DIE PÄPSTIN | Filmkritik

24. Oktober 2009

Die Päpstin

Ob die Legende der Johanna von Ingelheim zu denjenigen Geschichten gehört, die Günter Wallraff als Kind vorgelesen bekommen hat, ist nicht bekannt. Sollte an dieser kaum vorstellbaren, bereits 1972 einmal mit Liv Ullmann in der Hauptrolle verfilmten Episode der christlichen Kirchenhistorie aber tatsächlich etwas dran sein, so müsste sie dem unermüdlichen Verwandlungsjournalisten (dessen neueste Maskerade bemerkenswerter Weise zum gleichen Zeitpunkt in den deutschen Kinos gestartet ist wie Sönke Wortmanns Klerikaldrama) doch einiges an Respekt einflößen. Ähnliches lässt sich von der reich ausgestatteten Constantin-Produktion nur eingeschränkt sagen.

Filmkritik: DIE PÄPSTIN

Am 23. Juli 2007 hätte Volker Schlöndorff vielleicht lieber die Klappe halten sollen. Der Zeitpunkt jedenfalls war in strategischer Hinsicht ziemlich ungünstig gewählt, um sich schwarz auf weiß kritisch mit dem leidigen, sehr deutschen Thema des Amphibienfilms auseinander zu setzen – jenem Hybriden also, der naturgemäß, zwecks Abschöpfung der passenden Fördertöpfe, zunächst im Kino und dann noch einmal als ausgedehnter Mehrteiler im Programm der beteiligten öffentlich-rechtlichen TV-Sender ausgewertet wird. Man mag nun von Schlöndorff halten, was man will, vieles jedoch, was er im betreffenden, wenig diplomatischen Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung zu sagen hatte, ist aus Perspektive des Filmemachers durchaus relevant und ließ die Verantwortlichen nicht gerade in schmeichelhaftem Licht dastehen. Der Constantin, die hier implizit dazugehörte, schmeckte diese Sicht der Dinge gar nicht, und so konnte Schlöndorff schon wenige Tage nach Erscheinen seines Klartextanfalls mit verletztem Stolz und jeder Menge Trotz eine anvisierte Vertragskündigung des bisherigen Produktionspartners an seinen Email-Verteiler weiterleiten (auch nicht gerade die feine Art). Beißt man die Hand, die einen füttert? Klugerweise eher nicht.

Dabei hatte Schlöndorff das gemeinsame Projekt, an dem er selber bereits seit Jahren arbeitete, vermutlich bewusst außen vorgelassen, um den Angriff möglichst neutral zu halten. Genützt hat es ihm nichts. Die verantwortliche Redaktion benahm sich nämlich so, als sei sie vorübergehend dem Springer-Verlag unterstellt worden, witterte Sprengstoff und nannte „Die Päpstin“ im Einleitungstext explizit als möglichen nächsten Kandidaten für besagte strittige Amphibienauswertung. Der Eklat war nicht mehr aufzuhalten, und so hieß es an die Adresse Schlöndorffs kurz darauf „Ein ‚offizielles’ Kündigungsschreiben erhältst Du kurzfristig.“

Die eigentliche Pointe liegt aber ganz woanders. Der Film nämlich, um den es da geht, und den nun stattdessen Sönke Wortmann gedreht hat, handelt im Kern genau von eben solchen Obrigkeiten und Machthabern, die sich nicht kritisieren lassen und auf Abweichler, die ihre Gesetze in Frage stellen, ausschließlich mit Gewalt und Unterdrückung reagieren können. Das sollte sich jeder, der auch nur im Ansatz über mögliche kirchenkritische Tendenzen in dieser Produktion aus dem Hause Constantin nachdenkt, tunlichst vor Augen führen.

