DISTRICT 9 | Filmkritik

21. September 2009

District 9

Nicht New York, Washington oder eine andere US-Metropole haben sie sich ausgesucht. Nein, die Außerirdischen sind entgegen aller Blockbuster-Logik ausgerechnet über Johannesburg gestrandet. Was zunächst ausgesehen haben muss wie eine Invasion (denn so kennt man es ja schließlich aus dem Kino), erweist sich tatsächlich als banaler technischer Defekt. Orientierungslos und geschwächt findet eine militärische Abordnung die wenig attraktiven Besucher aus dem Weltall in ihrem fluguntauglichen Spacemobil vor. Kein Angriffsplan, keine Waffen, keine Kriegserklärung. Was also tun? Die südafrikanische Regierung setzt auf eine bewährte Karte: Ghettobildung. Flugs schafft man die ungebetenen Gäste in ein unbewohntes Township und riegelt sie vom Rest der Bevölkerung ab.

Zwei Jahrzehnte später hat sich die Lage nicht gerade verbessert. Bei den Aliens ist der Alltag von Armut und Beschaffungskriminalität bestimmt. Fragt man die Menschen auf der Straße, so wollen sie die Flüchtlinge am liebsten los werden. Und genau das liegt nun in privater Hand. Die MNU – ein multinationaler Waffenkonzern – leitet die Umsiedlung der Extraterrestrials ein. Hauptsache raus aus der Stadt, lautet das Ziel. Mit jeder Menge Formularen, bürokratischer Attitüde und schusssicheren Argumentationshilfen zieht man los. Doch ein unerwarteter Zwischenfall verschiebt den Fokus rasch, und aus der Alienlandverschickung wird eine gnadenlose Jagd.

District 9

Es gibt überhaupt keinen Grund, hier länger nach Alternativen zu grübeln, denn dies ist mit Abstand die originellste Geschichte, die es 2009 bisher ins Kino schaffte. Und das Beste daran: Der Film selber ist es auch. Begeistert stürmten genügend US-Zuschauer in die Kinos, um dafür zu sorgen, dass sich die Produktionskosten bereits am Startwochenende amortisierten. Bei einem Budget von 30 Millionen Dollar, das für Hollywood-Verhältnisse geradezu lächerlich gering anmutet, mag das zwar etwas leichter machbar sein als in anderen Fällen, bedenkt man aber, dass „District 9“ völlig ohne große Namen auskommt und lediglich mit Produzent Peter Jackson hausieren gehen konnte, ist das mehr als beachtlich. Eine exzellente Mund-zu-Mund-Propaganda hielt den Film auch in den Folgewochen konstant aufrecht und wird ihn bei der DVD-Auswertung mit ziemlicher Sicherheit gänzlich durch die Decke gehen lassen. Selten genug, dass man allen Beteiligten ihren Erfolg derart reinen Gewissens gönnen kann.

Mit einer beneidenswert cleveren viralen Kampagne war im Vorhinein für genügend Aufmerksamkeit gesorgt worden, um das Zielpublikum in sichere Zuschauer zu verwandeln. Doch im Gegensatz zu früheren Fällen, bei denen die Online-Communities im Vorfeld ordentlich aufgeheizt worden waren, hatte der Film selber keinerlei Schwierigkeiten, die geweckten Erwartungen auch vollends zu erfüllen. „Cloverfield“ etwa konnte dank des großen Vorab-Hypes zwar gute Zahlen einpielen, hinterließ zugleich aber auch einen fahlen Nachgeschmack. Zu dünn war die letztlich x-fach erzählte Geschichte, und der formale Trick, alle Ereignisse ungeschnitten und in Echtzeit von einem der Protagonisten mit dem Camcorder aufzeichnen zu lassen, zeigte schnell Abnutzungserscheinungen und grenzte die Möglichkeiten der Erzählung stellenweise arg ein. „Snakes on a Plane“ hingegen erzielte im Rahmen der Kampagne zwar ungeheure Aufmerksamkeit, erwies sich aber am Ende als derart belanglose Angelegenheit, dass kaum einer bereit war, sein hart verdientes Geld auch an die Kinokasse zu tragen.

District 9

Anders hier. Klug nutzte man Grundkonstelltation wie ästhetisches Konzept des Films und machte beides zum Teil der Kampagne. Über das erste Drittel hinweg erweist sich „District 9“ nämlich als perfekt orchestrierte Collage aus Dokumentation und Industriefilm. Fragmente aus (realen) Straßeninterviews, (realen) Fernsehnachrichten und (fiktiven) Videoaufzeichnungen setzen die Geschichte solange zusammen, bis sie sich von ihrer Formvielfalt löst und in die klassische Narration übergeht.

Im Web sorgte das bereitgestellte Material für den durchschaubaren, aber trotzdem wirksamen Effekt einer vorgegaukelten Nachrichtenlage. User konnten ihre eigenen Statements zur Alien-Plage abgeben und taten dies auch ebenso fleißig wie einfallsreich. Der Witz dabei: Wenn sich im Film Passanten zu den Gästen aus dem All äußern (und das durchweg negativ), dann ist das in den meisten Fällen keineswegs gespielt. Filmemacher Neill Blomkamp und sein Team nämlich hatten die Menschen nach ihrer Haltung zu Flüchtlingen aus Zimbabwe befragt. Die Reaktionen waren eindeutig.

