Antichrist | Filmkritik: Aus dem Unterleib

15. September 2009

Antichrist

Die Franzosen brachten ihr Urteil zu Lars von Trier und seinen Film mit einem Wort auf den Punkt: „Merde“. Das konnte der dänische Filmemacher selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen und erklärte sich im Gegenzug mal schnell zum „greatest Director in the World“. Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich seitdem die überwiegende Zahl aller Stellungnahmen zu seinem Arthouse-Horrorfilm „Antichrist“ – und das ist durchaus im Sinne des Erfinders.

Es gab schließlich Zeiten, da hätte von Trier Cannes mit einen Film wie diesen nicht ohne die Goldene Palme verlassen. 1990 etwa, als die Jury für einen schicken Festivalskandal sorgte, als sie David Lynchs Gewaltmärchen „Wild at Heart“ auszeichnete und dabei vorab genau wußte, wie kontrovers diese Entscheidung aufgenommen werden würde. Seit Mitte der 90er hat sich die Provokationsbereitschaft an der Croisette jedoch merklich gelegt, und so konnte man zwar das allgemeine Entsetzen, das deutliche Spuren in den leichenblassen Gesichtern des einen oder anderen Premierenbesuchers hinterlassen hatte, unmöglich ignorieren (verstärkt durch eine Pressekonferenz, in der so mancher Teilnehmer fast die guten Manieren vergaß), wollte sich aber doch nicht wirklich hinter einen Film stellen, der ganz offensichtlich Gefallen daran hat, mit der Selbstzweckhaftigkeit expliziter Gewaltdarstellung zum Bürgerschreck zu werden. Also zog man sich mehr oder weniger elegant aus der Affäre, erklärte Charlotte Gainsbourg zur besten Darstellerin und war noch einmal mit einem Schreck davongekommen. Dabei hat von Triers Horrortrip ausgerechnet mit Lynchs leicht entflammbarer Liebesgeschichte eine ganze Menge gemein – und schaut man genauer hin, könnte man gar meinen, beide Filme entstammten demselben Uterus.

Was sich sonst noch so im Unterleibsbereich abspielt, wird bei von Trier ausführlich gezeigt, verletzt, missbraucht, verstümmelt und allegorisiert. Dass er dabei ein Stück Pornografie in den Arthousefilm hinüberrettet, ist vielleicht auch eine Art Trotzreaktion auf das unfeiwillige Ende einer experimentellen Phase seiner Produktionsfirma Zentropa, während der er echte Hardcorebeiträge wie „Pink Prison“ oder „All about Anna“ auf den Markt schmiss, und damit nicht nur für Aufsehen sorgte, sondern auch die Legalsierung des Genres in Norwegen auslöste. Bereits 1998 hatte er in „Idioten / Idioteme“ mit unsimulierter Vaginalpenetration und einer sichtbaren Erektion für Aufruhr gesorgt. Gleich in den ersten (atemberaubenden) Einstellungen von „Antichrist“ vereint er beides in Großaufnahme, ganz so, als wolle er all den damaligen Diskussionen und Zensurmaßnahmen (bis hin zur gepixelten TV-Ausstrahlung) ein Jahrzehnt später noch einmal klarmachen, wie wenig ihn all das Gerede schert, und er eben macht, was er will.

Überhaupt gehört diese Haltung zum Grundprinzip dieses Films. Autor und Regisseur in Personalunion entscheiden, was es zu sehen gibt, wie groß, wie detailliert, wie blutig und schockierend. Ganz einfach. Nicht, dass von Trier das jemals anders gehalten hätte. Hier jedoch setzt er neben einigen gewohnten Eigenheiten zusätzlich noch ganz massiv auf grafische Gewalt, und das nicht gerade mit sonderlicher Bescheidenheit. Das Schöne für einen Berufsprovokateur wie ihn ist dabei, dass er weiß, auf welches Publikum er trifft, und wie sehr der Skandal damit vorprogrammiert ist. Sein Plan ging selbstredend voll auf. In Cannes sackten die ersten ohnmächtig in den Sesseln zusammen, und wer sich das Vergnügen bereiten will, den Film in einem gut besetzten Arthouse-Kino anzusehen, sollte nicht verpassen, sich in drastischen Momenten immer mal wieder umzuschauen und zu beobachten, wie so mancher damit kämpfen muss, nicht den Saal zu verlassen.

Für ein mit allen Wassern gewaschenes Genre-Publikum ist „Antichrist“ natürlich nur eine harmlose Spielerei, die neben manchen aktuellen Auswüchsen der Folterpornowelle (gerade verweigerten die britischen Zensurbehörden der japanischen Blutorgie „Grotesque“ jegliches Aufführungsrecht) praktisch wie gediegene Familienunterhaltung wirkt. Aber die Kulturbeflissenen, die diskursbesessenen Caféhaus-Intellektuellen, die Ehepaare mittleren Alters, die zwischen Museum und modernem Regietheater bildungsbürgerlich über den dänischen Filmemacher schwadronieren – sie alle stößt „Antichrist“ vor den Kopf und sagt in etwa: „Ihr hattet es ja sehen wollen, jetzt müsst ihr es auch aushalten.“ Liest man die Danksagungen an all die Landräte und Gemeindevorstände in den End Credits (gedreht wurde der Fördergelder wegen – und laut Filmemacher ausschließlich aus diesem Grund – im Bergischen Land bei Köln), darf man das geradezu als Unverschämtheit empfinden – denn dass die Betreffenden ihre Unterstützung für einen Film leisteten, der die heimatlichen Wälder nicht nur zum Hort des absolut Bösen erklärt, sondern zudem wie selbstverständlich grausamste körperliche Misshandlungen in Großaufnahme zeigt, wird nicht gerade zu ihrer Beliebtheit beim Wähler und im Vereinsheim beitragen. Wie sich von Trier angesichts der Vorstellung all der schockierten Gesichter bereits im Vorhinein laut lachend den Bauch gehalten hat, kann man sich an fünf Fingern abzählen.