Im offiziellen Pressematerial spart man die Einzelheiten der heiklen Episode nun lieber aus und unterschlägt zudem auch gänzlich, dass die (berechtigterweise) vielgelobte Johanna Wokalek als Hauptdarstellerin lange Zeit überhaupt nicht zur Diskussion stand, sondern vielmehr erste Wahl immer Franka Potente war, an der man auch nach der vertraglichen Trennung von Schlöndorff festgehalten hatte. Stattdessen heißt es nun: „Viele Namen, auch die internationaler Stars, waren zeitweilig in der Diskussion; relativ rasch jedoch kam Johanna Wokalek in die Favoritenrolle.“ Als dann auch noch die internationalen Partner (also Geldgeber) von dem Gedanken angetan waren, die Hauptrolle mit einer Deutschen zu besetzen, sei die Entscheidung schließlich gefallen. – Geschichtsklitterung ist eben schnell mal in Gang gesetzt, wenn sie dazu dient, den eigenen Interessen den Rücken freizuhalten – in diesem Fall der Vermarktung der mit großem Aufwand beworbenen Verfilmung des laut ZDF zehntbeliebtsten Buches der Deutschen. Übrigens ist das öffentliche Stillschweigen über unliebsame Ereignisse ein weiteres zentrales Thema der „Päpstin“. Ein bisschen Realsatire ist die ganze Episode also durchaus und im Grunde klassischer Dietl-Stoff.

Auf der anderen Seite hat die Produktionsgeschichte mit ihren beiden entscheidenden Neubesetzungen (Wortmann und Wokalek) am Ende vermutlich den besseren Film hervorgebracht – oder auch einfach nur den angemesseneren. Die Geschichte, wie sie die Romanvorlage der amerikanischen Sachbuchautorin Donna W. Cross rund um die Legende der Johanna von Ingelheim strickt, ist in erster Linie fabulierter Historienkitsch, der (zumindest in dieser Form) näher am Märchen ist als an geschichtlichen Tatsachen. Für Schlöndorff mag die Versuchsanordnung, die der Roman auch darstellt, vermutlich am interessantesten gewesen sein, und genau da liegt zugleich das entscheidende Argument für die schließlich zustande gekommene Version. Denn in Wortmanns Fassung mag man zwar angesichts der zahlreichen Zufälle und Unglaubwürdigkeiten (also: Fügungen), die den Aufstieg einer einfachen Frau im neunten nachchristlichen Jahrhundert in eine sonst nur den Männern vorbehaltene Bildungswelt und schließlich auf den Papstthron ermöglichen, beständig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wollen, dem glänzenden Unterhaltungseffekt tut derartiger Nonsens aber keinen Abbruch – denn packend erzählt ist der Film allemal. Wie dröge und kommerziell unauswertbar die Sache hingegen unter Schlöndorff ausgefallen wäre, kann man sich an fünf Fingern abzählen.

Eine wenig wohlwollende Interpretation der Produktionsgeschichte könnte vor diesem Hintergrund auf den Gedanken kommen, jener fatale Beitrag in der Süddeutschen sei doch vielleicht auch nur ein willkommener Auslöser für die Trennung der beiden Parteien gewesen, denn um einen vergleichbaren Ersatz für den geschassten Regisseur hat man sich offenbar kaum bemüht – künstlerisch weiter voneinander entfernt als Schlöndorff und Wortmann jedenfalls können hiesige Filmemacher kaum sein (wer sich den Mund wässrig machen will, kann sich ja einmal ausmalen, was aus dem Stoff geworden wäre, hätte ihn Werner Herzog in die Finger bekommen).

