INGLOURIOUS BASTERDS | Filmkritik

22. August 2009

Inglourious Basterds | Filmkritik

Quentin Tarantino hat die Angewohnheit, mit Begeisterung von Filmprojekten zu fantasieren, deren Realisierung er in aller Regel schuldig bleibt. Lange Zeit gab es wenig Grund, daran zu zweifeln, dass sein langgehegter Kriegsfilmplan (mal eine Variante von “The Dirty Dozen”, mal ein Remake von “Quel maledetto treno blindato”) ein ähnliches Schicksal erleiden würde. Umso überraschter durfte man sein, als sich die Dinge Anfang 2008 tatsächlich konkretisierten, und wie zum Beweis sogar eine offenbar ungefälschte Drehbuchfassung im Netz kursierte. Doch nicht genug der Sensation: „Inglourious Basterds“, damals offiziell noch mit korrekter Orthographie propagiert, sollte im Wesentlichen auf deutschem Boden gedreht werden, und das, obwohl die Handlung gänzlich in Frankreich angesiedelt ist. Rund sieben Millionen Euro staatliche Filmförderung mögen da ein nicht unwesentliches Argument gewesen sein. Nun muss sich am Boxoffice zeigen, ob sich die Mühe auch in bare Münze auszahlt. Für die zuletzt arg gebeutelte Weinstein Co. jedenfalls könnte Tarantinos Film im Erfolgsfall ein Befreiungsschlag bedeuten.

INGLOURIOUS BASTERDS
Operation Kino: Rage, Revenge und Winnetou.

Die Goldene Palme hätte er verdient gehabt. Meint er. Der Quentin. Nicht, dass er Michael Haneke die Auszeichnung nicht gönnen würde, aber der Große Preis der Jury, der hätte doch zumindest drin sein müssen. Dem Kollegen Jacques Audiard also und dessen Film „Un Prophète“, der stattdessen ausgewählt wurde, gönnt er die Ehre also offenbar nicht. So jedenfalls muss man schließen.

Was Tarantino da der Associated Press erzählt hat, darf man vermutlich nicht allzu ernst nehmen. Irgendwie war halt nicht das Geschenk unter dem Weihnachtsbaum, das er sich gewünscht hatte, und das kann einem schon mal die Feiertage verderben. Als er im Mai nach Cannes eingereist war, die „Inglourious Basterds“ noch brühwarm auf dem Schneidetisch, wurde er nicht müde zu betonen, wie sehr er dieses Festival liebe, dass es für ihn so eine Art Olympiade des Kinos sei, dass es nichts Größeres gebe, als dort seinen Film vorzustellen, und so weiter, und so weiter. Doch ausgerechnet hier, wo er 1994 zum King of Pulp gekrönt wurde, 2004 gar Jurypräsident war, und selbst 2008 mit dem belanglosen „Death Proof“ noch ins offizielle Programm kam, wird sein langgehegtes Lieblingsprojekt einfach übergangen.

Die Reaktion ist dem gemäß die eines enttäuschten Kindes, das anderen Versprechungen unterstellt, und sich dann trotzig abwendet, wenn diese nicht eingehalten werden. So blieb er dann auch der Verleihungszeremonie fern, obwohl sein (heimlicher) Hauptdarsteller dort den größten Triumph seiner bisherigen Karriere feiern konnte. Dass Christoph Waltz darüber hinaus zum Besten gehört, was Tarantinos ebenso lustiger wie unausgewogener Nazikiller-Zirkus zu bieten hat, spiegelt die Jury-Entscheidung im Grunde nur wider. Denn der Film steht und fällt in erster Linie mit dem international bisher völlig unbekannten Österreicher – und umso profunderen Undank bekommt dessen Figur am Ende von ihrem Erfinder. Der größte seiner „Basterds“ ist eben immer noch Tarantino selber.

Eli Roth, Brad Pitt. Inglourious Basterds. Foto: Universal Pictures International Germany GmbH

Wer auch nur am Rande die Vielzahl an Diskussionen, Kampagnen und Interviews seit der Uraufführung in Cannes verfolgt hat, weiß eigentlich schon alles über diesen Film, hat schon alles gesehen und alles gehört. Das Drumherum ist bei Tarantino längst Teil der Postproduktion geworden, denn der Filmemacher ist Kult und Marke in einem. Und da seine Auftritte bisweilen unterhaltsamer sind als alles, was er in den letzten Jahren auf die Leinwand gebracht hat, lohnt es sich immer, seinen kinotrunkenen Selbstvermarktungsmonologen zuzuhören. Verteilt auf unterschiedliche Figuren in einer jener Schlagabtauschorgien, für die der bekennende Cinemaniac bekannt ist, funktioniert das alles mittlerweile nicht mehr so gut wie früher.

