Filmkritik: NOTHING PERSONAL

13. April 2010

Filmkritik Nothing Personal

Eine ganze Reihe von Preisen konnte dieses Featuredebüt der polnische-holländischen Filmemacherin Urszula Antoniak seit seiner Premiere in Locarno 2009 mit nach Hause nehmen, und seine Hauptdarstellerin Lotte Verbeek wurde auf der 60. Berlinale gleich mal zum „European Shootingstar“ gekrönt. Dass „Nothing Personal“ beim offiziellen (deutschen) Kinostart trotz allem Geheimtipp bleibt und fast ausschließlich von Feuilleton und einem eingeschränkten Arthouse-Publikum wahrgenommen wird, liegt in der Natur der Sache.

NOTHING PERSONAL
Aussteigen ist Luxus.

Als Handys noch keine Massenprodukte waren, galt ständige Erreichbarkeit als Zeichen echten Elitetums. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse umgekehrt, und wer es sich heute leisten kann, selber zu bestimmen, wann er für niemanden zu sprechen ist, signalisiert mit seiner aktiven Verweigerung implizit, dass er Besseres zu tun und längst nicht mehr für jeden, der in der Lage ist, ein Telefon zu bedienen, auch zur Verfügung steht. Kommunikation hat sich zu einer modernen Zivilisationskrankheit entwickelt, und bei wem die Anzahl der Kontakte in den einschlägigen sozialen Netzwerken psychologisch über die eigene Relevanz entscheidet, ist im Grunde bereits nichts mehr zu retten.

Auf der anderen Seite erlebt das Aussteigertum eine versteckte Renaissance, wenn auch zunächst nur als Utopie. Im Kino findet es seinen schleichenden Niederschlag unter anderem in der konstant anhaltenden Welle postapokalytischer Szenarien, die dem kommunikativen Zwang schlicht mangels Gelegenheit aus dem Weg gehen. Nicht umsonst zeigt Urszula Antoniaks gefeiertes Debüt mit dem bezeichnenden Titel “Nothing Personal” immer wieder Panoramen schroffer (irischer) Landschaften, in denen Menschen wenn überhaupt, dann nur vereinzelt vorkommen – als Einsiedler, Aussteiger oder Fragmente zivilisatorischer Selbstvergessenheit. Diese Bilder sind nicht weit entfernt von Hanekes “Wolfzeit” oder anderen, wesentlich populäreren Endzeitdramen, nur dass die Welt jenseits der beiden Protagonisten unverändert weiter besteht.

Warum die junge Frau, deren Name lange Zeit ungenannt bleibt, mit praktisch keinerlei Habseligkeiten irgendwann ihren Platz in der Gesellschaft hinter sich lässt und aufbricht, um menschenleere Landschaften zwischen Holland und Irland zu durchstreifen, hat keinerlei Bedeutung, und wo die vereinzelten Ausbrüche in der Chronologie der Erzählung hin gehören, erschließt sich (wenn überhaupt) erst relativ spät. Überhaupt ist es mit den Antworten nicht weit her in diesem ebenso kargen wie kontemplativen Film, der als literarisches Genre vermutlich eher Kurzgeschichte als Roman wäre.

Die Menschen, die den Weg von Anna (Lotte Verbeek, ausgezeichnet als European Shootingstar 2010) kreuzen, sind nicht viel mehr als Staffage und dienen in erster Linie dazu, die grundsätzliche Verweigerung der Figur sichtbar werden zu lassen, den Spielarten gesellschaftlichen Zusammenlebens aus Konventionen und Zwängen gegenüber Zugeständnisse zu machen. Wie viel gewachsene und nicht unbegründete Misanthropie dabei ist, darf man selber entscheiden. Irgendwo in der Abgeschiedenheit Irlands kommt es dann aber doch zu einer Begegnung mit Nachhaltigkeit. Ein älterer Einsiedler (Stephen Rea) überredet Anna zu einem Deal: Feldarbeit gegen Essen – ein Handel, auf den sie jedoch nur unter der Bedingung eingeht, allen weiteren persönlichen Kontakt beiderseitig auszuschließen.

Die Konstellation geht nicht lange gut. Eine einzige marginale Grenzüberschreitung, und Anna unterstreicht ihren Standpunkt energisch, indem sie den gemeinsamen Vertrag aufkündigt und entschlossen davonzieht. Doch der Einsiedler Martin (auch sein Name bleibt bis kurz vor Schluss belanglos) ist nicht weniger stur und überredet sie erfolgreich zur Rückkehr. Während Annas Position dabei außer unbedingter Konsequenz kein Ziel zu kennen scheint, verfolgt Martin ganz offensichtlich den Plan, ihre selbstgewählte Enklave schrittweise aufzubrechen.