Lässt man all diese offensichtlichen Provokationen beiseite, ist „Antichrist“ das Verstörendste, Faszinierendste und Hypnotischste, was es dieses Jahr bisher auf der Leinwand zu sehen gab: Ein namenloses Ehepaar verliert den gemeinsamen Sohn auf denkbar grausame Weise. Die Frau (Gainsbourg) fällt in eine tiefe Depression aus Trauer und Schuldgefühlen. Der Mann (Willem Dafoe), ein Psychiater, beschließt, sie auf eigene Faust zu therapieren und bezieht mit ihr eine abgelegene Waldhütte, die offenbar eine wichtige Rolle im Heilungsprozess spielt. Doch seine Erfolge erweisen sich schnell als oberflächlich. Je tiefer beide in die Abgründe der Frau eintauchen, desto irrationaler wird auch das Setting um sie herum. Visionen, sprechende Tiere und beunruhigende Erkenntnisse über die Vergangenheit lassen die Konstellation der beiden mehr und mehr zu einem schleichenden Höllentrip werden. Nichts jedoch lässt erahnen, mit welcher Wucht die Macht des Irrationalen am Schluss über den Figuren einbrechen wird.

Immer gerne benutzt von Trier das Genrekino als Spielball für seine eigenen filmischen Experimente. Doch im Gegensatz etwa zu seinem diesjährigen Cannes-Kontrahenten Michael Haneke gebraucht er die Form nicht, um sie selber ad absurdum und dem Zuschauer die eigene Manipulierbarkeit vor Augen zu führen. Von Trier nimmt das Genre ernst, weitet aber dessen Tragfähigkeit nach innen aus (wer wissen will, was das heißt, muss nur einen Blick darauf werfen, wie sich „Dancer in the Dark“ die Spielarten des klassischen Hollywood-Musicals zunutzen macht). „Antichrist“ balanciert dabei ziemlich sicher über ein straff gespanntes Drahtseil aus Ingmar Bergman, Stephen King und Grand Guignol.

Dass King und von Trier mehr gemeinsam haben, als man zunächst vermuten würde, zeigte vor ein paar Jahren „Kingdom Hospital“, das US-Remake der Miniserie „Ridget“, für das der Horrorautor aus Maine verantwortlich zeichnete und der Vorlage über weite Strecken erstaunlich treu blieb. Von Trier outete sich als großer Fan und überließ King nur zu gerne die Rechte. Im Gegenzug bedient er sich jetzt im Motivwald des amerikanischen Seelenverwandten. Vom Tod des Kindes, der Ungeheuerliches ins Leben ruft, das seine Heimat in den Wäldern hat („Pet Sematary“) über den schleichenden Wahnsinn, der unerkannt längst die Herrschaft übernommen hat („Shining“) bis zu grausigsten Maßnahmen gegen die Verlustangst („Mysery“) lässt sich bei von Trier jede Menge wiederfinden, das ohne Umweg direkt aus archetypischen King-Fantasien stammt.

In äußerster Depression hätte er das Drehbuch verfasst, besessen von Strindberg und mit der festen Vorgabe, nichts, was einmal auf dem Papier war, wieder zu streichen. Das kann man glauben oder auch nicht, denn bei von Trier weiß man nie, welche seiner Aussagen in bester Orson-Welles-Manier schlichtweg frei erfunden sind. Für eine Promotion-Aufnahme zum Film ließ er sich jedenfalls unverkennbar in Hitchcock-Pose fotografieren, die schwarze Krähe jedoch nicht auf der Schulter, sondern tot am Boden liegend. Das Tier mag dabei zwar den oberflächlichen Bezug herstellen, näher als an der Klaustrophobie von „The Birds“ ist „Antichrist“ jedoch an den Machtkonstellationen von „Marnie“. Während dort Sean Connerys Figur sexuelle Erregung daraus bezieht, die psychotische Tippi Hedren zu therapieren, und deren verweigernde Haltung mal eben mit einer Vergewaltigung auf dem Ehebett bestraft, markiert Willem Dafoes Charakter das genaue Gegenteil. Sex und Therapie stehen sich gegenseitig im Weg, und so ist es hier die Frau, die den Mann vergewaltigt.

Überhaupt dienen die Geschlechterrollen bei von Trier in gleichen Maß zur Parodie wie zur Überhöhung. Ratio (Mann) und Uterus (Frau) können auf archaischem Boden (dem Wald mit dem geradezu absurd allegorischen Namen „Eden“) nur getrennt überleben, denn der Mann geht nicht auf die Jagd (sondern dringt in die Psyche der Frau ein), und die Frau sorgt nicht für den Nachwuchs (sondern macht in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil). Eine solche Konstellation kann nur in Gewalt münden, und dass diese ihren Ursprung im Geschlechsakt hat, gehört eben zur Natur des Sündenfalls. Das Chaos regiert. [LZ]

OT: Antichrist (DK/DE/FR/SE/IT/PL 2009). REGIE: Las von Trier. BUCH: Lars von Trier. KAMERA: Anthony Dod Mantle. MUSIK: Kristian Eidnes Andersen. DARSTELLER: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg. LAUFZEIT: 108 Minuten.

[Abbildungen © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.]

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