SPLICE | Filmkritik

10. Juni 2010

Splice Filmkritik

Wenn Adrien Brody demnächst auf „Predators“-Jagd geht, wird er die Grenzen zum Genre-Star wohl endgültig hinter sich lassen. Dabei hat er im Umfeld von Monstern und Mutanten doch eigentlich so gar nichts verloren. Vermutlich fügt er sich aber gerade deshalb so passgenau in das Umfeld dieses ungewöhnlichen Gen-Experiment-Thrillers von „Cube“-Erfinder Vincenzo Natali, der Konventionen bekanntlich eher umgeht. Von Creature-Horror lässt sich jedenfalls kaum sprechen, denn „Splice“ ist weit entfernt von den Erwartungen, die man für gewöhnlich an das Genre setzen würde. Doch gerade das ist die Stärke dieses von Guillermo del Toro produzierten und in den USA kläglich untergegangenen Films, der seine volle Strahlkraft vermutlich erst auf DVD und Blu-ray entfalten wird.

Es lässt sich nicht schönreden: Ginger und Fred haben nichts von der geschmeidigen Eleganz ihrer legendären Namensgeber, und wie es mit der Harmonie beim gemeinsamen Tanz bestellt ist, bleibt angesichts ihrer ersten Begegnung zunächst einmal fraglich. Auf den Punkt gebracht, ähneln die beiden eher zwei überdimensionierten männlichen Genitalien mit Kriechfunktion. Von besonderer Attraktivität kann jedenfalls keine Rede sein.

Aber das ist auch nicht so wichtig, denn das hässliche Phalluspärchen markiert für Clive und Elsa auch ohne ästhetischen Mehrwert einen entscheidenden Durchbruch. Gelungener und lebensfähiger war bisher keines ihrer Gen-Experimente, und das freut Arbeitgeber wie Aktionäre (sollte man meinen) gleichermaßen. Zeit also für die nächste Stufe, mit der sich möglicherweise eine ganze Handvoll bislang unheilbarer Krankheiten auf einen Schlag ausmerzen lässt: Die Einbindung menschlicher DNA.

Doch ein derartiges Wagnis ist den Verantwortlichen viel zu heiß, und so macht sich das Biochemiker-Duo, und dabei in erster Linie die resolute Elsa, eben einfach heimlich und ohne Erlaubnis daran, das umstrittene Experiment über die Bühne zu bringen. Mit fatalen Folgen? Na klar. Aber bevor das Genre-typische Schicksal seinen Lauf nimmt, geht Vincenzo Natalis ungewöhnliches Creature-Feature die meiste Zeit über seine ganz eigenen Wege. Und die warten hinter jeder Abzweigung mit einer neuen Überraschung auf.

Nein, „Splice“ ist keine bloß um den Faktor Genetik modernisierte Frankenstein-Variante, auch wenn das die einfachste Lesart sein mag (zum Beispiel für den Hauptdarsteller). Denn wo sich anderorts die künstlich ins Leben gerufene Kreatur am Ende mehr oder weniger motiviert gegen ihre Schöpfer wendet, um auf einer plakativ-banalen Metaebene die übliche pseudo-religiöse Moral breit treten zu können, konzentriert sich dieser clever durchdachte B-Film (mit vergleichsweise moderatem A-Budget) lieber auf die Schöpfer selber, die mit ihrer Verantwortung, ihrer psychischen Disposition, ihrer Libido, im Kern also schlichtweg mit sich selber nicht zurande kommen, und deshalb zum eigentlichen Auslöser aller Katastrophen werden. Das erfordert allerdings darstellerischen Tiefblick, und so macht es guten Sinn, die beiden mit dem immer etwas überfordert wirkenden Adrien Brody und einer bestechend nuancierten Sarah Polley zu besetzen, die alle Widersprüche ihrer Figur durch die Höhen und Tiefen der Geschichte manövriert, ohne dabei aufdringlich zu werden oder gar billige Tricks anwenden zu müssen.