Je mehr ihm das gelingt, desto bedürftiger wird sie. Gereinigt von allen früheren Bedeutungsansprüchen, gibt sie Martin ebenso wie dem Zuschauer mehr von sich preis, als man zu Beginn vermuten würde. Doch dazu braucht der Film keine Worte, und überhaupt braucht er Worte ohnehin nur für das Allernötigste. An ihrer Stelle stehen Bilder, Gesten, Handlungen, und das macht „Nothing Personal“ zu einer stillen, fast kontemplativen Erfahrung, die im wiederholten Ansehen beständig hinzugewinnt und dafür auch gemacht ist.

Es wird viel und oft gegessen in diesem Film, und über das Essen finden die beiden Figuren bezeichnender Weise auch erst zusammen. In der Folge erweitert Martin ebenso behutsam wie wirkungsvoll Annas wiederbelebten Zugang zu ihren eigenen (sinnlichen, aber nicht sexuellen) Bedürfnissen. Als er den gemeinsamen Handel um eine Klausel erweitert, der gemäß jeder von ihnen als Strafe für eine persönliche Frage singen muss, bricht er ihren Widerstand auf, sicht- und unumkehrbar (zu keinem früheren Zeitpunkt jedenfalls kennt ihr Gesicht auch nur den Anschein eines Lächelns).

Stephen Reas Figur ist dabei von einer seltsamen Unwirklichkeit bestimmt. Anna fügt ihrer Haltung der Verweigerung in allen Ausfächerungen zwar quasi ein Ausrufungszeichen hinzu und trägt ihr Schweigen demonstrativ vor sich her (auf der Handlungsebene als Bedingung des Deals, und strukturell als Konstruktionsprinzip ihrer Figur), doch der Einsiedler Martin erweist sich nichts desto trotz als der eigentliche Geheimnisträger der beiden. Im Gegensatz zu ihm hat Anna eine Vergangenheit, ein Leben davor und ganz sicher auch eines danach. Doch nichts davon zählt für die Erzählung wirklich. Fragt sich der Zuschauer vielleicht zu Beginn noch, was die Figur mit sich herumträgt, so löst sich jegliches Interesse daran im Verlauf der Geschichte zunehmend auf.

Nothing Personal | Lotte Verbeek, Stephen Rea

Im Gegenzug werden die Fragezeichen hinter Reas Einsiedler immer größer, und der Film trägt mit kleinen Verwirrspielen das Seine dazu bei (über Martins disparaten Musikgeschmack lässt sich jedenfalls nur wundern). Wo Anna sich selber in radikaler Weise auf das äußerste Minimum des Daseins reduziert hat, lebt Martin trotz seines erklärten Abstandes zur Zivilisation ohne Verzicht. Ein Haus im Nirgendwo, das ihm gehört, eine umfangreiche CD-Sammlung und Geld genug, um den Kühlschrank immer randvoll zu haben (wozu da eigentlich noch Feldarbeit?). Alle drei Momente sind Teil dessen, was der Einsiedler nach und nach zum Einsatz bringt, um die junge Frau aus ihrer radikalen Verzichtshaltung zurückzuholen.

Martin streift dabei mehr als einmal die Grenze zur mythischen Figur. Als Geburtshelfer und Verführer im besten Sinne wirkt er zunehmend wie ein Schutzengel, der vorübergehend menschliche Gestalt angenommen hat, um Anna zur Wiedergeburt zu verhelfen. An dieser Funktion scheint sich die Struktur der Geschichte entlang zu bewegen, bis sie schließlich in einer bemerkenswerten Katharsis mündet (und dabei einige interessante Parallelen zu Bertoluccis berühmtem Pariser Tango aufweist). Selten ist man auf die Entwicklungen wirklich vorbereitet, die sich von Stufe zu Stufe ergeben, und am Ende steht man geradezu fassungslos.

Urszula Antoniaks Debüt hat so manches Festival bereichert und einiges an Preisen mitgenommen. Bemerkenswerter aber noch sind die durchweg begeisterten Reaktionen, mit denen dieser ungewöhnlich stille Film überall bedacht wurde. Für eine breitere Wahrnehmung reicht das selbstverständlich (und bedauerlicher Weise) nicht aus. [LZ]

[Abbildungen MFA+ FilmDistribution e.K.]

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