Independent-Horror aus Schweden: Filip Tegstedt über MARIANNE | Interview (deutsche Fassung)

23. März 2011

Interview Filip Tegstedt

„Die Stunde des Wolfs” und „So finster die Nacht“ einmal beiseite gelassen: Wie viele prägende Horrorfilme aus Schweden würden einem wohl spontan einfallen? Keiner? Vermutlich. So ganz einleuchten kann einem das allerdings nicht, denn das Heimatland von Bergman und Strindberg ist immerhin berüchtigt für seinen düsteren Blick auf menschliche Abgründe und bietet damit eigentlich den idealen Nährboden für das Genre der Angst. Überraschenderweise ist das Problem jedoch weniger künstlerischer, als vielmehr politischer Natur. Gefördert wird nur, was einem diffusen Hochkulturkodex entspricht. Alles andere fällt durchs Raster. Filmemacher Filip Tegstedt hat sich vor diesem Hintergrund frühzeitig entschieden, das omnipräsente SFI (Svenska Filminstitutet) zu meiden und sein Erstlingswerk „Marianne“ stattdessen vollständig aus eigener Tasche zu finanzieren. Mit uns sprach er über den derzeitigen Status des unabhängigen Kinos in seinem Land, die Arbeit mit Peter Stormare, Schlafparalyse, und warum „The King’s Speech“ ein Fantasy-Film ist.

screen/read: Ein unheimliches Teaser-Poster, dunkle Bilder, Alpträume, eine Totenmesse, knirschende Zähne – „Marianne“ vermittelt bereits im Vorhinein den Eindruck eines ziemlich düsteren Films.

Filip Tegstedt: Das ist er auch. Sehr düster sogar. Obwohl es auch eine Menge Humor gibt, aber eher auf eine Art, die sozusagen Anti-Burton ist. Tim Burton macht Filme, die sehr düster aussehen, sich aber hell anfühlen. „Marianne“ wirkt sehr hell, ist aber stockfinster.

screen/read: So vermitteln es die beiden Teaser. Wie sind die Reaktionen bisher?

Filip Tegstedt: Das ist eine sehr interessante Angelegenheit. Bei der Erstellung von Trailern bin ich ein echter Neuling. Diese beiden sind die einzigen, die ich bisher gemacht habe. Was den ersten betrifft, so war die Reaktion der Leute, die ja bis dato keine Idee hatten, worum es ging, durchweg positiv. Die Statistikkurve auf YouTube zeigt allerdings, dass viele nach etwa 30 Sekunden aussteigen, genau zu dem Zeitpunkt, als Mariannes Großaufnahme im Auto zu sehen ist. Beim zweiten Trailer hingegen gibt es zwar eine Reihe negativer Reaktionen, aber die Kurve bleibt konstant oben. Nahezu jeder, der sich den Trailer ansieht, hält auch bis zum Schluss durch. Und die Besucherzahlen wachsen viel schneller an, etwa um das Doppelte.

screen/read: Das größere Interesse für den zweiten Trailer hat vermutlich eine Menge mit der wachsenden Berichterstattung im Netz zu tun – was ziemlich bemerkenswert ist, denn wahrscheinlich hast Du ja abseits sozialer Netzwerke keine Werbemaßnahmen betrieben.

Filip Tegstedt: Ja, es sind all die sozialen Netzwerke, Blogs und Filmsites, die über uns berichten, und inzwischen auch einige Printmedien. Wir hatten von Anfang an eine Menge Presse, schon direkt nachdem ich den Piloten für den Film vor einem Jahr online gestellt hatte.

screen/read: Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich sie unabhängige Filmszene heute vorwärts bewegt. Wie planst Du die weitere Vorgehensweise? Wo liegt Dein Hauptfokus: Festivals, Web, Video On Demand?

Filip Tegstedt: Ich hoffe, dass wir bei einigen großen Festivals teilnehmen können. VOD ist hier in Schweden noch ziemlich unterentwickelt. Im Independent-Bereich ist es heute sehr einfach, für wenig Geld einen Film zu machen, der sehr gut aussieht. Die Produktion an sich ist also nicht das Problem. Wenn man sich auf das Drehbuch konzentriert, gute Schauspieler bekommt und die Art von Film macht, den man mit den verfügbaren Mitteln auf die Beine stellen kann, dann sind selbst mit einem geringen Budget sehr interessante Dinge möglich. uch das Marketing ist viel einfacher geworden, jetzt, da es die sozialen Medien gibt. Wir sind da bislang sehr erfolgreich gewesen, und ich hoffe, dass wir in der Mainstream-Presse bald ebenfalls mehr Aufmerksamkeit bekommen, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Denn die Mehrheit der Kinobesucher liest nun mal keine Filmsites.