„Die Päpstin“ ist ein manchmal etwas arg melodramatisch geratener Ausstattungsfilm geworden, der sich alle Mühe gibt, auf dem internationalem Markt verkaufbar zu sein. Und das ist gar nicht einmal negativ gemeint. Die Geschichte ist auf den Effekt hin aufbereitet, ihre Figuren sind leicht verständlich, da überaus eindimensional, und ihre Optik macht einiges her: Im Jahr 814 wird Johanna geboren, und die Reaktion des Vaters, eines strengen Dorfpriesters (und unbelehrbaren Abziehbildes), macht mit einem Mal klar, dass Frauen in diesen Zeiten neben dem Kinderkriegen keine Bedeutung haben. Doch das Mädchen erweist sich als überaus begabt, lässt sich vom Bruder heimlich das Lesen der Bibel beibringen und überzeugt sogar den herbeigereisten Leiter der Domschule so sehr, dass wenig später der Bischof von Mainz sie persönlich an die Scola beruft. Misstrauen, Neid und Hass werden ihr überall entgegen gebracht, doch Johanna trägt es mit Würde. Die Umstände bewegen sie Jahre später jedoch zu einem drastischen Schritt. Verkleidet als Mann zieht sie sich in ein Kloster zurück und erlernt dort die Heilkunst der Mönche. Als ihr nach Jahren die Entdeckung droht, flieht sie und landet schließlich in Rom, direkt am Krankenbett des Papstes (ein katastrophal fehlbesetzter John Goodman irgendwo zwischen Peter Ustinov und „King Ralph“).

Wem das alles schon zuviel des Guten ist, dem sei gesagt, dass die unerwähnten Handlungsstränge die Sache nicht gerade glaubwürdiger machen. „Pope Joan“, wie die Romanvorlage im Original heißt, ist eben durch und durch eine feministische Utopie, die sich, so muss man befürchten, selber für ziemlich wahrscheinlich hält. Um die Hauptfigur jedoch so wirkungsvoll wie möglich zur ebenso vernunftbegabten wie leidensfähigen Lichtgestalt ausformulieren zu können, müssen alle Nebencharaktere auf klischeebeladene Scherenschnitte reduziert werden. Es gibt gut, böse und gesichtslos, Nuancen bleiben aus. Das macht „Die Päpstin“ zur echten Mittelalter-Soap, in der nur eine einzige Ausnahme so etwas wie Tiefe entwickeln darf – Johanna selbst, und das ist zu ganz großen Teilen ihrer Darstellerin zu verdanken.

Dabei hat diese es gar nicht leicht, den Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen, übernimmt sie doch erst nach etwa einem Drittel des Films von den beiden Mädchen, die Johanna als Kind und Jugendliche verkörpern. Der Problematik des Bruchs war man sich durchaus bewußt und hat so alles darangesetzt, jüngere Darstellerinnen mit möglichst großer Ähnlichkeit zu Wokalek aufzutreiben. Dass die Figur nicht in sich zusammenfällt, wenn die Kinder durch die erwachsene Darstellerin ersetzt werden, ist in Wahrheit jedoch vor allem das Verdienst der Letzteren.

Gegen Ende spart der Film (zumindest in der Kinofassung) einen dunklen Schatten auf Johannas blütenweißem Gewand aus und beraubt damit die Schauspielerin um eine willkommene Chance, ihrer Rolle eine wichtige, ent-idealisierende Seite hinzuzufügen, und sie auf diese Weise vor der filmischen Heiligsprechung zu bewahren. So jedoch überwiegt der Märchencharakter einer Geschichte, in der die Kirche verhältnismäßig gut wegkommt. Dass die Premiere auf dem Filmfestival in Rom aufgrund von Bedenken des Vatikans abgesagt werden musste, darf man wohl als PR-Maßnahme begreifen – egal von welcher Seite. [LZ]

OT: Die Päpstin (DE/UK/IT/ES 2009). REGIE: Sönke Wortmann. BUCH: Heinrich Hadding, Jodi Ann Johnson, Sönke Wortmann. KAMERA: Tom Fährmann. MUSIK: Marcel Barsotti. DARSTELLER: Johanna Wokalek, David Wenham, John Goodman, Iain Glen, Anatole Taubman, Christian Redl, Edward Petherbridge. LAUFZEIT: 149 Minuten.

[Abbildungen © Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor]

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