Valerian – Die Stadt der tausend Planeten | Filmkritik: Zwei von 17 Millionen

21. Juli 2017

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

[Lesedauer: ca. 4:30 Minuten]

Luc Besson hat diesen (so heißt es) aktuell teuersten europäischen Film überhaupt ganz alleine finanziert. Das heißt: ohne eines der großen Studios im Rücken. Wie man das bei Independent-Produktionen eben so macht, hat er schickes Anschauungsmaterial erstellt, den Flieger nach Cannes bestiegen und die weltweiten Vertriebsrechte vorab Stück um Stück an den Mann gebracht. Damit war der Löwenanteil des Budgets von runden 200 Millionen Euro zusammengetragen und das lange verfolgte Lieblingsprojekt gesichert, ohne dass sich irgendein Anzugträger aus der Chefetage inhaltlich würde einmischen können. Grund genug, dem Film allen erdenklich Erfolg zu wünschen. Grund genug auch, ihn wirklich, wirklich mögen zu wollen, doch (und hier stelle man sich einen tiefen Seufzer vor) genau das macht er einem nicht gerade leicht.

Wüsste man es nicht besser, läge der Gedanke gar nicht so fern, dass man es hier mit einer Art Demo-Fassung zu tun hat, die einem sagen will: „So in etwa soll das alles aussehen, nur am Skript arbeiten wir noch.“ Das würde man ohne weitere Überlegung glauben können. „Valerian“ ist eine 137-minütige Nummernrevue in moderner Game-Ästhetik und so randvoll mit State-of-the-Art-CGI und visuellem Ideenreichtum, dass man sich jeden Frame ausdrucken und großformatig an die Wand hängen möchte. Das wäre die gute Nachricht. Die schlechte: Bessons Film ist völlig seelenlos.

Dabei fängt alles so gut an, und zwar in den 1970ern, als die Menschheit ins All aufbricht und die Versöhnung der Völker beginnt. Zunächst zwischen Amerikanern und Russen, dann zwischen der menschlichen Rasse und einer außerirdischen Spezies nach der anderen. Am Ende einer mehrere Jahrhunderte umspannenden Begegnungs- und Friedenshistorie steht der Planet Alpha, ein Zusammenschluss aller Kreaturen (17 Millionen Bewohner, heißt es), die den unendlichen Weiten des Weltalls zugehören. Über dieser Montagesequenz schwebt Bowies „Space Oddity“, majestätisch und erhebend wie eh und je. So sollte jeder Film beginnen.

Denkt man sich für etwa eine Minute. Wer dann allerdings noch nicht von Bessons Überwältigungsstrategie eingelullt ist, stellt sich vermutlich die Frage, was der Song eigentlich mit den Bildern zu tun hat. Die Antwort ist ziemlich einfach: nichts. Für ein bisschen Space-Thematik auf dem Soundtrack hätte es auch Lennons „Across the Universe“ getan (gerne auch in der Bowie-Version) oder „Rocket Man“ oder was auch immer einem da einfallen mag. Aber vermutlich wollte Besson seinen Film über Aliens in Cantina-Dichte einfach mit dem größten Alien der Popkultur beginnen. Sowas geht zwar als Tribut durch, ist aber letztlich nur ein besonders auffälliges Beispiel für die konsequente Oberflächlichkeit des gesamten Unterfangens.

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

Klingt unfair? Dann warten wir doch einmal den Prolog nach dem Prolog ab. Da befinden wir uns nämlich auf dem Planeten Mül (wir sparen uns den Witz, der sich hier einfach nicht vermeiden lässt), wo hochgewachsen schlanke und spärlich bekleidete Wesen leben, friedliche Perlenfischer und ganz offensichtlich nahe Verwandte der Na’vi aus „Avatar“. Die von der Außenwelt abgeschottete Idylle wird jäh unterbrochen vom Auftauchen kriegerischer Fluggeräte, die alles in Schutt und Asche legen. Ähnliches konnte man gerade erst in „Wonder Woman“ sehen, aber da kann sich Besson ja unmöglich bedient haben (übersehen wir einmal, dass diese Origin-Story ja ursprünglich bereits den zugehörigen DC-Comics entstammt).

Die Sequenz ist beeindruckend, denn sie sieht sensationell aus. Aber erinnert eben auch verdächtig an James Camerons Pandora (wo das blaue Planetenvolk ja ebenfalls ausgebombt wird), nur mit anderer Farbpalette. CGI und Performance Capture, das ist hier das Credo. Doch wo bei Cameron das hohe Identifikationspotential der Fantasiewesen dem Film erst so etwas wie ein Herz verschafft, bietet „Valerian“ bloßes Kanonenfutter. Erst recht, weil sich kurz darauf herausstellt, dass die ganze Vorgeschichte nur eine Art kosmisches Echo ist, das sich dem Titelhelden im Traum zu erkennen gibt. Der liegt unter einer virtuellen Sonne an einem virtuellen Strand und flirtet mit seinem Sidekick, der hübschen Laureline, von der er, der promiskuitive Playboy, eigentlich mehr will als unverbindliche Schäferstunden.

