Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden | Filmkritik

06. April 2015

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

Vielleicht war es die Schuld von Indiana Jones und seinem unseligen Abstecher ins Königreich des Kristallschädels, dass dem Kinopublikum eine ganze Weile lang der Spaß an außerirdischen Besuchern vergangen war. Vielleicht waren die Aliens aber auch schlichtweg von der zunehmenden (kassenträchtigen) Übermacht der Marvel- und DC-Helden ins Hintertreffen geraten. Seit Kurzem macht sich die Invasion aus dem All jedenfalls wieder hier und da bemerkbar, und spätestens mit dem langerwarteten Sequel zu „Independence Day“ dürfte sie im kommenden Jahr einigen Anschub bekommen. Bis dahin lässt sich die Wartezeit mit kleineren Produktionen wie „Dark Skies“, „Outpost 37“ oder eben „Extraterrestrial“ überbrücken.

Für letzteren scheint vor allem die 2008er „Krieg der Welten“-Version ausgiebig Pate gestanden zu haben – und das hat nicht nur mit der gnadenlosen Böswilligkeit der Aliens zu tun, die ihre Opfer quasi vom Boden ins Raumschiff saugen. Überhaupt sind die (formalen) Spielberg-Einflüsse unübersehbar. Wer sich etwa die Mühe machen will, die Anzahl der dem Meister nachempfundenen Dolly-Ins auf einzelne Charaktere nachzuzählen, wird kaum einstellig bleiben – von der Lichtsetzung durch verbarrikadierte Fenster ganz zu schweigen.

Das soll gar nicht negativ angemerkt sein, denn „Extraterrestrial“ versteht sich durchaus ganz bewusst als Kind der 80er, das mit dem Horrorkino der 2000er aufgewachsen ist und so unterschiedliche Stiltypologien in sich vereint. Umso ernüchternder kommt die Story daher, die es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, alle erdenklichen Klischees des herkömmlichen Waldhütten-Horrors artig zu reproduzieren. Wer bislang dachte, nach „Cabin in the Woods“ würde sich das niemand mehr trauen: Hier ist der Gegenbeweis.

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

Dabei beginnt der Film vergleichsweise unkonventionell mit einer spurlos verschwundenen Telefonzelle, nur um dann in eine hundertfach zuvor gesehene Reißbrett-Geschichte vom Kurzurlaub einer Handvoll Twens im abgelegenen Ferienhäuschen überzuwechseln – mit dem einzigen Zweck, Zeit zu gewinnen, während Figuren eingeführt werden, die niemanden interessieren und im Laufe des Films fast ausnahmslos als Kanonenfutter dienen (vom unvermeidlichen Final Girl einmal abgesehen).

Der obligatorische Hallodri, ein College-Pärchen mit unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen (muss der Standard-Topos „Heiratsantrag“ wirklich immer dabei sein?) sowie zwei von jeglicher Charakterisierung freie Mädchen, die inhaltlich keinerlei Funktion haben außer ansprechend auszusehen und früher oder später das Zeitliche zu segnen – so sieht der Trupp aus, der dem Zuschauer so lange auf den Keks geht, bis endlich eine fliegende Untertasse abstürzt und dafür sorgt, dass der Film in die Gänge kommt.

Von da an allerdings ist die Sache – jedenfalls für Genre-Fans – tatsächlich ihr Geld wert. Denn die Außerirdischen, so weiss ein Hanf anbauender Vietnamkriegs-Veteran zu berichten (noch so ein Klischee und zudem Michael Ironside), haben seit Roswell einen geheimen Deal mit der US-Regierung: Wenn sie unbehelligt Erdlinge entführen und nach Belieben an ihnen herumexperimentieren können, darf sich die Menschheit weiterhin in der Illusion wägen, Herr über den eigenen Planeten zu sein.

So ganz trifft es der deutsche Titelzusatz also nicht, denn kriegerische Absichten haben die Besucher aus dem All eigentlich nicht. Forschen wollen sie, und das möglichst unbehelligt. Dass die von ihnen entführten Menschen dabei bloße Versuchskaninchen sind, darüber lässt der Film allerdings keinen Zweifel und bewegt sich deshalb gegen Ende auch tatsächlich ein ganzes Stück weit in Richtung Torture Porn.

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

Überhaupt: Dass sich „Extraterrestrial“ dazu entscheidet, ein Stück weit zu beobachten, was mit den Entführten passiert und wo sie hingebracht werden, unterscheidet diesen Invasions-Film angenehm (oder je nach Geschmack eher unangenehm) von den meisten anderen Beiträgen seine Art. Welche Schauwerte hier trotz des überschaubaren Budgets geboten werden, ist durchaus bemerkenswert.

Umso mehr fällt die wenig ausgereifte Charakterzeichnung der einzelnen Figuren ins Gewicht und man kann sich nur ausmalen, wie effektiv die Geschichte mit echten Identifikationsträgern hätte werden können. Den einzigen Lichtblick bietet hier der von Gil Bellows (vor allem bekannt als Ally McBeals Jugendliebe Billy Thomas) vergleichsweise überzeugend zum Leinwandleben erweckte Sheriff, den mit den Außerirdischen möglicherweise ein ganz besonderes Schicksal verbindet. Dass er als Gesetzeshüter ausgerechnet Murphy heißen muss, versetzt der Figur allerdings fast schon wieder den Todesstoß.

Die Aliens selber sind kunspektakulär dürr, groß und grau, ausgestattet mit langen Fingern und riesigen Insektenaugen. Ganz ausdrücklich wollten die Macher Colin Minihan und Stuart Ortiz (im Kollektiv besser bekannt als The Vicious Brothers) den archetypischen Look und gingen damit denselben Weg wie Scott Stewart in „Dark Skies“. Ihre ursprüngliche Idee, die Kreaturen in Form mechanischer Puppen auftreten zu lassen, haben sie sich bedauerlicherweise ausreden lassen, denn die CGI-Variante ist ziemlich deutlich als digitaler Trick erkennbar.

Für die Macher ist „Extraterrestrial“ nach dem FoundFootage-Grusler „Grave Encounters“ der erste Versuch in klassischer Erzähltechnik (mit einigen Handkamera-Gimmicks), und dafür schlagen sie sich dabei erstaunlich gut. Ein unerwartetes Finale und eine ziemlich aufwendige (vermeintliche) Plansequenz, augenzwinkernd mit Elton Johns „Spirit in the Sky“ unterlegt, lassen den Zuschauer mit einem insgesamt gar nicht so schlechten Eindruck zurück. Insgesamt rund 100 Minuten, die sich trotz aller Klischees durchaus sehen lassen können. [LZ]

Extraterrestrial

OT: Extraterrestrial (CA 2014) REGIE: Colin Minihan. BUCH: Colin Minihan, Stuart Ortiz. MUSIK: Blitz//Berlin. KAMERA: Samy Inayeh. DARSTELLER: Brittany Allen, Freddie Stroma, Melanie Papalia, Jesse Moss, Gil Bellows, Michael Ironside, Anja Savcic, Emily Perkins. LAUFZEIT: 96 Min (DVD), 100 Min (Blu-ray). VÖ: 02.04.2015.

Extraterrestrial – Sie kommen nicht in Frieden

[Abbildungen: Tiberius Film]

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