Ex Machina | Filmkritik

07. Mai 2015

Ex Machina

Caleb ist ein echter Glückspilz. Unter Hunderten (Tausenden?) von Mitarbeitern des Suchmaschinen-Giganten „Bluebook“ fällt das Los ausgerechnet auf ihn, um eine ganze Woche mit dem Konzernchef Nathan Bateman in dessen privater Kreativzuflucht irgendwo im Nirgendwo zu verbringen. Doch damit nicht genug. Kaum angekommen, eröffnet ihm das hantelstemmende Programmiergenie einen exklusiven Einblick in ein streng geheimes Forschungsprojekt: Caleb soll die Roboterfrau Ava auf die Überzeugungskraft ihres simulierten Bewusstseins prüfen. Doch bald schon stellt sich die Frage, ob die mechanische Schönheit nicht längst die nächste Evolutionsstufe erreicht hat und echte Gefühle für ihr menschliches (männliches) Gegenüber entwickelt – und das mit verheerenden Folgen.

Beziehungsweise: nein, die Frage stellt sich so eigentlich nicht, denn im gegenwärtigen KI-Kino (Wortspielaward 2015) haben die Roboter, Androiden, Cyborgs und Supercomputer grundsätzlich immer ein Eigenleben. Aktuell durchaus inflationär auftretende Beispiele wie „Her“, „Transcendence“, „Automata“, in gewissem Sinne „Avengers 2“ und nicht zuletzt die exzellente schwedische TV-Serie „Real Humans“ nutzen das Thema auf ihre Weise, kommen aber letztlich doch keinen Schritt weiter als Genre-Klassiker wie „2001“, „Blade Runner“ oder „Alien“, deren künstliche Intelligenzen wiederum auch nur moderne Variationen von Frankensteins Monster, dem Homunkulus oder dem Automatenmenschen der Romantik darstellen.

Und da sind wir auch schon bei E.T.A. Hoffmann und seinem „Sandmann“ angelangt, dessen Hauptfigur Nathanael mit großer Wahrscheinlichkeit als direkter Namensgeber des am Rande des Wahnsinns manövrierenden Menschenbastlers aus Alex Garlands Regiedebüt fungiert. In der Erzählung aus den „Nachtstücken“ heißt die mechanische Puppe Olimpia („die Himmlische“). Hier bekommt sie den Namen der biblischen Versucherin verpasst. Der Topos ist also steinalt, und doch findet „Ex Machina“ einen Zugang, der verblüffend frisch, irgendwie elektrisierend und mit überraschenden Anleihen aus der Fetischkultur daherkommt.

Ex Machina

Die entscheidende Frage, die den Film von seinen zahlreichen Vorgängern abhebt, ist nämlich nicht, inwiefern Ava sich ihrer selbst bewusst ist (und damit der Möglichkeit, dass ihr Erbauer sie einfach abschalten kann), sondern ob ein zwar nach menschlichem Vorbild angelegter, optisch aber – mit Ausnahme von Gesicht und Händen – vollständig mechanischer Körper auf wirkungsvolle Weise sexuelle Stimuli aussenden kann. Nun, der Gynoid dieser Geschichte kann es jedenfalls. Caleb, der mit Ava eigentlich nur einfache Auge-in-Auge-Gespräche führen soll (wenn auch unerklärterweise getrennt durch eine Glaswand), findet sich rasch in einer überraschenden Lage wieder: Die Roboterfrau zieht sich erst für ihn an – und dann wieder aus.

Wenn sie sich anzieht, geschieht das ganz offen und unverfänglich im Rahmen ihrer Prüfgespräche. Auch die Kleiderwahl ist eher bieder und alles andere als aufreizend. Doch längst hat Caleb herausgefunden, dass er Ava mittels heimlicher Überwachungskameras auch jederzeit unbemerkt beobachten kann. Und so schaut er ihr dabei zu, wie sie sich langsam wieder ihrer Kleidung entledigt, sich in ihrer künstlichen Weiblichkeit (möglicherweise bewusst) nackt und bloß zeigt, ohne dabei allerdings irgendetwas zu offenbaren, was er nicht zuvor schon gesehen hätte. Es ist stattdessen allein der voyeuristisch erlebte Akt des Ausziehens, der eine Nahaufnahme von Calebs Halsschlagader rechtfertigt und auch so manchen Zuschauer schlucken lässt.

Von echter Technosexualität oder einem handfestem Roboterfetisch (ASFR) zu sprechen, wäre vermutlich übertrieben. Für Caleb, den Computernerd ohne Freundin, liegt der Reiz eher in der gebündelten weiblichen Zuwendung, die ihm da auf einmal wiederfährt, gepaart mit der zuerteilten Machtstellung ihr gegenüber und der Tatsache, dass er der erste Mann in ihrem artifiziellen Leben ist – ein spätpubertärer feuchter Traum also. Nichtsdestotrotz ist es mehr als ein bloßer Hauch von erotischem Anthropomorphismus, der sich urplötzlich über den Film legt, und Nathan nährt ihn noch ganz gehörig, wenn er von der empfindungsfähigen künstlichen Vagina berichtet, die er seiner Schöpfung extra eingebaut habe, um ihrem Bewusstsein einen weitergehenden Sinn zu geben. Dass bei Caleb fortan die Hormone den Verstand überlagern, liegt auf der Hand.