Das eigentliche Problem für unabhängige Filmemacher im Jahr 2011 ist der Vertrieb. Wir sind noch nicht so weit, dass alles in den Händen der Filmemacher selber liegt, und solange sind wir noch von alten Systemen abhängig, die weniger effektiv sind. Zumindest in Schweden haben die Verleiher zudem eine Menge Vorbehalte gegenüber unabhängig produzierten Filmen mit niedrigem Budget. Ich verstehe das gut und bin selber skeptisch, weil eine Menge Produktionen wirklich ziemlich schlecht sind. Aber wie gesagt, wenn man sich darauf konzentriert, seine Geschichte zu erzählen und gute Schauspieler bekommt, lassen sich wirklich gute Sache erzielen.

Aber wie auch immer, es ging ja um die Frage, welche Schritte ich mir für den Vertrieb vorstelle. Ich denke, dass Festivals, Blu-ray, Fernsehen und VOD vermutlich die realistischsten Medien sind. Natürlich würde ich den Film liebend gern auch im Kino zeigen, aber dafür ist wirklich eine riesige Marketing-Maschinerie nötig, was heißen würde, dass ich die Produktionskosten nie eingespielt bekomme.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

screen/read: Du hast ja bereits Dein gesamtes eigenes Geld in die Produktion gesteckt. Das ist eine ziemlich einschneidende Entscheidung, die deutlich zeigt, wie wichtig dieses Projekt für Dich sein muss. Was war die zentrale Motivation, diesen Weg einzuschlagen und einen Film selbst zu finanzieren, der darüber hinaus auch noch Dein Debüt ist?

Filip Tegstedt: Die Sache ist die: In Schweden gibt es kein Studiosystem. So ziemlich alle Filme werden vom Schwedischen Filminstitut finanziert, das sein Geld von der Regierung bekommt, mit der eine Vereinbarung darüber besteht, welche Arten von Filmen und welche Filmemacher unterstützt werden sollen. Das ist ein System, das aus den frühen 60ern stammt, wo es ziemlich enge Richtlinien für die qualitative Einstufung von Filmen gab. Wegen des Filminstituts hat sich diese Haltung nie geändert. Deshalb werden Genre-Filme bis heute als minderwertig erachtet – und zwar nicht der Qualität des jeweiligen Films wegen, sondern weil das Genre per se kein hohes Ansehen genießt.

Es gibt drei Möglichkeiten, sich für eine Finanzierung durch das Schwedische Filminstitut zu qualifizieren: 1) Man ist ein etablierter Autor oder Regisseur, und das heißt nicht, dass man bereits mehrere Filme gemacht haben muss, sondern dass man bereits einmal vom SFI finanziert wurde. 2) Man ist eine etablierte Produktionsfirma, und davon gibt es nur eine Handvoll. 3) Man ist ein unabhängiger Produzent. Und um als ein solcher zu gelten, muss man mindestens drei Jahre nachgewiesene Erfahrung in der Produktion von Spielfilmen haben, bevor man zur Bewerbung um eine Finanzierung zugelassen wird. Deshalb sind die meisten, die eine Finanzierung unter dem Label „independent“ bekommen, in Wahrheit gut etablierte Majors. Das SFI finanziert 14 Spielfilme pro Jahr, und nur sehr wenige davon gehen als „independent“ durch.

Ein weiteres Element, das man vorweisen muss, um sich für eine Finanzierung bewerben zu dürfen, ist ein Vertriebsdeal. Die Wirklichkeit sieht aber so aus, dass man als Filmemacher, der noch keinen Spielfilm gedreht hat und seine Idee einer Produktionsfirma vorstellt, in aller Regel durch einen etablierten Autor und Regisseur ersetzt wird. Eben um einen Vertriebsdeal und eine Finanzierung durch das SFI möglich zu machen. Und dann hat man sein Debüt immer noch nicht abgeliefert. Wenn man hingegen so vorgeht wie ich, bekommt man keinen Vertriebsdeal, weil Verleiher keine Verträge mit unabhängigen Newcomern abschließen, bevor sie das fertige Produkt gesehen haben.

screen/read: Das klingt für aufstrebende Filmemacher nach einem echten Alptraum.

