2012 | Filmkritik

21. November 2009

2012

Auf Filme von Roland Emmerich mit den immer gleichen Platitüden einzuprügeln, ist ebenso gängig wie gedankenlos. Schablonenhafte Charaktere, überbordender US-Patriotismus, billigstes Pathos, reißbretthafte Narration – die Klischees halten sich standhaft. Nicht anders im Fall dieses Weltuntergangsszenarios, dessen Budget schneller wieder eingespielt war als ausgegeben. Allen Unkenrufen zum Trotz ist „2012“ prallstes Katastrophen-Kino mit hohem Unterhaltungswert.

Filmkritik: 2012

Einen Monat bevor Roland Emmerichs Armageddon zum ersten Mal über die Leinwände flackerte und direkt am Startwochenende einen tsunamigleichen Geldstrom in die Kinokassen spülte, hatte Dr. David Morrison vom astrobiologischen Institut der NASA wenig Gutes über die viralen Marketingmaßnahmen zu sagen, mit denen man bei Sony vorab schon mal ein bisschen wohlige Panikstimmung aufkommen ließ.

InstituteforHumanContinuity.com hieß der Stein des Anstoßes, der für den Weltraumforscher eine Lawine ins Rollen brachte, die allerdings im direkten Vergleich mit den herabstürzenden Schneemassen in Emmerichs Film eher mikroskopische Ausmaße annahm. Bekanntlich ist das Internet ja bereits randvoll mit jeder Menge dubioser Sekten, weißgekleideter Gurus oder langhaariger Hobbypropheten, die vom nahen Ende künden und dafür in der Regel auch ziemlich genaue Daten vorlegen können (welche dann nach Ablauf der jeweiligen Frist – irren ist menschlich – eben nochmal nachgebessert werden müssen). Wen also soll da eine weitere pseudowissenschaftliche Organisation aus der Reserve locken, die für den Stichtag 21.12.2012 die immerhin 94-prozentige Chance einer Kollision des blauen Planeten mit einem anderen Himmelskörper vorausberechnet und Tickets für geheimnisvolle Überlebensarchen verlost? Niemanden.

Niemanden jedenfalls, der nicht ohnehin schon vom Untergangsvirus infiziert ist und vielleicht bereits heimlich Plakate mit der Aufschrift „Das Ende naht“ in der Hinterhand hält. Konsequenterweise bedauert im Film selber, als schon die halbe Erdoberfläche in Schutt und Asche liegt, eine der Figuren am meisten die Tatsache, dass ausgerechnet „die Idioten mit den Schildern“ Recht behalten hätten. So kann man es natürlich auch sehen.

Doch Dr. Morrison würde hierüber vermutlich nur den Kopf schütteln. Dem „Independent“ berichtet er in einem Beitrag vom 17. Oktober über mehr als eintausend verängstigte Anfragen von Menschen, die befürchteten, die NASA halte Informationen zurück und helfe auf diese Weise, den Weltuntergang im Maya-Jahr zu vertuschen. Teenager gar habe es gegeben, die sich mit Suizid-Gedanken beschäftigten, weil sie nicht miterleben wollten, wie es mit Mutter Erde zuende geht. – Was einen da in erster Linie lehren sollte, seine Plattensammlung nach Alben von Morrissey oder Robert Smith zu durchsuchen und die aufgespürten Exemplare unauffindbar vor dem eigenen Nachwuchs zu verstecken, ist in Wahrheit (und da können sich alle mit der Erziehungsarbeit überforderten Eltern nach kurzem Aufschrecken wieder beruhigt zurücklehnen und weiter zappen) die Schuld der PR-Abteilung eines großen Hollywood-Studios ohne Moral und Gewissen – letzteres übrigens eine Tautologie.

Fake-Websites sind in der Vermarktungsmaschinerie für US-Blockbuster heute Standard und manchmal mindestens so unterhaltsam wie die beworbenen Filme selber. Auf den ersten Blick mag man sich täuschen lassen, doch bei genauerem Hinsehen wird in aller Regel ziemlich schnell klar, dass man es mit einer oftmals ausgesprochen kostspieligen Fiktion zu tun hat, die vor allem eines will – ein Produkt verkaufen. Was da unter dem Label „Virales Marketing“ verbucht wird, hat längst den Charakter von Online-Spielerei eingenommen. Filmcharaktere bekommen eigene Profile in sozialen Netzwerken und fiktive Firmen eine aufwendige Webpräsenz. Sogar ganze Wahlkampagnen finden mittlerweile im Netz statt, ohne dass der Kandidat, geschweige denn das Amt, für das er antritt, überhaupt existieren (so geschehen mit Harvey Dent aus „The Dark Knight“).