In „Death Proof“ suchte man über weite Strecken vergeblich nach jenen Pointen, mit denen sich Tarantinos Dialoge so angenehm von der gängigen Ware abheben, die Hollywoods Drehbuchautoren im Allgemeinen abliefern. Die Nonsens-Gespräche über Popkultur, Gossip und Banalfetischismus, die den übermäßigen Redeanteil in „Resevoir Dogs“ so unverzichtbar machen, wirkten hier selten uninspiriert und beliebig. Hinzu kam, dass die Frauenfiguren, die unablässig vor sich hin quasselten, zu den uninteressantesten Gestalten gehörten, die QT, wie ihn das hippe US-Feuilleton gerne abkürzt, jemals erfunden hat.

„Inglourious Basterds“ hat teilweise ähnliche Probleme und opfert, weil Tarantino bei seinen Dialogen mittlerweile offensichtlich das Ökonomieprinzip abhanden gekommen ist, beinahe einen gesamten Akt (den vierten) dem Prinzip endloser Faselei. Zudem wird – auch das ein Phänomen, das bereits bei „Death Proof“ auf dem Spielplan stand – in einem solchem Maß über Quentins Lieblingsthema, das Kino natürlich, schwadroniert, dass sich so mancher im Publikum ernsthaft ausgeschlossen fühlen mag. Überhaupt vereint der Film Stärken und Schwachen seines Machers, und so erstaunlich die Höhen sind, zu denen er sich bisweilen aufschwingt, so flach geraten die Täler, die man als Zuschauer durchwandern muss.

Am Anfang steht zugleich die stärkste Szenenfolge, und da Tarantino sich selber die Latte so hoch legt, dass er sie unmöglich im Verlauf des Films noch einmal wird überspringen können, ist es verzeihlich, dass die restlichen rund 120 Minuten eine andere Richtung einschlagen. Schon früh konnte man im Netz einen kurzen Eindruck davon bekommen, wie intensiv die Konfrontation eines ehrenhaften französischen Bauern (Denis Menochet) mit SS-Judenjäger Hans Landa (Waltz) ausfällt, doch die insgesamt etwa 20 Minuten Leinwandpräsenz, die der Film den beiden einräumt, übertrifft auch die kühnsten Erwartungen noch mit Leichtigkeit. Landa taucht danach zwar noch zweimal auf, aber die teuflische Bedrohung, die von dieser Figur ausgeht, das perfide Treiben aus makelloser Höflichkeit, zynischer Spielfreude und menschenverachtender Fokussiertheit gehört zur atemberaubendsten Darstellung des Bösen, die es jemals im Kino zu sehen gab.

Landa bündelt Mephisto, Hannibal Lecter und die gut erzogenen Eindringlinge aus Hanekes „Funny Games“ zu einer einzigen Figur. Doch erst mit dem präzisen, erschreckend natürlichen Spiel ihres Darstellers wird sie zum komplexen Zerrbild menschlicher Abgründe. Vielleicht hat Tarantino beim Schreiben bereits geahnt, wie monströs diese Gestalt in den Händen des richtigen Schauspielers werden könnte, und sie deshalb im Verlauf des Films langsam demontiert, so dass am Schluss nichts mehr von ihrem ursprünglichen Schrecken übrig bleibt.

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Col. Hans Landa Collectible Figure - Inglourious Basterds

Diese Praxis ist natürlich Standard bei QT, und sie trifft in der Regel nahezu alle Figuren – jedenfalls die männlichen. Alle werden sie auf ihre Weise früher oder später entlarvt und / oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Der jammernde Stuntman Mike ist dafür nur das offensichtlichste Beispiel. Tarantino erfindet keine geradlinigen Charaktere. Wenn er einen aufrichtigen Soldaten konstruiert, der lieber sterben würde als seine Kameraden zu verraten, dann muss das schon ein judenhassender Nazi sein, der mit einem Baseballschläger zu Brei geschlagen wird. Die Guten prügeln und skalpieren, die Bösen haben exzellente Manieren und Ideale. Man könnte sagen, im Krieg verschwimmen die Grenzen, doch das ist schnell überinterpretiert, denn bei Tarantino gibt es auch sonst nie bloß schwarz und weiß. Kaum eine Figur bleibt, auch bis in die kleinste Nebenrolle hinein, von diesem Prinzip verschont – einzig Hitler (am Rande des Chargierens: Martin Wuttke) und Goebbels (Sylvester Groth, hat einige der besten Pointen), die beiden realen Monster der Geschichte, sind von Anfang an bereits als Witzfiguren angelegt. Doch auch das ist natürlich Demontage, wenn auch nicht filmintern.

