Shutter Island | Filmkritik: Anagramme

28. Februar 2010

Shutter Island

Gar nicht so leicht, ein Beispiel für eine Filmkritik zu finden, die den unvoreingenommenen Leser nicht bereits vorab wissen lässt, worauf dieser dunkel umwölkte Psychothriller um vereiste Leichenberge und grausige Experimente mit geistig behinderten Schwerverbrechern hinausläuft. Während sich Film und Romanvorlage alle Mühe geben, ihre Geheimnisse möglichst geschickt hinter einem effektreichen Netz aus Andeutungen, Träumen und Visionen zu verbergen, fällt es einer Großzahl von Rezensenten sichtlich schwer, an sich zu halten. Zu gerne möchte man offenbar hinausposaunen, was einem da so alles einfällt, und vergisst darüber völlig, dass der Zuschauer davon vorab eigentlich lieber nicht wissen will.

Wen kann es da noch wundern, dass Filmkritik vielen als intellektuelle Eitelkeit gilt, die sich nur zu gerne über ihren Gegenstand, dessen Macher und den Zuschauer hinweg setzt? Nun ist der Mystery-Thriller ohnehin der natürliche Feind des Rezensenten, und im Fall von „Shutter Island“ verhält sich das kaum anders. Auf der Berlinale stieß Martin Scorseses unheilvolles Verwirrspiel spontan jedenfalls auf wenig Begeisterung. Dem US-Publikum war das ziemlich egal, und so bescherten sie dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller mal schnell das beste Startwochenende ihrer beider Karrieren.

US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) ist seekrank, und so gerät bereits die Reise zum Ort seiner kommenden Ermittlungen zur Tortur: Auf Shutter Island, einer ehemaligen Gefängnisinsel vor Boston, jetzt Sitz einer Nervenheilanstalt für psychisch gestörte Kriminelle, ist eine Insassin entflohen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Institution ist streng bewacht, und auf der Insel selber wimmelt es nur so von Sicherheitspersonal. Zusammen mit seinem neuen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) lernt Teddy bereits bei der Ankunft, dass hier andere Regeln herrschen als auf dem Festland, denn die höchste Autorität auf Shutter Island besitzen die Wachen. Entwaffnet und ihrer Befehlsgewalt beraubt, sehen sich die Ermittler bald den beiden wenig vertrauenserweckenden Anstaltsärzten Dr. Cawley (Ben Kingsley) und Dr. Naehring (Max von Sydow) gegenüber. Doch ist Naehring, der seinen deutschen Akzent nur schwerlich verbergen kann, möglicherweise ein immigrierter Ex-Nazi (schließlich schreibt man das Jahr 1954)? Werden auf der Insel mit Zustimmung der Regierung geheime Experimente an den Insassen durchgeführt? Als ein massiver Sturm die Rückkehr zum Festland verhindert, spitzt sich die Lage zu, und auf einmal spricht eine Menge dafür, dass die US-Marshals als nächste dem grausigen Treiben auf der Insel zum Opfer fallen.

Für Martin Scorsese ist das auf den ersten Blick ein ziemlich untypischer und arg kommerzieller Stoff, doch wer sich bei „The Departed“ halb zu Tode gelangweilt und gefragt hat, ob sich auf dieses Remake eines perfekten Originals nicht leicht hätte verzichten lassen, wird bereits nach den ersten Minuten mit Wohlwollen feststellen, dass der Meister doch immer noch in der Lage ist, mit wenigen Handgriffen ein Szenario aufzubauen, das einem den Atem stocken lässt. Während manches an späterer Stelle dieses nicht immer geradlinigen Thrillers schon mal den Charakter faulen Budenzaubers annimmt, gelingt mit den ersten Minuten eine derart stilsichere Atmosphäre der Bedrohung, dass selbst die Erinnerung an „Cape Fear“ verblassen könnte (dessen Plakat man übrigens mit sichtbarem Kalkül einfach mal Eins-zu-Eins kopiert hat).

