Planet der Affen: Prevolution | Filmkritik

13. August 2011

Planet der Affen: Prevolution

Im Zeitalter der Remakes und Reboots war es nie eine Frage, ob, sondern lediglich wann man sich erneut an das bis heute beliebte und erfolgreiche Franchise um mutierte Affen und den Untergang der menschlichen Zivilisation herantrauen würde. Geduldig wird man die technische Entwicklung beobachtet haben, mit der sich glaubwürdige Primatencharaktere auf die Leinwand bringen lassen würden, ohne dass der finanzielle Aufwand gänzlich aus dem Ruder läuft. Das Warten hat sich gelohnt, denn mit einem geschätzten Budget von unter 100.000 USD ist „Planet der Affen: Prevolution“ für Blockbuster-Verhältnisse vergleichsweise moderat ausgefallen, und das bei einem Maximum an Effektivität. Denn realistischere und nuanciertere CG-Charaktere hat es zuvor nicht zu sehen gegeben. Dass Hauptdarsteller Andy Serkis daran entscheidenden Anteil trägt, macht die Sache umso bemerkenswerter.

Nein, die Affen übernehmen in diesem Film nicht die Weltherrschaft. Sie versuchen es nicht einmal, planen es nicht und denken vermutlich auch nicht darüber nach. Sie zetteln keine Revolution an, wollen die Menschheit nicht versklaven, auszumerzen oder irgendeinen sonstigen Unsinn veranstalten. Da mag der Großteil der blind und taub nachplappernden Vorberichterstattung noch so hartnäckig das Gegenteil behaupten, im Film findet nichts davon statt. Und warum auch? Affen wollen Affen sein, auf Bäume klettern, in der freien Natur herumsitzen, ihre Ruhe haben. In engen Käfigen eingesperrt sein, das wollen sie hingegen nicht. Verständlich. Also brechen sie aus ihrem Gehege aus und machen sich auf den Weg ins nächstgelegene Waldgebiet.

Ganz so beschaulich geht es im erneuten Reboot des Primaten-Franchise dann aber doch nicht zu, denn wenn gegen Ende eine Horde mutierter Affen durch San Francisco wütet, funktioniert das selbstverständlich nicht ohne ausgiebige Gegenwehr. Das Kriegsspektakel allerdings, das die ersten Teaser vor ein paar Monaten suggerieren wollten, ist „Planet der Affen: Prevolution“ keineswegs. Überhaupt lässt sich der Film dankenswerter Weise eine Menge Zeit, bis es zum Affenaufstand kommt. Denn der ist nur das Finale einer ansonsten angenehm sorgsam aufgebauten Geschichte, die sich mehr für den Topos des Außenseiters interessiert, der keinen Platz in der Welt hat, als für den arg banalisierten Macht- und Klassenkampf-Nonsens, mit dem sich die frühere Filmreihe irgendwann ins Aus katapultiert hatte.

Planet der Affen: Prevolution

Das war eine kluge Entscheidung, denn den Fehler, das ursprüngliche Konzept einfach zeitgemäß wieder aufzuwärmen, hatte bekanntlich bereits Tim Burton begangen und war damit gnadenlos gescheitert. Menschen in Affenkostümen wollte schon 2001 niemand mehr sehen, und trotz einer bemerkenswerten Darstellung von Tim Roth wurde die Kritik nicht müde anzumerken, dass die antiquierten Masken aus den späten 60ern den Figuren mehr Glaubwürdigkeit verliehen hatten als alles, was Rick Bakers Team hier leisten konnte. Ganz fair war das nicht, denn eine Menge hatte das schludrige Drehbuch verschuldet. Bei all den modernisierten Schauwerten war völlig aus dem Blick geraten, dass Franklin J. Shaffners Original und dessen Fortsetzungen ihren bleibenden Reiz im Wesentlichen aus den Charakteren zogen, die nicht hinter den künstlichen Affengesichtern verschwanden, sondern ihr Eigenleben behaupten konnten. Mit wem aber sollte man sich in Burtons Fassung identifizieren? Mark Wahlberg war jedenfalls keine Alternative.

Fast ein Jahrzehnt später hatte man nicht nur aus den Irrungen dieses misslungenen Neustarts gelernt, sondern konnte auch auf die veralteten Masken und Affenkostüme verzichten – und damit überhaupt erst über eine erneute Wiederbelebung der Serie nachdenken. Wer jetzt Andy Serkis in seiner digitalen Reinkarantion als menschgewordenen Affen auf der Leinwand sieht, mag einen Eindruck davon bekommen, was die Kinogänger 1968 einst so fasziniert hatte. Denn selbst Gollum (Serkis), King Kong (ebenfalls Serkis) oder James Camerons Na’vi-Volk aus „Avatar“ wirken im Vergleich zur Nuanciertheit dieser Figur fast hölzern.

Planet der Affen: Prevolution

Mit einigem Recht ist der Begriff „Motion Capture“ längst klammheimlich der Bezeichnung „Performance Capture“ gewichen, denn die naturgetreue Bewegung des Schauspielers einzufangen, ist heute nur noch Routine. Die Kunst hingegen besteht in der Übertragung seiner mimischen Leistung. Das macht allerdings nur Sinn, wenn die dargestellte Figur auch genügend charakterliche Tiefe aufweist, denn sonst bleibt der Effekt schlichtweg aus. Und so ist „Planet der Affen: Prevolution“ vielleicht der erste Film, der die Existenz einer mehrdimensionalen, konfliktreichen und herausfordernden Rolle notwendig voraussetzt, um mit dem Stand der Technik angeben zu können.

