HALLOWEEN II (2009) | Filmkritik

18. März 2010

Zeit für altgediente Slasher-Heroen, in aufpolierter Neuinterpretation ein bisschen sicheres Geld in die Kinokassen zu spülen. Während Freddy Krueger für seinen kommenden Auftritt bereits die Scherenhände wetzt und Jason Voorhees im vergangenen Jahr unter der Regie von Marcus Nispel die Hockeymaske wieder aufsetzte, schickte Rob Zombie seine ziemlich eigene Version von Michael Myers fast zeitgleich schon zum zweiten Mal wieder ins blutige Rennen. Von John Carpenters Original ist dabei diesmal noch weniger übrig geblieben als im Vorgänger-Remake. Die Fans in den USA straften die massiven Abweichungen von gewohnten Klischees mit ausbleibenden Kinobesuchen. Dabei hat Zombies Eso-Slasher durchaus seine ganz eigenen Reize.

HALLOWEEN II
Michael Myers is a Family Guy.

Die Keimzelle der Gesellschaft hat im US-Kino schon immer eine eigene Funktion übernommen, und das über eine ganze Weile hinweg gänzlich unangetastet. Als Hort utopischer Harmonie verliert sie ihre Unschuld erst mit Hollywoods Rebellenfilmen, in denen die nachwachsende Generation aufbegehrt und alles zerschlägt, was seit „The Sound of Music“ so gut funktioniert hat. Ein orientierungsloser Teenager namens Jim Stark stellt Mitte der 50er Jahre das festgefahrene Bild des uramerikanischen Familienverbundes mit einem Schlag auf den Kopf und hinterlässt Narben, die bis heute nicht verheilt sind.

Doch dazu wäre es beinahe nicht gekommen, denn noch kurz bevor die erste Klappe fiel, hatte man Bedenken gegenüber einem Film, dessen Grundlage immerhin eine soziologische Studie war, und dem man trotzdem nicht abkaufen wollte, dass Jugendliche sich tatsächlich so verhalten sollten, wie es die Geschichte behauptete – vom Verdacht anti-amerikanischer Umtriebe, mit dem einige der Beteiligten belegt waren, ganz zu schweigen. Es half alles nichts. „Rebel without a Cause“ erwies sich als Psychogramm am Puls der Zeit und machte James Dean zur Projektionsfläche einer ganzen Generation. Danach war nichts mehr wie zuvor, und der Riss, der durch das Idealbild ging, das zuvor von einer jederzeit heilen Welt gekündet hatte, ließ sich unmöglich mehr kitten. Familien funktionierten jetzt allenthalben noch als kriminelle Vereinigungen mit enklavischer Eigengesetzlichkeit (in Coppolas „Paten“-Trilogie), und schlimmstenfalls nährten die zugrundeliegenden Konflikte Kriege von galaktischen Ausmaßen (im „Krieg der Sterne“).

Der amerikanische Horrorfilm sprang mit Vergnügen auf den Zug auf und erklärte besorgten Eltern endlich, warum ihre Kinder ab einem bestimmten Alter einfach austicken und nicht mehr wiederzuerkennen sind – weil sie nämlich entweder vom Teufel besessen sind („Der Exorzist“) oder direkt vom Leibhaftigen gezeugt wurden („Das Omen“). Väter gewannen ihre an die wachsende Emanzipation verlorene Patriarchenrolle zurück, indem sie sich als willige Handlanger für dämonische Mächte erwiesen („The Shining“), und Mütter wurden zu Gebärmaschinen für monströse Embryonen („It´s Alive“), denen sie trotz allem nicht ihre mütterliche Zuwendung verweigerten („Rosemary’s Baby“).

In einer Umkehrung derartiger Verhältnisse erwies sich hingegen gerade der funktionierende familiäre Zusammenhalt als einziges Bollwerk gegen alles Böse, dem ansonsten nicht beizukommen ist („Poltergeist“). Mit diesem überraschend konservativen Konzept reüssierte 1982 (unter Spielbergs arg eng geführtem Regime) ausgerechnet Tobe Hooper, der acht Jahre zuvor mit „The Texas Chainsaw Massacre“ die radikalste und lange Zeit beispielloseste Version eben jener ambivalenten Rolle des amerikanischen Familienidylls abgeliefert hatte. Jene Geschichte einer sadistischen Kannibalensippe irgendwo im Niemandsland löste den Generationenkonflikt auf ganz einfache Weise und verlagerte jene Gewalt, die sich anderorts nach innen richtete, schlicht in die andere Richtung – nach außen nämlich.

In nicht geringem Maß sind Rob Zombies „House of 1000 Corpses“ und dessen Fortsetzung „The Devil´s Rejects“ ausgedehnte Variationen dieses Grundmotivs. Der entscheidende Schritt über das Vorbild hinaus lag dabei – jedenfalls bei „Rejects“ – in der verstörende Tendenz zur Identifikation mit einem Figurenensemble, das seinen rückhaltlosen Sadismus völlig unschuldigen Opfern gegenüber auslebt und trotzdem eine liebende Familiengemeinschaft darstellt. Doch ging es weniger darum, irgendeine Form der Balance zu finden, als vielmehr die permanente Unsicherheit des Zuschauers seiner eigenen Haltung gegenüber sicherzustellen.