Splice | Delphine Chanéac

Und dann gibt es da noch die dritte Hauptfigur, Dren, das betörend seltsame Zwischenwesen aus menschlicher und was-auch-immer-für-einer tierischen DNA. Zunächst ist sie Kokon, dann reines CGI, wird kurzfristig von der jungen Abigail Chu verkörpert und bekommt schließlich die Gestalt der französischen Schauspielerin Delphine Chanéac. Ihre Menschlichkeit nimmt dabei von Stufe zu Stufe zu, und während sie im Neugeborenenstadium noch eine Art Nacktvogelversion von Ginger und Fred abgibt, drängt sich wenig später schon die ungute Assoziation eines missgebildeten Kindes auf (ganz sicher verwandt mit David Lynchs seltsamem Baby aus „Eraserhead“).

Doch gerade diese durchaus verstörende Melange aus Cartoon und Contergan (Dren wird zunächst ohne Arme geboren) setzen Clive massiv zu, während Elsa, die auf natürliche Weise niemals Kinder bekommen will, ihre Mutterrolle bedingungslos annimmt – zumal das kleine Wesen im Prinzip behindert und hilfsbedürftig ist (Dren kann nicht sprechen). Doch erst mit der dritten Entwicklungsstufe, wenn das Mädchen nämlich zum rebellierenden Teenager heranwächst (alles übrigens innerhalb weniger Tage) und den Körper einer erwachsenen Frau entwickelt, wird die Angelegenheit auf fatale Weise komplex.

Schon mit seiner ersten Einstellung will der Film den Zuschauer daran erinnern, dass die Kreaturen, die Clive und Elsa da aus den unterschiedlichsten Erbmaterialien zusammenbasteln, keine bewusstseinslosen Gegenstände sind, sondern Lebewesen, die man besser dort gelassen hätte, wo sie hingehören: im Reich wissenschaftlicher Utopien. Jetzt aber haben sie Atem, Herzschlag und eine durchtrennte Nabelschnur, ganz egal, wie es dazu gekommen ist.

Wer sich hier als Eltern der Verantwortung entzieht, muss sich nicht wundern, wenn irgendwann alles aus dem Ruder läuft. Ginger und Fred werden schnell vernachlässigt und an unreife Pflegeeltern weitergereicht (in diesem Fall Clives Bruder, der das Experiment nachbetreut, anscheinend aber schon mit dem Verhältnis von Östrogen und Testosteron überfordert ist). Im Fall von Dren sind die Folgen jedoch merklich radikaler.

Splice | Dren, Sarah Polley

Unabhängig von der phantastischen Komponente der Geschichte ist „Splice“ ein gängiger Fall von fehlgeleiteter Elternschaft: Elsa hat Clive das Kind mehr oder weniger ohne dessen Einverständnis untergeschoben. Clive würde es am liebsten loswerden, um möglichen Konsequenzen zu entgehen und zugleich sein Leben nicht von etwas bestimmen zu lassen, das er nie haben wollte. Soweit die Ausgangslage. – Eine Weile finden sich beide in die Situation ein, dann jedoch ist Dren zunehmend schwerer in den Griff zu bekommen und will ihren eigenen Kopf durchsetzen. Das vermeintliche Vater-Mutter-Duo erkennt seine Schöpfung nicht mehr wieder, und die Sache eskaliert, denn auf so etwas waren die beiden nicht vorbereitet – wie es Eltern eben nun mal nicht sind, wenn sich ihre einst wohlerzogenen Sprösslinge in Monster zu verwandeln scheinen, die sich nichts mehr sagen lassen wollen.

Natali hat sichtlich Spaß daran, seine Protagonisten ins kalte Wasser zu werfen, als Dren zur Creature-Variante eines zornigen, verwirrten Teenagers mutiert, zumal die beiden offenbar viel zu überfordert sind, um überhaupt die Parallele ziehen zu können, die dem Zuschauer quasi auf dem Silbertablett serviert wird. Doch alle Hilflosigkeit von Clive und Elsa wird zugleich immer auch von einer zutiefst tragischen Komponente überschattet, denn Dren ist eigentlich ein Progerie-Kind, das zu schnell altert und deshalb nicht lange leben wird.

Wut, Angst, Sorge, Selbstvorwürfe – in kürzester Zeit durchleben die beiden in komprimierter Form all die vielen komplexen emotionalen Wechselbäder, für die normale Eltern gute zwei Jahrzehnte des Lernens und Gewöhnens haben. Dass dies beide nicht nur völlig überfordert, sondern auch extremes Handeln auslöst, darf niemanden verwundern.

