ENEMY | Filmkritik

28. Mai 2014

Enemy

Dass er filmische Konventionen eigenwillig, aber intelligent auszutesten versteht, stellte der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve mit seinem letztjährigen Hollywood-Debüt „Prisoners“ unter Beweis: Einem packenden, moralisch hochgradig ambivalenten Entführungsthriller, der seine Hauptfiguren echte Grenzerfahrungen durchleben lässt. Noch eine Stufe konsequenter kommt seine Experimentierfreudigkeit allerdings im kurz zuvor gedrehten Psychodrama „Enemy“ zum Vorschein, einer recht freien Adaption des Romans „Der Doppelgänger“ von José Saramago, die Themen wie Ich-Verlust, sexuelle Obsession und zwischenmenschliche Entfremdung umkreist.

Losgelöst von den Erzähl- und Inszenierungsweisen des Mainstream-Kinos, wirft Villeneuve den Zuschauer in ein rätselhaftes Geschehen, das mit einer symbolhaften Filmsprache und vieldeutigen Verweisen arbeitet und gewiss nicht leicht zugänglich ist, dafür aber einen verstörend-faszinierenden Sog entwickelt, der in vielerlei Hinsicht an David Lynch erinnert und vermutlich auch bewusst erinnern will.

Auch wenn ihn die Monotonie seines Alltags fast erdrückt, kann der Geschichtsdozent Adam Bell (Jake Gyllenhaal) nicht aus seinem festgefahrenen Leben ausbrechen. Pflichtbewusst geht er seiner Arbeit nach und hat Abend für Abend Sex mit seiner hübschen Freundin Mary (Mélanie Laurent) – wenn auch immer freudlos, rein mechanisch und ohne ernsthafte Gefühle. Erst als Adam auf Anraten eines Kollegen einen Film ausleiht und darin einen Komparsen entdeckt, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, erwacht der Professor aus seiner Lethargie. Irritiert und fasziniert zugleich, begibt er sich auf die Suche nach seinem Ebenbild und wird schon bald fündig.

Der Mann heißt Anthony Clair (ebenfalls Gyllenhaal), hat bislang nur unbedeutende Rollen gespielt, lebt mit seiner schwangeren Frau Helen allerdings in einer schicken Hochhauswohnung. Anfangs reagiert der wenig bekannte Schauspieler abweisend auf Adams Annäherung. Doch schließlich ist er zu einem Treffen bereit: Der Beginn eines gefährlichen Machtspiels, von dem auch die Partnerinnen der beiden Männer nicht verschont bleiben.

Enemy

Auf den ersten Blick wirkt der Handlungsabriss recht vertraut. Wie im Mystery-Genre üblich, erzeugt das Auftauchen eines Doppelgängers starkes Unbehagen und ebenso starke Neugier. Die eigene Identität steht mit einem Schlag auf dem Spiel, wird brüchig und droht sich aufzulösen. Zugleich will der Protagonist hinter das Geheimnis seines Ebenbildes gelangen und provoziert so eine dramatische Konfrontation. Klassisch ist auch die kontrastreiche Gegenüberstellung der beiden grundverschiedenen Figuren: Hier der antriebsarme Geschichtsdozent, der bevorzugt farblose Kleidung trägt. Dort der virile, selbstbewusste Schauspieler, der auf das Eindringen in sein Leben aggressiv reagiert. Villeneuve und Drehbuchautor Javier Gullón greifen bekannte Muster des Kinoapparats auf, halten die Bedrohung aber stets in einem Schwebezustand, der ganz unterschiedliche Entwicklungen und Deutungsansätze möglich macht.

