Erlöse uns von dem Bösen (2014) | Filmkritik

06. August 2014

Erlöse uns von dem Bösen

Eine ganze Weile lang sieht es so aus, als hätte dieser stimmig anmutende Crossover-Thriller aus Polizeifilm und Dämonenhorror von Scott Derrickson („Sinister“) und Paul Harris Boardman das Zeug zum echten Genre-Klassiker. Was für Hoffnungen da geschürt werden! Atmosphärisch irgendwo zwischen „Sieben“ und „Angel Heart“ angesiedelt, deutet nichts darauf hin, dass am Ende alles auf den üblichen, erzkkonservativen Exorzismus-Nonsens hinauslaufen könnte, der mittlerweile wieder verstärkt sein variationsarmes Unwesen treibt. Und doch ist genau das der Fall.

Dabei beginnt die Angelegenheit durchweg vielversprechend: 2010 stößt ein US-Einsatztrupp im Irak auf ein dunkles Geheimnis, das die Männer für immer verändern wird. Zwei Jahre später sieht sich der desillusionierte New Yorker Cop Ralph Sarchie (Eric Bana) mit einer Reihe von Gewalttaten unterschiedlicher Täter konfrontiert, die auf eigenartige Weise miteinander in Verbindung zu stehen scheinen. Als ihm ein Priester (Édgar Ramírez) weismachen will, dass in allen Fällen dämonische Kräfte am Werk sind, kann sich der überzeugte Atheist nur kopfschüttelnd abwenden. Bis die Dinge zunehmend unerklärlicher werden.

Die Story selbst ist weder sonderlich neu noch übermäßig originell, die Art und Weise jedoch, wie sie erzählt wird, hat ihren sehr eigenen Reiz. Die Ereignisse folgen im ersten Drittel dicht aufeinander, ohne dass eine rote Linie zu erkennen wäre. Umso bedrohlicher gerät die Stimmung, denn je tiefer Sarchie in die einzelnen Fälle eintaucht, desto rätselhafter werden sie. Den passenden Look dazu findet der Film mühelos. Tageslicht gibt es kaum zu sehen, und sogar wenn die Figuren in einen dunklen Keller hinabsteigen (in dem selbstverständlich alle Glühbirnen ausgefallen sind), muss selbst das noch bei Nacht passieren.

Man kann sich also trefflich gruseln und Derrickson findet lange Zeit auch die richtige Balance zwischen brodelnder Furcht und plötzlichem Erschrecken, um den Zuschauer in ständiger Anspannung zu halten – und das erstaunlich klischeefrei und eigenständig. Dann allerdings tritt das leidlich Unvermeidliche ein: Wie von Geisterhand gesteuert fällt eine Tür ins Schloß und hindert so eine der Figuren an der Flucht. Damit ist der Film durch und verfällt in die bekannten Muster des Dämonen/Exorzismus-Subgenres.

Deliver us from Evil

Ganz dem biblischen Titel gemäß bekommt der gottlose Cop rasch eine Rundum-Bekehrung verpasst (inklusive Theodizee in einem einzigen Satz), beichtet seine Sünden und übertrifft bei der unvermeidlichen finalen Teufelsaustreibung sogar noch den geübten Priester an Disziplin. Das ist mehr als ärgerlich und überlagert rückwirkend den guten Eindruck, den der Film in den ersten beiden Dritteln hinterlassen hat.

Das Hauptproblem war vermutlich die Vorlage des realen Ralph Sarchie, einem ehemaligen Mitglied des NYPD, der seine Polizeiarbeit um den Faktor Dämonenjagd erweitert und ein auf bemühte 300 Seiten gestrecktes Buch über einige seiner Fälle geschrieben hat. Um sein katholisch geprägtes Weltbild macht er dabei keinen Hehl. Ähnlich dem wesentlich bekannteren Spezialistenpaar für paranormale Phänomene Ed und Lorraine Warren („The Conjuring“) ist sein Ruf jedoch eher fragwürdig.

Vorsichtig war man dahingehend auch seitens der Produktion, denn obwohl der Film ausdrücklich auf Sarchies Buch basiert (und ganz sicher mit einem Auge in Richtung Franchise blickt), lässt sich in den End Credits doch der Standard-Hinweis lesen, dass mögliche Ähnlichkeit mir realen Figuren und Ereignissen rein zufällig sind. Wie das zu verstehen sein soll, wo doch Sarchie selbst die Hauptfigur ist, bleibt das einzige Rätsel, das der Film nicht auf plumpe Weise auflöst. [LZ]

P.S.: Zur Jahrtausendwende hatten Derrickson/Boardman die Konstellation Cop/Dämon im Rahmen von „Hellraiser: Inferno“ bereits einmal durchgespielt. Wer nach dem Ende des neueren Films dringenden Bedarf nach einer weniger mainstreamtauglichen Variante verspürt, ist bei diesem Frühwerk des Duos an der richtigen Adresse.

OT: Deliver us from Evil (USA 2014) REGIE: Scott Derrickson. BUCH: Scott Derrickson, Paul Harris Boardman. MUSIK: Christopher Young. KAMERA: Scott Kevan. DARSTELLER: Eric Bana, Édgar Ramírez, Olivia Munn, Sean Harris, Olivia Horton, Chris Coy, Joel McHale, Dorian Missick. LAUFZEIT: 118 Min.

Erlöse uns von dem Bösen

[Abbildungen © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

The Walking Dead

Hinterlasse eine Antwort