A NIGHTMARE ON ELM STREET (2010) | Filmkritik

22. Mai 2010

A Nightmare on Elm Street | Filmkritik

Michael Myers, Jason Voorhees und Freddy Krueger haben dreierlei gemeinsam: Sie bringen mit Fleiß und Begeisterung nervige Teenager um die Ecke, sind selber auch unter Aufbringung aller erdenklichen Mittel nicht totzukriegen und haben mittlerweile alle mindestens ein Remake der 2000er Jahre über sich ergehen lassen müssen. Die entscheidende Frage dabei: Hat denn niemand Erbarmen mit den altgedienten Ikonen des Slasher-Films? Offensichtlich nicht. Nach Rob Zombie („Halloween“) und Marcus Nispel („Freitag, der 13.“) serviert nun Michael Bay unter der Regie von Videoclip-Guru Samuel Bayer einen Instant-Aufguss von Wes Cravens Klassiker „A Nightmare on Elm Street“, der geschmacklich eher lau bleibt.

A NIGHTMARE ON ELM STREET
Einschläfernd: Freddy kommt vorbei.

Die Entscheidung, einen Freund 1984 nicht alleine zum Casting gehen zu lassen, entwickelte sich für Johnny Depp zum echten Glücksgriff. Am Ende nahm er selber ein Engagement mit nach Hause und durfte sich kurz darauf wirkungsvoll von einer Matratze zu Brei verarbeiten lassen. Weniger gut lief es damals für seinen Freund, denn der ging leer aus und konnte auch karrieretechnisch kaum mithalten.

16 Jahre später nun scheint sich das Blatt endlich gewendet zu haben, und Jackie Earle Haley darf genau diejenigen Scherenhände anlegen, die damals für das wenig appetitanregende Ableben seines Begleiters verantwortlich waren. Nicht mal ein Vorsprechen war diesmal nötig. Haley bekam die Rolle, die Robert Englund zuvor in acht Filmen und einer TV-Anthologie verkörpert hatte, einzig aufgrund seiner Leistung in Zack Snyders „Watchmen“-Verfilmung. So jedenfalls will es die Legende.

Doch eigentlich ist die ganze Geschichte von vorne bis hinten einfach zu stimmig, um keine reine PR-Propaganda zu sein. Nur für wen eigentlich? Fans des alten Franchise sind hier jedenfalls völlig fehl am Platz. Die von Michael Bay initiierte Wiederbelebung des Kindermörders Freddy Krueger, der in einer Art Limbo zwischen Hölle, Traum und Realität am laufenden Band derartig perfide Gemeinheiten ausspinnt, dass selbst sein Kollege Jigsaw neidisch werden könnte, ist in erster Linie ein blankpolierter Popcorn-Slasher für ein jugendliches Publikum, das Wes Cravens originalen „Nightmare on Elm Street“ höchstens noch als antiquierte Fernsehkost kennt.

Nachdem Dimension und Platinum Films in den letzten Jahren mittlerweile so ziemlich allen Slasher-Ikonen der 70er und 80er eine neue Leinwandexistenz beschert haben, und nur noch Pinhead, Zentralfigur aus Clive Barker´s „Hellraiser“-Serie, in seiner ganz eigenen Development-Hölle schmort, sollte man meinen, dass es produktionstechnisch an der Zeit wäre, sich an die Entwicklung neuer Ikonen zu machen, die ausgiebig franchise-tauglich sind und über Jahre hinweg nicht nur eine ganze Filmreihe tragen können, sondern auch in der Lage sind, jede Menge Lizenzprodukte zu verkaufen. Doch damit ist nicht zu rechnen, denn das Slasher-Genre ist so tot wie alle Opfer ihrer Hauptfiguren, und die 2010er Fassung von „A Nightmare on Elm Street“ belegt diese Tatsache in Reinform.

Eine Frage des Erfolgs ist das keineswegs, denn das Remake schaffte es am Startwochenende spielend an die Spitze der US-Charts. Danach ging es jedoch relativ schnell wieder bergab, und das hat seine guten Gründe. Freddy Kruegers Rückkehr auf die große Leinwand ist fraglos eine leidlich unterhaltsame Angelegenheit, zugleich aber auch belanglos genug, um sein potentielles Publikum relativ schnell abzugrasen. In den ersten Tagen bestand dieses (hier wie in allen anderen vergleichbaren Fällen) aus zwei Gruppen: Nostalgiker und Dater. Die erstere Gruppe kauft sich ihr Kinoticket in der Hoffnung auf eine (in diesem Fall blutige) Zeitreise in die Vergangenheit, die letztere spekuliert auf eine gute Gelegenheit für unverdächtig eingefädelten körperlichen Kontakt (Mädchen, die sich in Schreckmomenten an Jungs festklammern) und das Ausleben altbewährter Rollenklischees.