Splice | Adrien Brody, Sarah Polley

Das geschickte Spiel mit Motiven wie diesen und die beiden über weite Strecken glaubwürdige Hauptfiguren heben „Splice“ weit über die gängigen Grenzen des Genres hinaus. Die zunehmend natürliche Einbindung von Dren, deren Besonderheiten man ebenso rasch wie bedingungslos akzeptiert, lässt zudem nach einer gewissen Zeit fast vergessen, dass man werbetechnisch doch eigentlich einen Creature-Film vom Typus „Species“ versprochen bekommen hat.

Hier liegt vermutlich einer der Hauptgründe für das unerwartet schlechte Abschneiden am US-Startwochenende. Nur knapp schaffte es „Splice“ mit gerade einmal 7,4 Millionen eingespielten USD auf den achten Platz der Kinocharts – und das nach relativ großen Erwartungen, die in erster Linie online geschürt worden waren. Natalis Film erwies sich schlichtweg als etwas ganz anderes, und das machte schnell die Runde. Mehr „E.T.“ als „Alien“, verweigert die Geschichte über weite Strecken die üblichen Vorgaben des Genres und setzt auf seine Charaktere und ihre inneren Konflikte. Für ein eher jugendliches Blockbusterpublikum war das ein völlig unbrauchbarer Ansatz, und so zog selbst „Iron Man 2“ in seiner mittlerweile fünften Woche noch mehr Zuschauer an.

Im Vorfeld hatte man zudem bereits mit einer schwierigen Produktionsgeschichte zu kämpfen. Als Guillermo del Toro Natali 2007 in Cannes das Versprechen gegeben hatte, dessen nächsten Film mit voller Unterstützung auf die Leinwand zu bringen, sahen die Dinge noch rosig aus. Bald jedoch trudelte ein Anwaltsschreiben aus dem Hause Fox ein (wo man eigentlich Interesse an einer Vollfinanzierung von „Splice“ gezeigt hatte), in dem eine Überarbeitung des Creature-Designs gefordert wurde. Man sah offenbar eine allzu große Nähe zu den Na’vi-Aliens aus „Avatar“, und das hatte durchaus seine guten Gründe (Designer Todd Cherniawsky hatte bemerkenswerter Weise zuvor als Assistant Art Director für Camerons Film gearbeitet).

Ein Deal mit Fox kam demnach nicht zustande, und erst mühsam erarbeitete Vorverkäufe und eine Zusammenarbeit mit Gaumont aus Frankreich ermöglichten schließlich die Produktion. Der nächste Rückschlag erfolgte beim Verkauf der Distributionsrechte, und Gaumont begann Verhandlungen mit dem SciFi-Channel einzugehen, wo man den Film als Pay-TV-Premiere haben wollte. Dass diese Gefahr abgewendet werden konnte und stattdessen ein Verkauf in Höhe von 35 Millionen USD möglich wurde (die größte Summe, die jemals eine Aufführung auf dem Sundance Film Festival nach sich zog), ist vor allem Joel Silver zu verdanken, der offenbar großes Potential für eine umfangreiche Kinoauswertung sah (am Ende wurden es 2450 Leinwände am US-Startwochenende). Jetzt muss er sich bedauerlicherweise vorwerfen lassen, mit Zitronen gehandelt zu haben.

Für unabhängige Genre-Filme abseits des Mainstream wird der Fall mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit fatale Folgen haben und es vergleichbaren Produktionen schwerer machen, überhaupt noch eine Kinoauswertung durchsetzen zu können. „Splice“ wird seine Kosten in der weltweiten Zweit- und Drittverwertung zwar ohne weitere Schwierigkeiten wieder einspielen, von größeren Gewinnen ist aber kaum auszugehen. Bestenfalls lässt sich hoffen, dass die Zeit gnädig mit dem Film umgeht und sein durchaus vorhandenes Klassiker-Potential langfristig zur Entfaltung bringt. [LZ]

OT: Splice (CV/F/USA 2009). REGIE: Vincenzo Natali BUCH: Vincenzo Natali, Antoinette Terry Bryant, Doug Taylor. MUSIK: Cyrille Aufort. KAMERA: Tetsuo Nagata. DARSTELLER: Sarah Polley, Adrien Brody, Delphine Chanéac, Abigail Chu, Brandon McGibbon, Simona Maicanescu, David Hewlett. LAUFZEIT: 104 Minuten.

Splice | Filmplakat

[Abbildungen © Senator Filmverleih / Central Film]

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