EMPEROR – Kampf um den Frieden | Filmkritik

13. November 2013

Emperor

Wohl kein Ereignis der Menschheitsgeschichte war bislang so häufig Vorlage für historische Filmaufarbeitungen wie der Zweite Weltkrieg, dessen verheerende Auseinandersetzungen bekanntermaßen nicht nur in Europa tiefgreifende Spuren hinterließen. Auch Japan, das die USA durch den Angriff auf Pearl Harbor zum aktiven Kriegseintritt veranlasste, hatte schwer an den weltumspannenden Konflikten zu tragen – ein Umstand, den diese amerikanisch-japanische Koproduktion mit dem schlichten Titel „Emperor“ nachdrücklich ins Bild setzt. Schon ganz zu Anfang sind dokumentarische Aufnahmen einer zerstörten Stadt zu sehen, die den desolaten Zustand des ostasiatischen Landes nach der 1945 erfolgten Kapitulation unterstreichen und die kurz darauf einsetzende Handlung atmosphärisch vorbereiten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird General MacArthur (Tommy Lee Jones) nach Tokio entsandt, um japanische Kriegsverbrecher aufzuspüren und den Wiederaufbau des Landes einzuleiten. In seinem Gefolge befindet sich auch General Bonner Fellers (Matthew Fox, „Lost“), der mit der japanischen Kultur bestens vertraut ist und von MacArthur daher einen delikaten Auftrag erhält: Zehn Tage hat Fellers Zeit, um in Erfahrung zu bringen, ob Kaiser Hirohito entscheidenden Anteil am Kriegseintritt Japans hatte und damit angeklagt werden kann.

Auch wenn der Wunsch nach Verurteilung in amerikanischen Kreisen weit verbreitet ist, wissen Fellers und MacArthur um die Gefahr einer solchen Entscheidung. Immerhin wird Hirohito noch immer wie ein Gott verehrt, weshalb eine Bestrafung zu einem Volksaufstand führen könnte. Während Fellers intensive Nachforschungen betreibt, bittet er seinen Fahrer, nach einer jungen Frau zu suchen, die der General einmal geliebt, im Zuge der Kriegswirren jedoch aus den Augen verloren hat.

Emperor

Schon der Handlungsabriss lässt erahnen, dass der deutsche Titelzusatz „Kampf um den Frieden“ Erwartungen weckt, die der Film weder erfüllen kann noch will. Denn Schlachtengetümmel hat das von Peter Webber („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) inszenierte Historiendrama wahrlich nicht zu bieten. Basierend auf dem (übrigens bis heute nicht ins Englische übersetzten) Buch „His Majesty’s Salvation“ zeigt der Film vielmehr die Sicherung des Friedens als zähes Ringen mit der Wahrheit. Einem Detektiv gleich, taucht der Protagonist in die jüngere Vergangenheit Japans ein und versucht mittels einiger Zeugenvernehmungen ein stimmiges Bild zur Frage nach der Schuld des Kaisers zu rekonstruieren.

Spannung bezieht der Film vor allem aus kleinen Momenten der Irritation. Beispielsweise als Fellers um Einlass in den kaiserlichen Palast bittet, jedoch minutenlang auf eine Entscheidung warten muss. Ähnlich intensiv gerät auch die Verhörsituation, in der der General von einem hochrangigen japanischen Politiker auf das problematische Schwarz-Weiß-Denken der Amerikaner und ihr selbstherrliches imperialistisches Gebaren aufmerksam gemacht wird.

Ansonsten präsentiert sich der Hauptstrang der Erzählung, gemessen an den Exzessen anderer Hollywood-Geschichtsstunden, erstaunlich nüchtern. Mögliche Plot-Wendungen wie das Intrigieren eines anderen Soldaten gegen den Japan-freundlichen Fellers oder dessen Zweifel an der Integrität seines Vorgesetzten MacArthur werden zwar angerissen, aber ebenso schnell auch wieder fallen gelassen.

Melodramatische Ausschmückungen sind in „Emperor“ dem Subplot rund um Fellers‘ frühere Liebe zur Japanerin Aya vorbehalten. Im Zuge seiner schleppenden Nachforschungen erinnert sich der General an ihr erstes Treffen, die ersten Annäherungen, Ayas plötzlichen Aufbruch in die Heimat sowie eine Begegnung mit ihrem Onkel, der Fellers die japanische Kultur näherbringt.

Emperor

Anders als die tristen und düsteren Trümmerlandschaften des Nachkriegs-Japans, sind die Rückblenden in helle, bisweilen sogar leuchtende Farben getaucht und drohen stellenweise in Kitsch zu verfallen. Die fiktive Liebesgeschichte soll den Zuschauer emotional an die Hauptfigur binden, hinterlässt ob ihrer Klischeehaftigkeit aber zumeist eher einen schalen Beigeschmack. Gleichzeitig kann der Hauptstrang das im Subplot angelegte moralische Dilemma des Japan-Liebhabers Fellers trotz wiederholten Voice-Over-Einsatzes nicht angemessen greifbar machen.

Während Matthew Fox in der Hauptrolle eher unauffällig agiert, nutzt Tommy Lee Jones seine Kurzauftritte, um der behäbigen Ermittlungsarbeit ein wenig Schwung zu verleihen. So richtig überzeugend fällt das nicht immer aus, denn auch wenn er den Part des pragmatisch-weitsichtigen und knorrigen Befehlshabers überzeugend auszufüllen weiß, wirkt seine Darbietung manches Mal allzu routiniert – vielleicht weil Jones in seiner langen Karriere schon so oft hartgesottene Polizisten und Militärs verkörpert hat und dem Typus nur noch wenig Neues hinzuzufügen ist.

„Emporer“ liefert einmal mehr den Beweis, dass vielversprechende Einzelteile noch lange kein überragendes Endprodukt ergeben müssen. Obwohl der wenig effekthascherische Zugang zum historischen Ursprungsmaterial und die Bilder eines zerstörten Tokios durchaus beeindruckend sind, steht sich der Film mit seinem konventionellen Nebenstrang und der doch arg unspektakulären Erzählweise des Öfteren selbst im Weg. Speziell im Hinblick auf die positive Botschaft, die das Historiendrama zum Ende bereithält, hätte dem Ganzen etwas mehr Dynamik sicher nicht geschadet. [Christopher Diekhaus]

OT: Emperor (USA/JP 2012) REGIE: Peter Webber. BUCH: Vera Blasi, David Klass. MUSIK: Alex Heffes. KAMERA: Stuart Dryburgh. DARSTELLER: Matthew Fox, Tommy Lee Jones, Eriko Hatsune, Toshiyuki Nishida, Masayoshi Haneda, Kaori Momoi, Colin Moy. LAUFZEIT: 102 Min (DVD), 106 Min (Blu-ray). VÖ: 04.10.2013

Emperor

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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