Iron Man 2 | Filmkritik: Marvel rüstet auf

08. Mai 2010

Iron Man 2

Seitdem Mickey Rourke wieder im Licht der Öffentlichkeit steht, ist sein Status ein anderer geworden. Aus dem einst von Alkohol, Drogen und schlechten Schönheitschirurgen gezeichneten Wrack und dann mit „The Wrestler“ wiederauferstandenen Charakterdarsteller ist offenbar echtes Blockbustermaterial geworden. Bereits vorab schürte seine Besetzung als Gegenspieler von Tony Stark zurecht die größten Erwartungen an dieses erfolgssichere Sequel. Umso bedauerlicher gerät deshalb die Tatsache, dass Rourkes Figur nach einer furiosen Einführung für eine ganze Zeit völlig in den Hintergrund rückt – und auch für einen dritten Teil nicht mehr zur Verfügung steht.

Tony Stark geht am Leben zugrunde – wenn auch im übertragenen Sinn. Der Elektromagnet in seinem Brustkorb nämlich, der verhindert, dass ihm Granatsplitter das Herz zerreißen, hat fatale Nebenwirkungen entwickelt und vergiftet sein Blut in rasantem Tempo. Ein beunruhigendes Netz dunkler Adern dehnt sich unaufhaltsam von der leuchtenden Mitte seines mechanisch erweiterten Oberkörpers aus und lässt den ehemaligen Waffenproduzenten ein bisschen aussehen wie eine Zombieversion von Peter Parker. Zeit also, die Nachfolge zu regeln, und so überträgt er die Geschäftsführung von Stark Industries seiner völlig überraschten Assistentin (und bekanntermaßen heimlichen Liebe) Pepper, während er ansonsten alles daransetzt, die wachsende Todesangst mit öffentlich ausgetragenem Größenwahn zu überspielen. Aus dem leichtfüßigen Playboy und großem Kind ist also ein tragischer Held geworden, doch das weiß außer ihm und dem Zuschauer selbstredend niemand. Tony Stark ist und bleibt eben ein echter Lonely Rider. Allerdings einer mit Raketenantrieb.

2008 war für Marvel ein gutes Jahr. Der Schritt, einige der legendären Heldenfiguren aus der Federschmiede von Stan Lee und Kollegen ab sofort in Eigenregie auf die große Leinwand zu bringen, statt von den großen Studios nur mickrige millionenschwere Lizenzgebühren zu kassieren, erwies sich als goldrichtig – zunächst jedenfalls. Das erste Kinoabenteuer von Robert Downey Jr. in eiserner Rüstung spülte unüberschaubare Geldmengen in die Kassen des Comic-Konzerns, und schon am Startwochenende waren die Produktionskosten wieder eingespielt. Nicht ganz so gut funktionierte im gleichen Jahr das Reboot des „Incredible Hulk“, und ein Nebenprodukt wie die „Punisher“-Fortsetzung „War Zone“ blieb gar nahezu unbeachtet. Grund genug also, das Konzept von „Iron Man“ exzessiv weiterzudenken und bis 2012 gleich mal einem ganzen Dutzend bekannter Marvel-Helden einen erstmaligen Großbudget-Auftritt zu verschaffen.

Zugpferd bleibt zunächst aber einmal Tony Stark, und so befeuert das fast zur gleichen Zeit wie im Vorjahr gestartete Sequel auch ganz ausgiebig die Aussicht auf zukünftige Leinwandinkarnationen aus dem Comic-Universum rund um den Iron Man. Hatte Nick Fury im ersten Teil lediglich nur einen Teaser-Auftritt nach den End Credits, so bekommt die Figur in „Iron Man 2“ jetzt ausgiebig Gelegenheit, sich ins Erinnerungsvermögen des Zuschauers einzubrennen. Allerdings ist das auch ihre einzige Funktion, denn für die Geschichte selber erweist sich der ehemalige Kriegsheld eher als verzichtbar und bremst so manches erheblich aus. Für Marvel jedoch ist der Aufbau des Charakters offenbar enorm wichtig und seine Rolle an der Seite von Tony Stark Teil einer langfristig angelegten Vermarktungsstrategie. Im Comic-Universum wurde der Look der Figur längst offiziell an Samuel L. Jacksons Konterfei angepasst (ein durchaus weiter Weg von einer früheren Interpretation durch David Hasselhoff), und ein eigener Kinofilm ist bereits beschlossene Sache. Doch damit nicht genug, denn Jackson soll insgesamt einen Vertrag über ganze 11 Leinwandauftritte für die Figur mit der charakteristischen Augenklappe in der Tasche haben.

