ROBIN HOOD | Filmkritik

14. Mai 2010

Robin Hood - Filmkritik

Am Premierenabend der Filmfestspiele in Cannes haben Kontroversen längst nichts mehr verloren. Ridley Scotts lauwarm empfangene Wiederbelebung der „Robin Hood“-Legende trat zwar in die Fußstapfen von „Up“, dem Eröffnungsfilm des Vorjahres, wird aber kaum einen Trend ankündigen, wie es das 3D-Abenteuer aus dem Hause Pixar getan hatte. Der Tenor der ersten Kritiken jedenfalls war von seltener Einheitlichkeit: Allzu solide wie verzichtbar kommt dieses fast 2 ½-stündige Prequel daher, als dass es entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Erzählkinos nehmen könnte. Mit Russell Crowe, Cate Blanchett, William Hurt und Max von Sydow fällt Scotts Film zwar starlastig genug aus, um ein breites Publikum an die Kassen zu locken, ob das aber für eine bereits angekündigte Fortsetzung reicht, kann durchaus fraglich erscheinen.

Filmkritik: ROBIN HOOD

Der Stoff, aus dem Königsdramen gemacht sind: Richard I. ist am Ende, und er weiß es. Der Bischof von Rochester wird später kalkulieren, dass 33 Jahre Höllenfeuer notwendig sind, bevor der Mann mit dem Löwenherz vor seinen Schöpfer treten darf. Doch wer würde schon den Mut besitzen, ihm Derartiges zu Lebzeiten ins Gesicht zu sagen? Niemand? Doch. Ein Bogenschütze aus seinem Heer stellt sich Richards rhetorischer Frage, ob dessen Werk im Schlachtfeld wohl dem Herrn gefällig sei, und muss sich für seine Ehrlichkeit umgehend bestrafen lassen. Robin Longstride fällt das Lügen eben nicht leicht, und so ist es echte Ironie des Schicksals (also Drehbuchs), dass ausgerechnet eine falsche Identität sein Leben später in bessere Bahnen lenken wird. Kein Wunder jedoch, denn dies ist – wie so viele Prequels der letzten Jahre – ein Selbstfindungsfilm.

Mit der Legende von Robin Hood hat das ebenso viel oder wenig zu tun wie Antoine Fuquas „King Arthur“ mit Excalibur und Avalon, aber vom Prinzip her muss das gar nicht so falsch sein, denn immerhin ist die Figur popkulturell betrachtet in etwa so unverbraucht wie ein Kettenhemd nach 3-jährigem Kreuzzug. Und das lässt sich – davon kann man sich im Film selber überzeugen – genauso schwer ablegen wie eine Handvoll fest zementierter Klischees. Grund genug also für Brian Helgeland und Ridley Scott, dem gewitzten Outlaw ein ordentliches Kindheitstrauma und jede Menge anachronistisches Gedankengut anzudichten. Wie originell das ist, steht auf einem anderen Blatt.

Wer Mittelalterdarstellungen in modernen Großproduktionen miteinander vergleicht, wird bei genauem Hinsehen einen mittlerweile ziemlich nivellierten Ausstattungskanon vorfinden. Wenn man also im Umfeld von Scotts „Robin Hood“ über wohlgemeinte Goutierungen des schmutzigen und realistischen Looks dieses Films stolpert (trotz stets perfekt gestutztem Haupt- und Barthaar des Hauptdarstellers), darf man getrost davon ausgehen, dass der betreffende Autor vermutlich nicht so genau gewusst hat, was er sonst schreiben soll. Der durchschnittliche Mediävist glaubt heute ziemlich genau zu wissen, wie es im 13. Jahrhundert in Europa ausgesehen hat, und das Kino trägt das Seine dazu bei, diese Überzeugung zu zementieren.