Doch bevor man um eine Timeout wegen Information-Overkill bitten kann, verschwindet die Karibiklandschaft und wird durch das Raumschiff der beiden ungleichen Turteltauben ersetzt, die eigentlich zwei Weltraumpolizisten sind (jedoch keine Freelancer wie Captain Future), denen ausgerechnet Herbie Hancock gerade per Videofunk eine Botschaft übermittelt und dann der unterforderte und gänzlich fehlbesetzte Clive Owen einen Auftrag. Zuviel des Guten? Abwarten, denn der Film läuft sich gerade erst warm und gibt in der folgenden ersten Hälfte mächtig Gas – so sehr, dass aller visuelle Wahnsinn und ständiges Rennen gegen die Zeit irgendwann in schlimme Ermüdung umschlagen. Aber da hat einen Besson schon mindestens eine Stunde lang auf eine Weise multisensuell zugedröhnt, aus der es kein Entrinnen gibt.

„Valerian“ ist die (nach einer Anime-Serie bereits zweite) Adaption einer angeblich immens einflussreichen französischen Comicreihe, aus deren Titel der Film einfach mal das weibliche Gegenstück Laureline entfernt hat (die in der deutschen Übersetzung von jeher Veronique heißt – was den damaligen Herausgebern vermutlich einfach frankophiler erschien). Das mag vermarktungstechnische Gründe haben, macht aber umso weniger Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass Besson nach einer ganzen Reihe von Badass-Heroinen (zuletzt „Lucy“) erwartungsgemäß viel mehr Interesse an der Figur mit dem Doppel-X-Chromosom hat. Dazu eine rhethorische Frage: Welche/r der beiden Protagonisten ist wohl mit dem bekannteren Gesicht besetzt?

Dass weder Cara Delevingne („Die Augen des Engels“) noch Dane DeHaan („A Cure for Wellness“) mit den Originalen der Comics sonderlich viel gemein haben, und zwar in optischer wie inhaltlicher Hinsicht (selbst auf Laurelines charakteristische rote Haare wurde verzichtet), markiert ein weiteres Problem des Films. Von „Adaption“ lässt sich nämlich nur mit äußerstem Goodwill sprechen. „Lose basierend auf einigen wenigen Motiven der Comicbuchreihe von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin“, würde die Verhältnisse schon treffender beschreiben. In der Hauptsache entleiht „Valerian“ seine Ideen dem Band „Botschafter der Schatten“, in dem Laureline bezeichnenderweise weitestgehend alleine agiert.

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

Dort finden sich zum Beispiel die drei kleinwüchsigen Rüssel-Aliens (im Comic heißen sie Shinguz, im Film Doghan Daguis), die so mancher Kollege – warum auch immer – mit den Stooges verglichen hat; die Hellseher-Qualle, die man sich über den Kopf stülpen muss; die wabernden Gestaltwandler (Comic: Suffu, hier: Bubble), die im Film am liebsten mit dem Look von Rihanna in Erscheinung treten; das Perlen reproduzierende Wundertier Melo (dort namenloser Running Gag, bei Besson so eine Art Gral mit McGuffin-Funktion); ja sogar die Bewohner des Planeten Mül, der in der Vorlage weder einen Namen trägt und noch zerstört wurde. Die Story um diese Elemente herum jedoch ist völlig neu – immer vorausgesetzt, dass man so etwas wie eine Story erkennen kann.

Bemerkenswerte eigene Ideen hat „Valerian“ durchaus, nur sind sie eben eher Jahrmarktsattraktionen als unverzichtbare Bestandteile der Handlung. Verblüffend etwa die Jagd durch eine parallele Dimension, die sich nur mithilfe einer Art VR-Brille betreten lässt, ohne dass irgendetwas bloß virtuell wäre – haben doch die dortigen Gefahren (nicht unähnlich den Alpträumen auf der Elm Street oder den unterschiedlichen Traumebenen von „Inception“) ganz reale Folgen.

Mag sein, dass all der Aufwand beim wiederholten Anschauen einen eigenen Reiz entfaltet. Wer allerdings schon „Das fünfte Element“ als zweischneidiges Schwert empfunden hat, wird auch mit „Valerian“ seine Schwierigkeiten haben. Besson jedenfalls droht im Erfolgsfall bereits mit mehreren Sequels. Ob man das gut finden soll, muss jeder für sich selbst entscheiden. Uns wäre eine (erneute) animierte Adaption der Comics jedenfalls lieber gewesen. [LZ]

OT: Valerian and the City of a Thousand Planets (FR 2017). REGIE: Luc Besson. BUCH: Luc Besson. MUSIK: Alexandre Desplat. KAMERA: Thierry Arbogast. DARSTELLER: Cara Delevingne, Dane DeHaan, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke, Herbie Hancock, Kris Wu, Sam Spruell, Alain Chabat, John Goodman, Rutger Hauer. LAUFZEIT: 137 Min.

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten

[Abbildungen: Universum Film GmbH]

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