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Aber vielleicht gehört eben dies zu Evas Programmierung und ist damit eine Errungenschaft Nathans, um die Robotorfrau möglichst real wirken zu lassen. Oder nutzt Ava ihre Sexualität, um Caleb zu manipulieren, damit er ihr zur Flucht verhilft? Es könnte aber auch wiederum Nathan sein, der beide manipuliert oder mit Ava gemeinsame Sache macht, weil er mit dem jungen Programmierer ganz andere Pläne hat, als er behauptet. Das allerdings gehört zum Ratespiel, an dem sich die Geschichte entlang bewegt, um der Aufmerksamkeit des Publikums eine Zielrichtung zu geben. Auf welche Version die Geschichte am Ende hinausläuft, ist im Grunde zweitrangig.

Überhaupt liegt die Originalität des Films weniger im offensichtlichen Drumherum, als vielmehr in der Variation. Da ist etwa Nathan, der zwar die Rolle des verrückten Wissenschaftlers übernimmt, dabei aber unter Umständen auch tatsächlich nur eine Rolle spielt. Mit Hipster-Bart, Fitnesswahn (der seinen anhaltenden Alkohol-Exzessen merklich zuwiderläuft) und überbetont entspanntem Kumpelgehabe kommt er als halbe Parodie eines jener einschlägigen Konzernbosse daher, die ihre Sneaker-Kultur vor sich hertragen, um allen möglichst unmissverständlich klarzumachen, dass es bei ihnen weder ein echtes Chef/Mitarbeiter- noch Firmen/Kunden-Verhältnis gibt, und man ihm sein Vertrauen, Geld und seine persönlichen Daten sorglos überantworten kann.

Avas künstliche Gehirnaktivitäten, so erklärt er einmal, beruhen auf der milliardenfachen Auswertung von Daten, die er nicht nur der eigenen marktbeherrschenden Suchmaschine, sondern auch einer Unzahl weltweit angezapfter Endgeräte entnommen habe – mit dem entscheidenden Unterschied zu allen Mitbewerbern allerdings, dass die für ihn relevanten KI-Infos nicht durch die jeweiligen Suchergebnisse, sondern vielmehr deren zugrundeliegenden Entscheidungen geliefert wurden. Interessantes Paranoiamaterial also, das der Zuschauer nahtlos in die alltägliche Diskussion um Datenspionage und Überwachungsstaatlichkeit einordnen kann.

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Clever gestaltet Garland ein altbekanntes Gerüst mit derlei zeitgemäßen Allgemeinplätzen und überhöht sie zu einem genregemäßen Zukunftsentwurf, belässt die Geschichte dabei aber mehr oder weniger in der Gegenwart. So funktioniert Science-Fiction im Idealfall und ein bisschen Schauerroman ist auch noch dabei, denn die Reise des unbedarften Protagonisten zum entfernt abgelegenen Sitz eines geheimnisvollen Fremden, der sich mit seinen weiblichen Gespielinnen bald als Monster erweist, hat ihre Wurzeln nun einmal bei Stoker.

Visuell setzt der Film ganz auf einen sterilen Kubrick-Look, so dass Avas seltsame Maschinenwärme umso auffälliger in den Vordergrund rückt. Wenn sie sich bewegt, hat sie wenig Roboterhaftes an sich, doch zugleich wirkt der menschliche Faktor an ihr irgendwie entrückt und wie die Weiblichkeit eines Show-Transvestiten sichtbar überschärft. Es ist die entscheidende Dosis mehr an Mensch, die Nathan ihr eingepflanzt hat, und die sie in gewissem Sinne realer wirken lässt als ihr Erbauer, der sich selbst zum Abziehbild degradiert (Höhepunkt: eine bizarre Tanzsequenz), und der gesichtslose Caleb, den sie völlig im Griff hat.

Mit „Alles, was wir geben mussten“ hatte sich Garland 2010 schon einmal mit der Psyche von Kunstmenschen auseinandergesetzt. Doch während die Ishiguro-Adaption ganz aus der Sicht der dortigen Klone erzählt, blickt „Ex Machina“ konsequent von außen auf die KI-Schöpfung (übrigens Alicia Vikander, gerade parallel neben Ewan McGregor in „Son of a Gun“ zu sehen) und lässt ihr Innenleben nur erahnen. Dass Ava zwar als sexuelles Wesen definiert wird, die Behauptung aber beweislos im Raum stehen bleibt (im Gegensatz etwa zu dem ähnlich gelagerten Gen-Thriller „Splice“), gehört zu den ganz wenigen Elementen eines ansonsten durchweg bemerkenswerten Films, die eine gewisse Ernüchterung zurücklassen. [LZ]

Ex Machina

OT: Ex Machina (UK 2015) REGIE: Alex Garland. BUCH: Alex Garland. MUSIK: Geoff Barrow, Ben Salisbury. KAMERA: Rob Hardy. DARSTELLER: Domhnall Gleeson, Oscar Isaac, Alicia Vikander, Sonoya Mizuno, Corey Johnson, Claire Selby, Symara A. Templeman, Gana Bayarsaikhan, Tiffany Pisani, Elina Alminas. LAUFZEIT: 108 Min.

Ex Machina

[Abbildungen: United International Pictures]

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