Ähnlich gelagert ist die Funktion von Scarlett Johanssons Interpretation der „Black Widow“ alias Natalia Romanova alias Natasha Romanoff. Hier hat man offenbar einen Versuchsballon gestartet, um zu sehen, wie die Figur ankommt, denn konkrete Filmpläne sind noch nicht bekannt. Und so darf Johansson im hautengen Lederanzug ein bisschen Kampfsportakrobatik vorführen und Tony Stark zeitweise dumm dastehen lassen. Findet das Publikum ausreichend Gefallen daran, bleibt sie bei Marvel vermutlich auf der Besetzungsliste (in erster Linie für „The Avengers“).

Derartiges Kalkül hinterlässt im Film selber einige Spuren, und die haben durchaus ihre zwei Seiten. Denn wie viele Superhelden-Sequels muss sich auch „Iron Man 2“ mit einem Übermaß an Handlungssträngen, Konflikten, Charakteren und Gegenspielern arrangieren. Das funktioniert erfahrungsgemäß mal mehr, mal weniger gut. Joel Schumachers „Batman“-Sequels etwa werden von der Last selbstauferlegter Vielfalt geradezu erstickt, und „Spiderman 3“ schafft es nur unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel, das breite Spektrum an Herausforderungen, mit denen sich die Hauptfigur herumschlagen muss, im Zaum zu halten. Einzig „The Dark Knight“ kann die vielen Bälle, die der Film in die Luft wirft, auch virtuos genug jonglieren, um die Geschichte vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Nicht ganz so elegant gelingt das Jon Favreau und seinem Autor Justin Theroux. „Iron Man 2“ hat aller Wahrscheinlichkeit nach die Aufgabe, Optionen zu eröffnen und die Tür zu möglichen zukünftigen Konstellationen nicht voreilig zuzuschlagen. Nick Fury, Black Widow und vor allem die mehrere Marvel-Serien übergreifende Geheimorganisation „S.H.I.E.L.D“ kommen Tony Starks zweitem Leinwand-Auftritt eher in die Quere als dass sie nützen.

Solche strategischen Positionierungen machen den Film zeitweise zur Nummernrevue ohne klare Linie. Das ließe sich einem Blockbuster wie diesem angesichts seines ansonsten gut ausbalancierten Unterhaltungswertes im Grunde leicht verzeihen, ginge es nicht auf Kosten eines immensen Potentials, das hier einfach ungenutzt verschenkt wird. Gleich zu Beginn scheint die Geschichte nämlich eine viel stringentere Richtung einzuschlagen. Während Tony Stark dort gerade sein Coming-Out als Superheld über den Äther schickt, schmiedet ein sensationell bedrohlicher Mickey Rourke im fernen Russland brachiale Rachepläne (für was auch immer) und die passenden Waffen gleich dazu. Die Erwartungshaltung, die hiermit eingergeht, ist enorm, und bis zur ersten Konfrontation wird der Film ihr auch durchaus gerecht. Doch bevor man sich zuviel erhoffen kann, verschwindet Rourkes Antagonist erst einmal wieder für eine ganze Weile aus dem Sichtfeld und kann auch später nur noch sehr bedingt dasjenige ausspielen, was die Figur selber eigentlich bereits mit sich bringt.