Im Fall von „2012“ rührten die virale Werbetrommel neben dem anstößigen „Institute for Human Continuity“ (wobei der Name selber ersichtlicherweise bereits der erste Witz der absurden Hoemepage ist) auch die Webpräsenz von „Farewell Atlantis“, dem erfolglosen Weltuntergangsroman von Hauptfigur Jackson Curtis (John Cusack), sowie der offizielle Blog von Charlie Frost (sehr lustig und vollkommen irre: Woody Harrelson), einem Verschwörungstheoretiker, der so ziemlich alles über die letzten Tage der Menschheit weiß und dies mithilfe von selbstgebastelten Flash-Animationen (quasi der dilettantische Gegenpol zu den perfekten CGI-Wundern des Films) an seine Leser weitergibt.

Farewellatlantis.com stellt mit einem downloadbaren Probekapitel und einem Original-Vorwort von Science-Fiction-Autor Nick Sagan (schrieb u.a. einige Episoden von „Star Trek Voyager“) dabei fast eine noch bessere Illusion dar als die umstrittene Instituts-Homepage. Ein Blog hingegen, wie ihn Charlie Frost führt (thisistheend.com), ist tatsächlich nur einer von vielen seiner Art – und bei den meisten weiß man viel weniger über deren Realitätsgehalt als in diesem unübersehbar fiktiven Fall. Dass alle drei Webpräsenzen übrigens deutlich als „Part of the 2012 Movie Experience“ gekennzeichnet sind, hebt sie deutlich von vergleichbaren früheren Maßnahmen im Umfeld von „Blair Witch Project“ bis „Cloverfield“ ab. Dr. Morrision darf sich also wieder beruhigen – sofern er nicht selber Bestandteil der Kampagne ist. Man weiß ja nie.

2012

Im Hinblick auf Emmerichs Untergangsszenario hat das Spiel mit Fiktion und Realität natürlich seinen ganz eigenen Reiz. Während die Marketing-Abteilung bei Sony alles dransetzt, Elemente des Films in der virtuellen Umgebung des Internets mit möglichst vielen Realwerten aufzuladen, macht sich das Geschehen auf der Leinwand einen Spaß daraus, die Sache von der anderen Seite anzugehen. „2012“ spielt in gewissem Sinne in einer Art alternativer Gegenwart, komplett mit einem farbigen US-Präsidenten und einem Gouverneur aus Kalifornien, dessen Englisch von unüberhörbar steierischem Akzent durchsetzt ist (und dessen Worten man selbstredend keinen Glauben schenken kann, denn, so stellt Jackson Curtis glasklar fest, der Mann ist Schauspieler, und was er sagt, liest er von Karten ab). Doch echte Originale gibt es praktisch keine, auch wenn Deutschland zum Zeitpunkt des Weltuntergangs von einer Frau regiert wird und der italienische Ministerpräsident zu borniert ist, um sich in Sicherheit zu bringen. Einzig die englische Queen hat es in Emmerichs Parallelwelt unbeschadet hinübergeschafft.

So sehr der Film aber auf allzu genaue Imitationen realer Vorbilder verzichtet, so präzise bildet er all das nach, was er in der Folge dann mit den aufwendigsten Zerstörungsmaßnahmen, die es je auf der Leinwand zu sehen gegeben hat, gnadenlos einreißt, umstürzt, dem Erdboden gleichmacht oder überflutet. Und das geschieht nicht nur überaus gründlich, sondern vor allem mit einem derart entfesselten Willen zur visuellen Überwältigung, dass es einen als Zuschauer vollkommen paralysiert. Nie zuvor hat irgendein menschliches Auge Vergleichbares wahrgenommen, und alles, was Emmerich bis dato gemacht hat, wirkt angesichts von „2012“ wie eine bloße Ansammlung von Fingerübungen. Kein Zweifel, der Mann aus Sindelfingen, der hierzulande ebenso gerne wie lange als bemühter aber untertalentierter Spielberg-Klon verlacht wurde, ist auf der Höhe seines Könnens angekommen.

