Pandorum | Filmkritik: Im Weltall nichts Neues

04. Oktober 2009

Eine Zukunftsvision vom Reißbrett: Die Ressourcenknappheit auf der Erde zwingt die Menschheit, das Sonnensystem nach geeigneten Umsiedlungsmöglichkeiten abzusuchen. Auf einer solchen Erkundungsmission befindet sich die Elysium, ein riesiger Raumgleiter, auf dem offenbar einiges schiefgelaufen ist. Zwei Besatzungsmitglieder erwachen ziemlich unsanft aus dem Hyperschlaf, ohne sich zunächst an Details ihrer Reise erinnern zu können. Schnell wird ersichtlich, dass die Situation an Bord ganz gehörig aus dem Ruder gelaufen ist. Die Lage spitzt sich zu, als sich herausstellt, dass die versorgenden Energiesysteme in Kürze versagen werden. Um das zu verhindern und den verursachenden Fehler zu beheben, muss einer der beiden über ein enges Netz aus Luftschächten und labyrinthartigen Tunnelsystemen zum Antriebsreaktor vordringen. Doch was ihn unterwegs erwartet, lässt seine schlimmsten Alpträume wahr werden. Grausam zugerichtete Leichen, feindlich gesinnte Überlebende und eine Horde blutrünstiger Kreaturen (Aliens?) auf Menschenjagd machen die Tour zum Himmelfahrtskommando.

Welche einschlägigen Genre-Vorbilder hier am Werk waren, braucht man kaum explizit aufzulisten. Vom Set-Design bis zur Motivation einzelner Kerncharaktere steht dieser Film unübersehbar in der Tradition der vergleichsweise großen Anzahl von „Alien“-Plagiaten. Ein bisschen „Predator“ hier, ein bisschen „Resident Evil“ da, und insgesamt jede Menge „Event Horizon“ – das muss niemanden wundern, denn zu den Produzenten von „Pandorum“ gehört mit Paul W. S. Anderson eben jener Initiator der beiden letztgenannten Filme, der bislang zweiteiligen „Alien vs. Predator“-Reihe, sowie anderer artverwandter Beiträge (etwa das Kurt-Russell-Vehikel „Soldier“). Anderson hat seine Nische gefunden, und er bedient sie verlässlich.

Dagegen ist nun zunächst einmal nichts einzuwenden. Was Anderson produziert, ist weder sonderlich originell, noch gar in irgendeiner Weise anspruchsvoll, bietet aber handwerklich solides Genre-Kino, das die Wartezeit bis zum Start des nächsten echten Großereignisses (etwa James Camerons ungeduldig herbeigesehnter „Avatar“) leichter ertragen hilft. Warum genau das bei „Pandorum“ wenn überhaupt, dann nur äußerst eingeschränkt funktioniert, lässt sich an wenigen Punkten ziemlich exakt festmachen. In erster Linie aber hätte diesem Film vor allem ein Funken Selbstironie gut getan, denn während die Charaktere an manchen Stellen unfassbar dummes Zeug von sich geben, nimmt sich das teils arg abstruse Handlungsgefüge so bierernst, dass einem selbst der Spaß an den durchweg gut gelungenen Effekten und leidlich ansehnlichen Interieurs vergehen kann.

Zu Beginn ist die ganze Sache äußerst vielversprechend. Die ersten Einstellungen wecken Hoffnungen, die der Film unmöglich erfüllen kann. Außenaufnahmen des Raumgleiters, die so plastisch wirken, dass man meinen könnte, hier sei ursprünglich eine 3D-Version in Planung gewesen (das holt die eingespielte Produktionstruppe Anderson/Constantin dafür demnächst mit „Resident Evil: Afterlife“ nach), Traumvisionen in gleißend weißem Licht, und schließlich eine bemerkenswert überzeugende Variante des allzu oft gesehenen Hyperschlaf-Prinzips: Wenn die beiden Astronauten vom Bordcomputer ins Leben zurückgerufen werden, dann ist das kein sanftes Erwachen, wie man es sonst zu sehen bekommt. Schmerzen, tiefsitzende Übelkeit, Gedächtinisverlust – die Figuren winden sich heftig, bis sie wieder einigermaßen zu sich kommen. Damit ist der Realismus dieses Films aber dann auch bereits erledigt. Wie überraschend der Auftakt gerät, so sehr verliert sich der Rest in gähnend langweilige bis enervierend ärgerliche Klischees.

„Pandorum“ weist alle Symptome von Produktionsbedingungen auf, bei denen mit spitzem Bleistift kalkuliert wurde. Gedreht in den Babelsberger Studios, hat man offenbar frühzeitig dafür gesorgt, dass der einzige Name mit international leidlich verwertbarer Reputation, Dennis Quaid also (nach „G.I. Joe – Geheimauftrag Cobra“ noch eine Chargenleistung), möglichst wenig Drehtage bekommt, damit bezahlbar bleibt und trotzdem präsent genug ist, um noch mit einigem Goodwill als Hauptdarsteller durchgehen zu können (auch wenn das der unbekanntere und deshalb wesentlich budgetfreundlichere Ben Foster ist). Seine Figur bleibt im Wesentlichen auf ein einziges Set beschränkt, die Kommandozentrale des Raumgleiters. Von dort aus wird er zwar immer mal wieder zwischenmontiert, seine Funktion beschränkt sich aber lange Zeit fast ausschließlich darauf, mit dem zweiten Protagonisten in Funkkontakt zu bleiben (und als dieser abbricht, muss er trotzdem permanent nachfragen, ob sein Astronautenkollege ihn noch hört). Erst im letzten Drittel ändert sich die Lage, und Quaids Figur bekommt noch einen zweiten, ebenso haarsträubenden wie leicht durchschaubaren Handlungsstrang ins Nest gelegt.

