Fifty Shades of Grey: Aua Aua | Ein Erfahrungsbericht

20. Juni 2015

Fifty Shades of Grey | Filmkritik

Als gäbe es momentan nur ein Thema: Das quälende Warten auf die heißersehnte Verfilmung der unsäglichen Literatursimulation aus der Feder von Pulitzerpreisträgerin E.L. James (oder haben wir da etwas verwechselt?) hat ein Ende. Wir haben Laily Oudray gebeten, sich die schmerzhafte Erfahrung in einem gutbesuchten Lichtspieltheater ihrer Wahl anzutun und Film wie Zuschauertypus unter die Lupe zu nehmen. Hier das Resultat unserer spürbar genervten Autorin.

Frauen zwischen 20 und 40 Jahren haben endlich einen neuen Pilgerort gefunden, an dem sie sich treffen, Geistloses austauschen und, ganz wichtig, Selfies mit den Hashtags #ladysnight, #bestfriends und #goodtimes für ihre Facebook- und Instagram-Freunde schießen können: den Kinosaal. Gemeinsam mit ihren BFFs schauen sie dort momentan nämlich die Verfilmung des Oh-Mein-Gott-So-Heiß-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“.

Kommen diese Frauen hierher, weil sie sich verrucht fühlen und endlich mal wieder einen wilden Abend verbringen wollen? Oder ist es nur die Neugier auf das, was Hollywood aus dem Lieblingsbuch der sexuell frustrierten weiblichen Mittelschicht gemacht hat? Die Verfasserin dieser Zeilen kommt jedenfalls nach eindringlicher Begutachtung zu dem Schluss, dass „Fifty Shades of Grey“ ohne Zweifel der größte Mist ist, den man sich zur Zeit im Kino antun kann.

Die Geschichte ist so schnell erzählt, dass man sich wundert, wie daraus ein Film von über zwei Stunden Länge werden konnte (Jungfrau + reicher Kerl = Voll die Lovestory). Das Elend beginnt damit, dass die 22-jährige Anastasia Steele (gar nicht so schlecht: Dakota Johnson) für eine Studentenzeitung den 27-jährigen Millionär Christian Grey interviewt (grauenhaft: Jamie Dornan, von Natur aus Babyface). Natürlich schlägt sofort der Blitz ein. Es ist Liebe auf den ersten Blick!

Flugs baut sich eine Beziehung auf, der Himmel hängt voller Geigen (in Gestalt von Ellie Goulding) und die beiden könnten bis ans Ende ihrer Tage glücklich sein, hätte Christian nicht ein dunkles Geheimnis. Aufgrund einer traumatischen Kindheit muss er nämlich immer die Kontrolle behalten, was, wie könnte es anders sein, selbstverständlich eine Vorliebe für BDSM mit einschließt. Unmissverständlich zeigt sich hier der raffinierte psychologische Tiefgang der Autorin. Oder auch nicht.

Fifty Shades of Grey | Jamie Dornan, Dakota Johnson

Aber Anastasia wäre kaum die 08/15-Frau, die sie nun einmal ist, wenn sie nicht versuchen würde, Christian vor sich selbst (oder was auch immer) zu retten. Dazu nutzt sie die allseits beliebte Methode der emotionalen Erpressung. Macht ihm ein schlechtes Gewissen, weil er sie tatsächlich auspeitscht, nachdem sie ihn selber dazu gedrängt hat. Und schieb sofort eine Liebeserklärung nach, damit er überhaupt nicht mehr weiß, was er denken soll. Anastasia – ein Fall für die Couch (und zwar nicht die zur Besetzung).

Doch auch Christian sollte vielleicht mal zum Seelenklempner, jedoch nicht seiner S/M-Neigung wegen. Denn Handys zu tracken, Leuten quer durch die Staaten hinterherzureisen (ohne ihr Wissen, weil Überraschung) und das Eigentums des Anderen ohne dessen Einwilligung einfach so zu verkaufen, ist nicht sexy, sondern psychotisch und führt normalerweise mindestens zu einer einstweiligen Verfügung.

