Extraterrestrial | Interview mit den Vicious Brothers Colin Minihan und Stuart Ortiz

12. April 2015

2011 zog ein bis dato völlig unbekanntes Duo aus Kanada mithilfe eines kleinen FoundFootage-Schockers quasi über Nacht die Aufmerksamkeit der Horrorgemeinde auf sich. Das einflussreiche Forbes-Magazine erklärte „Grave Encounters“ gar zu einem der zehn besten Genre-Filme dieses Jahrgangs. Kurz darauf folgte ein unvermeidliche Sequel, für das die beiden allerdings nur das Drehbuch lieferten. Mit „Extraterrestrial“, einer gemeinen Hommage an klassische Alien-Filme, gewürzt mit einer sparsamen Dosis Torture Porn, liegt nun der zweite Film der selbsternannten (nicht blutsverwandten) „Vicious Brothers“ vor. Wir sprachen mit Colin Minihan und Stuart Ortiz über Archetypen, UFO-Standards, Teamarbeit und Jennifer Aniston.

screen/read: Entführungen durch Außerirdische waren im Kino lange Zeit kein Thema mehr, kehren aber seit kurzem hier und da wieder zurück. In eurem Film lässt sich eine Menge Vibe aus den 80ern spüren und es ist fast unmöglich, hier und da nicht an „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ oder die TV-Serie „V“ zu denken. War diese Ära ein wichtiger Einfluss für euch, als ihr „Extraterrestrial“ geschrieben habt?

Stuart Ortiz: Wir sind Riesenfans dieser Zeit und der Filme von damals. Als Kinder der 80er, die in den 90ern aufgewachsen sind, stammen alle unsere Lieblingsfilme aus dieser Zeit und kommen von Leuten wie Spielberg, Lucas und Cameron. „Feuer am Himmel“, ein besonders düsterer Film aus den frühen 90ern über Alien-Entführungen, hatte einen besonders großen Einfluss auf uns. Aber unabhängig davon hatten wir das Gefühl, dass noch niemand einen Horrorfilm gemacht hat, in dem alle gängigen Mythen über Außerirdische zusammenkommen. Und genau das haben wir dann versucht.

screen/read: Habt ihr vorab irgendwelche Form von Recherche betrieben?

Colin Minihan: Wir haben ein paar Bücher über Alien-Entführungen gelesen, aber insgesamt wollten wir den Film möglichst einfach und zugänglich halten. Deshalb haben wir die Geschichte hauptsächlich um das Verbot gestrickt, den Außerirdischen in die Quere zu kommen. Deshalb wurde eine Art Alien-Rachefilm draus. Und wir wissen, wovon wir reden, denn leider wurden wir auch schon von Außerirdischen entführt. Und die haben so einiges mit uns angestellt. [lacht]

Extraterrestrial

screen/read: „Extraterrestrial“ ist euer zweiter Spielfilm und zugleich der erste, den ihr auf traditionelle Weise gefilmt habt? Wie war die Erfahrung da im Vergleich zum FoundFootage-Stils des Vorgängers?

Colin Minihan: Es ist eine völlig andere Form des Filmemachens. Bei „Grave Encounters“ mussten wir all unsere Ansprüche als Filmemacher herunterschrauben, um eine realere und rohe Ästhetik zu erzielen und die Schauspieler zu Leistungen zu motivieren, die nicht nach Drehbuch aussahen. Der Ansatz ist also ein völlig anderer, selbst von einem rein technischen Standpunkt aus. Unser erster Film war so minimal, so schmutzig und laut. Wir haben bewusst mit Blitz beleuchtet und mussten eine Menge Nachtsicht einbauen. Wenn man hingegen einen Film mit hohem Produktionswert und professioneller Lichtsetzung macht, ist das eine ganz andere Sache. Bei Found Footage besteht immer die Gefahr, dass der Realismus auf der Strecke bleibt, wenn man versucht, zuviel Kontrolle auszuüben, wohingegen es beim traditionellen Filmemachen überall immer um Kontrolle geht.

screen/read: Würdet ihr sagen, dass traditionelles Filmemachen in gewissem Sinne erfüllender ist?

Colin Minihan: Das einzige, das für mich als Filmemacher wirklich erfüllend ist, sind großartige Darstellerleistungen. Wenn man die aus den Schauspielern herauskitzeln kann, zählt der Ansatz überhaupt nicht. Ich denke, Stuart stimmt mir da teilweise zu.

Stuart Ortiz: Also bei „Grave Encounters“ gab es definitiv eine Menge Dinge, die wir in einem Film mit traditionellem Ansatz nicht bekommen hätten. Da gibt es zum Beispiel eine Szene, wo wir den Schauspielern die Kamera und ein paar Anweisungen gegeben haben, mit denen sie dann selber umherlaufen mussten. Das kann man in einem traditionellen Film natürlich nicht machen. Ich finde es gut, dass jeder Ansatz eigene Momente hat, mit denen man Spaß haben kann. Bei Found Footage oder einer Mockumentary kann man vermutlich mehr improvisieren. Aus technischer Perspektive hingegen ist ein Film interessanter, in dem jede Einstellung so gut wie gerade eben möglich durchkomponiert wird. Und man bekommt da natürlich auch darstellerische Leistungen, die viel näher am Drehbuch sind.

screen/read: „Extraterrestrial“ hatte seine Weltpremiere auf dem Tribeca-Filmfestival und wurde auch danach auf einigen Festivals gezeigt. Vor dem Hintergrund gefragt, dass solche Veranstaltungen ja durchaus ihre eigenen Regeln haben, wie waren die Reaktionen des Publikums?

