AVATAR – AUFBRUCH NACH PANDORA | Filmkritik

01. Januar 2010

Satte 800 Millionen US-Dollar hat James Cameron mit seiner bahnbrechenden 3D-Fantasie den Taschen eines zahlungswilligen Publikums in gerade einmal zwei Wochen Spielzeit entlockt, und das gänzlich mühelos. Wer hierzulande eine allgegenwärtige Plakatierungskampagne befürchtete, konnte rasch aufatmen. „Avatar“ hatte weltweit längst genügend Aufmerksamkeit ausgelöst, um sich ausuferndes Bekleben der Städte sparen zu können. Sein Ruf eilte dem Film voraus, und Teaser-Screenings der ersten 20 Minuten im vergangenen August genügten, um die Erwartungshaltung ausgiebig hochzuschrauben. Das Resultat hält erstaunlicher Weise alle Versprechungen und setzt sogar noch einiges oben drauf.

Filmkritik: AVATAR – AUFBRUCH NACH PANDORA
Moi est un autre.

Immer wieder im Verlauf dieses Films will man sich mal schnell die Augen reiben, weil man einfach nicht glauben kann, was es da zu sehen gibt. Dann jedoch stellt man mit einiger Verwunderung fest, dass eine Brille auf der eigenen Nase sitzt, die dort normalerweise nicht hingehört. Dieser kurze Moment seliger Selbstvergessenheit beweist unwiderruflich, dass James Cameron nicht nur den ersten echten 3D-Film gemacht hat, sondern auch nichts von albernen Spielereien mit der vierten Wand am Hut hat, die alle Vorläufer der jüngeren Vergangenheit (von früheren Versuchen ganz zu schweigen) genüsslich ausgekostet haben und dabei, mit wenigen Ausnahmen, gut und gerne auf eine durchdachte Geschichte und stimmige Charaktere verzichteten. Für diesen Filmemacher aber, der die technischen Errungenschaften seines Mediums von jeher dem Erzählen selber unterordnet, ist solcher Unfug selbstredend indiskutabel.  Wenn Cameron der Leinwand eine scheinbare Tiefendimension hinzufügt, dann ausschließlich, um den Raum zu erweitern, in dem sich seine Figuren bewegen. Doch ist das auch bereits die einzige und eigentliche Sensation dieses Films, der schon in einer Frühphase seiner Entwicklung mit nicht weniger als dem Anspruch ins Rennen gegangen war, das Kino grundlegend zu revolutionieren? Natürlich nicht. „Avatar“ ist die Apotheose von Pixar und Gollum, Kitsch und Kunst, Himmel und Erde. Und außerdem ein exzellenter Trip ohne körperliche Schäden. Kino als Droge? Hier ist der Beweis.

Im Jahr 2154 ist die Ausbeutung fremder Planeten ziemlich gut vorangeschritten. Minenarbeiten auf Pandora, einem erdähnlichen Mond mit reichen Wäldern, fruchtbaren Böden und friedlichen Ureinwohnerstämmen im Einklang mit der Natur, fördern ein wertvolles Mineral zutage, mit dem sich auf dem Heimatplaneten Erde gutes Geld machen lässt. Jake Sully (Sam Worthington), kriegsversehrter ehemaliger US-Marine tritt die Nachfolge seines verstorbenen Bruders in einem einzigartigen militärwissenschaftlichen Projekt an: künstliche Hybriden aus Mensch und Ureinwohner erlauben die Erkundung des Planeten, in dessen Atmosphäre sich sonst nicht überleben ließe. Da jeder Hybrid jedoch nur von demjenigen gesteuert werden kann, dessen DNA den menschlichen Anteil für die genetische Züchtung geliefert hat, ist Jake als einziger in der Lage, den Avatar seines Bruders zu übernehmen. Als Na´vi, so der Name der Ureinwohner, bekommt Jake, der von der Hüfte abwärts gelähmt ist, seine Bewegungsfähigkeit zurück, und im Übermut seines neu gewonnenen Körpergefühls bleibt er bereits bei der ersten Expedition umständehalber auf dem Planeten zurück.  Bald schon begegnet er den ersten Eingeborenen und wird Teil ihrer Gemeinschaft. Doch das Militär hat andere Pläne mit ihm. Sully soll die Na´vi ausspionieren und zum Verlassen ihrer Siedlung bewegen, damit der Zugriff auf die dort befindlichen Bodenschätze möglich wird.