Schon der seltsam entrückte Einstieg, der einen der beiden Doppelgänger bei einer Striptease-Show in einem düsteren Privatclub zeigt, verursacht ein diffuses Gefühl der Beklemmung. Unvorbereitet taucht der Zuschauer ab in eine Parallelwelt, die von unbewussten Trieben und Kräften bestimmt zu werden scheint. Männer beobachten laszive Tänzerinnen, und eine große Spinne krabbelt plötzlich unter einer Haube hervor. Eine Vorausdeutung auf das unheilvolle Zusammentreffen von Adam und Anthony? Ein Symbol für weibliche Sexualität? Oder für Schuldgefühle, die sich nicht abschütteln lassen, ständig neu hervorbrechen? Vieles ist denkbar, eines aber offensichtlich: Die Spinne – die in der Romanvorlage nicht vorkommt – wird zu einem Leitmotiv, das sich regelrecht in die Handlung eingräbt. Etwa wenn ganz unerwartet Bilder eines riesenhaften Krabbeltiers zu sehen sind, das über den Hochhäusern des namenlosen und verfremdeten Handlungsortes (gedreht wurde vorwiegend in Toronto) thront.

Immer wieder vermischen sich Adams Nachforschungen mit unheimlichen Szenen dieser Art, was den Zuschauer in einen dauerhaften Alarmzustand versetzt. Jeder Satz, jede Geste, jedes Detail könnte etwas verraten über die Beschaffenheit des Alptraums, in den der Geschichtsdozent zunehmend schlittert. Verfechter klarer Erzählperspektiven und eindeutiger Figurenmotivationen dürften angesichts des verrätselten Geschehens schnell die Lust verlieren. Einfache Unterhaltung und Zerstreuung hat Villeneuve mit seinem Psychodrama gewiss nicht im Sinn.

Enemy

Simple Plot-Wendungen oder hektische Zuspitzungen bleiben gänzlich außen vor. Stattdessen dominiert eine allumfassend-bedrückende Atmosphäre, wobei die mit Farbfiltern erzeugten Sepiatöne jene Monotonie und Perspektivlosigkeit spiegeln, die Adams Leben bestimmen. Der oftmals dissonante, bedrohlich wabernde Klangteppich lynch’scher Prägung wiederum verstärkt die unheilvollen Vorahnungen, dass eine Konfrontation der Doppelgänger kein gutes Ende nehmen kann.

Wie in seinen vorangegangenen Arbeiten auch setzt Villeneuve die filmischen Mittel geschickt und wirkungsvoll ein, um die zermürbende, an psychische Grenzen gehende Auseinandersetzung der Protagonisten nach außen zu kehren. Gleichzeitig hat er mit Jake Gyllenhaal (auch in „Prisoners“ beeindruckend) einen Darsteller bei der Hand, der die Unterschiede zwischen Adam und Anthony, abseits ihres äußeren Erscheinungsbildes, nuanciert und glaubhaft spürbar machen kann. Selbst Kleinigkeiten fügen sich perfekt in das Gesamtbild ein, darunter ein Kurzauftritt von Isabella Rossellini (noch ein Lynch-Bezug) als dominante Mutter in einer Szene, die Adams Probleme im Umgang mit Frauen offenlegt und so einen Schlüssel zur (möglichen) Ausdeutung des Films liefert.

So sehr man den frankokanadischen Filmemacher für seinen Stilwillen Respekt zollen muss, so zweischneidig sind die Gedanken, die er im Presseheft zu „Enemy“ äußert (und die natürlich längst den Weg ins Internet gefunden haben). Erstaunlich offenherzig erklärt er, wie sein rätselhaftes Werk zu verstehen sei und raubt dem Psychodrama so ein ganzes Stück von seiner eigentümlichen Faszination. Vielleicht sind es gerade diese eindeutigen Hinweise, die so manchen dazu veranlasst haben, von einer allzu naheliegenden Interpretationsmöglichkeit zu sprechen, obwohl der Film eigentlich viele Fragen offen lässt. [Christopher Diekhaus]

Enemy

OT: Enemy (CA/ES 2013) REGIE: Denis Villeneuve. BUCH: Javier Gullón. MUSIK: Danny Bensi, Saunder Jurriaans. KAMERA: Nicolas Bolduc. DARSTELLER: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini, Joshua Peace, Tim Post, Kedar Brown, Darryl Dinn. LAUFZEIT: 90 Min.

Enemy

[Abbildungen: Capelight]

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