Filip Tegstedt: Das ist kein Alptraum, das ist Kafka. Man hat da einen Teufelskreis konstruiert, der es Filmemachern unmöglich macht, den Fuß in die Tür zu bekommen. Ich habe eine ganze Reihe von Freunden, deren Erstlinge 5 bis 10 Jahre in der Entwicklungsphase steckengeblieben sind. Nach einer Weile ist man dann über 30, die Freundin will Kinder haben, und man gibt auf oder ist ausgebrannt. Ich habe das bei vielen Leuten gesehen. Wir haben dieses System jetzt seit einem halben Jahrhundert, und es sollte beim besten Willen nicht so sein, dass man sich erst eine Erlaubnis erarbeiten muss, um im Filmgeschäft arbeiten zu können. Wenn es etwas gibt, was man tun will und dafür auch ausgebildet ist, dann sollten man es auch tun können. Es gibt keine „guten“ oder „schlechten“ Genres. Es sind einfach unterschiedliche Arten von Filmen, die unterschiedliche Zuschauer ansprechen und unterschiedliche emotionale Reaktionen hervorrufen. Und egal ob das Lachen oder Furcht ist, am Ende läuft es doch auf dasselbe hinaus.

Aber um Deine Frage zu beantworten: „Marianne“ spielt in einer Stadt oben im Norden, in der ich aufgewachsen bin. Das war für mich ein großer Teil der gesamten Idee. Die Region dort ist sehr speziell. Es gibt da diese besondere Atmosphäre und einen sehr eigenen Look. Ich habe mit Produzenten im Süden gesprochen, und die wollten den Film nicht nur von ihren Freunden schreiben und inszenieren lassen, sondern auch dort unten aufnehmen und dann so tun, als sei das im Norden. Mit anderen Filmen mag das ja funktionieren, aber „Marianne“ musste genau dort spielen, weil die Orte, an denen die Figuren leben, real existierende Schauplätze sind. Die Geschichte spielt in einem bestimmten Vorort von einer bestimmten Stadt. Man kann dort hinreisen und sich den Ort ansehen. Es ist alles echt. Und das war letztlich der Grund, warum ich mich entschlossen haben, den Film aus eigener Tasche zu finanzieren.

screen/read: Keine einfache Entscheidung. Vor einem solchen Hintergrund allerdings in vielerlei Hinsicht vermutlich die einzig realistische Option. Weißt Du von anderen Filmemachern in Schweden, die einen ähnlichen Weg gegangen sind und sich vom SFI ferngehalten haben?

Filip Tegstedt: Allerdings, da kenne ich eine ganze Reihe. Jetzt, da die Technologie viel erschwinglicher geworden ist, müssten wir nur die Vertriebsproblematik lösen, und dann gäbe es da eine ganze Welle schwedischer Filmemacher und Filme, die für ein jüngeres Publikum interessant wären. Unter den etablierten Leuten in Schweden gibt eine einige, die großartige Dramen, Beziehungskomödien und Krimis drehen, aber das alles spricht junge Leute nicht an. Wir kriegen schlicht und einfach keine Genre-Beiträge aus dem Umfeld von Action, Sci-Fi, Horror etc.

screen/read: Würdest Du sagen, dass die technischen Entwicklungen heute eine ernstzunehmende kulturelle Revolution in Deinem Land mit sich bringen könnte? Oder mehr noch: Ist das der einzige Weg, das Finanzierungssystem, das Du beschrieben hast, zu verändern?

Filip Tegstedt: Ich denke, es ist zumindest einer von mehreren möglichen Wegen. Im Augenblick würde ich jedem unabhängigen Filmemacher in Schweden raten, sich mit Lennart Foss in Verbindung zu setzen, den die Regierung kürzlich dazu berufen hat, die Finanzierungsmodalitäten des SFI zu überprüfen. Die Rahmenbedingungen hierfür werden alle paar Jahre erneuert, und ich kann mir vorstellen, wenn die Leute Kontakt zu ihm aufnehmen und von ihren Erfahrungen mit dem System berichten, könnte er weiterzuhelfen. Ich habe mit ihm gesprochen, und er ist ein sehr netter Kerl, der daran interessiert ist zu erfahren, was die Filmemacher zu sagen haben.

screen/read: Mit all dem im Hinterkopf, denkst Du nicht, es wäre einfacher, „Marianne“ erst im Ausland anzubieten und bestenfalls auch dort zu vertreiben? Wäre das eine ernstzunehmende Option?

