Piranha 3D | Filmkritik

20. Oktober 2010

Piranha 3D

Wer Richard Dreyfuss besetzt, muss mittlerweile offenbar damit rechnen, dass es im Nachhinein Ärger gibt. Hatte er über Oliver Stone und dessen Bush-Biopic „W.“ trotz einer großartigen Rolle als Dick Cheney bereits kaum Gutes zu sagen, so ließ er nun jüngst keinen Zweifel daran, dass sein wenig schmeichelhafter Auftritt als Fischfutter in „Piranha 3D“ (ein Augenzwinkern in Richtung „Jaws“) einzig der verhandelten Gage geschuldet war. Wesentlich besser traf es da Genre-Guru Eli Roth, der zwar ebenfalls von den Killerfischen bis auf die Knochen abgenagt wird, zuvor aber immerhin noch einen Wet-T-Shirt-Contest abhalten darf. Gerecht ist das nicht.

Was mag sich ein Ausstatter denken, wenn er für einen Film das Zimmer eines fiktiven Teenager einrichtet? Und kleistern die Kids in den USA die Wände tatsächlich so dermaßen von oben bis unten mit Postern zu, dass auch bloß kein einziger Quadratzentimeter Wand mehr zu sehen ist? Wie auch immer, ein dicht plakatiertes Zimmer sagt oft mehr über eine Figur aus als ein ganzes Drehbuch und funktioniert bestenfalls wie ein dreidimensionales Facebook-Profil. Im Fall von Alexandre Ajas blutgetränktem Fischhorror-Nonsens jedenfalls offenbaren sich in dieser Hinsicht ganze Innenwelten. Denn über Jake Forester, den Sohn des Sheriffs (eine Frau: Elisabeth Shue), weiß man eigentlich schon alles, wenn man gesehen hat, was und wen er sich da so an die Wand pappt. Obwohl: Radiohead neben den Ramones? Das ist eigentlich schon zuviel des Guten. Johnny Ramone selber allerdings, der bekanntlich ein Riesenfan von Horrorfilmen war, hätte das vermutlich gut gefallen.

Gibt es einen sinnvollen Grund, diesen Zusammenhang zu erwähnen? Durchaus. Denn „Piranha 3D“ wendet im Vergleich zu anderen Produktionen dieser Gattung überraschend viel Mühe auf, um den drei bis vier relevanten Hauptfiguren gerade soviel Persönlichkeit zu verleihen, dass einem nicht völlig egal ist, was mit ihnen passiert. Und das macht guten Sinn, denn ansonsten liegt das Hauptaugenmerk von Machern wie Zuschauern praktisch uneingeschränkt darin, möglichst alles, was sich auf zwei Beinen vorwärts bewegt, früher oder später als menschliches Fischfutter enden zu lassen. Gut also, dass eine Handvoll Sympathieträger Ajas Anti-Summermovie davor bewahrt, angesichts einer Übermacht von nacktem Fleisch und herumschwimmenden Körperteilen die Spannungskurve aus dem Blick zu verlieren, die den Film über eine bloße Nummernrevue hinaushebt.

Dass muss angesichts der bis zum Exzess ausgelebten Schauwerte schon wie ein echtes Wunder erscheinen, denn der Grundgedanke zielt immerhin darauf ab, Myriaden urzeitlicher Killerfische dank eines Erdbebens aus ihrer unterirdischen Brutstätte zu entlassen und auf eine feierwütige Horde halbnackter College-Kids zu hetzen – und das ausgerechnet auf dem Zenit dessen, was einschlägige Sittenwächter voll Schrecken und Zetern als amerikanische Variante von Sodom und Gomorrha beklagen: Spring Break. Und wer das US-Pendant zum Eimersaufen am Ballermann auch nur aus der Ferne einmal erlebt hat, der weiß, wie unmöglich es ist, diesen hochprozentigen Cocktail aus Hormonstau und Komasaufen unter Kontrolle zu bringen. Was ernten der Sheriff und sein Team deshalb, als sie per Megaphon die Partymeile im Wasser räumen wollen? Eben.

Piranha 3D | Filmkritik

Die Blutorgie, die darauf folgt, könnte kaum unernster ausfallen (von der ultrakonservativen Moral dahinter gar nicht zu reden), und so ließen die Macher auch im Vorfeld keinen Zweifel daran, dass ihr Film sich seiner Absurdität vollkommen bewusst ist. Zu den lustigsten viralen Beigaben gehörten vermeintliche Bewerbungsvideos für die Academy, in denen die Darsteller begründeten, warum man hier einen echten Oscar-Kandidaten an der Hand hätte. Für die nötige Aufmerksamkeit sollte zudem eine Art Softcore-Portal sorgen, das im Film selber eine wichtige Rolle spielt, und dem ein Unterwasser-Ballett zu verdanken ist, das David Hamilton kaum wesentlich anders inszeniert hätte – erst recht mit den Möglichkeiten von 3D.

