für alle Altersklassen angeboten. Dort lernen die Teilnehmer unter anderem wesentliche Schritte des Filmemachens kennen, angefangen beim Schreiben des Scripts über den Einsatz von Licht bis zum eigentlichen Dreh (inklusive Außendreh). Die einzelnen Aufgaben werden unter den Teilnehmern aufgeteilt.

Für die Theoretiker gibt es Podiumsdiskussionen und Seminare zur Filmanalyse. Dabei sucht man gerne die Nähe zu anderen Kunstformen – etwa in diesem Jahr zur Architektur. Das Filmmuseum verfügt außerdem über ein Archiv und eine Bibliothek. Abgerundet wird das Konzept durch ein eigenes Filmprogramm in der hauseigenen „Blackbox“. Anstelle aktueller Blockbuster werden dort Höhepunkte der Filmgeschichte gezeigt, aber auch Arbeiten mit hohem künstlerischen Wert, aber allzu geringer Anerkennung.

Ein Highlight in der Blackbox sind die Stummfilme. Diese werden live von einer der wenigen Kinoorgeln begleitet, die auf der Welt noch zum Einsatz kommen – eine jener Pfeifenorgeln, die Anfang des 20. Jahrhunderts zur Begleitung von Stummfilmen in Kinos eingesetzt wurden. Klanglich soll sie ein Orchester ersetzen, ist aber auch ein Beispiel für die frühe Verwendung von Soundeffekten. Ob Regen, Zugpfeifen oder Gewitter: Durch die Kinoorgel bekommt das Publikum ein Gefühl für das Kinoerlebnis zu Stummfilmzeiten.

Egal welches Genre oder welche Filmepoche man bevorzugt, egal ob man eher der praktische oder theoretische Typ ist: Wer das Kino liebt, muss zumindest einmal im Düsseldorfer Filmmuseum gewesen sein. Und da es auf vier Etagen mit 2200 m² viel zu sehen und zu erleben gibt, sollte man sich Zeit nehmen, um das Gesehene in sich aufzunehmen, sacken zu lassen und zu genießen. Ganz wie im Kino selbst. [Laila Oudray]

Weitere Infos unter: www.duesseldorf.de/filmmuseum
Filmmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf – Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Mittwoch 11 bis 21 Uhr

Originalkostüm aus Nosferatu

Oben: Originalkostüm aus „Nosferatu“.
Unten: Matthias Knop (stellv. Direktor), Bernd Desinger (Direktor) mit Laterna-Magica-Projektor.

Filmmuseum Düsseldorf | Laterna-Magica-Projektor

[Abbildungen: Filmmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf]

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