G.I. Joe – Geheimauftrag Cobra | Filmkritik

14. August 2009

G.I. Joe - The Rise of Cobra

Ob es die kinderfreundlichen Spielfiguren von Playmobil jemals nach Hollywood schaffen, darf man getrost bezweifen. Andererseits sorgte die Meldung, dass selbst Lego-Steine demnächst offenbar als Filmstoff zum Einsatz kommen, für genügend Kopfschütteln, um sich nahezu alles vorstellen zu können, was die kinotaugliche Verwertung von beliebten Utensilien aus dem Kinderzimmer betrifft. Im Fall der tapferen Action-Helden von „G.I. Joe“ jedenfalls haben sich alle Beteiligten – zumindest in finanzieller Hinsicht – nichts vorzuwerfen.

Die Jungs bei Paramount sind echte Witzbolde. Weil das Ungleichgewicht zwischen Kritiker- und Zuschauerreaktion im Fall von „Transformers – Revenge of the Fallen“ kaum größer hätte ausfallen können, hat man sich in den USA die überflüssige und im Grunde auch ziemlich lästige Antiwerbung, die negative Presse mit sich bringen kann, für die ähnlich gelagerte Spielzeugverfilmung um harte Kämpfer in schicken Uniformen einfach mal gespart und die Parasiten von der Schreibfront außen vor gelassen. Für die großen Studios ist die Filmkritik eben nur noch ein verlängerter Arm der Marketingabteilung, und wenn der Effekt ohnehin gleich Null ist, warum dann noch Aufwand betreiben?

Ökonomisch betrachtet hat ein solches Vorgehen durchaus seinen guten Sinn, und für geringer budgetierte Schlachtplatten aus dem Slasher-Umfeld ist Derartiges schon lange gängige Praxis, bei einem Blockbuster wie „G.I. Joe – Geheimauftrag Cobra“ jedoch ein Novum, das vermutlich Schule machen wird. Das anvisierte Publikum liest ohnehin keine Kritiken und sucht sich seine Empfehlungen lieber in den einschlägigen sozialen Netzwerken und Blogs. Dem gemäß gab es dann doch ein paar Privilegierte, die vorab einen Blick auf den Film werfen durften. Dabei achtete man allerdings peinlich genau darauf, wer hier nützlich sein könnte (also mit großer Wahrscheinlichkeit positiv schreiben würde), und wer eben nicht. Multiplikatoren wurden gesucht, keine Kritiker.

Über die Qualität des Films sagt das zunächst einmal rein gar nichts aus, wohl aber eine Menge über diejenige Bedeutung, die Kulturkritik aus Sicht der US-Studios für ein Blockbuster-Publikum hat: Keine nämlich. Schnell ist man versucht, die Schuld ganz auf die Verantwortlichen abzuwälzen, aber vielleicht liegt das Problem auch zu einem nicht unbedeutenden Teil auf Seiten der Filmkritik selber. Bevor die Welle auch hierzulande ankommt, ist für so manche Feuilleton-Redaktion jedenfalls derzeit noch genügend Zeit, den Gedanken bestenfalls nicht einfach so von sich zu weisen.

Rachel Nichols

Zu denjenigen, die kein Stück interessiert, was die Kritiker zu sagen haben, gehört neben dem Studio und dem Zielpublikum vor allem auch Spielzeughersteller Hasbro, der offenbar ganz gehörig Blut geleckt hat. Man mag sich lieber nicht vorstellen, wie groß die Stückzahl an Transformern ist, die seit dem ersten Film, und nun erst recht nach dem zweiten zusätzlich über die Ladentheke gegangen sind – von Lizenzgeldern für allerhand weiteres Merchandising ganz abgesehen. Nicht anders wird es im Fall von „G.I. Joe“ aussehen, und eine spezielle Movie-Edition der Elitetruppe ist selbstverständlich längst erhältlich.

