SHERLOCK HOLMES | Filmkritik

05. Februar 2010

Filmkritik Sherlock Holmes

Während dem klassischen Vampirmythos in der gegenwärtigen Welle romantisch-zahmer Blutsaugerfilme alle Reißzähne gezogen werden, schafften es Guy Ritchie und sein gutgelauntes Ensemble, einer anderen, nicht tot zu kriegenden und hundertfach auf die Leinwand gebrachten Figur tatsächlich neues (und zeitgemäßes) Leben einzuhauchen:  Sein „Sherlock Holmes“ bietet mit Abstand eine der unverstaubtesten Inkarnationen des Deduktionskünstlers.

SHERLOCK HOLMES
Angenehm blasiert.

In Alan Moores „League of extraordinary Gentlemen“ hatte der exzentrische Meisterdetektiv mit Faible für eine gepflegte Dosis Kokain nicht viel verloren. Eine Erwähnung am Rand, eine Flashback-Sequenz, zu mehr reichte es nicht. Zu groß schien dem Comic-Autor die Gefahr, der große Deduktionskünstler könnte den anderen Figuren einfach den Rang ablaufen, und so musste stattdessen sein älterer Bruder Mycroft einspringen. Der Gedanke allerdings, Sherlock Holmes selber einmal ausführlich durch die Brille des „Watchmen“-Erfinders zu betrachten, hat durchaus seinen Reiz, doch die Chancen dazu stehen gering. Umso mehr wirkt nun das, was Guy Ritchie hier auf die Leinwand gebracht hat, eher wie eine leidlich entschärfte Filmversion einer Moore-Vorlage, die es freilich nicht gibt, als eine freie Variation nach Arthur Conan Doyle. Denn auf den ersten Blick hat diese Holmes-Interpretation nur sehr wenig mit dem asketischen Misanthropen zu tun, den sein Schöpfer gegen den Rat der eigenen Mutter irgendwann entnervt den Serientod sterben und wenig später notgedrungen wiederauferstehen ließ.

Bei genauerem Hinsehen ist das jedoch durchaus kurzsichtig geurteilt, denn was sich die Filmemacher hier überlegt haben, ist zwar stark modernisiert und dem Zeitgeschmack merklich angepasst, damit aber nichts desto trotz bemerkenswert nah an der Originalfigur. Dass man diese Tatsache kaum wahrnimmt, hat vermutlich damit zu tun, dass für Sherlock Holmes längst dasselbe gilt wie für andere unkaputtbare Serienhelden, die auf der Leinwand eine Parallelexistenz führen: Ihre Wahrnehmung ist gänzlich vom Kino vereinnahmt worden.

Würde man Inhalte des kollektiven Bewußtsein sichtbar machen können und sie nach einer Vorstellung von Sherlock Holmes durchsuchen, bekäme man vermutlich eine Gestalt zu sehen, die von allen Darstellern, die den pfeifenrauchenden Meisterdetektiv einmal verkörpert haben (und das sind nicht wenige), dem Briten Basil Rathbone am ähnlichsten ist. In 14 Filmen von 1939 bis 1946, sowie einer Reihe von Radio-Hörspielen, hatte der Schauspieler mit südafrikanischen Wurzeln der Figur Gesicht und Stimme geliehen. Und obwohl die meisten der Filme eher wenig mit Doyles Vorlagen zu tun hatten (Holmes macht schon mal Jagd auf ein paar Nazis), hat Rathbones Interpretation ikonischen Status. Bis zu Robert Downey jr. ist da schon ein weiter Weg, und trotzdem ist letzterer dem Denker aus der Baker Street viel näher als sein Kollege. Das mag wundern, denn wann zuvor hat man Holmes schon in einem schweißtriefenden Faustkampf mit blankem Oberkörper gesehen, auf den selbst Tyler Durden aus „Fight Club“ neidisch werden müsste?

Jude Law, Robert Downey jr. | Sherlock Holmes

Tatsächlich haben die Autoren Michael Robert Johnson, Simon Kinberg, Lionel Wigram und Anthony Peckham (fast zeitgleich auch verantwortlich für Clint Eastwoods „Invictus“) sich mehr an Doyle selber als an den filmischen Vorgängern orientiert. All die seltsamen Eigenheiten des Urvaters der Forensik finden sich in ihrer Version wieder – wenn auch nicht gerade subtil in den Vordergrund gerückt. Denn der Film interessiert sich nur äußerst peripher für den Kriminalfall, den der Titelgeber hier bearbeitet. „Sherlock Holmes“ dreht sich in erster Linie eben um Sherlock Holmes. Die bekannteren Charakteristika dienen dabei mehr oder weniger als Zeichen des Wiedererkennens und tauchen demnach eher als notwendige Übel auf, deren Modernisierung sie vor dem Klische bewahrt. Die Geige wird halt gezupft statt mit dem Bogen gestrichen, und die Pfeife braucht eigentlich niemand. Dass Downey sie nicht angewiedert zur Seite legt wie es Jack Nicholson in „Wolf“ tut, nachdem er den gut situierten Spießer in sich abgelegt hat, liegt wohl lediglich an mangelnden Alternativen.