Vor diesem Hintergrund musste es wenig wundern, dass Zombie (der sein arg plakatives Pseudonym bekanntlich dem Horrorklassiker „White Zombie“ verdankt) in seinem „Halloween“-Remake mehr Wert auf die familiäre Vorgeschichte von Maskenmörder Michael Myers legte als auf eine zeitgemäße Nachinszenierung des Originals von 1978. Bevor die Geschichte im bekannten Fahrwasser von John Carpenters Vorstadtslasher landete, setzte Zombies Version erst einmal ausführlich auf den derzeit so beliebten Prequel-Faktor und warf einen ausgedehnten Blick auf die wenig rosige Kindheit der bis dato völlig gesichtslosen Figur. Dass er ihr damit zugleich auch im Wesentlichen jeden Schrecken raubte, störte offenbar niemanden, denn eine breite Fanbase sorgte dafür, dass die Kassen ausgiebig klingelten. Mit der Fortsetzung gelang dies nicht, und das hat seine guten Gründe – auch und vielleicht gerade, weil „Halloween II“ der bessere Film ist.

Die Geschichte schwimmt sich frühzeitig frei von allen Vorgaben der Serie und geht ihre eigenen Wege. Ein Remake des originalen Sequels ist Zombies Version lediglich in der ersten Viertelstunde. Was folgt, ist eine durchweg unbeeinflusste Annäherung an den Stoff, die einiges versucht, was den eingefleischten Fans kaum gefallen kann. „Family is forever“ stellt das US-Plakat dem Film als Tagline voran, und genau darum geht es: Familienzusammenführung. Schon im Vorgänger hatte Zombie ein Motiv der Serie aufgegriffen, das eigentlich erst aus der Fortsetzung von 1981 stammt. Laurie Strode nämlich, jene Figur, mit der sich Jamie Lee Curtis einst selber zur Scream-Queen qualifizierte, ist in Wahrheit die Schwester des Maskenmörders. An ihre Fersen heftet er sich nach seinem Ausbruch aus der Psychiatrie. Doch warum eigentlich?

Frühzeitig erscheint ihm, einen edlen Schimmel an ihrer Seite, die Vision seiner toten Mutter, einer seltsam weißen Traumgestalt irgendwo zwischen Gandalf und Lady Gaga. Wer an dieser Stelle bereits glaubt, im falschen Film zu sein, hat vermutlich Recht, denn mit seinen Vorgängern hat Zombies Eso-Slasher nicht sonderlich viel zu tun, und das ändert sich auch später nicht mehr. Der erwachsene Michael erweist sich schnell als bloßer Handlanger seiner eigenen kindlichen Parallelexistenz, dessen Aufgabe es ist, die verlorene Schwester zurück in den Familienverbund zu führen – auf dass alle drei im Jenseits glücklich wiedervereint werden (eine Idee, die Kubrick in ähnlicher Form interessanter Weise einmal für „The Shining“ vorgesehen hatte).

Halloween 2

Aber auch sonst haben sich die Figuren merklich gewandelt. Laurie, zuvor ein Vorzeigeexemplar amerikanischer Collegegirl-Tugenden, verarbeitet ihre traumatischen Erlebnisse als Grunge-Hippie mit Alice-Cooper-Postern an der Wand und jeder Menge Filz in den Haaren. Dr. Loomis, früher in der Gestalt von Donald Pleasence der Fels in der Brandung aller „Halloween“-Beiträge, hat sich zum arroganten Bestsellerautor entwickelt, der das Phänomen Michael Myers gnadenlos ausschlachtet und dabei selber in gewissem Sinn über Leichen geht. Angenehm widerlich legt Malcolm McDowell seine Figur an, verkneift sich aber merklich den entscheidenden Schritt zur Parodie, denn Loomis bloßzustellen bleibt dem Film selber vorbehalten. Der tiefe Fall des aufrechten Helden der Serie gehört dabei zu den überraschendsten und sehenswertesten Wendungen, die sich Zombie hier ausgedacht hat.

Es muss einen nicht wundern, dass dieses Sequel für ein breites Publikum in keinster Weise funktioniert hat. Einem ansehnliches Startwochenende in den USA folgte rasch ziemlich schlechte Mundpropaganda, und im Hinblick auf die Erwartungshaltung des Zielpublikums ist das kaum erstaunlich. Es mag eine Reihe klassischer Slasher-Sequenzen geben, doch die gehören mehr zum Pflichtprogramm des Films und sind im Grunde bloßes Beiwerk. Was Zombie hier versucht, hat mit der Serie wenig zu tun und manövriert deutlich an ihren Zuschauern vorbei. Seine Ansätze sind allesamt interessant und gewinnen beim wiederholten Ansehen merklich an Schlüssigkeit, doch Michael Myers im Dienst jenseitiger Familienseligkeit – das ist doch zu starker Tobak für den durchschnittlichen Slasher-Fan.

In Deutschland wurde „Halloween II“ wiederholt der FSK vorgelegt und erst nach (zum Teil gut sichtbaren) Schnittauflagen freigegeben. Insgesamt fehlen im Vergleich zum amerikanischen Director´s Cut etwa acht Minuten. Die mögen allesamt zwar in etwa so verzichtbar sein wie die zeitschindenden Extras der Doppel-DVD, ob der volljährige Zuschauers hierzulande aber tatsächlich einer derartigen Bevormundung bedarf, müssen sich die Verantwortlichen schon fragen lassen. [LZ]

Halloween 2

[Abbildungen Sunfilm Entertainmanet / Tiberius Film]

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