RESIDENT EVIL: AFTERLIFE 3D | Filmkritik

16. September 2010

Resident Evil Afterlife 3D | Filmkritik

Angenommen, die Weltbevölkerung sei von einem Virus infiziert, das jeden Einzelnen zu einem angriffslustigen Zombie hat werden lassen. Weiter angenommen, eine Handvoll Überlebender hätte sich in einen Hochsicherheitstrakt inmitten von Los Angeles retten können, eingekesselt von einer Myriade Untoter, die von außen ordentlich Druck ausüben. Was macht man unter diesen Umständen mit jemandem, den man für einen gefährlichen Schwerverbrecher hält? Genau, man sperrt ihn in einen ausbruchsicheren Käfig ein, damit er nicht – ja was eigentlich? Sich eine Waffe besorgt und die restlichen Überlebenden erschießt, weil er lieber alleine von den unansehnlichen Fleischfressern umzingelt sein will? Vermutlich.

Wer tatsächlich so leichtsinnig ist, sich während der knapp 100 Minuten, die „Resident Evil: Afterlife“ über die Leinwand flimmert, Gedanken zu Sinn und Logik zu machen, dem kann leider nicht geholfen werden. Denn hier geschieht kaum etwas, das nicht in erster Linie dem bestmöglichen Effekt geschuldet ist – angefangen beim völlig willkürlich gewählten Titelzusatz dieses mittlerweile vierten Teils der Serie um die skrupellose Umbrella-Corporation (die nochmal welche Ziele genau verfolgt?), eine Zombie-Apokalypse und die toughe Kampfamazone Alice (im betörenden Look von Milla Jovovich). Worauf im Einzelnen sich „Afterlife“ beziehen soll, bleibt der Assoziationsgabe der Zuschauer wohl freigestellt, aber im Grunde ist das auch völlig egal. Paul W.S. Anderson ist nach zwei Sequels, die er lediglich produziert hat, auf den Regiestuhl zurückgekehrt, und das spricht zwar nicht für schlüssigeres Storytelling, aber doch immerhin für jede Menge ansprechende Optik.

Resident Evil Afterlife 3D | Ali Larter, Milla Jovovich

Anderson ist als Filmemacher so etwas wie der kleine Bruder von Zack Snyder, nur mit höherem Outputvolumen und (bislang) bescheideneren Budgets. Inhalte sind eher Mittel zum Zweck, und im Kern zählen möglichst spektakuläre Bilder oder adrenalinhaltige Action-Sequenzen. Doch während sich Snyder mit seiner „Watchmen“-Verfilmung merklich überhoben hat und den komplexen Stoff nur bedingt in den Griff bekam, scheint Anderson seine Grenzen gut genug zu kennen, um in erster Linie dasjenige zu optimieren, was er bereits beherrscht. Im Fall von „Resident Evil: Afterlife“ heißt der Optimierungsfaktor zweifellos 3D.

Also Brille auf und durch. Ausgestattet mit James Camerons Fusion Camera System macht sich der Film zwar weniger daran, neue Standards zu setzen (dafür ist er nicht innovativ genug), zeigt aber mit ziemlichem Selbstbewusstsein, dass man durchaus begriffen hat, wozu 3D mittlerweile in der Lage ist. Wie sehr es den Machern darum geht, die kassenträchtige Technologie aufs Äußerste auszureizen und jeden erdenklichen Effekt auch wirklich um die dritte Dimension zu erweitern, daran lässt der Film bereits von der ersten Einstellung an keinen Zweifel.

Wenn man sich dazu bei existierenden Vorbildern bedienen muss, kann das nicht schaden, denn auf diesem Weg lässt sich schließlich perfekt zeigen, was die dritte Dimension als zusätzlicher Effekt zu leisten in der Lage ist. Da bieten sich die transparenten Bildschirme aus „Minority Report“ ebenso an wie die berühmten „Bullet Time“-Sequenzen aus der „Matrix“-Trilogie, von denen Anderson völlig unverblümt einfach mal eine nachinszeniert. Wie sich das inhaltlich motivieren lässt? Egal.

Resident Evil Afterlife 3D | Shawn Roberts

Aber auch sonst plündert „Resident Evil: Afterlife“ jüngere und ältere Filmgeschichte reichlich, und die Auswahl reicht von Snyders „Dawn of the Dead“ über Crichtons „Coma“ bis zu Truffauts „Die Braut trug schwarz“. Nichts hier ist wirklich originell, und Anderson scheint einfach beim Streifzug durch seinen DVD-Sammlung wahllos alles vom Wegesrand mitgenommen zu haben, was sich gerade irgendwie einbauen ließ. Im Ergebnis allerdings funktioniert ein derartiges B-Film-Prinzip überraschend gut, denn wenn dieser neuerliche Aufguss der 2002 begonnen Reihe eines ganz sicher nicht ist, dann langweilig.

