PARANORMAL ACTIVITY | Filmkritik

23. April 2010

Gerade einmal 15.000 Dollar soll dieser kleine, unabhängig produzierte Film gekostet haben, und dafür lässt sich in Hollywood normalerweise nicht einmal ein Scheinwerfer einschalten. In den USA alleine spülte „Paranormal Activity“ jedoch weit über 100 Millionen in die Kinokassen, und mit weltweiter Lizenzvergabe, sowie den gängigen Zweit- und Drittverwertungsrechten sind die Relationen zwischen Kosten und Gewinn vermutlich ähnlich ansehnlich wie bei „Avatar“. Dass der in Israel geborene ehemalige Spielprogrammierer Oren Peli ganz unabhängig davon aber einen echten Ausnahmefilm gedreht hat, der jeden Cent zurecht einspielt, könnte man angesichts des immensen Erfolgs rasch übersehen.

PARANORMAL ACTIVITY
Something Wicked goes on Air.

Außergewöhnliche Menschen in äußerst gewöhnlichen und gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Umständen – so erklärt Stephen King bei Gelegenheit einmal seine Sicht auf den zentralen Unterschied zwischen Hoch- und Trivialliteratur. Da ist eine Menge dran, und wenn man sich Katie und Micah ansieht, kann man dem Meister des Grauens beruhigt Recht geben. Durchschnittlicher geht es jedenfalls kaum: Sie studiert und will Englischlehrerin werden, er ist Daytrader und scheint keine weiteren Ziele im Leben zu haben, als Geld zu verdienen, das er dann ausgeben kann. Wie alle guten Amerikaner mit normiert-bürgerlichen Ambitionen wohnen sie in einem Haus, das viel zu groß ist für zwei Personen, und das mit drei Schlafzimmern jederzeit bereit ist, ausreichend Gäste zu beherbergen (obwohl es offenbar außer Katies bester Freundin niemanden gibt, der sich in den 21 Tagen dieser Geschichte bei dem Pärchen blicken lässt oder ihm seine Hilfe anbietet).

So weit, so gewöhnlich. Der Rest allerdings hat wenig Idyllisches an sich. Seit frühester Kindheit nämlich wird Katie nachts von unheimlichen Dingen heimgesucht. Schatten an ihrem Bett, kalter Atem in ihrem Nacken, das Elternhaus, das aus unerfindlichen Gründen abgebrannt ist. Eine Weile war Ruhe, doch mittlerweile scheinen die unheimlichen Ereignisse aus der Vergangenheit zurückzukehren. Für Micah eine gute Gelegenheit, sein frisch erbrokertes Geld in eine überteuerte Videokamera zu stecken, um mögliche paranormale Aktivitäten auf Film festzuhalten.

Ab sofort wird alles, was sich zwischen den beiden und um sie herum abspielt, gnadenlos ausgezeichnet. Fast alles jedenfalls, denn auch wenn Micah die Gelegenheit gerne ausnutzen würde, um auch gleich noch einen kleinen Privatporno zu drehen, sorgt Katie dafür, dass (zum Verdruss ihres Partners und so mancher Zuschauer) nur für die Nachwelt festgehalten wird, was dem ursprünglichen Zweck dient. So läuft die Kamera ohne erkennbare Pause, und das vor allem die ganze Nacht hindurch. Zunächst geschieht dabei eine ganze Weile gar nichts, und Micah nimmt die Sache zunehmend weniger ernst als ohnehin schon. Doch dann zeigen die nächtlichen Aufnahmen plötzlich seltsame Begebenheiten, von denen die beiden so gar nichts mitbekommen haben, und es sieht nicht aus, als würde es bei einem einmaligen Zwischenfall bleiben (ein entscheidendes Zeichen für den Zuschauer, sich schon einmal vorsorglich an der Sitzlehne festzukrallen).