Das Prinzip entstammte einem rund 6-minütigen Kurzfilm von 2005. „Alive in Joburg“ ist für „District 9“ rückblickend eine Art Miniatur-Pilot. Blomkamp hatte dort bereits die Grundkonstellation vollständig ausgearbeitet und in die Form eines satirischen Blicks auf die Flüchtlingspolitik seines Heimatlandes gegossen. Eine Verlegung der Handlung in das Jahr 1990, als Apartheid noch zum Alltag gehörte, bot zudem Raum für eine offensichtliche Metapher.

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2009 sind die Voraussetzungen nicht unbedingt rosiger. Die Schwarzen im Alien-Ghetto sind in Banden organisiert und handeln mit allerlei Hehlerware – Waffen und Lebensmittel an erster Stelle. Die Not der außerirdischen Flüchtlinge ist eine sichere Einnahmequelle, und da sie vor allem Katzenfutter zu sich nehmen (demzufolge also nicht vom Planeten Melmac stammen, wo man bekanntlich lieber die Tiere selber verspeist), fällt die Beschaffungslage auch nicht sonderlich schwierig aus. Moralisch fragwürdig ist aber auch sonst praktisch jeder in diesem alternativen Johannesburg.

Die MNU hat wenig Interesse an den Aliens selber, weiß allerdings, dass deren Waffen exzellente Handelsware und noch besseres Kriegsmaterial abgäben – würde man sie nur aktivieren können. Der Leiter ihrer Umsiedlungsmaßnahme, Wikus van der Merwe (ein Gesicht, das man sich merken muss: Sharlto Copley), sieht in seinem Auftrag eine große Karrierechance und ist deshalb nicht gerade zimperlich mit den Deportationsopfern. Und die Bürger in den Straßen – nun ja, wie gesagt: Zimbabwe („Prawns“ nennen sie die Flüchtlinge from Outer Space abwertend, und denken dabei möglicherweise nicht von Ungefähr an den diplomlosen Mediziner Dr. John Zoidberg aus „Futurama“).

Die Konstellationen sind also alles andere als eindimensional, und Blomkamp nutzt sie speziell im ersten Drittel für eine treffsichere Satire auf die Mechanismen bürokratisch ausgefochtenen Rassismus. Dass die Aliens nach zwanzig Jahren dabei nicht nur namenstechnisch eingebürgert wurden, sondern auch den Gesetzen des Landes unterworfen sind und ihrer Umsiedlung deshalb per Unterschrift zustimmen müssen, ist ebenso amüsant wie absurd.

District 9

Nach und nach nimmt die Geschichte dann jedoch dramatischere Formen an und nutzt die Genre-Optionen eines Fluchtdramas mit durchaus tragischer Komponente. Mancher hat dem Film diese Entwicklung übel genommen und ein Zugeständnis an kassentaugliche Konventionen unterstellt. Man kann das aber auch ganz anders sehen und Blomkamp dazu gratulieren, dass er den Grundgedanken des Kurzfilms in eine funktionierende Erzählung überführt hat. Die Entwicklung, die „District 9“ ab dem zweiten Drittel nimmt, findet ihre direkte Entsprechung zudem im Schicksal ihrer Hauptfigur. Wie weit das führt, kann nichts deutlicher zeigen als jene traurig-schöne letzte Einstellung vor der Abblende, die den Film so schlüssig zu Ende bringt, dass man eigentlich lieber auf die zu erwartende Fortsetzung verzichten würde.

Ursprünglich war Blomkamp übrigens für Peter Jackson geplante Verfilmung der Videospielserie „Halo“ im Gespräch. Das Projekt wurde zwischenzeitlich auf Eis gelegt, doch der ehemalige Clip- und Werbevideo-Regisseur hatte seinen Fuß bereits weit genug in der Tür, um sein Langfilmdebüt trotzdem durchsetzen zu können. Mithilfe von Jacksons WETA-Studios erhielten seine Aliens beeindruckendes Leben und wurden perfekt animiert, ohne jemals aufgesetzt zu wirken.

Der eigentliche Erfolg liegt jedoch in der Abweichung von gängigen Genre-Mustern. Blomkamp vermeidet alle Klischees bekannter Alien-Filme und lässt doch zugleich das kollektive Wissen um die üblichen Mechanismen für sich arbeiten. Die Außerirdischen sind ebenso friedlich wie (hässlich und) nutzlos. Ihre Technik ist der Zeit weit voraus, aber einsetzen lässt sie sich nicht. Ihre Anpassung an irdische Verhältnisse verläuft ganz automatisch – sie werden kriminell. Und ganz nebenbei: Wer hätte gedacht, dass einmal eine erwachsene Variante von E.T. und Elliott den Weg auf die Leinwand schaffen würde? [LZ]

OT: District 9 (USA/NZ/CA/ZA 2009) REGIE: Neill Blomkamp. BUCH: Neill Blomkamp, Terri Tatchell. KAMERA: Trent Opaloch. MUSIK: Clinton Shorter. DARSTELLER: Sharlto Copley, Louis Minnaar, Jason Cope, Nathalie Boltt, Sylvaine Strike, Jed Brophy, Stella Steenkamp. LAUFZEIT: 112 Min.

District 9

[Abbildungen © Sony Pictures]

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