Es lässt sich anderorts eine Menge lesen über die Entstehungsgeschichte dieses Films, die selber schon einem Abenteuer auf unerforschtem Terrain gleicht. Dass Cameron die Story bereits Mitte der 90er ersonnen hatte, aber ihre Realisierung damals schlicht ausgeschlossen war. Dass erst ein eigenes Kamerasystem entwickelt werden musste, um 3D-Aufnahmen nach den Vorstellungen des Filmemachers zu ermöglichen (damit diese eben nicht mehr nach Pappscheibentheater vor verschwommenem Hintergrund aussehen). Dass vor allem aber eine optimierte Technologie notwendig war, um den Unzulänglichkeiten bestehender Verfahrensweisen von Motion- und Performance-Capture Herr zu werden und sichtbar eine fast hundertprozentige Übertragung aller Nuancen in Spiel wie Bewegung der Schauspieler auf ihre virtuellen CGI-Versionen zu ermöglichen. Dass Steven Spielberg und Peter Jackson sich wie Kinder bei der weihnachtlichen Bescherung verhielten, als Cameron ihnen seine neuen Errungenschaften zum Austesten zu Verfügung stellte. Und noch dieses und jenes mehr. Doch wo etwa Robert Zemeckis (ganz schlimm: „Die Legende von Beowulf“) auf der Leinwand fürchterlich enervierend mit den Resultaten seiner technologischen Möglichkeiten umher stolziert, als ginge es darum, die (leidlich gelungenen) Ergebnisse einer Schönheitsoperation zu präsentieren, kann es sich Cameron leisten, den Film selber sprechen und die Umstände seiner Produktionsgeschichte in den Hintergrund treten zu lassen.

Hat sich das Auge nämlich erst einmal auf die Tiefendimension der Optik eingestellt, ist alle Ablenkung von der Geschichte selber und ihren sensationellen Bildern auch schon ausgeschaltet. Selbstgefällige Effekthascherei gibt es nicht. An ihre Stelle tritt das Staunen über dasjenige, was es dort auf der Leinwand zu sehen gibt. Nie zuvor war das Zusammenspiel virtueller und realer Charaktere derart ungebrochen. Bewegungsabläufe, Gesten, aber vor allem die feinsten Regungen der Gesichter erscheinen völlig makellos.

Doch Cameron will noch mehr. So wie der Film selber mit einem Close Up auf die Augen der Hauptfigur beginnt, so spielt das Funkeln des Lebens in den Augen der Na´vi eine entscheidende Rolle beim Spiel der perfekten Illusion zwischen realem und virtuellem Dasein. Denn für gewöhnlich ist die Reduzierung des sichtbaren Blicks auf wenige, leicht verständliche Stereotypen das Grundprinzip, mit dem der klassische Animationsfilm operiert, und dieses Konzept wirkt bis in Peter Jacksons (ohne Einschränkung meisterlich gestalteten) Riesenaffen hinein.

Es sind also eher Chiffren, die es dort zu sehen gibt, als echte Ausdrucksformen, und sie stehen notgedrungen hinter der Komplexität zurück, mit der ein Schauspieler arbeitet, wenn er seinen Job ernst nimmt. Cameron wollte genau das nicht, und deshalb zeichneten winzige Kameras, die mithilfe einer Überkopfkonstruktion direkt ins Gesicht der Darsteller filmten, eben auch das Spiel der Augen auf. Wer also im Film in die Iris des Na´vi-Mädchens Neytiri schaut, in das sich Sully verliebt, der schaut eigentlich und tatsächlich in die Augen von Zoe Saldana, nur eben in ihrer virtuellen Form.