Fünf Kapitel strukturieren die Erzählung, und das ist nur einer von vielen Manierismen (andere mögen sagen: Trademarks), die „Inglourious Basterds“ unmissverständlich als Produkt ihres Machers ausweisen. Im Rahmen des einzelnen Films wirken sie manchmal wie Fremdkörper (ein „Kill Bill“-typischer Rückblendeneinschub, der eine einzelne Figur einführt; eine Exkursion über die Brennbarkeit von Filmrollen) im Gesamtwerk aber sind sie sozusagen interfilmische Verweise.

Fünf Kapitel also von unterschiedlicher Qualität, Optik, Gewichtung und Unterhaltsamkeit. Landa wird als unerbittlicher Judenjäger eingeführt, und ein junges Mädchen namens Shosanna (Mélanie Laurent) entkommt seinem Zugriff. Später, in Kapitel Drei, wird sie wiederkehren und ein Kino in Paris leiten. Zwischendurch lernt der Zuschauer die „Basterds“ kennen, einen 9-köpfigen Trupp von Nazijägern (also Landas direkte Antagonisten), angeführt von Aldo Raine (Brad Pitt), dem Apachen, einem Südstaatenlieutnant, der Wert darauf legt, dass seine Soldaten ihre Opfer skalpieren.

In Paris führt die Begegnung Shosannas mit einem gefeierten deutschen Kriegshelden (blass aber passend: Daniel Brühl), der um sie wirbt, dazu, dass die Premiere eines Films über seine Heldentaten in ihrem Kino aufgeführt wird. Ehrengäste: Hitler, Goebbels und andere Mitglieder der Führungsriege. Für Shosanna eine unvergleichliche Gelegenheit – sie will den Event dazu nutzen, sich an den Mördern ihrer Eltern zu rächen und das Kino in die Luft zu jagen. Die Engländer (unter ihnen Mike Myers und Rod Taylor als Winston Churchill!) planen Ähnliches und bringen die „Basterds“ ins Spiel. Das geschieht zu Beginn von Kapitel Drei, und danach heißt es für den Zuschauer: Durchhalten, denn es wird viel geredet, und das ohne Punkt und Komma.

Michael Fassbender, Rod Taylor. Inglourious Basterds. Plakat: Universal Pictures International Germany GmbH

„Inglourious Basterds“ ist Flickwerk und Nummernrevue, aber zugleich auch clevere alternative Geschichtsschreibung. Hätte es seine Figuren tatsächlich gegeben, so wäre das Kriegsende vielleicht verlaufen wie hier – so behauptet es Tarantino ganz ernsthaft und wörtlich, und man mag ihm glauben, dass er das tatsächlich denkt. Vor allem aber gilt: Der Künstler legt sich die Dinge so zurecht, wie sie ihm am besten gefallen – egal, ob das die Schreibweise eines Titels ist oder der Ausgang des Zweiten Weltkriegs. Hier besiegt das Kino die grausame Wirklichkeit, doch mit diesem lustigen, aber nicht unbedingt einer tieferen Reflexion gegenüber offenen Interpretationsfigur mögen sich andere beschäftigen.

Überhaupt lässt sich hier viel an der Deutungsschraube drehen, und die ist vor allem popkulturell und filmhistorisch geprägt. Georg Seeßlen hat gleich ein ganzes Buch über die Besonderheiten dieses Films geschrieben und seinen Macher mal schnell zum „Erlöser mit dem richtigen Maß an Frechheit“ erhoben, der mit der deutschen Hitler-Besessenheit endlich Schluss mache und den Diktator buchstäblich einfach in Stücke zerschießen lasse. So kann man es sehen. Oder auch nicht.

Tarantino wehrt sich zurecht gegen den immer mal wieder erhobenen Vorwurf, er hätte einfach zu viele Filme gesehen, um selber etwas zu produzieren, was nicht in erster Linie wiederum vom Kino handelt. Solange sich seine bunten Zitationsmaschinen problemlos konsumieren lassen, ohne dass man versierter Cineast sein muss, ist das nämlich kein Problem. Im Gegenteil: Wer sich einen Spaß daraus machen will, die Unzahl von Quer- und Längsverweisen nachzuvollziehen, mit denen QT seine Arbeiten schmückt, dem eröffnet sich eine zusätzliche Spielebene. Wo diese aber in den Vordergrund rückt und zum Selbstzweck wird, nimmt Quentins Kino elitäre Züge an.