Das verdankt der Film in erster Linie seiner Aneinanderreihung von wirkungsvoll inszenierten Zirkusnummern, die von A bis Z auf 3D ausgerichtet sind: Eine halsbrecherische Landung mit einer kleinen Propellermaschine, ein Sprung in die Tiefe oder ein fulminanter Zweikampf mit einem axtschwingenden Riesenzombie (der „Axe Man“ aus der Videospielvorlage). Solches und anderes mehr lässt einem gerne mal vorübergehend den Atem stocken, weil die dreidimensionalen Bilder einfach gemeingefährlich gut aussehen.

Klugerweise hat Anderson dabei auch kaum den Fehler begangen, seine Actionsequenzen auf Geschwindigkeit zu trimmen, denn das tut 3D gar nicht gut. Ganz im Gegenteil setzt er immer wieder auf extreme Zeitlupe, die es dem Zuschauer erlaubt, sich an den dreidimensionalen Effekten ausgiebig satt zu sehen. Aufgezeichnet mit zwei gekoppelten Phantom-Kameras, die eine Frequenz von bis zu 1000 Bildern pro Minute erlauben, lässt er seine Figuren schon mal zwischen Wasserfontänen aufeinander losgehen, die aus geplatzten Rohren emporschießen und wieder herabregnen, während eine überdimensionale Stahlaxt direkt aus der Leinwand hervorprescht und alles zertrümmert, was ihr in den Weg kommt. Das ist plakativ und will es auch sein. Wer derartiges nicht braucht, sollte diesem Film allerdings besser fern bleiben.

Resident Evil Afterlife 3D | Axe Man

Glaubt man den Aussagen seiner Macher, so war „Resident Evil: Afterlife“ von Anfang an als 3D-Projekt gedacht. Aber selbst wenn die Idee sich erst in der Vorproduktion durchgesetzt haben sollte, sieht man dem fertigen Film deutlich an, dass kein einziges Bild für die zweidimensionale Leinwand konzipiert ist. Welchen Unterschied es macht, wenn frühzeitig auf 3D hingearbeitet wird und der Effekt jederzeit im Vordergrund stehen soll, zeigt der Vergleich mit einigen der weniger gelungenen Beispiele überdeutlich, die seit „Avatar“ auf der Welle mitgeritten sind.

Dazu muss man sich nicht einmal den hektisch postkonvertierten „Clash of the Titans“ vornehmen, der bekanntlich zu keinem Zeitpunkt auf die neue Technologie ausgerichtet war und auch im Nachhinein immer noch verdächtig zweidimensional aussah. Doch selbst ein weitestgehend auf 3D angelegtes Projekt wie Alexandre Ajas’ „Piranha“-Remake nutzt die Tiefenoptik über weite Strecken auf völlig ineffektive Weise und macht sie deshalb verzichtbar. Nicht so im Fall von Andersons Zombie-Nonsens.

„Resident Evil: Afterlife“ funktioniert ohne Dreidimensionalität nur bedingt, und das ist hier noch offensichtlicher als im Fall von Camerons blauer Planetenoper. Vieles macht ohne den Tiefeneffekt keinerlei Sinn und verliert seine Wirkung vollständig. Ob das zu begrüßen ist, steht auf einem anderen Blatt, denn wenn 3D den Status erreicht, dass die zweidimensionale Fassung eines Films in etwa so fatal surrogativ gerät wie Technicolor ohne Farbanteil, dann steht das Kino schlicht unter dem Diktat der produzierenden Industrie. Aber vielleicht ist das ja auch der eigentliche Masterplan der Umbrella Corporation. [LZ]

OT: Resident Evil Afterlife (USA/UK/D 2010). REGIE/BUCH: Paul W. S. Anderson. MUSIK: tomandandy. KAMERA: Glen MacPherson. DARSTELLER: Milla Jovovich, Ali Larter, Wentworth Miller, Boris Kodjoe, Shawn Roberts, Kim Coates, Spencer Locke. LAUFZEIT: 97 Minuten.

Resident Evil: Afterlife 3D | Filmposter

[Abbildungen © 2010 Constantin Film Verleih GmbH]

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