Set-Design, Look und Kreaturen (aus den Stan-Winston-Studios – kriegt man in Deutschland also anscheinend nicht hin) können sich sehen lassen, doch das hilft wenig bei einem Drehbuch, das aus der vielversprechenden Grundidee mit einer Ausgangslage, die bereits in Produktionen mit weitaus geringerem Budget Überraschendes zutage förderte („Cube“ oder „Saw“ etwa nutzen das Potential des Amnesie-Motivs wirksam aus), nicht besonders viel anzufangen weiss. Die Charaktere sind allesamt eher eindimensional gestrickt. Psychologische Tiefe wird ihnen lediglich unterstellt, den Beweis bleiben Buch, Darsteller und Regie jedoch schuldig. Für echte Identifikation reicht das kaum, und so kann einem auch ziemlich egal sein, was mit den einzelnen Figuren passiert.

Ob Regisseur Christian Alvart zudem mit der Inszenierung von Actionsequenzen entweder sichtbar überfordert war oder dem Rohmaterial erst am Schneidetisch der Todesstoß versetzt wurde, lässt sich zwar nicht endgültig entscheiden, das Ergebnis fällt aber in jedem Fall katastrophal aus. Wer bisher geglaubt hat, man könne Zweikämpfe und Verfolgungsjagden nicht unübersichtlicher zusammenzimmern als Michael Bay, darf sich hier gerne eines Besseren belehren lassen. Über weite Strecken wird es unmöglich, dem konzeptlos montierten Geschehen auf der Leinwand zu folgen. Wer wen gerade angreift, niederstreckt oder attackiert, lässt sich vielfach auch beim besten Willen nicht sagen. Das ist vor allem deshalb bedauerlich, weil es auf diese Weise fast unmöglich wird, einen genaueren Blick auf die Kreaturen zu werfen, die zumindest vom Schauwert her einiges zu bieten haben (und ganz offensichtlich im engeren Verwandtschaftsverhältnis zu den Humanoiden aus „The Descent“ stehen).

„Pandorum“ ist der archetypische Fall eines Films, der unter anderen Bedingungen direkt auf DVD gelandet wäre und dort im Grunde auch hingehört. Und das ist noch nicht einmal negativ gemeint. Das Kinoformat an sich setzt nun einmal per se höhere Erwartungen frei als eine Produktion wie diese sie erfüllen kann. Man darf mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Zweitverwertung per Silberscheibe gut funktioniert, an den US-Kinokassen spielte das Genre-Vehikel jedoch bei geschätzten 40 Millionen Dollar Produktionskosten lediglich laue 4,4 Millionen um. Geplant ist laut Alvart eine Trilogie. Ob es dazu tatsächlich kommt, steht derzeit jedoch eher in den Sternen. Und dass dort nicht alles zum Besten bestellt ist, genau das belegt der (vermeintlich?) erste Teil immerhin perfekt.

Lange Zeit machte man sich in Hollywood ausführlich über diejenigen Kapitalzuschüsse lustig, die ein findiger Spaßvogel dereinst auf den wenig rühmlichen Namen „Stupid German Money“ taufte. Dahinter verbargen sich Gelder aus zahlreichen seidenen bis halbseidenen Medienfonds, mit denen sich trefflich Steuern sparen ließ – bis der Gesetzgeber sich hierzulande als Spielverderber erwies und dem Fiskus mit der Abschaffung des Modells ein paar müde Euro rettete. Vorbei war es mit den schnellen Abfallprodukten, die produziert werden mussten, um den Investoren einen Beleg für ihre Zahlungen zu liefern. Uwe Boll etwa gehörte jahrelang zu den fleißigsten Profiteuren der Fondsfinanzierung und bereicherte die Filmgeschichte mit ihrer Hilfe um Titel wie „Bloodrayne“, „House of the Dead“ oder „Alone in the Dark“ (einer der seltenen Fällen, in denen Tara Reid ausnahmsweise nicht das schlimmste Element war).

Nun muss man Boll immerhin zugute halten, dass er die Finanzierung jederzeit mit seinen eigenen Kommanditgesellschaften gesichert hat, und sich damit merklich von all denen unterscheidet, die lediglich die Hand aufhielten, wenn irgendwo Fondsgelder zu verteilen waren. Das Modell ist mittlerweile in gewissem Sinne verstaatlicht und heißt nun DFFF. Und während man sich auf Initiatorenseite zufrieden auf die Schulter klopft ob der großen Erfolge und ausländischen Produktionen (etwa „Antichrist“ oder „Inglourious Basterds“), die das neue Modell seit Einführung ins Land geholt hat (und denen man dankbar mehrstellige Millionensummen hinterher warf) beweisen die Amerikaner, dass sie es nicht verlernt haben, sich auch ihre ABM-Projekte vom deutschen Steuerzahler mitfinanzieren zu lassen. Früher indirekt durch die Medienfonds, jetzt direkt mithilfe des DFFF und anderer Förderinstanzen. „Pandorum“ ist dafür ein schulbuchmäßiges Beispiel: ein millionenschwerer B-Film, der seinen eigenen Dilettantismus so uneingeschränkt zur Schau stellt, dass selbst Uwe Boll neidisch werden müsste. [LZ]

[Abbildungen: Constantin Film Verleih GmbH]

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