Wolfman | Filmkritik

21. Februar 2010

Muss man wirklich befürchten, dass der Werwolf-Mythos für die nächste Generation untrennbar mit Taylor Lautner verbunden bleibt? Eine ernüchternde Vorstellung, die dem Genre nicht gerade gut tut. Das zeitgemäße „Wolfman“-Remake mit einem ziemlich haarigen Benicio del Toro verzichtet deshalb gut und gerne auf schmachtende Teenager und setzt stattdessen auf urwüchsige Gewaltausbrüche.

Filmkritik: WOLFMAN
Transformer.

Dass sich die Sehgewohnheiten des Kinozuschauers über die Jahre hinweg wandeln, ist eine Binsenweisheit. Ein direkter Vergleich zwischen der ersten Viertelstunde des „Wolfman“-Remakes von 2010 und dem Original von 1941 öffnen dem Betrachter jedoch geradezu schulbuchmäßig die Augen über die radikale Verschiebung der Erwartungshaltung zwischen damals und heute. Wo in der aktuellen Version bereits vor Einblendung des Filmtitels die erste, durchaus drastische Begegnung mit dem Monster für die nötige Aufmerksamkeit sorgt, passiert im zugrundeliegenden Klassiker über 20 Minuten hinweg eigentlich rein gar nichts. Ausgedehnte Dialogpassagen und Claude Rains in einem schlecht sitzenden Anzug – mehr hat der Film lange Zeit nicht zu bieten und braucht es auch nicht.

Ein schauriges Plakat und ein vorangestellter wissenschaftlicher Text über Lycantropie leisten alles Notwendige, denn das bloße Wissen des Zuschauers um ein späteres Auftauchen des Wolfsmenschen reichte damals ganz offensichtlich noch aus, um Spannung aufzubauen. Für heutige Verhältnisse ein Unding. Denn um zu verhindern, dass ein meist jugendliches Publikum die Geduld bereits verliert, bevor der Film richtig begonnen hat, kann Joe Johnstons Remake gar nicht anders, als sofort in medias res zu gehen. Wer im Blockbusterkino den Kampf gegen exzessiven SMS-Versand, Handy-Gespräche und lautstarke Unmutsbekundungen gewinnen will, darf nicht zurückhaltend sein. Die TV-Auswertung mit einem gnadenlosen Wegzapp-Verhalten bereits im Hinterkopf, ist das Buhlen um die Aufmerksamkeit des Zuschauers längst zum Grundprinzip jeder großen Studioproduktion geworden. „Wolfman“ bildet dabei keine Ausnahme.

Wolfman

Als man bei Universal Ende der 90er Jahre auf die Idee gekommen war, doch einmal die Archive nach wiederverwertbarem Material zu durchstöbern, für das man keinen Dollar Lizenzrechte zahlen musste, war man schnell auf die Riege der billig produzierten Monsterfilme gestoßen, für die das Studio lange Zeit berühmt war. Inzwischen waren die Stoffe der alten B-Filme genau das Material, aus dem man große Kassenerfolge zimmerte, also lag es auf der Hand, die alten Schreckensgestalten aus der Mottenkiste zu holen und mit prallem Budget ausgiebig zu entstauben. Der Plan ging auf, auch wenn das Remake von „The Mummy“ nicht sonderlich viel mit dem Original zu tun hatte. Ebenso erfolgstrunken wie instinktlos bastelte man in der Folge ein absurdes Gipfeltreffen anderer klassischer Horrorgestalten zusammen und versuchte mit „Van Helsing“ ein neues Franchise zu etablieren. Die Rechnung ging trotz guter Verkaufszahlen nicht wirklich auf, und das Konzept wurde wieder begraben.

Eine wesentlich nachhaltigere Wiederbelebungskampagne hatte fast zeitgleich ein anderes, zunächst kaum wahrgenommenes Projekt gestartet. Erst die Zweitverwertung per DVD verhalf „Underworld“ nämlich zu echtem Kultstatus und einer wesentlich höher budgetierten Fortsetzung (sowie einem mäßigen Prequel). Noch vor der „Twilight“-Hysterie hatte die originelle Geschichte den Vampirmythos entschlackt und auf recht eigenwillige Weise neu interpretiert. Dass zugleich eine zweite klassische Horrorgestalt wieder ins Bewußtsein gerückt war, blieb zunächst folgenlos. Neben den eleganten Blutsaugern wirkten die Werwölfe (in der Teminologie der Serie: Lycaner), mit denen sie eine jahrhunderte alte Feindschaft verband, eher grobschlächtig. Nichts desto trotz hatte die Figur an sich eine plötzliche Aufmerksamkeit zurückgewonnen, die ihr lange Zeit abhanden gekommen war, und ihr prominentes Auftauchen in den romantischen Mädchen-Fantasien von Stephenie Meyer tat ein Übriges (ganz abgesehen davon, dass „Wolverine“ ohnehin immer der beliebteste unter den X-Men war).

Man wird die wiedererstarkende Popularität des Wolfsmenschen bei Universal mit Interesse beobachtet und sich erinnert haben, dass in den eigenen Giftschränken doch eigentlich die filmhistorische Urquelle der Figur lagert. 1935 hatte der nur mäßig erfolgreiche „Werewolf of London“ immerhin bewiesen, dass stark behaarte Männer mit animalischen Instinkten mainstreamtauglich waren und für eine Menge Schrecken sorgen konnten. Der tatsächliche Durchbruch gelang jedoch erst sechs Jahre später mit „The Wolfman“, und der immense Erfolg sorgte dafür, dass Lon Chaney jr. eine feste Rolle im Gruselkabinett der Filmgeschichte bekam. Verblüffend ist dabei aber vor allem, dass ein Großteil der archetypischen Elemente des Werwolf-Mythos tatsächlich hier ihre Geburtsstunde hatten und nicht etwa klassischen Volksmärchen entstammen, sondern aus der Feder von Curt Siodmak flossen oder dem Vorgängerfilm entnommen wurden. Die Verwandlung bei Vollmond, die tödliche Wirkung von Silber, die aufrechte Haltung auf zwei Beinen – allesamt Erfindungen aus Hollywood.