Colin Minihan: Grundsätzlich haben Festivals wie Tribeca eher ein älteres Publikum und unser Film ist ja schon für junge Leute gemacht. Das kann die Wahrnehmung eines Films natürlich verzerren. Aber trotzdem waren bei jeder unserer Vorführungen die Lacher und die Schreckmomente immer an der richtigen Stelle. Es ist schon eine tolle Sache, einen Film im Kino vorzuführen. Da sitzt man dann in der letzten Reihe und hofft, dass man die Zuschauer genau da packt, wo man es von Anfang an wollte.

screen/read: Werdet ihr in Zukunft weiterhin dem Genre-Kino die Treue halten und Horrorfilme produzieren oder habt ihr andere Pläne?

Stuart Ortiz: Unser Liebe zu Genrefilmen ist ungebrochen, die haben wir als Kinder geliebt und lieben sie immer noch. Wenn sich also die Gelegenheit ergibt, etwas Cooles zu machen und wir ein Projekt finden, das wir auf eine unverbrauchte Weise angehen können, na klar, dann sind wir dabei. Im Moment arbeiten wir allerdings an einem Drehbuch, das zwar immer noch Genre-Elemente hat, insgesamt aber eher ein Charakterdrama ist. In Zukunft sind wir also offen für alles Mögliche, Musicals, romantische Komödien etc.

screen/read: Eine romantische Komödie mit Jennifer Aniston wäre also der nächste logische Schritt.

Stuart Ortiz: Genau das wollte ich gerade sagen: Jennifer Aniston! Das war Gedankenübertragung. Sie ist eine Scream Queen und war schließlich in „Leprechaun“. [lacht]

screen/read: Als „Vicious Brothers“ arbeitet ihr immer als Team. Wie beeinflusst das eure Herangehensweise an einen Film?

Colin Minihan: Es ist ein totaler Klotz am Bein! Nein, natürlich nicht. Ich denke, Stuart und ich haben einfach eine ähnliche Denkweise und Sprache. Wir sprechen viel über Filme und jeder von uns hat unterschiedliche Stärken, die er einbringt. Wir ergänzen uns in allen erdenklichen Bereichen, egal ob im Schnitt, beim Schreiben oder die der Regie. Unsere Zusammenarbeit reicht also von A bis Z. Wir wissen, was der andere denkt und sind so in der Lage, schnell zu reagieren, wenn am Set eine Entscheidung getroffen werden muss. Wir teilen uns gerne auf, also etwa wenn einer von uns eine klare Vorstellung von einer bestimmten Szene hat, dann übernimmt er sie und instruiert die Crewmitglieder. Und bei der nächsten Szene ist es dann wieder anders herum.

screen/read: Würdet ihr sagen, eure Zusammenarbeit lässt euer Filmemachen reicher werden?

Colin Minihan: Filmemachen ist an sich ja schon ein kollektiver Prozess. Ich habe eigentlich nie verstanden, wie ein Film nur einer bestimmten Person zugeordnet werden kann. Da sind einfach zu viele talentierte Leute in der Crew, die für ein gemeinsames Ziel zusammenkommen. Es ist eben nie nur der Film eines einzigen. Manchmal ist es zum Beispiel so, dass der Poduktionsdesigner oder der Kameramann einen Look entwickelt, den der Regisseur gar nicht im Blick hatte, dann aber übernimmt. Es gibt so viele unterschiedliche Perspektiven und Geschmäcker, die mitwirken, und obwohl es ihr Job ist, die Vision des Regisseurs umzusetzen, bringt doch jeder seinen eigenen kreativen Funken mit. Und wenn alle zusammenarbeiten, kann das dann zu einem tollen Endergebnis führen.

Extraterrestrial

screen/read: Ihr habt euren Aliens ein ziemlich klassisches Design verpasst und zeigt mehr oder weniger den archetypischten Außerirdischen, den man sich denken kann. Warum habt ihr euch für diesen Ansatz entschieden und nicht stattdessen völlig neue Kreaturen entworfen?

Stuart Ortiz: Ich glaube, wenn man irgendjemanden auf der Straße fragt, wie er sich einen Außerirdischen vorstellt, werden die meisten die graue Kreatur mit den großen schwarzen Augen beschreiben. Das ist wahrscheinlich der kulturelle Zeitgeist. Wenn man also mit der Standardvorstellung arbeitet, wirkt alles direkt ein bisschen realer und im Horrorumfeld eben auch unheimlicher. Hätten wir irgendein verrücktes Design entwickelt, also vielleicht Kreaturen, die aussehen wie Tintenfische oder Drachenflügel haben, würde das sicher cool aussehen, aber die Leute hätten keinen richtigen Bezug. Irgendwas an diesem klassischen Alien-Design is ein ganz essentieller Teil unserer Popkultur und deshalb wollten wir die bestehenden Standards und Mythen der UFO-Welt ohne Vorbehalte nutzen.

screen/read: Jetzt, da ihr UFO-Experten seid, habt ihr da auch schon in Roswell und Area 51 besucht?

Stuart Ortiz: Bis jetzt noch nicht, aber wir wollen da schon eine ganze Weile mal hinpilgern. Vielleicht in den nächsten Monaten, jedenfalls vor Jahresende noch. Speziell das Hotel „Littel A’Le’Inn“ wollen wir uns ansehen. Und dann will ich unbedingt in die Merchandising-Läden, um mir außerirdische Schlüsselanhänger und T-Shirts zu holen. Darauf stehe ich.

screen/read: Das solltet ihr dann eigentlich auf Video festhalten.

Stuart Ortiz: Ja, das sollten wir eigentlich tun.

[Unser Dank gilt Colin und Stuart für ihre Zeit. Die englische Originalfassung unseres Interviews findet sich hier.]

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

[Abbildungen: IFC Films / Tiberius Film / Screencapture]

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