Deren Wirkung bleibt allerdings auf einige wenige Sequenzen beschränkt. Und das, wo man doch man im Hause Weinstein, so heißt es heute, bereits lange vor Camerons Blaublütern auf 3D spekuliert und den Film deshalb frühzeitig dahingehend angelegt hatte. Davon jedoch merkt man jetzt herzlich wenig. Keine Frage, die Postkonvertierung ist sauber gemacht, wenn auch in den vielen Unterwasseraufnahmen merklich zu dunkel. Ganz unabhängig davon aber wirkt der dreidimensionale Effekt über weite Strecken hinweg schlicht überflüssig und hat dann auch nicht einmal mehr Gimmick-Charakter. Umso mehr stechen  umgekehrt solche Sequenzen ins Auge, die offenbar ausschließlich auf ihre dreidimensionale Wirkung hin konzipiert wurden, aber dramaturgisch eher verzichtbar sind. Da schwimmen einem abgetrennte Gliedmaße entgegen, ein Killerfisch stürzt sich direkt ins Publikum, und für die physischen Vorzüge einiger Springbreakerinnen scheint die Leinwand einfach zu klein. Subtil geht anders, aber das ist nun wirklich auch das letzte Attribut, das man von diesem Film erwarten sollte.

Piranha 3D | Eli Roth

Nach nicht einmal 90 Minuten ist der Spaß (je nach Geschmack) dann auch schon vorbei, und man kann die Brille wieder ablegen. Vorerst, denn ein Sequel ist trotz relativ durchschnittlichen Kassenerfolgs bereits beschlossene Sache. Sonderlich vielversprechend ist die Vorstellung allerdings nicht, denn Ajas Film holt aus dem Sujet so ziemlich alles raus, was möglich ist. Und dabei betritt er selber noch nicht einmal Neuland. An Roger Cormans Original von 1978, das unter der Regie eines gewissen Joe Dante ebenso offensichtlich wie gutgelaunt auf der Erfolgswelle von „Jaws“ mitritt, erinnert „Piranha 3D“ zwar in vielerlei Hinsicht, ein echtes Remake ist die 2010er Fassung aber nicht.

Um sich als eigenes Subgenre zu etablieren, bietet das Thema offenbar zu wenig Spielraum. Zwei müde TV-Produktionen und eine Handvoll Trittbrettfahrer konnten Dantes originellem B-Movie nichts hinzufügen, und selbst dessen offizielle Fortsetzung von 1981 stieß auf wenig Gegenliebe. James Cameron nutzte jetzt gar die Gelegenheit, um sich dezidiert von „Piranha 2: The Spawning“ zu distanzieren. Nach wenigen Tagen sei er damals vom Regiestuhl bereits wieder vertrieben worden, und so gehöre dieser Titel auch nicht in seine Filmografie. Viel interessanter und folgenreicher aber geriet ein Statement zu Ajas Film, das er sich im selben Interview (Vanity Fair vom 27. August) nicht verkneifen konnte.

Ohne „Piranha 3D“ überhaupt gesehen zu haben, vermutete er in einer Produktion wie dieser die große Gefahr, den Fehler früherer 3D-Wellen zu wiederholen und die neue Form des dreidimensionalen Kinos direkt wieder zu verwässern: „Wenn Filme den Bodensatz ihrer Kreativität und den letzten Atemzug ihrer ökonomischen Lebensdauer erreichten, erstellte man eine 3D-Version, um den letzten Tropfen Blut aus ihnen heraus zu pressen.“ Und filmhistorisch betrachtet hat Cameron da durchaus recht. In einem überaus langen und vor allem ziemlich beleidigten offenen Brief feuerte Mark Canton, einer der Produzenten hinter „Piranha 3D“, zurück und warf Camerons 3D-Effekten in „Avatar“ Inkonsistenz vor und der Geschichte selber fehlende Originalität.

Vielleicht belegt ein wenig erwachsener Schlagabtausch wie dieser vor allem, dass 3D für manche Kreative in der Industrie ein echtes Kinderspielzeug ist. Ajas Film jedenfalls will fraglos eben dies sein, und daran gibt es auch nichts zu kritisieren. Was die Rolle der dreidimensionalen Technologie jedoch betrifft, so hat sich die Hoffnung der Branche auf ein Allheilmittel rasch als Trugschluss erwiesen, und das ist bisher nirgendwo so deutlich geworden wie am Beispiel von „Piranha 3D“. Während „Resident Evil Afterlife“ das beste Einspielergebnis der gesamten Serie erzielen konnte, verschwand die Fischplatte aus dem Hause Weinstein nach einem ohnehin schwachen Start bereits nach einer Woche wieder aus den US-Top-Ten – und das trotz eines vergleichbaren Zielpublikums. [LZ]

OT: Piranha (USA 2010). REGIE: Alexandre Aja. BUCH: Peter Goldfinger, Josh Stolberg. MUSIK: Michael Wandmacher. KAMERA: John R. Leonetti. DARSTELLER: Elisabeth Shue, Steven R. McQueen, Jerry O´Connell, Kelly Brook, Adam Scott, Ving Rhames, Christopher Lloyd. LAUFZEIT: 88 Minuten.

Piranha 3D | Filmposter

[Abbildungen © 2010 Kinowelt GmbH]

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