Filip Tegstedt: Unbedingt. Es ist viel einfacher, im Ausland einen Distributionsdeal hinzubekommen als in Schweden.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

screen/read: Nun bist Du ja in der glücklichen Position, mit Peter Stormare einen Schauspieler im Team zu haben, der international bekannt ist. Wie kam es zu der Zusammenarbeit? Und würdest Du sagen, das wird helfen, den Film zu promoten und einen Verleih zu bekommen?

Filip Tegstedt: Es hilft absolut in jeder Hinsicht. Und unabhängig davon hat es Spaß gemacht, mit einem Schauspieler zu arbeiten, der schon mit Leuten Filme gedreht hat wie Terry Gilliam, Ingmar Bergman, den Coen-Brüdern, Steven Spielberg, Michael Bay, Lars von Trier etc. etc. etc. Peter ist außerdem ein wirklich cooler Typ. Er macht solche Sachen gerne, um die Independent-Szene zu unterstützen, und das ist ja wie gesagt eben etwas, wozu noch nicht einmal das Filminstitut bereit ist. Dass ich ihn bekommen habe, war eine Kombination aus Glück und der Tatsache, dass wir uns als kleine Produktion problemlos nach seinem Terminkalender richten konnten. Ich wusste, dass er weiter oben im Norden an einem Film namens „Jägarna 2“ arbeitete, der Fortsetzung zu einem der erfolgreichsten und besten schwedischen Thriller überhaupt. Also habe ich seinen Agenten kontaktiert und erklärt, dass wir eine sehr kleine Produktion sind und seinen Part drehen können, wann immer er gerade in der Nähe ist. Glücklicherweise hat Peter ebenfalls Interesse an schwedischer Folklore und ist außerdem ein Nordländer. Vor ein paar Jahren hat er in dieser Region noch einen anderen Film mit dem Titel „Varg“ gedreht. Und so kam es eben zu unserer Zusammenarbeit.

screen/read: Also eigentlich eine ganz einfache Sache, wenn man so will, und gleichzeitig sehr effektiv.

Filip Tegstedt: Genau. Ich wusste allerdings erst ein paar Wochen vor Drehschluss, dass er mit Sicherheit dabei sein würde. Ich hatte den letzten Tag für seine Aufnahmen eingeplant, und falls er sich nicht gemeldet hätte, wäre ein anderer Schauspieler für ihn eingesprungen. Außerdem habe ich die Szenen auch extra für ihn umgeschrieben. Und als wir sie aufgenommen haben, gab es eine Menge Improvisation. Wir haben eine ganze Reihe sehr lustiger Aufnahmen, bei denen Peter und Thomas Hedengran einfach nur irgendetwas daherreden. Einiges davon ist irre komisch und gehört eigentlich veröffentlicht.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

screen/read: Thomas Hedengran war ja unter anderem im originalen „Jägarna (Die Spur der Jäger)“ zu sehen und ist in Schweden ein bekannter Name. Hattest Du ihn beim Schreiben der Rolle bereits im Hinterkopf?

Filip Tegstedt: Thomas war sowohl in „Jägarna“ als auch in „Hamilton“, wo Peter Stormate einen Action-Helden gespielt hat und Mark Hamill einen großartigen Schurken. Er war in einer ganzen Reihe großer schwedischer Produktionen zu sehen, etwa in dem Vampirfilm „Frostbiten“ oder der Originalversion von „The Invisible (Unsichtbar – Zwischen den Welten)“, von dem David S. Goyer ein Hollywood-Remake gedreht hat. Mein Script Consultant kannte ihn und schlug ihn mir für die Rolle vor. Thomas spielte in dem Sommer am Theater, also haben wir den Drehplan danach ausgerichtet. Die Innenaufnahmen haben wir im Mai gemacht, und alle Außenaufnahmen im Juli. Im Juni konnte er nichts filmen, weil er da Proben hatte, und ihm Juli waren donnerstags bis sonntags Aufführungen in Falkenberg, was etwa 900 km weiter südlich liegt. Den ganzen Sommer über hat er also hart gearbeitet, Montag bis Mittwoch am Set und Donnerstag bis Sonntag auf der Bühne.

screen/read: Das ist für einen etablierten Schauspieler ein ganz schöner Aufwand. Er muss den Film und die Rolle schon sehr gemocht haben.