Mit dem Denken der Zeitgenossen jedoch wird da schon gerne weniger akkurat umgegangen, und man ist eher geneigt, eine moderne Sicht der Dinge rückzuprojizieren. In großem Maße angefangen hatte damit Umberto Eco, als er seinen Franziskanerpater William von Baskerville zum Aufklärer machte, der insgeheim die Regeln seiner Zeit und Kirche durchaus profund in Frage stellte. Der Spagat, den „Der Name der Rose“ (in Roman wie Film gleichermaßen) zwischen dunklem Aberglauben und leuchtend heller Vernunft wagte, erwies sich als äußerst fruchtbar und zog die Entdeckung des Mittelalters als reiche Kulisse für allerlei kommerziell auswertbare Fabuliererei nach sich – im Kino zuletzt mit Sönke Wortmanns „Päpstin“.

Robin Hood | Russell Crowe

Ein deratiges „multiples Sujet“, wie Eco selber es nennt (in diesem Fall modernes Denken vor historischem Hintergrund), ist auch das Grundprinzip von Ridley Scotts „Robin Hood“-Variante. Am deutlichsten lässt sich ein solcher Ansatz immer an den Frauengestalten manifestieren, und so ist Maid Marian (Cate Blanchett) hier alles andere als schwach, passiv und zurückhaltend (oder gar sexuell unerfahren). Es muss also wenig wundern, wenn selbst König Richard erkennt, dass er und seine Politik ihre beste Zeit hinter sich haben. Doch das hält ihn nicht davon ab, so weiter zu machen wie bisher.

Die Geschichte bestraft ihn umgehend und sorgt dafür, dass Bewegung in das ausgediente Machtsystem kommt (willkommen bei den Hegelianern, Brian Helgeland). Die Tage uneingeschränkter Herrschaft durch die Krone sind gezählt, und kein Geringerer als jener unscheinbare Bogenschütze mit dem (tiefenpsychologisch manifestierten) Hang zur Gerechtigkeit wird dazu auserkoren, das Mitbestimmungsrecht der gemeinen Bürger Englands in Gang zu bringen. Aus dem alten Sherwood-Forest-Prinzip, den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben, wird dabei erst einmal die Forderung nach einer Steuerreform.

Für einen Hollywood-Blockbuster ist das eigentlich zuviel des Guten und klingt zudem auf befremdliche Weise aufgesetzt. Will man das wirklich sehen? Aber immerhin sind 140 Minuten zu füllen, und der Regisseur verspricht bereits einen Extended Cut für die DVD-Version. Da ist also Zeit und Raum genug, das eigentlich simple Abenteuer neben einigem Schlachtfeldgemetzel auch mit jeder Menge spekulativem Überbau anzureichern.

Sir Ridley hat bekanntlich ein Faible für das Große Ganze, und so pendelt sein „Robin Hood“ irgendwo zwischen „Kingdom of Heaven“ (der welthistorisch relevante Zusammenhang), „Gladiator“ (das psychologisch motivierte Heldenschicksal) und „A good Year“ (die entspannte Liebesgeschichte). Neu ist dabei nur wenig, und selbst die an sich nicht uninteressante Idee, eine Art mittelalterlichen D-Day mit umgekehrten Vorzeichen zu inszenieren, erinnert weniger an Spielbergs „Saving Private Ryan“ als vielmehr an „1492“, Scotts eigenen Invasionsfilm. Ansehnlich und unterhaltsam ist das alles zweifellos, doch die Ankündigung eines bereits geplanten Sequels löst trotzdem eher Ratlosigkeit als Vorfreude aus.

Robin Hood | Russell Crowe

Seit 1912 ist die Figur des Volkshelden Bestandteil der Filmgeschichte, und wie im Fall anderer, über Jahrzehnte hinweg beständig wiederkehrender semi-ikonischer Charaktere (Dracula, Sherlock Holmes, James Bond etc.) stellen seine einzelnen Inkarnationen immer auch eine Widerspiegelung des Zeitgeistes dar. Im Fall von Ridley Scotts Version ist das kaum anders, wenn auch nicht gerade geringfügig plakativ: Ein gnadenlos verschuldetes England, das sein Volk schröpft und ihm Hab und Gut notfalls mit Gewalt aus den Rippen leiert, um den bankrotten Staatshaushalt und sinnlose Kriege zu finanzieren (bei denen die Soldaten dann auch noch unbesoldet bleiben) – das ist schon ein bisschen arg dick aufgetragen und in etwa so subtil wie Tom Tykwers gähnend langweiliger Bankenthriller „The International“.