Nun hat man sich wohl gedacht, was mit Actionfiguren gut funktioniert, kann mit anderem Spielgut aus dem Unternehmensbestand wohl kaum schlechter laufen – zum Beispiel Brettspielen. Wer es nicht glaubt: Ridley Scott arbeitet bereits an einer Filmversion von „Monopoly“. Und wem bei dem Gedanken gerade der Zauberwürfel (Hersteller – na wer wohl?) aus der Hand gefallen ist, sollte sich darüber im Klaren sein, dass Hasbro auch die Rechte an „Scrabble“ hält. Außerdem „Trivial Pursuit“ (ideal für ein US-Remake von „Slumdog Millionaire“), „Taboo“ (Zotenhumor mit Adam Sandler) und „Play-Doh“ („The Blob“ für das neue Jahrtausend). Also bitte.

Hasbro gehört neben Marvel ganz klar zu den Gewinnern unter den Seiteneinsteigern im Blockbusterkino. Was seitens der Computerspieleindustrie bisher nur sehr eingeschränkt funktioniert hat, nämlich den eigenen Produkten eine passende filmische Form zu verpassen, führt hier zu ganz beachtlichen Erfolgen. Marvel war es irgendwann leid, an den Leinwandversionen ihrer Hausmarken nur marginal mitzuverdienen, und so entschloss man sich 2007, einfach selber als Studio aufzutreten. Wenig später belegte „Iron Man“ in aller Deutlichkeit, dass diese Entscheidung goldrichtig war – selbst wenn seitdem keine der sonstigen Eigenproduktionen („The Incredible Hulk“ oder gar „Punisher: War Zone“) an den Siegeszug des Mannes im Stahlkostüm anschließen konnte.

Übrigens Stahlkostüm: Stark Industries scheinen offensichtlich auch die Eliteeinheit auszustatten, die unter dem Decknamen „G.I. Joe“ operiert. Beweis: Eine mechanische Rüstung mit dem ebenso beliebigen wie nichtssagenden Namen Delta-6 erlaubt seinem Träger, mal schnell mit 100 km/h voranzuspurten oder in kugelsicheren Siebenmeilenstiefeln größere Schritte zu machen als King Kong und der Marshmellowman zusammen. Dass der „flexible, aus einer metallischen Mehrkomponentenlegierung bestehende Anzug“ (O-Ton deutsches Presseheft, das angesichts derartiger Anpreisungen eher wie ein Bestellkatalog für die US-Army anmutet) zudem mit allerlei Schusswaffen ausgestattet ist, versteht sich von selbst.

Aber auch sonst bedient sich die erwartungsgemäß äußerst CGI-lastige Actionfantasie von Stephen Sommers („Die Mumie“) ungeniert hier und dort. Eine zerstörerische neue Superwaffe, die in der Lage ist, ganze Städte dem Erdboden gleichzumachen, und in gewissem Sinn als MacGuffin der Geschichte fungiert, verkauft sich zwar als „programmierbare Nanotechnologie“, bei der „[j]eder Sprengkopf … sieben Millionen Nanomilben (enthält), mikroskopisch kleine Roboter, die gemeinsam ihre Aufgabe auf molekularer Ebene ausführen“ (so jedenfalls erklären es erneut die Quantenmechaniker aus der PR-Abteilung von Paramount), in Wahrheit haben die Waffenexperten von MARS Industries (Military Armaments Research Syndicate) jedoch einen Pakt mit Klaatu, dem außerirdischen Besucher aus „The Day the Earth stood still“ geschlossen und ihm die Baupläne für dessen Erdzerstörungstechnologie abgekauft. Oder vermutlich eher abgeluchst, denn hinter MARS verbirgt sich – das weiß der Zuschauer, sobald er das erste Mal in die grimmigen Augen des Konzernvorstandes James McCullen blickt (Christopher Eccleston mit forciertem schottischen Akzent) – eine ziemlich größenwahnsinnige Terrororganisation.

Deren eigentliches Mastermind ist jedoch ein anderer, und der geht möglicherweise mit dem Gedanken schwanger, sich langfristig seinen eigenen Todesstern zu bauen. Jedenfalls hat es „The Doctor“ etwas arg ernst genommen mit seiner Bewunderung für einen anderen Allmachtsfantasten der Filmgeschichte. Von Verbrennungen vollkommen entstellt, trägt er beständig eine Atemmaske, welche die untere Hälfte seines Gesichtes gänzlich verdeckt, und ihn deshalb nicht nur aussehen, sondern auch noch röcheln lässt wie – tja, wer wohl?

