EVIL DEAD | Filmkritik

16. Mai 2013

Evil Dead

Remakes genießen im Allgemeinen keinen guten Ruf, gelten bei den Studios aber als vergleichsweise risikolos. Schuld daran ist nicht zuletzt der Zuschauer, der sein Geld entweder direkt zur Kinokasse trägt oder spätestens in der Zweit- und Drittverwertung auf den Plan tritt – aus welchen Gründen auch immer. Im Horrorgenre sind mehr oder weniger mainstreamtaugliche Neuauflagen von Klassikern seit einigen Jahren ein anhaltender Trend, der alles abgrast, was jemals seine Produktionskosten eingespielt hat. Dabei ist nicht jedes Exemplar automatisch bloß der lauwarmer Aufguss eines kultisch verehrten Originals. Beispiele wie Rob Zombies „Halloween 2“ oder Marcus Nispels „Freitag der 13.“ gehen in mancherlei Hinsicht ihre eigenen Wege und können den Vergleich mit ihren Vorgängern durchaus standhalten. Für „Evil Dead“ gilt das eher nicht.

Das ist umso ärgerlicher, als die Macher des Originals selber hinter dem Projekt stecken. Schon 2009 haben Initiator Sam Raimi, Hauptdarsteller Bruce Campbell und Produzent Robert Tapert an einer modernisierten Version gebastelt, das Projekt dann zwischendurch wieder abgeblasen, irgendwann erneut aufgegriffen und jetzt schließlich als ebenso blutgetränkte wie glattgebügelte Mainstream-Variante umgesetzt. Und die ist ernüchternd irrelevant ausgefallen. Die Grundstruktur entspricht weitestgehend der Fassung von 1981, doch für die Figuren kann sich kein Mensch ernsthaft interessieren, und um praktisch jede Szene und Wendung vorauszusehen, braucht man nicht einmal das Original zu kennen.

Letzteren Umstand einzig Regisseur Fede Alvarez und seinem Co-Autor Rodo Sayagues zuzuschreiben, wäre allerdings unfair. Raimis „The Evil Dead“ (damals noch mit bestimmtem Artikel und hierzulande als „Tanz der Teufel“ bekannt) gilt nicht umsonst als einer der einflussreichsten Klassiker des modernen Horrorkinos und hat ausreichend Standards und Stereotypen etabliert, um jeden Neueinsteiger irrigerweise glauben zu lassen, das Original sei selber nur eine müde Kopie zahlreicher besserer Vorbilder. B-Filme wie „Shrooms“, Eli Roths Erstling „Cabin Fever“ oder Lars von Triers Arthouse-Horror „Antichrist“ gehören nur zu den bekannteren Beispielen – von der speziellen Position, die Joss Whedons Meta-Spielerei „Cabin in the Woods“ einnimmt, braucht man gar nicht erst anzufangen.

Im Prolog sieht es zunächst so aus, als fände die Neuauflage einen gar nicht so uninteressanten Prequel-Ansatz (der vermutlich auch den besseren Film geliefert hätte), doch davon bleibt schon kurz darauf leider nicht allzu viel übrig – oder präzise gesagt: gar nichts. Die Geschichte ist im Wesentlichen dieselbe wie vor 32 Jahren, nur dass die Geschlechterrollen in Teilen ausgetauscht wurden und am Ende auf ein klassisches „Final Girl“-Klischee hinauslaufen. Zeitgemäß geht anders, aber schließlich will man auch weibliche Zuschauer ins Kino locken, und da setzt man offenbar ganz auf virale Mundpropaganda.

Evil Dead

Evil Dead

Eine Gruppe Twens zieht es in eine verlassene Waldhütte fernab aller Zivilisation, um einer Freundin beim Drogenentzug beizustehen. Im Kellergeschoss stoßen die Großstädter auf Spuren eines unheimlichen Tötungsrituals und ein versiegeltes Buch voller makabrer Zeichnungen und geheimnisvoller Schriftzeichen. Laut vorgelesen erwecken sie unsichtbare Dämonen, die Besitz von den arglosen Touristen nehmen und sie in ebenso willenlose wie blutrünstige Marionetten des Bösen verwandeln. Nur die Zerlegung des Wirtskörpers in seine Einzelteile oder ihn lebendig zu begraben kann den Bann brechen. Doch beides ist leichter gesagt als getan.

Wer mit Raimis Klassiker nicht vertraut ist und etwa mit der 2003er Neuauflage von „Texas Chainsaw Massacre“ warm werden konnte, wird von dieser Nacherzählung sicherlich kurzweilig unterhalten werden. Für alle anderen sollte „Evil Dead“ eher ein mittleres Ärgernis sein. Der Fokus liegt in erster Linie auf einer – für den Mainstream – möglichst geringen Hemmschwelle in der Gewaltdarstellung. Schrecken und Panik des Originals bleiben gänzlich außen vor. Aber auch auf den Humor des zweiten (oder gar dritten) Teils verzichtet dieses Remake völlig und einen adäquaten Ersatz für Bruce Campbells Charakter Ash gibt es schon mal gar nicht.

In den USA funktionierte der Film zum Startwochenende erstaunlich gut und belegte direkt einmal den ersten Platz der Kinocharts. Für die Zielgruppe bietet sich ein Vergleich mit dem Vorgänger ohnehin nicht an. Unter den veränderten Sehgewohnheiten muss die 81er Version für den auf Mainstream geeichten Zuschauer wirken wie ein Homevideo. Und im Grunde war sie das ja auch. Mit Freunden umgesetzt und mit bescheidenem Budget auf Grundlage des vielleicht ersten Kurzfilmpitches überhaupt finanziert, hat „The Evil Dead“ viel gemein mit der Unzahl digitaler No-Budget-Produktionen, die heute wie (meistens giftige oder doch zumindest ungenießbare) Pilze aus dem Boden schießen.

Raimis tieffliegende Kamera – damals eine echte Sensation – ist heute ebenso overused wie Hitchcocks berühmter „Vertigo“-Effekt. Natürlich taucht sie im Remake auf, doch mehr als ein müdes Zitat ist das nicht. Seiner Modernisierung kann der Film außer jeder Menge comicartiger Gewalt nichts Eigenes hinzufügen, das auch nur ansatzweise originell wäre. Ähnlich dem gänzlich ungenießbaren „Nightmare on Elm Street“-Remake von 2010 fehlt auch hier schlichtweg alles, was den Ausnahmestatus des Originals einst begründet hatte.

Mittlerweile haben Raimi und Campbell eine eigene Fortsetzung ihres Franchise angekündigt, wenn auch ausdrücklich unter dem Titel „Army of Darkness 2“. Man kann vermuten, dass hier vor allem marketingtechnische Überlegungen ausschlaggebend sind, denn die Marke „Evil Dead“ wird jetzt wohl ausschließlich den nächsten (schon geplanten) Teilen der Neuauflage vorbehalten sein. Die Chancen, dass im Zuge des Remakes endlich auch eine unzensierte Fassung des Originals auf dem deutschen Markt erscheinen wird, stehen übrigens weiterhin wohl eher schlecht. [LZ]

OT: Evil Dead (USA 2013) REGIE: Fede Alvarez. BUCH: Fede Alvarez, Rodo Sayagues. MUSIK: Roque Baños. KAMERA: Aaron Morton. DARSTELLER: Jane Levy, Shiloh Fernandez, Lou Taylor Pucci, Jessica Lucas, Elizabeth Blackmore, Phoenix Connolly, Jim McLarty. LAUFZEIT: 91 Min.

Evil Dead

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[Abbildungen: Sony Pictures Releasing GmbH]

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