Es ist leichter zu sagen, was Scotts Film im Vergleich zu den bekannteren „Robin Hood“-Beiträgen gerade nicht hat, als festzulegen, was ihn eigentlich originär ausmacht. Von den äußersten und entgegengesetzten Enden aus betrachtet, fehlt ihm die ausgelassene Leichtigkeit der frühen Ausformulierungen der Figur in Gestalt von Douglas Fairbanks und Errol Flynn ebenso sehr wie die ironisch gebrochene Tragik und gnadenlose Romantik von Richard Lesters „Robin und Marian“.

Russell Crowe ist so wenig der Mann aus dem Sherwood-Forest wie George Lazenby der beste Spion im Dienste seiner Majestät war, und das hat in erster Linie damit zu tun, dass der Protagoniost in der Deutung von Scott und Helgeland ernüchternd konturlos ausfällt. Die Details seines Werdegangs scheinen in der Kinofassung zudem auf ein Minimum reduziert worden zu sein, denn was ihm Sir William Loxley (Max von Sydow in einer weiteren bemerkenswerten Altersrolle) im Verlauf über seine Herkunft erzählt, gerät doch ziemlich lückenhaft. Das sind dann aber auch schon die einzigen Fragen, die zu dieser Figur offen bleiben. Dunkle Geheimnisse, verborgene Sehnsüchte? Keine Chance.

Vielleicht sind es diese seltsame Durchschnittlichkeit des Helden und die Unschlüssigkeit von Drehbuch und Regie, die Scotts „Robin Hood“ zu einem Film machen, der zwar seine Stärken hat, aber auch in gleichem Maße ernüchternd obsolet scheint. Die Legende der Figur hat über die Jahrhunderte hinweg durchaus radikale Wandlungen erfahren, und bevor der Heldenmythos sich durchsetzte, gehörte der Mann aus dem Sherwood Forest eher zu den weniger angenehmen Zeitgenossen. Hätte man eine Rückkehr zu den Wurzeln dieser überlebensgroßen Gestalt abendländischer Volksdichtung gewollt, wäre man dort sicherlich auf fruchtbaren Boden gestoßen. Doch so weit wollte man offenbar nicht gehen und sich lieber alle Optionen für ein Franchise offen halten.

Man kann vor diesem Hintergrund jedenfalls nur hoffen, dass Sir Ridley sein bereits in Arbeit befindliches „Alien“-Prequel mit weniger unentschlossener Zurückhaltung angeht und zu einer risikofreudigeren Form zurückfindet. [LZ]

Robin Hood

[Abbildungen © 2010 Universal Pictures International Germany GmbH]

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2 Antworten zu “ROBIN HOOD | Filmkritik”

  1. Julia sagt:

    Die Geschichte von Robin Hood hat mich als Teenager sehr berührt. Deswegen will ich auch diesmal ins Kino gehen. Und Russell Crowe ist einer meiner Lieblingsschauspieler.

  2. david sagt:

    Heute Abend haben meine Freundin und ich den Film gesehen. Deutliches Fazit: Null “Robin Hood Flair”, Vorgeschichte hin oder her! Auch von der epischen Gladiator Action konnte Russel leider nichts zur Rettung der dramatisch langweiligen Handlung mit einbringen. Schade, wir sind über das Schnäppchen von 9,50 pro Karte enttäuscht. Da wäre die wohl schnell erscheinende DVD günstiger gewesen, im Kino erwarten wir einfach mehr!

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