Dennis Quaid | G.I. Joe - Geheimauftrag Cobra (G.I. Joe - The Rise of Cobra)

G.I. Joe - Geheimauftrag Cobra

Ansonsten ist dieser Film vor allem eine Art Ensemble-Bond im Umfeld von „Moonraker“ und anderen 007-Spektakeln aus der Pre-Craig-Ära, bei denen der Gegenspieler für gewöhnlich in riesigen unterirdischen Kampfstationen daran arbeitete, die Welt wahlweise zu beherrschen oder zu zerstören. Bei MARS ist es wohl eine Mischung aus beidem, und an die Stelle des Lieblingsspions seiner Mäjestät tritt eine vergleichsweise disparate Gruppe von Elitekämpfern, die von einer geheimen, ultramodern ausgestatteten Gefechtsstation aus operieren. Q bleibt hier zwar gesichtslos, entwickelt aber äußerst fleißig ein absurdes Kriegsspielzeug nach dem anderen: Eine Armbrust, die Laserpfeile schießt, flüssige Rüstungen, unsichtbarmachende Tarnanzüge und anderes mehr – Spielzeuge, an denen angeblich längst auch reale US-Militärexperten herumbasteln. Denn schließlich ist die Geschichte in der nahen Zukunft angesiedelt, und da soll aus Sicht der Macher alles eben möglichst realistisch aussehen.

Realistisch ist ansonsten allerdings so ziemlich das letzte Attribut, das man diesem Film zuordnen würde. Aber wozu auch? In erster Linie bietet „G.I. Joe“ rasantes, explosionslastiges, buntes und niemals ideenloses Entertainment, das sich auf der großen Leinwand gut macht. Die einzelnen Figuren bringen ihre Historie aus den Comics mit, die seit 1982 auch den Gegner „Cobra“ kennen, sowie einer TV-Serie aus den 80ern. Immerhin verhilft diese Tatsache einigen Charakteren zu einer gemeinsamen Vergangenheit, die sich in Form von Rückblenden immer wieder in die rastlose Action der Haupthandlung einfügen und der ganzen Sache so doch zumindest eine gewisse Ration Identifikationsfutter unterjubeln.

Schauspielerisch ist das alles selbstverständlich eher eine Dehnübung. Die meisten Darsteller fallen nicht wirklich sonderlich auf. Sienna Miller ist bereits damit ausgelastet, sich in ihrem hautengen Ganzkörperkostüm möglichst geschmeidig zu bewegen, Dennis Quaid chargiert, als gäbe es kein Morgen, und Channing Tatum entscheidet sich geradewegs für die entgegengesetzte Richtung: Er spielt einfach gar nicht. Dass der US-Präsident in diesem Film übrigens das Klischee des weißen (nicht unbedingt weisen, aber vor allem eben nicht farbigen) elder Statesman bedient (Jonathan Pryce, war sowohl schon mal Bond-Gegner als auch Regierungschef – wenn auch von Argentinien), hat seinen guten Grund und liefert eine durchaus sehenswerte Pointe. Aber für die muss man schon bis zum Ende durchhalten. [LZ]

OT: G.I. Joe – The Rise of Cobra (USA 2009). REGIE: Stephen Sommers. BUCH: Stuart Beattie, David Elliot, Paul Lovett. KAMERA: Mitchell Amundsen. MUSIK: Alan Silvestri. DARSTELLER: Channing Tatum, Christopher Eccleston, Arnold Vosloo, Sienna Miller, Rachel Nichols, Joseph Gordon-Levitt, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Jonathan Pryce, Dennis Quaid, Ray Park. LAUFZEIT: 118 Minuten.

G.I. Joe - Geheimauftrag Cobra | Filmplakat

[Abbildungen: Paramount Pictures Germany]

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