Wenn die Engländer hinter verschlossenen Türen über einen möglichen Anschlag diskutieren, und dabei die Rolle der UFA ein zentrales Thema wird, nur weil der Ort des Geschehens ein Kino ist, dreht sich der Film um sich selbst. Was ein amerikanisches Publikum zudem wohl von einer mehrminütigen Diskussion über die Herkunft und Nationalität von Winnetou halten mag, kann man sich an fünf Fingern abzählen. Aber auch hier redet Tarantino selbstverständlich nur über das Kino, denn selbst wenn zwischen Kriegsende und dem ersten Leinwandauftritt des tapferen Apachenhäuptlings (daher natürlich auch der Spitzname, den die Deutschen dem amerikanischen Skalpsammler geben) knappe 17 Jahre liegen, kennt jeder gute Durchschnittsnazi den Friedensgruß von Pierre Brice bereits genau.

Diane Kruger, Michael Fassbender. Inglourious Basterds. Plakat: Universal Pictures International Germany GmbH

Nicht weniger zitatenreich gerät wie gewohnt Tarantinos Musikauswahl. Hatte er noch 2007 laut getönt, niemals mit einem Filmkomponisten zusammenarbeiten zu wollen, so war er doch für „Inglourious Basterds“ bemüht, sich die Dienste von Ennio Morricone zu sichern. Es kam nicht dazu. Morricone hatte zwar zugesagt, doch die knappe Terminplanung bis zur Fertigstellung in Cannes kam dazwischen. So gibt es also stattdessen, wie schon zuvor bei „Kill Bill“ und „Death Proof“ einige ältere Titel des Meisters zu hören, doch wie immer beweist Tarantino, dass er entweder keine Ahnung von oder kein Interesse an thematischer Verwendung von Musik hat. Was er auswählt, setzt er ausschließlich punktuell ein, durchaus effektiv (atemberaubend: die Flucht Shosannas vor Landa), jedoch ohne Zusammenhalt stiftende Funktion. So sehen alle Sequenzen, die präzise zur Musik montiert sind, immer verdächtig nach Temp-Tracking aus.

Und doch zeigt gerade seine Musikauswahl immer wieder, wie Tarantino sich Dinge zurecht legt und für seine Zwecke einfach uminterpretiert. Ein besonders raffiniertes Beispiel dafür findet sich im Finale. [See these eyes of green:] Das finale Kapitel beginnt Tarantino im Stil eines Videoclips aus den 80ern mit David Bowies „Putting out Fire“ (aus Paul Schraders „Cat People“ – selbstverständlich auch ein Filmzitat) und nutzt den Text als Regieanweisung. Man fragt sich zunächst mit einigem Recht, wozu eine derartige Doppelung gut sein soll, doch wird man sich wundern, wie weit sich der Bogen des Songs spannen lässt. [I can stare for a thousand years] Während die Clip-Ästhetik nämlich scheinbar die bloße Oberfläche imitiert, und etwa Shosannas grüne Augen zeigt, während die Lyrics von ebensolchen handeln, braucht es das Ende des Kapitels, um zu begreifen, welche Augen hier für tausend Jahre sogar dann noch starren können, wenn ihr Träger längst nicht mehr lebt. Und am Ende ist auch das wieder eine Liebeserklärung an das Kino. [LZ]

Inglourious Basterds. Plakat: Universal Pictures International Germany GmbH

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Lt. Aldo Raine 12-inch Figure - Inglourious Basterds

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2 Antworten zu “INGLOURIOUS BASTERDS | Filmkritik”

  1. Steffen sagt:

    Danke für diese sehr ausführliche und gut begründete Rezension eines Films, welchen ich definitiv für den besten Film 2009 halte. Allerdings muss ich in einigen Punkten widersprechen, da ich zum Beispiel nicht finde, dass die Figur Hans Landas mit jedem neuen Auftreten demontiert wird. Besonders die Szene, in welcher er mit der jüdischen Französin ein Stück Apfelstrudel isst, hat einem einen kalten Schauer über den Rücken gejagt. Auch in dem Moment wo er die deutsche Schauspielerin erwürgt wird einem Angst und Bange…

  2. petra altmann sagt:

    war stephen king im publikum bei operation kino?? Ihr ausführliche stellungnahme ist übrigens nicht schlecht, doch alles in allem finden wir den film hier hervorragend und auch bestens besetzt…

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