Zu Beginn droht dieser unscheinbar aussehende Film, ein weiteres ermüdendes Experiment zu werden, das mit durchgängiger Homevideo-Machart und dem Vorgaukeln vermeintlicher Authentizität sein Publikum auf günstig finanziertes Glatteis führen will. Mehr als zehn Jahre nach „Blair Witch Project“ sollte man eigentlich glauben, das Konzept hätte sich totgelaufen, zumal selbst höher budgetierte Beispiele wie „Cloverfield“ mit dem dauerhaften Einsatz der subjektiven Kamera kaum in der Lage waren, klassischen filmischen Erzählformen eine echte Alternative entgegenzusetzen. Egal ob Trittbrettfahrerproduktionen wie „The St. Francisville Experiment“, die recht erfolgreiche spanische Variante „[REC]“ oder gar George A. Romeros „Diary of the Dead“ – das Prinzip der Pseudo-Dokumentation zeigte neben seinen wenigen Stärken vor allem immer wieder die Schwächen, die von einem solchen Ansatz ausgehen, und die haben inerster Linie mit der Glaubwürdigkeit der Aufzeichnungsbedingungen zu tun. Denn wer etwa sorgt im Angesicht des Todes schon dafür, dass die Kamera auch läuft und möglichst alles gut im Bild hat (Karlheinz Böhm jedenfalls hat genau das einst seine Karriere gekostet)?

Diese Frage stellt sich im Fall von „Paranormal Activity“ bemerkenswerter Weise jedoch praktisch nie. Lange, sehr lange nimmt Micah die Angelegenheit nicht allzu ernst, und als der Punkt erreicht ist, an dem er seine Haltung eigentlich ändern sollte, hat man als Zuschauer längst verstanden, dass die Kamera für ihn vom Technik-Spielzeug zur Waffe geworden ist, mit der er in gewissem Sinn Beweise aufzeichnet, ganz so, als könne er damit den Urheber alles Unheimlichen um ihn herum einschüchtern – schließlich hat er seine Taten ja auf Film, und was man schwarz auf weiß besitzt, so weiß man schon aus anderen Begegnungen mit unguten Geistern, kann man getrost nach Hause tragen. Hier also liefert eine geschickte Charakterzeichnung die Erklärung für die eine oder andere forciert wirkende Aufzeichnungsaktion. Zudem ist die Kamera über weite Strecken fest installiert und bedarf währenddessen überhaupt keiner Rechtfertigung. Und gerade diese Sequenzen sind es, die einem am meisten zu schaffen machen.

„Paranormal Activity“ ist ein Film über die Hilflosigkeit des Unwissenden. Denn die Dinge, die es hier zu fürchten gibt, geschehen immer dann, wenn die Figuren schlafen. Die Kamera läuft, das Licht geht aus und nichts passiert. Vorerst. Nach dem ersten Zwischenfall jedoch hat man als Zuschauer bereits begriffen, dass die Wehrlosigkeit des Schlafenden etwas sehr Angsteinflößendes sein kann. Wer schon einmal geträumt hat, dass neben seiner Schlafstätte jemand steht, und vor Schreck darüber aufgewacht ist, weiß, was das heißt. Wer hingegen einen solchen Traum bisher noch nicht hatte, nun, für den könnte sich das nach diesem Film ändern.  Denn die Gefahr lauert dort, wo man keine Kontrolle über sie hat, aber doch zugleich am verletzlichsten ist.

Im Grunde wiederholt Autor und Regisseur Oren Peli damit das Prinzip der Anfangssequenz von „Jaws“, nur dass die Monster bei ihm nicht unter der Wasseroberfläche auf den Angriff warten, sondern am Bett des Schlafenden ihr gemeines Spiel treiben. Wenn der Zuschauer dabei zusehen muss, ohne dass die Figuren auf der Leinwand irgendetwas ahnen, ist das klassische Suspense in Reinform – nur dass man die Angst später schön mit nach Hause schleppen muss und nicht zum Ende des Films kathartisch abgeben kann.