Filip Tegstedt: Thomas war von Anfang an begeistert. Ich denke, er mochte besonders, was Krister, die Hauptfigur, durchmachen musste. Krister ist außerdem ein echtes Arschloch, und das zu spielen macht vermutlich echten Spaß. Für mich war das eine wichtige Seite der Figur, damit man erkennt, was Sandra, die 18-jährige Tochter, hat durchmachen müssen. Sie kann ihren Vater nicht ausstehen, und es ist wichtig, dass wir verstehen, warum das so ist. Ihre Rolle war zunächst viel größer, aber ich habe dann den Fokus auf Krister verschoben, weil er derjenige ist, der die Alpträume hat.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

screen/read: Lass uns ein bisschen über die Geschichte sprechen. Kannst Du sie in ein paar Sätzen zusammenfassen?

Filip Tegstedt: Ich würde sagen, der Film ist ein psychologisches Horrordrama über eine zerbrochene Familie. Krister versucht, seine Familie zurückzugewinnen, nachdem er seine Tochter nicht hat aufwachsen sehen und irgendwann begreift, was er ihr angetan hat, und wie unglücklich ihn das macht. Also kommt er wieder mit ihrer Mutter Eva zusammen (gespielt von Tintin Anderzon) und die beiden kriegen ein zweites Kind. Am ersten Abend dann, an dem die beiden ohne das Baby unterwegs sind, stirbt Eva bei einem Autounfall, und da setzt der Film ein. Die Geschichte handelt im Kern von Krister, seiner mentalen und physischen Erkrankung, von seinen Alpträumen und von dem „Mahr“, einer Kreatur der Nacht, die ihn heimsucht.

screen/read: Den Mahr gibt es in der mittelalterlichen Volksdichtung ja in vielen Ausprägungen. Worum geht es in der schwedischen Variante, und wie ist „Marianne“ von ihr beeinflusst?

Filip Tegstedt:
Der Mahr oder „Maran“, wie wir die Kreatur in Schweden nennen, ist verwandt mit dem Sukkubus, einem weiblichen Dämon. Der Mythos basiert in beiden Fällen auf dem physiologischen Phänomen der Schlafparalyse. Wenn man einschläft, schaltet sich der Körper ab, damit man seine Träume nicht während des Schlafs aktiv auslebt. Manchmal kommt es dann vor, dass man bereits aufwacht, während der Körper sozusagen noch schläft. Das kann mit Halluzinationen einhergehen, die man im Halbschlaf hat, und dann fühlt es sich so an, als werde man von jemandem beobachtet, der mit im Raum ist. Das ist sehr beängstigend, vielleicht mit das Furchteinflößendste, das einem passieren kann. Es ist so, als könne man sich vor Angst nicht bewegen, nur dass es eben anders herum verläuft – man kann sich nicht bewegen und bekommt deshalb Angst. Eine Menge Leute fühlen zudem eine erdrückende Last auf dem Brustkorb, so als würde ihnen das Atmen schwer fallen. Da kommt der Mahr her. Die Leute glaubten, er sei eine Frau, die unter einem Fluch stünde, und dass ihr Körper unwillkürlich den Ort wechsle, sie Männern auf der Brust säße und ihnen furchtbare Alpträume verschaffe. Daher stammen die Worte „night-mare“ im Englischen oder „mar-dröm“ (Mahr-Traum) im Schwedischen.

screen/read: Oder „Nachtmahr“ als veraltete deutsche Form von „Alptraum“.

Filip Tegstedt: Da kommen die Bezeichnungen her, und das ist auch der Grund, warum ich den Film „Marianne“ genannt habe.

screen/read: Es gibt da ja dieses berühmte Gemälde von Johann Füssli, das Ken Russell auf gewisse Weise in „Gothic“ nachinszeniert hat.

Filip Tegstedt: Ja, das ist ein unheimlicher Film. Die Inspiration durch das Bild leuchtet mir ein. Den Bezug hatte ich bisher allerdings nicht hergestellt. Ziemlich cool.

Füssli, Nachtmahr

screen/read: Du hast den Film ein psychologisches Horrordrama genannt, verstehst ihn also weder als klassischen Horror, noch als klassisches Drama. Nichts desto trotz gibt es eine geisterhafte monsterähnliche Kreatur, was ja nun eine genretypisches Element ist. Was war die Idee dahinter?