Der Fokus des Films liegt demzufolge auch ganz auf der Figur jenes Affen, der als heimliches Überbleibsel eines fehlgeschlagenen Forschungsprogramms nicht nur menschlich zu denken und handeln beginnt, sondern seinen eigentlichen Nachfolgern auf der Evolutionsleiter auch ein ganzes Stück über ist – von seinen Artgenossen ganz zu schweigen. Im Grunde macht ihn das zu einem Superhelden und stellt ihn in eine Reihe mit all jenen Normalsterblichen, die durch äußere Einwirkung chemischer, kosmischer oder sonstiger Natur plötzlich einer anderen Spezies zugehören. Im Fall von Caesar (ein sprechender Name, aber auch eines von vielen Zitaten aus der alten Filmreihe) geschieht es über die manipulierte DNA seiner Mutter, und das macht die Sache doppelt kompliziert, denn die einzige Kreatur, die ihm ähnlich ist, stirbt bereits zu Beginn des Films. Und so teilt der mutierte Primat das Schicksal aller unfreiwilligen Superhelden: Er ist alleine auf der Welt.

Das begreift er aber erst vergleichsweise spät. Die menschliche Familie, die ihn großgezogen hat, ist nicht die seine, und die anderen Affen, mit denen er später zusammen eingesperrt wird, sind ihm nur in physischer Hinsicht ähnlich (Ausnahmen bestätigen die Regel). Caesar ist ein Hybrid, der nirgendwo hingehört. Als er schließlich auch noch seiner Ersatzfamilie entrissen und zum Spielball ignoranter Zoowärter wird, die ihn gänzlich zur bloßen Sache degradieren, ist vorprogrammiert, welche Entwicklung es mit der Figur nehmen wird.

Noch vor wenigen Jahren hätte sich diese Geschichte allerhöchstens als Animationsfilm erzählen lassen (was, wie die kurzlebige TV-Serie gezeigt hat, keine echte Alternative sein kann). Jetzt allerdings, dank WETA, Performance Capture und Andy Serkis (für den so mancher schon eine eigene Oscar-Kategorie einrichten lassen will), bietet „Prevolution“ echten Realismus. Dass die menschlichen Charaktere deshalb zunehmend in den Hintergrund geraten, lässt sich nicht vermeiden, denn die zentrale Identifikationsfigur ist Caesar. Für ein jugendliches Publikum etwa hat er mit einem Heranwachsenden und dessen Verlorenheit, Unzugehörigkeit, fehlender Anerkennung und langsam aufkeimender Aggression eine Menge gemein. Das braucht man nicht einmal bewusst nachzuvollziehen, denn es lässt sich dieser Figur tatsächlich im Gesicht ablesen.

Planet der Affen: Prevolution

Wie Cameron in „Avatar“ legt Regisseur Rupert Wyatt (der mit „The Escapist“ bereits schon einmal ein Gefängnis- und Ausbruchdrama vorgelegt hat) großen Wert auf die Augen seiner Affen und lässt sie so mehr als einmal die gesamte Leinwand einnehmen, denn mit ihnen lebt oder stirbt alle Glaubwürdigkeit eines CG-Charakters. Wer einen direkten Vergleich haben will, sollte einen kurzen Blick auf Robert Zemeckis’ unsäglichen „Beowulf“ werfen, einen jener Filme, die Motion Capture wie echtes Teufelswerkzeug aussehen lassen. „Prevolution“ wirkt hingegen nicht nur versöhnlich, es wird auch erkennbar, welches Potential in der Technik steckt. Keiner weiß das besser als Andy Serkis, und so eröffnet er demnächst direkt mal sein eigenes Studio mit angeschlossener Schauspielakademie.

Dass die Geschichte selber das Rad nicht neu erfindet (eine Weile lang kann man sich in vielerlei Hinsicht auffällig an Vincenzo Natalis Creature-Thriller „Splice“ erinnert fühlen), schadet dem Film nicht wirklich. Bedauerlich ist jedoch das allzu kurzgefasste Durchspielen einzelner Handlungsstränge, die nur bedingt mit Caesar zu tun haben. Möglicherweise ist hier aus Gründen des Timings einiges dem Schnitt zum Opfer gefallen, auch wenn der Film mit einer Gesamtspielzeit von unter zwei Stunden eine moderate Länge hat. John Lithgows Darstellung des an Alzheimer erkrankten Vaters etwa und die mit der Anwendung des unerprobten Medikamentes seines Sohnes (James Franco) verbundenen Folgen wären einen eigenen Film wert. So aber verschwinden sie allzu schnell hinter der Haupterzählung und geraten bald schon wieder in Vergessenheit.

Im Original trägt der Film übrigens mit seinem etwas holprigen Titel „Rise of the Planet of the Apes“ nicht wenig dazu bei, dass man eben doch in irgendeiner Form mit einem Kriegsausbruch rechnet. Der bleibt zwar aus, doch wie sich stattdessen über die End Credits hinweg eine ganz andere Erklärung entfaltet, das ist in seiner geradezu gemeinen Schlichtheit durchaus sehenswert. [LZ]

OT: Rise of the Planet of the Apes (USA 2011). REGIE: Rupert Wyatt. BUCH: Rick Jaffa, Amanda Silver. KAMERA: Andrew Lesnie. MUSIK: Patrick Doyle. DARSTELLER: Andy Serkis, James Franco, John Lithgow, Freida Pinto, Brian Cox, Tom Felton. LAUFZEIT: 105 Minuten.

Planet der Affen: Prevolution

[Abbildungen © 2011 Twentieth Century Fox]

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