Unheilvoll taucht die Fähre, mit der Teddy ebenso vom Festland wie aus einer unheilvollen, den Helden des klasischen Noir geschuldeten Vergangenheit ins Herz der Finsternis reist, hinter dichten Nebelwänden auf und trifft den Zuschauer damit direkt ins Zentrum seines filmischen Assoziationspools (exakt dieselbe Eröffnung wählte mit ähnlicher Schicksalslastigkeit zuletzt übrigens Tim Burton in „Sweeney Todd“). Finster brodeln die Steicher ein hypnotisch wiederkehrendes Muster vor sich hin, und als die Insel selber in den Blick rückt, spannt sie den komplexen Bogen von Skull Island bis zur Küste der Normandie, die für Teddy mehr noch als für den Zuschauer eine prägende Erinnerung ausmacht.

Shutter Island ist ein Ort der Dunkelheit und des Irrsinns. Das makellose Äußere, die perfekte Ästhetik, die sich dem Auge wie eine Selbstverständlichkeit aufdrängt, an der kein Zweifel haften kann, dient vor allem dem einen Ziel: zu verbergen, welche Abgründe sich dahinter eröffnen. Insassen, die in einem auffällig gepflegten Garten arbeiten, und deren Fußfesseln die Kamera erst auf den zweiten Blick zeigt, werfen Teddy ebenso geheimnisvolle wie bedrohliche Blicke zu – bedrohlich deshalb, weil hier an jeder hellen oder dunklen Ecke der Wahnsinn lauert und nur darauf wartet, ein schutzloses Opfer anfallen und von ihm Besitz ergreifen zu können. Und schutzlos, das sind die beiden Marshals, hilflose Vertreter von Recht und Ordnung, Gesetz und Vernunft, uneingeschränkt, denn die Waffen, die ihre Macht repräsentieren und garantieren, haben sie abgeben müssen.

Nichts ist sicher auf Shutter Island, und vielleicht hat selbst Teddys Partner Chuck ein gefährliches Geheimnis. Das muss niemanden wundern, denn die Geschichte spielt in den USA der 50er Jahre, deren Paranoia vor der Roten Gefahr im Kino die seltsamsten Blüten trieb. Dennis Lehane, Autor der Romanvorlage, hatte bereits „Invasion of the Body Snatchers“ im Hinterkopf, als er die Geschichte kontruierte, und so muss es nicht wundern, dass Scorseses Version von der Filmsprache einer längst vergangenen Epoche zehrt und sich dort genau diejenigen Beispiele als Orientierungsvorlage wählt, die ihrer Zeit am weitesten voraus waren. Einige davon hat er seinen Darstellern vorab gezeigt, doch würde man an dieser Stelle einen Fehler begehen, Titel zu nennen.

Der Film hat kein Problem damit, seine Künstlichkeit vor sich her zu tragen. Schon der erste Dialog zwischen Teddy und Chuck erweckt den Eindruck, als habe man es zwar mit einer technisch weit vorangeschrittenen, aber trotzdem erkennbaren Rückpro zu tun. Es ist die Künstlichkeit von „Marnie“, die hier durchleuchtet und auf sich aufmerksam macht. Immer wieder gibt es Einstellungen, die genau in dem Maße überkomponiert erscheinen, das es erlaubt, die Balance zwischen Zeigen und Gezeigt-werden zu halten, ohne die Illusion vollständig zu zerstören. In den Rückblenden, Träumen und Visionen Teddys wird diese Grenze dann ganz offen überschritten. Der Einsatz von CGI erscheint nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit, und möglicherweise soll das auch so sein. Denn wenn die Ästhetik der realen Erzählebene bereits künstlich wirkt, um wie vieles artifizieller müssen dann Fantasiegeburten aussehen?