Die Nostalgiker verließen den Saal eher frustriert, denn mit dem guten alten Freddy aus Jugendzeiten (als man selber noch zu den Datern gehörte), hat die Haley/Bay-Version nur noch oberflächlich zu tun. Für den weiteren Ticketverkauf war diese Gruppe aus dem Rennen, denn ihre Mundpropaganda fiel nicht sonderlich gut aus. Die Dater hingegen sind viel zu schnelllebig unterwegs, um in der zweiten Woche den Schnee von gestern der nächsten Attraktion (in diesem Fall „Iron Man 2“) vorzuziehen. Erst die Zweit- und Drittverwertung spült dann das richtige Geld in die Kassen, und für ein auf allen Ebenen durchkalkuliertes Investitionsobjekt reicht das auch vollkommen aus.

Mit neuen Heroen des Schlitzer-Genres lässt sich weniger gut rechnen, denn was sollten sie tun, außer ihre Vorbilder (Jason Vorhees, Michael Meyers, Freddy Krueger) mehr oder weniger präzise zu kopieren (stattdessen bauen sie lieber komplizierte Folterinstrumente oder eine neue Spezies – zum Beispiel einen Human Centipede)? Dass Wes Cravens Kindermörder so gut funktionierte, hatte bereits 1984 vor allem mit dem cleveren Sujet zu tun. Denn weniger das tumbe Abschlachten hormongesteuerter Teenager machte „A Nightmare on Elm Street“ so erfolgreich, sondern in erster Linie die Tatsache, dass der Killer seinen Opfer dort auflauerte, wo diese ihm nur schwer entfliehen konnten: In ihren Träumen.

Die Idee war so explosiv, dass sich eine ganze Filmreihe geradezu aufdrängte. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, und in der Folge ging es deshalb (mit Ausnahme des clever konstruierten „New Nightmare“) auch weniger um originelle Geschichten, als vielmehr um möglichst einfallsreiche Traumlandschaften, in denen Freddy nach Lust und Laune operieren konnte. Umso ernüchternder fällt die Tatsache aus, dass im 2010er Remake ausgedehnte Ideenarmut herrscht, und die Alpträume der Figuren in etwa so unspektakulär daherkommen wie die Charaktere selbst.

Man fragt sich mit einiger Berechtigung, warum hier jeglicher kreativer Input offenbar außen vor geblieben ist, denn selbst mit einer massiven Schreibblockade hätten die Autoren Wesley Strick (immerhin ein Genre-Veteran) und Eric Heisserer einfach die Serie plündern und sich ein paar Szenerien zusammensuchen können, die spektakulär genug sind, um für einigen Erinnerungswert zu sorgen. Und da genau dies im Übrigen auch zunächst geplant gewesen sein soll (und dann möglicherweise an Rechteproblemen gescheitert ist), lässt sich das letztendliche Ergebnis nur mit ratlosem Schulterzucken kommentieren.

Craven hatte seine Idee damals einem realen Fall kambodschanischer Flüchtlinge entnommen, die laut Zeitungsberichten unter derart schrecklichen Alpträumen litten, dass sie sich weigerten einzuschlafen. Die Gruppe brachte eine Reihe von psychogenen Todesfällen hervor, bei denen die Betreffenden ohne ersichtlichen Grund im Schlaf einfach ablebten. Das sogenannte „Sudden Unexpected Nocturnal Death Syndrome“ (im Allgemeinen erklärt durch schockartigen Stress, der das zirkulierende Blutvolumen in einem Maße senkt, dass ein Herzstillstand eintritt) bildete die Grundlage für das Setting, in dem Freddy Krueger hemmungslos mit seinen Opfern spielen konnte, bevor er sie schließlich den Genre-Regeln gemäß niedermetzelte.