Überhaupt sind die ersten rund 40 Minuten dieses insgesamt etwa 2-stündigen Films geradezu sensationell. Comedy, Drama, nie zuvor gesehene Actionsequenzen (inklusive dem ersten Formel-1-Rennen in Monte Carlo ohne tödliche Langeweile) – und das fast gänzlich ohne Iron-Man-Rüstung. Doch damit ist das meiste Pulver auch schon verschossen, und die Marvel-Vermarktungsstrategie übernimmt das Ruder. Dass Mickey Rourke dabei kaum mehr eine Chance bekommt, seine Figur weiter auszubauen, gehört zu den bedauerlichsten Opfern dieser Entwicklung. Endlich finden sich für diesen Ausnahmeschauspieler nun anscheinend doch Rollen, die seinem chirurgisch verunstalteten Äußeren mehr als entgegenkommen, und dann kann er sie nur eingeschränkt nutzen.

Eine kurze Dialogsequenz zwischen seiner Figur Ivan Vanko (eine im Gegensatz zu allen Comic-Vorlagen gänzlich neue Identität für den Antagonisten Whiplash) und Tony Stark, frei von allen Masken und Spezialeffekten, gehört zu den beängstigenden Highlights des ganzen Films. Rourkes massiver, über und über tätowierter Körper, lässig vorgebeugt, als halte er die Geschicke der Welt in der Hand (während er tatsächlich in Haft sitzt), garniert mit einigen wenigen Sätze in dichtem russischen Akzent, droht dem Protagonisten schlichtweg den Rang abzulaufen. Vielleicht musste die Figur auch gerade deshalb von dort an merklich in den Hintergrund treten.

Downey hingegen schließt nahtlos an seine Interpretation des spleenigen Ex-Waffenhändlers an und verpasst ihm zwei öffentliche Auftritte, die mit Leichtigkeit seiner stets pointierten Darstellung aus dem ersten Teil noch eins draufsetzen. Wenn Tony Stark vor einem Untersuchungsausschuss des Senats deutlich macht, warum sein Kampfanzug keineswegs in die Hände des Verteidigungsministeriums (oder gar seines Hauptkonkurrenten Justin Hammer) gehört, veredelt Downey die ganze Angelegenheit offenbar spielerisch zur perfekt getimten Comedy. Wie genau dieser Schauspieler seine Wirkung im Bild unter Kontrolle hält, kann man hier geradezu schulbuchmäßig ablesen. Denn selbst dann, wenn er bloß mit dem Finger auf seinen Gegenspieler zeigt (in diesem Fall Garry Shandling als Senator), hat das postertaugliches Kalkül.

Insgesamt wirkt „Iron Man 2“ jedoch ziemlich unfertig und unter dem Druck eines vorgegebenen Starttermins stellenweise arg kompromisslastig. Am reinen Kinovergnügen ändert das wenig, doch ein besserer Film ist dabei eindeutig verloren gegangen. Die Cross-Marketing-Spielereien mit einem vermeintlich offiziellen Soundtrack von AC/DC, hinter dem sich ein reguläres Best-of-Album verbirgt, von dem im Film nur wenige kurze Auszüge zu hören sind, belegen die zentrale strategische Ausrichtung der Produktion. Aber letztlich hat das auf seine Weise auch wieder eine gewisse Schlüssigkeit, denn immerhin ist Tony Stark doch der einzig wahre Großkapitalist unter den Superhelden. [LZ]

OT: Iron Man 2 (USA 2010). REGIE: Jon Favreau. BUCH: Justin Theroux. MUSIK: John Debney. KAMERA: Matthew Libatique. DARSTELLER: Robert Downey Jr, Gwyneth Paltrow, Mickey Rourke, Don Cheadle, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Samuel L. Jackson. LAUFZEIT: 124 Minuten.

[Abbildungen © 2010 Concorde Filmverleih GmbH]

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