Filip Tegstedt: Der Film ist tatsächlich in keiner Hinsicht ein klassisches Irgendwas, eher etwas Postmodernes. Der Mahr fungiert hier als das Monster, ganz klar. Ich würde behaupten, er basiert auf Kreaturen aus drei unterschiedlichen Filmen. Da gibt es etwa einen isländischen Fernsehfilm von 1985 namens „Draugasaga“, der allerdings noch nicht einmal auf IMDb gelistet ist. Zum anderen denke ich an Hideo Nakata’s „Dark Water“ and Murnau’s „Nosferatu“. Sie alle haben meine Version des Mahr-Monsters beeinflusst. Was das Genre betrifft, würde ich sagen, es ist grundsätzlich schon Horror. Das einzige, was die Grenzen verschiebt, ist die Atmosphäre. In dieser Hinsicht geht der Film eher als Drama mit einigen mystischen Elementen durch, irgendwas zwischen „Donnie Darko“ und „American Beauty“, allerdings mehr im Sinne einer schwedischen Variante von Kitchen Sink Realism.

Die unheimlichen Stellen haben eine typische Horror-Atmosphäre, aber alles in allem orientiert sich „Marianne“ viel mehr an „ American Werewolf“ als an „The Grudge“. John Landis’ Film fühlt sich mehr wie ein Drama oder eine Komödie mit Horror-Elementen an. Da gibt es keine echte Horror-Atmosphäre oder Horrormusik, stattdessen aber Humor und ein berührendes Drama um jemanden, der nicht auseinanderhalten kann, ob das, was mit ihm geschieht, real ist, oder ob er vielmehr den Verstand verliert. „Marianne“ ist in gewissem Sinn ähnlich. Die Struktur hingegen ist immer noch sehr horrortypisch. Alle Bestandteile eines Horrorfilms sind da. Also ist es mehr eine postmoderne Variante des Genres, ein bisschen wie „So finster die Nacht“, allerdings näher am Buch als am Film.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

screen/read: Außerdem gibt es einen der unheimlichsten Soundeffekte, die man sich vorstellen kann, und der Trailer macht hinreichend Gebrauch davon. Die knirschenden Zähne scheinen ein zentrales Element in der Vermarktung des Films zu sein.

Filip Tegstedt: Jeder, dessen Partner nachts mit den Zähnen knirscht, kennt das Geräusch, und wenn er dann noch mit Schlafparalyse aufwacht, wird er nach dem Film ganz sicher eine Menge Spaß haben.

screen/read: Ist die breite Palette von Fantasy in der eher angsteinflößenden Variante der zentrale Typus von Genre, in dem Du zukünftig als Filmemacher arbeiten willst?

Filip Tegstedt: Meiner Meinung nach gibt beim Film eigentlich nur zwei Genres: Dokumentation und Fantasy. Alles, was keine Dokumentation ist, muss zwangsweise Fantasy sein. Ganz egal, ob es sich dabei um „Star Wars“ oder „Die unendliche Geschichte“ oder „The King’s Speech“ handelt, es ist immer Fantasy. Denn sobald man damit beginnt, eine Welt zu erfinden, muss man früher oder später ein Entscheidung darüber treffen, welche Regeln gelten. Wenn die Geschichte in einer Welt spielt, in der Menschen fliegen können, dann liegt dem eine Entscheidung zugrunde. Spielt sie in einer Welt, die so ist wie die unsere, so ist auch das eine Entscheidung. Und das macht letztlich beides zu Fantasy. Als Filmemacher verbiege ich gerne die Regeln der Welt, in der wir leben, weil das eine Menge Möglichkeiten freisetzt. „Marianne“ erforscht in gewissem Sinn ein Gebiet, auf dem phantastische Fiktion und die kalte Realität, mit der wir alle täglich zu tun haben, aufeinandertreffen. Wenn man allerdings genauer hinsieht, gibt es da eine feine Linie zwischen dem, was nur fantasiert, und dem, was real ist. Tatsächlich ist diese Grenze aber sehr verschwommen. Sprich mit jemandem, der gerade von einem harten Drogentrip herunterkommt und lass ihn die Welt beschreiben, in der er lebt. Die hat mit unserer nur wenig zu tun. Und genauso ist Genre lediglich eine Form.

screen/read: Filip, danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir viele Erfolg und hoffen, dass Dein Film möglichst bald auch einen deutschen Verleiher findet.

[Die englische Originalfassung dieses Interviews gibt es hier zu lesen.]

MARIANNE

MARIANNE

Filip Tegstedt, filmmaker

Marianne | A film by Filip Tegstedt

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[Bildnachweis: Jämtfilm, AMT Production]

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