Traumwelten gibt es bei Scorsese im Allgemeinen nur selten, und man muss lange zurückgehen, um Vergleichbares zu finden. Im Fall von „Alice doesn`t live here anymore“ etwa ist es ein harter Dokustil, der mit den Technicolor-Bildern fantasierter Vorstellungswelten konfrontiert wird. Bei „Shutter Island“ liegt der Unterschied maximal im Kodachrome der Erinnerungen und Visionen, von denen Teddy geplagt wird. Dazu gehören auch einige Rückblenden, in denen er bei der Befreiung von Dachau zu sehen ist – Sequenzen, die bei so manchem hiesigen Feuilletonisten auf gemischte Gefühle trafen, zumal sich die realen Erinnerungen hier und da mit zombieartigen Visionen paaren, die in etwa so subtil geraten sind wie die Auferstehung des Lazarus in „Last Temptation of Christ“. Dass sich Scorseses Aufnahmen von gefrorenen Leichenbergen jedoch nicht unbedingt in den Kanon gewohnter KZ-Bilder einreihen wollen, die ihre Sanktion in erster Linie einer tausendfachen Wiederholung verdanken, ist durchaus gewollt und aufgrund der radikalen Neuheit nicht so leicht wieder zu vergessen.

Der Film erzählt seine Geschichte in Anagrammen und bezieht dieses Strukturprinzip zugleich aus sich selbst. Jede Narrationseinheit ist letzlich nur eine Variation von bereits Gesehenem, doch wirkt sie für sich betrachtet völlig eigenständig und im Blick auf alles andere (lange Zeit) völlig disparat. Dass sämtliche Fäden ausgerechnet im Leichtturm der Insel zusammenlaufen, jenem Ort, an dem Teddy schon frühzeitig die Stätte fataler Gehirnoperationen vermutet, ist auf den ersten Blick Spielerei mit allzu offensichtlicher Symbolik. Vielleicht jedoch verbirgt sich gerade hier ein bemerkenswerter Archetypus, von dem nicht einmal die Macher selber etwas ahnen. Übernimmt ein Leuchtturm doch eine ganz ähnliche Rolle in Peter Jacksons ebenso schönem wie erschreckendem Jenseits-Drama „The Lovely Bones [dt. In meinem Himmel]“. Und auch dort ist es ein seltsames Band zwischen Lebenden und Toten, das von Dingen weiß, die andernorts verborgen bleiben. In beiden Filmen hängt am Ende alles vom Betreten des Leuchtturms ab, der lange Zeit als mahnende Bedrohung emporragt und Hort unaussprechlicher Gewalt zu sein verspricht, zur Auflösung aller Handlungsstränge jedoch unvermeidlich die Konfrontation fordert.

Auf zweierlei Weise funktioniert Scorseses Film, und die eine davon gibt sich als massentauglicher Thriller aus, der ein erstaunlich breites Publikum ins Kino locken kann. Auf anderer Ebene jedoch, und das kann erst ein wiederholtes Ansehen belegen, ist er ein eng gestricktes Netz aus Symbolik und eher musikalisch als filmisch angelegter Motiv-Variation. Werkübergreifend erscheint DiCaprios Interpretation von Teddy Daniels zudem wie ein Parallelentwurf zu Frank Wheeler, seiner Figur aus „Zeiten des Aufruhrs“. Ein Doppelfeature beider Filme dürfte trotz aller Unterschiedlichkeit einen bemerkenswerten Blick auf das Sittenbild erlauben, das sich Filmemacher gegenwärtig vom Amerika der 50er Jahre zurecht legen. [LZ]

OT: Shutter Island (USA 2011). REGIE: Martin Scorsese. BUCH: Laeta Kalogridis. KAMERA: Robert Richardson. DARSTELLER: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Jackie Earle Haley, Elias Koteas, Ted Levine. LAUFZEIT: 138 Minuten.

[Abbildungen: Concorde Home Enterntainment]

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