Interessanter sind diejenigen Elemente der Figur, die einem bei oberflächlicher Kenntnis oder eben Überkleisterung durch ihr Kinodasein überhaupt nicht (mehr) präsent sind. Holmes als versierter Faustkämpfer? Selbstverständlich, und ein erstklassiger sogar (etwa laut Doyles zweitem Holmes-Roman „The Sign of the Four / Das Zeichen der Vier“). Martial Arts? Keine Frage. Sie sichern ihm rückwirkend seine literarische Wiederauferstehung. Der Kunst des Bartitsu, eine Technik der Selbstverteidigung mit dem Spazierstock (richig gelesen), wird gar erst durch Doyle berühmt. Schwertkampf, Fechten – auch hier ist Holmes laut seinem Chronisten Watson ein Experte. Und der Gebrauch der Schusswaffe, im Film sehr stylisch in Pose gesetzt, wird dem originalen Meisterdetektiv gleich sechs Mal zugeschrieben.

Holmes´ Verkleidungskünsten zollt der Film in einer irrwitzigen Rückblende Tribut, und wer glaubt, Irene Adler (hier Rachel McAdams) als einzige Frau, nach der sich der eingefleischte Junggeselle verzehrt, sei eine Erfindung der Drehbuchautoren, irrt natürlich auch. Und selbst das Heiratsbegehren seines Freundes Watson hat seinen Ursprung bei Doyle (auch wenn die Ehe nicht lange hält). „Sherlock Holmes“ ist also keineswegs eine Art „Van Helsing“ in London, sondern vielmehr eine zeitgemäße Variante, die ihre Vorlage nicht verrät. Wohl nicht „Casino Royale“, aber doch weit näher am Original als praktisch alle Vorgänger.

„Sherlock Holmes“ ist im Kern aber vor allem eine Comic-Verfilmung, zu der es eben nur keine Druckfassung gibt. Das hat damit zu tun, dass die Techniken von Tim Burtons „Batman“ bis zu Snyders „Watchmen“ mittlerweile ein eigenes Genre begründet haben, das sich in Look, Framing und Bildarchitektur auf einem gemeinsamen Nenner bewegt. Beispiele wie „Vidocq“, „Franklyn“ oder „Sweeney Todd“ stehen für ein Kino, das den Umweg über die Comic-Vorlage ausspart und direkt zum Stil der populären Bildergeschichten greift. Guy Ritchies Film ist da keine Ausnahme. So wie Fincher für „The curious case of Benjamin Button“ keine Romanvorlage brauchte, um wie eine Romanverfilmung auszusehen, so braucht das Comicfilmgenre keine Comics, um zu funktionieren.

Jude Law | Sherlock Holmes

Umso freier können die Darsteller sich in ihre Figuren begeben, denn dem Druck, einem Original gerecht zu werden, brauchen sie sich nicht zu beugen. Buch und Regie lässt vor allem Downey als Holmes und Jude Law als Watson jede Menge Raum zur Interpretation. Und umso lebendiger werden ihre Figuren. Law gelingt es gar, den Zuschauer daran zu erinnern, dass er zu Beginn seiner Karriere einmal ein immens vielversprechendes Talent war (das leider mit einsetzendem Erfolg offenbar alles Interesse an seinem Beruf verloren hatte). Hier wirkt er so ausgeruht und gutgelaunt wie lange nicht mehr, und das Zusammenspiel mit Downey tut ihm sichtlich gut.

Dass letzterer ein brillianter Komödiant ist, weiß ein breites Publikum spätestens seit seiner fantastischen Interpretation von Tony Stark in „Iron Man“. Timing, Posing, Gestik und Mimik sind einfach so punktgenau und nie mit dem Verdacht belegt, sie könnten eintrainiert sein (obwohl sie das vermutlich sind), dass man schwerlich genug bekommen kann. Downey weiß sehr genau, wie er wirkt, und so vermeidet er es bei jeder Gelegenheit, den Oberkörper mitzudrehen, wenn er in Richtung Kamera blickt, und hält sich halsabwärts immer schön im Profil. Das verleiht seiner Figur gerade die angenehme Blasiertheit an der Grenze zur Selbstgefälligkeit, die dem Holmes, den Doyle beschreibt, mit nur einer Pose eine passende visuelle Entsprechung liefert. Ob das schauspielerischer Instinkt ist oder harte Arbeit, mag man nicht entscheiden, denn das Ergebnis zählt, und das könnte kaum treffender ausfallen.

Man kann davon ausgehen, dass hier ein Franchise in Planung ist, und da es kurzfristig gar so aussah, als sei Ritchies Film in der Lage, den gänzlich übermächtigen „Avatar“ vom Thron der US-Kinocharts stoßen (worüber man auf Pandora selbstverständlich nur müde lächeln konnte), gilt diese Vermutung wohl als ausgemachte Sache. Das große Potential dahinter zeigt sich in diesem ersten Versuch jedenfalls mehr als deutlich. Reingehen, ansehen. [LZ]

Sherlock Holmes | Filmplakat

[Abbildungen © Warner Bros. Ent.]

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