Und das betrifft nicht nur die grandiosen CGIs. Gegen Ende der ersten Stunde nimmt der Film in einem Maße Fahrt auf, dass man es mit der Angst zu tun bekommen kann. Und wenn man sich von den unglaublichen Zerstörungsorgien erholt hat, muss man fast befürchten, dass alles Pulver, das Emmerich zur Verfügung steht, schon verschossen ist – so gewaltig erscheint das, was man da gerade zu sehen bekommen hat. Der erste Angriff der Aliens in „War of the Worlds“ verkommt zum Sandkastenspiel gegen das, was hier geboten wird. Und doch leiht sich der Film den entscheidenden dramaturgischen Trick ausgerechnet genau dort aus. Denn die Tatsache, dass die unfasslichen Bilder vom völligen Zusammenbruch aller Zivilisation (zunächst Los Angeles) nicht selbstzweckhaft abgebildet werden und zur reinen Show verkommen, wie es bei früheren Emmerich-Produktionen verstärkt der Fall war, sondern zumeist den Rahmen einer halsbrecherischen Flucht bilden, sorgt erst dafür, dass man dem Geschehen unabhängig von den Schauwerten folgt und „2012“ ganz nebenbei einige der atemberaubendsten und spannendsten Action-Sequenzen der letzten Kinojahre erhält.

2012

Aber auch sonst sind einige Parallelen zu Spielbergs Apokalypse-Variante nicht von der Hand zu weisen und klar intendiert. Am deutlichsten wird dies in der Konstellation, mit der die Hauptfigur in Gang gesetzt wird. Denn die Zerstörung der Menschheit soll für den durchschnittlichen US-Zuschauer vor allem lesbar sein als Makrokosmos-Variante zerrütteter Familienverhältnisse. Und so bildet folgerichtig die Keimzelle der Gesellschaft denjenigen Ort, der gerettet werden muss, wenn die ganze Rasse überleben soll. John Cusack übernimmt den Part von Tom Cruise und dekliniert ihn nach allen Regeln der Kunst durch. Warum machen Emmerich und sein erneuter Co-Autor Harald Kloser das? Weil es funktioniert.

Doch das Ensemble an Figuren hat noch weitaus mehr zu bieten, und auch hier ist ein entscheidender Unterschied zu früheren Filmen des erfolgreichsten deutschen Kinomachers in Hollywood spürbar. Wo sonst oft eine gewisse Eindimensionalität der Charaktere vorherrschte, entfaltet sich hier eine ganze Handvoll sehenswerter Sympathieträger, die aber immer noch so nah am Rande der gewohnten Klischees entlang balancieren, dass sie für das breite Publikum, wie es ein fast 300 Millionen Dollar teurer Spielfilm braucht, problemlos konsumierbar bleiben. Das ist Emmerich zuvor nur selten, und wenn, dann nur in Ansätzen so trefflich gelungen wie hier. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass selbst Figuren, die zunächst nur Abziehbilder zu sein scheinen, nach und nach mehr Tiefe offenbaren dürfen, als man auf den ersten Anschein vermuten würde, und die Darsteller tragen das Ihre dazu bei.

„2012“ ist selbstverständlich nicht frei von gnadenlosen Übertreibungen, unglaublichen Zufällen und hier und da einer gehörigen Portion Pathos. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn an anderer Stelle gelingen dem Film dafür auch einige ungewöhnlich stille Momente, die der ganzen Sache zu einem bemerkenswert breiten emotionalen Spektrum verhelfen. Dass im letzten Drittel einiges an Zugeständnissen notwendig wird, um die Spannung aufrecht zu erhalten, ist das Ergebnis einer dramaturgischen Technik, die bereits die meisten Bond-Filme mit Roger Moore vorangetrieben hat – nur dass Emmerich und Kloser noch gehörig eins draufsetzen. Aber wer will ihnen das vorwerfen, wenn man sich schweißgebadet am Sitz festkrallt angesichts der ständigen Knappheit, mit der die Figuren immer wieder so gerade noch dem sicheren Tod von der Klinge springen?

Genau 12.012 Jahre früher reichte dem Urzeitkriegers D´Leh noch ein einziger Speer, um einer fehlgeleiteten Kultur ein Ende zu bereiten, zwölf Jahrtausende später müssen sich schon die Erdplatten verschieben, um die Dinge wieder zurecht zu rücken. Und das ist alleine optisch schon die bessere Variante. The End of the World is a helluva ride. [LZ]

2012

OT: 2012 (USA 2009). REGIE: Roland Emmerich. BUCH: Roland Emmerich, Harald Kloser. KAMERA: Dean Semler. MUSIK: Harald Kloser, Thomas Wander. DARSTELLER: John Cusack, Woody Harrelson, Danny Glover, Amanda Peet, Thandie Newton, Chiwetel Ejiofor, Oliver Platt, George Segal. LAUFZEIT: 158 Minuten.

2012

[Abbildungen: Sony Pictures Releasing GmbH]

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