Man wäre gut beraten gewesen, Craven in die Produktion zu integrieren, doch das hat man tunlichst unterlassen. Seine Beteiligung an den Remakes von „The Hills have Eyes“ und „The Last House on the Left“ hat beiden Filmen jedenfalls sichtbar genützt und zwei sehenswerte Schocker hervorgebracht, die meilenweit entfernt sind von der belanglosen Wiederbelebung durch Musikvideoregisseur Samuel Bayer (immerhin verantwortlich für so großartige Clips wie „Bullett with Butterfly Wings“ von den Smashing Pumpkins, „The Heart’s Filthy Lesson“ von David Bowie und Marilyn Mansons „Coma White“).

Selbstredend ist „A Nightmare on Elm Street“ dezidiert als Franchise angelegt, und Jackie Earle Haley hat bereits für insgesamt drei Filme unterschrieben. Doch wo will die Serie hin? Bewusst habe man sich vom gemeinen Humor des Originals verabschiedet und den Fokus stattdessen voll und ganz auf den Schrecken der Figur gerichtet. Das ist legitim und muss an sich auch nicht falsch sein, wirft allerdings in diesem Fall ein ziemlich fragwürdiges Problem auf, und das ergibt sich ausgerechnet durch Einbindung einer Idee, die ursprünglich von Wes Craven stammt.

Während die Genre-Welt Freddy Krueger nämlich als Kindermörder kennt, war die Figur zunächst einen entscheidenden Grad weniger märchenhaft gedacht. Als moderne Variante der Hexe aus „Hänsel und Gretel“ ließ sich der Mann mit den Scherenhänden leicht verdauen und eher unbedenklich zur Slasher-Ikone ausbauen – auch wenn Craven selber nie eine Serie geplant hatte. Ursprünglich jedoch war Freddy Krueger als handfester Päderast angelegt – ein Konzept, von dem die Macher jedoch Abstand nahmen, als ein zum damaligen Zeitpunkt öffentlich ausführlich diskutierter realer Fall seinen Schatten über die Produktion warf. Dem Vorwurf, sich hier bedient zu haben, wollte man sich nicht aussetzen (ob eher in moralischer als ökonomischer Hinsicht, sei einmal dahingestellt) und schwenkte stattdessen auf die bekannte Variante um.

Klar ist aber auch, dass die langlebige Serie unter Voraussetzung der ursprünglichen Idee mit großer Wahrscheinlichkeit kaum zustande gekommen wäre. Denn ohne eine wie auch immer geartete heimliche Komplizenschaft mit der mordenden Hauptfigur lässt sich auch im Slasher-Genre nicht überleben. Umso weniger nachvollziehbar gerät die Tatsache, dass man die Figur für die Neufassung jetzt doch zum Kinderschänder gemacht hat, und wie der Film diese Erkenntnis aufdeckt, ist für Popcorn-Entertainment dieser Art alles andere als unbedenklich. Ein direkter Vergleich mit Peter Jacksons (zu Unrecht) wenig beachtetem „The Lovely Bones / In meinem Himmel“, in dessen Zentrum der Missbrauch und die Ermordung eines jungen Mädchens steht, drängt sich geradezu auf und lässt die comicartige Darstellung der Thematik umso inakzeptabler erscheinen. Wo Jackson und ein sensationeller Stanley Tucci alles daran setzen, behutsam und differenziert vorzugehen, begeben sich die „Elm Street“-Macher mit Plakativität auf ziemlich dünnes Eis.

Wirklich unangenehm wird die Angelegenheit aber erst im Umfeld von Lizenzhandel und Merchandising. Zum Sinn und Zweck der Wiederbelebung einer Serie wie dieser gehört nun einmal inhärent die möglichst breitflächige Vermarktung von Zusatzprodukten. Im Fall der üblichen Slasher-Ikonen ist das eine harmlose Sache. Der Gedanke jedoch, T-Shirts mit dem Konterfei eines (wenn auch fiktiven) Kinderschänders zu verkaufen, sollte auch dem abgebrühtesten Genre-Fan ausgesprochen fragwürdig erscheinen.

Als 2007 im Umfeld des gescheiterten „Grindhouse“-Doppelfeatures aus dem Hause Weinstein die Action-Figur eines Vergewaltigers im Tarantino-Look erschien, hatte das bereits einen ziemlich unangenehmen Beigeschmack. Sich jetzt jedoch Haleys Inkarnation von Freddy Krueger (und das gar in der Version vor dessen Ableben) auf den Sammler-Altar zu stellen, ist unbestreitbar noch eine ganze Stufe bedenklicher. [LZ]

A Nightmare on Elm Street (2010) | Filmplakat

[Abbildungen © 2010 Warner Bros. Ent.]

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