Das Prinzip des Avatars ist also keineswegs nur ein filminternes. Zugleich macht es auch einen entscheidenden Bestandteil des Produktionsprozesses aus und fungiert auf dieser Ebene als notwendige Bedingung für die Möglichkeit des Erzählens überhaupt. Aber da ist selbstverständlich noch mehr. Denn wie so oft bei Cameron eröffnen sich dem Blick die vielfältigen Spektralfarben seiner Kreationen erst nach mehrmaligem Hinsehen.

Wie sehr das Prinzip des Avatars per se als Träger des Zeitgeistes und der weitverbreiteten Praxis von Parallelexistenzen im Netz fungiert, mögen Cyberologen ausdiskutieren. Natürlich schwingt dies in Sullys Auflug in ein besseres Leben (ohne die Widrigkeiten des originären Körpers) deutlich mit. Und dass die Steuerung eines Stellvertreters in fremden Welten zudem eine grundlegende Funktion des Computerspiels darstellt, wäre kaum der Erwähnung wert, würde Camerons Hybridenfantasie nicht implizit mit der Weiterentwicklung eben dieses Phänomens jonglieren.

Doch die Entfaltung des titelgebenden Gedankens erweist sich auch auf der Metaebene der Hauptfigur als vielschichtig. So ist Jake Sully bereits selber Avatar, noch bevor er in mehrfacher Brechung als Na´vi zum Fremden in einem fremden Körper wird – nämlich als Vertreter seines verstorbenen Zwillingsbruders, dessen genetisches Dasein er in Gestalt des Hybriden weiterlebt. Umso gründlicher gerät dann aber auch nach und nach das Ablegen seiner ursprünglichen, also menschlichen Existenzform. Der originären Bedeutung des Avatar-Begriffs auf der Spur, der bekanntlich die Fleischwerdung eines Hindu-Gottes beschreibt, wird Jakes Wandlung über den Verlauf der Geschichte hinweg dann zur echten In- oder auch Reinkarnation.

Damit unterscheidet sich Sully nur in der Konsequenz von anderen Cameron-Charakteren, die in gewissem Sinne im falschen Körper stecken und erst durch die Konfrontation mit einer anderen Lebensform zu sich selber finden (ein Prinzip, dessen ultimative Form in jener wörtlich zu nehmenden Andockung erscheint, durch welche sich die Na´vi mit der Allheit ihres Planeten und vielleicht gar dem gesamten Kosmos verbinden). Das gilt für den T-800 aus „Terminator 2“ nicht weniger als für Jack und Rose in „Titanic“, nur dass die Bedingungen andere sind. Am plakativsten gerät der Gedanke in „The Abyss“, doch genau dort holt Cameron jene halbeschatologische Erlösungsvorstellung von besseren Welten her, über die sich auch dieser Film grundlegend definiert. Dass die Grenzen zum pantheistischen Ethno-Kitsch da fließend ausfallen, lässt sich nicht vermeiden.

Für nüchterne Gemüter eignet sich Camerons Film jedenfalls nicht. „Avatar“ ist Science-Fiction in Reinkultur, Öko-Fantasy, Kriegs- und Liebesfilm in einem, vor allem aber eine hemmungslose Utopie, die so entfesselt erzählt ist, dass einem Hören und Sehen vergehen würden, bräuchte man nicht beides dringend, um sich bis zur letzten Sekunde mitreißen zu lassen. [LZ]

Avatar

OT: Avatar (USA 2009). REGIE: James Cameron. BUCH: James Cameron. KAMERA: Mauro Fiore. MUSIK: James Horner. DARSTELLER: Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Michelle Rodriguez, Giovanni Ribisi. LAUFZEIT: 162 Minuten.

[Abbildungen © Twentieth Century Fox of Germany GmbH]

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