Anders betrachtet: In ihrem Wahnsinn sind die beiden irgendwie doch ein echtes Traumpaar. Dann allerdings wird ihre Liebe auf eine harte Probe gestellt, denn seiner Neigung wegen entfernen sie sich zunehmend voneinander. Noch vor den End Credits werden sie sich getrennt haben. Für immer? Spoiler-Alarm: Nein, denn natürlich wird sich Christian in den darauffolgenden Filmen (mindestens zwei) für seine große Liebe von Grund auf ändern. Zum Happy End ziehen sie in ein Häuschen im Grünen, werfen ein paar Kinder und haben Kuschelsex. Zu schön, um wahr zu sein.

Fifty Shades of Grey | Dakota Johnson

Nachdem die Romanreihe die Bestsellerlisten erobert hatte, konnte man keine Buchhandlung mehr betreten, ohne von Trittbrettfahrern belästigt zu werden. Pseudo-S/M-Romane, wohin man auch schaute. Überall galt: Let’s talk about (hard) sex, Baby! Klar, dass sich da eine ganze Reihe von Frauenzeitschriften berufen fühlte, ihre Leserinnen ausgiebig über das Thema aufzuklären (Cosmo-Tipp #100: Beiß ihn doch beim Oralsex einfach mal richtig fest auf den Penis. Darauf wird er stehen). Der Zeitgeist forderte offenbar Kabelbinder.

Dass der Film vor diesem Hintergrund noch deutlich zurückhaltender ausgefallen ist, als von einer Hochglanz-Produktion ohnehin zu erwarten, wundert nun doch. Denn das Wenige, was im Horizontalbetrieb zu sehen ist, reicht nicht mal aus, um die kreuzbrave und überaus vorhersehbare Story ansatzweise aufzufrischen. Wenn die Figuren miteinander schlafen (Ach, Pardon: „Ich schlafe nicht mit jemanden. Ich ficke. Hart“, behauptet Christian mit leerem Blick irgendwann einmal), hat das weniger mit heißer Begierde als mit Pflichterfüllung zu tun. Sollte das die entfesselnde Leidenschaft einer neuen Beziehung sein, dann will man gar nicht wissen, wie es einmal sein wird, wenn der Alltag das Ruder übernimmt. Darüber hinaus stimmt die Chemie zwischen den Hauptdarstellern so dermaßen überhaupt nicht, dass man an allen Ecken und Enden ganz tief in die Klischeekiste greifen musste, um dem Zuschauer die sprühenden Funken zumindest ansatzweise vorzugaukeln.

Erschwerend kommt hinzu, dass insbesondere die Sexszenen eher unfreiwillig komisch ausgefallen sind. Anastasia scheint bereits durch bloßes Ein- und Ausatmen zum Orgasmus zu kommen. Und Jamie Dornan kann man den harten Burschen einfach nicht abnehmen – ein blasser 17-Jähriger aus dem Dorf, der versucht auf Gangster zu machen, das ist schon eher sein Ding. Der S/M-Part kommt zudem sowieso nur am Rande vor. Mal wird entspannt eine Peitsche geschwungen, mal gibt es einen Klapser auf den Po, mal werden Augen verbunden. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Macher eine Check-Liste abarbeiten mussten, dabei aber panisch bemüht waren, bloß nicht zuviel zu riskieren (Polanskis „Bitter Moon“ ist im Vergleich ein echter Hardcore-Porno).

Am Ende zeigten sich selbst die Ladies vom Mädelsabend enttäuscht, denn kein Selfie der Welt kann einen gähnend langweiligen Film wie diesen wettmachen. Zusammengefasst: Love me like you do or leave it. [Laila Oudray]

OT: Fifty Shades of Grey (USA 2015). REGIE: Sam Taylor-Johnson. BUCH: Kelly Marcel. MUSIK: Danny Elfman. KAMERA: Seamus McGarvey. DARSTELLER: Dakota Johnson, Jamie Dornan, Jennifer Ehle, Eloise Mumford, Victor Rasuk, Luke Grimes, Marcia Gay Harden, Rita Ora. LAUFZEIT: 125 Min.

Fifty Shades of Grey

[Abbildungen: Universal]

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