Auf seine Weise ist „Paranormal Activity“ sowohl eine ganz eigene Antwort auf die inflationäre Welle asiatischer Geisterfilme und ihre mal mehr, mal weniger gelungenen Remakes, als auch ein überzeugendes Gegenmodell zur endlosen Reihe von Folterpornos aus dem Umfeld von „Saw“ und „Hostel“. Aber nicht nur explizite Gewalt an sich hat hier keinen Platz – vielmehr gibt es eigentlich überhaupt nichts zu sehen. Dass aber genau dies die Stärke des Films ist, und dass es noch nie so spannend war, Zeuge zu sein, wie zwei Menschen schlafend im Bett liegen, während sie von einer Videokamera gefilmt werden, das klingt nicht nur außergewöhnlich, das ist es auch.

Was diesen Film zudem so angenehm von vergleichbaren Produktionen abhebt, ist die enorme Sympathie, die sich schon nach wenigen Minuten für die beiden Protagonisten einstellt, und deren natürliches Auftreten, das einen wieder besseren Wissens glauben lässt, die ganze Sache sei doch irgendwie echt. Durchschaut man als Zuschauer auch die Manipulation, die vom Einsatz der Handkamera ausgeht, so tragen die (bis dato völlig unbekannten) Darsteller massiv dazu bei, dass die Illusion voll und ganz aufrecht erhalten bleibt – so sehr, dass man manchmal meinen könnte, die Schauspieler wüssten selber nicht, was als nächstes passiert. Katie Featherston, die praktisch in jeder Einstellung zu sehen ist, erhielt für ihre Leistung auf dem Screamfest 2007 die Festival Trophy, und das muss wenig wundern, denn mit der Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung steht und fällt der ganze Film.

Das Spiel mit der Realität treibt „Paranormal Activity“  dann auch so weit, dass anstelle der End Credits lediglich ein Copyright-Vermerk folgt, und zu Beginn allen Ernstes den Familien von Katie und Micah, sowie der Polizei von San Diego gedankt wird. Das geht in den USA natürlich nur mit einer Crew, in der sich keine Union-Mitglieder befinden. Umso kontraproduktiver gerät für die DVD- und Blu-ray-Version die Beifügung eines alternativen Endes, dessen Vorhandensein an sich bereits die Illusion ad absurdum führt. Dass man sich von allen Endvarianten, die über die lange Postproduktionsphase hinweg gedreht wurden, zudem ausgerechnet für eben dieses entschieden hat, leuchtet überhaupt nicht ein, denn alles, was den Film ausmacht, geht hier vor die Hunde.

Die Variante, die es schließlich in die Kinofassung geschafft hat (und ganz zweifellos auch nicht nur besser als die betreffende Alternative, sondern auch dem ursprünglichen Ende deutlich überlegen ist), stammt interessanter Weise von Steven Spielberg. Nachdem die kleine Independent-Produktion an Dreamworks verkauft worden war, hatte man zunächst überhaupt nicht vor, das Original in den Verleih zu geben, sondern beauftragte Peli mit einem Remake. Erst ein Testscreening überzeugte die Verantwortlichen vom Gegenteil, und im späteren Trailer baute man die Zuschauerreaktionen einfach ein. Cleveres virales Marketing sorgte schließlich dafür, dass sich der Film zum echten Phänomen entwickelte (Peli hatte auf seiner Homepage aufgerufen, für eine weitere Verbreitung zu stimmen und konnte mithilfe des Serviceportals eventful.com in kürzester Zeit über eine Million Anfragen verbuchen – Vergleichbares war für einen Film zuvor nie versucht worden).

„Paranormal Activity“ ist in jeder Hinsicht ein echtes Ausnahme- und Vorzeigebeispiel dafür, was mit geringsten technischen und finanziellen Mitteln machbar ist, wenn Talent und Konzept stimmen. Dass es nicht zu einem Remake gekommen ist, sondern Paramount die Ursprungsfassung ins Kino gebracht hat (wenn auch mit einigen Abweichungen), ist ein echter Segen. Der unvermeidlichen, mittlerweile offiziell bestätigten Fortsetzung hingegen kann man nur mit Skepsis entgegenblicken. [LZ]

[Abbildungen Senator Home Entertainment]

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