Wolfman | Benicio Del Toro

Wer sich also an ein Remake macht, muss wissen, dass er mit modernen Mitteln zu den Wurzeln des eigenen Genres zurückkehrt. Im Grunde ist das für einen Blockbuster eine heillose Überforderung, und so stellten sich die Unsicherheiten auch bereits früh ein und hielten praktisch bis zur (mehrfach verschobenen) Premiere an. Regiewechsel noch vor Drehbeginn, extensive Kürzungen am Schneidetisch, aufwendige Nachdrehs, zweifacher Austausch der Filmmusik – all das spricht für katastrophale Orientierungslosigkeit. Zu langsam und nicht actionreich genug war aus Sicht der Verantwortlichen die erste Fassung geraten. Eine auf Tempo getrimmte zweite Version brachte es mit sich, dass der bereits fertig komponierte und eingespielte Soundtrack von Danny Elfman nicht mehr funktionierte und ausführlicher Überarbeitung bedurft hätte. Man vergab den Kompositionsauftrag erneut und wählte mit einem elektronischen Score von Paul Haslinger („Underworld“, ausgerechnet) einen denkbar entgegengesetzten Weg, entschied dann aber, dass auch dies die falsche Marschrichtung sei und ließ schließlich die ursprüngliche Partitur von fremder Hand an die neue Schnittfassung anpassen.

Ganze 17 zusätzliche Minuten wurden für die Kinoauswertung entfernt, um die erste Verwandlungssequenz früher zeigen zu können – eine Notwendigkeit, die aus Sicht der Macher der Erwartungshaltung des Publikums geschuldet ist (in der DVD-Version soll das fehlende Material wieder eingefügt werden). Auch sonst hat man sich alle Mühe gegeben, den Sehgewohnheiten des Zielpublikums zu entsprechen, und so wird eine halb abgerissene Hand entgegen aller Handlungslogik erst einmal sekundenlang von ihrem entsetzten Besitzer betrachtet, bis die Sequenz ihr unvermeidliches Ende erhält. Überhaupt dominiert die grafische Gewalt und der lautstarke Schock, wann immer möglich. Die Angst der Macher, der Zuschauer konnte sich langweilen, ist ein permanenter Begleiter von der ersten bis zur letzten Minute.

Angesichts all dieser Widrigkeiten, Notlösungen und strategischen Entscheidungen ist es ein echtes Wunder, dass der fertige Film bemerkenswert stimmig und gelungen wirkt. Ganz im Gegenteil scheint die Straffung des zuvor offenbar epischer angelegten Stoffes (unter anderem verantwortlich für die zweite Schnittfassung: Walter Murch) eher genützt statt geschadet zu haben. Dort nämlich, wo die Geschichte zur Ruhe kommt, beginnt sie schnell durchzuhängen, und so muss man froh sein, dass die Handlung in den meisten Fällen schnell wieder in Gang kommt.

Wolfman | Benicio Del Toro

Wolfman | Benicio Del Toro

Die Transformationssequenzen (allesamt CGI) sind durchweg auf der Höhe der Zeit und profitieren sichtlich immer noch von Rick Bakers klassischen Verwandlungsmustern aus „An American Werewolf in London“. Zwar ist der legendäre Maskenbildner auch für die Optik des „Wolfman“ verantwortlich, im Grunde hält er sich aber doch ziemlich genau an die Vorgaben des Originals. Ob das allerdings vielleicht etwas Zuviel des Guten an Respekt vor dem Vorbild ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Benicio Del Toro sieht Lon Chaney jr. unter der Wolfsmaske unbestreitbar zum Verwechseln ähnlich, läuft aber damit auch Gefahr, zum optischen Anachronismus zur degenerieren.

Alles in allem nimmt sich Johnstons Remake ziemlich ernst und setzt auf die Tragik seiner Geschichte und ihrer Hauptfigur. Erstaunlich ist dabei, wie gut das durchweg gelingt, und mit welcher Sicherheit der Film alle Klippen umschifft, die mit weniger Behutsamkeit sicherlich den einen oder anderen unfreiwillig komischen Moment bedingt hätten. Der überaus erlesene Look und die schicksalslastige Musik tragen das Ihre dazu bei. „Wolfman“ mag das Genre nicht neu erfinden, die Rückbesinnung auf die dunklen Seiten des Werwolfmythos mit seinen urwüchsigen Wurzeln jedoch ist ein echter Gewinn, der vielleicht dazu beiträgt, dass der klassische Monsterfilm der Übermacht seliger Vampirromantik in Zukunft wieder etwas entgegenzusetzen hat. [LZ]

OT: The Wolfman (USA 2010). REGIE: Joe Johnston. BUCH: Andrew Kevin Walker, David Self. KAMERA: Shelly Johnson. MUSIK: Danny Elfman. DARSTELLER: Benicio Del Toro, Anthony Hopkins, Emily Blunt, Hugo Weaving, Simon Merrells, Geraldine Chaplin. LAUFZEIT: 103 Minuten, 119 Minuten (Unrated Driector’s Cut).

Wolfman | Filmplakat

[Abbildungen © Universal Pictures International Germany]

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