Sturm im Wasserglas: BDSM mit Eli Roth und Lana Del Rey (aber ohne Marilyn Manson)

21. November 2014

Eli Roth

Es ist so einfach, den einschlägigen Abschreibern in Boulevard, Feuilleton und Blogosphäre das nötige Material für einen schnell dahingekritzelten Aufreger zu liefern – in diesem Fall ein paar Videosekunden, in denen sich Sängerin Lana Del Rey (so der allgemeine Tenor) als Vergewaltigungsopfer hat inszenieren lassen. Der vermeintliche Täter ist je nach Recherche- oder Unkenntnisstatus des jeweiligen Verfassers wahlweise Marilyn Manson, ein namenloser „Finsterling“ oder aber Filmemacher Eli Roth.

Denn, so lernen wir dank Stern.de-Autor Gernot Kramper, „[seit] Hostel ist Eli Roth berühmt-berüchtigt für Horrorfilme mit Porno-Elementen.“ Die Handlung: „Studenten [werden] in ein abgelegenes Hostel in Ost-Europa gelockt … [, dort] zuerst flachgelegt und dann genüsslich abgeschlachtet – beides in Großaufnahme.“ Nun hat der Kollege Kramper entweder keine Vorstellung davon, was allgemein als „Porno“ gilt und was als „Großaufnahme“ (eher unwahrscheinlich), oder aber den Film selber nie gesehen (schon wahrscheinlicher) und auch sonst offensichtlich keinen blassen Schimmer von dem „Regisseur … , der für seine Splatter-Pornos bekannt ist.“ Stattdessen wird er wohl einmal kurz bei Wikipedia nachgeschlagen und sich den Rest angesichts des leidigen Labels „Torture Porn“ unter Zuhilfenahme künstlerischer Freiheit zusammengereimt haben.

Der (hier willkürlich ausgewählte) Beitrag ist symptomatisch für den forciert empörten und sensationslüsternen Umgang mit dem kürzlich aufgetauchten Video, das vermutlich nicht mehr ist als ein viraler PR-Stunt. Tatsächlich gibt es die Andeutung eines gewaltsamen Geschlechtsaktes zu sehen und tatsächlich sind die Beteiligten Del Rey und Eli Roth (und nicht Marilyn Manson, wie die Huffington Post meint). Eingebettet ist die Sequenz in Elemente aus den Manson-Clips „No Reflection“ und „Slo-Mo-Tion“ und so distanzierte sich der Musiker via Management ausdrücklich von denjenigen Aufnahmen, in denen er nicht zu sehen ist, und dementierte seine Beteiligung. Vermutlich ein weiterer strategischer Zug, um die Diskussion anzuheizen, denn Roth hatte vor fast genau einem Jahr von einer Zusammenarbeit mit den beiden berichtet.

Im Interview mit Larry King war das Thema (bemerkenswerterweise im Anschluss an eine kurze Diskussion über die Rolle der Vergewaltigung in „Straw Dogs“) erstmals aufgetaucht. Zugleich hatte Roth aber betont, dass die Aufnahmen „so krank“ gewesen seien, dass sie sofort unter Verschluss gebracht wurden – ein idealer Teaser, um das Interesse der Fans zu schüren. Warum also jetzt das online aufgetauchte Video, das (wie es nun einmal virale Natur ist) mindestens so oft (von Mansons Label Cooking Vinyl) gelöscht wie an anderer Stelle wieder hochgeladen wird? Zur Erklärung genügt hier im Regelfall ein Blick auf den momentanen PR-Bedarf der Beteiligten, und der gestaltet sich wie folgt:

Eli Roth vermarktet derzeit seinen KannibalenfilmThe Green Inferno“ (in den USA zunächst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben), Lana Del Rey steuert zwei neue Songs zu Tim Burtons „Big Eyes“ bei und Marilyn Manson veröffentlicht im Januar sein aktuelles Album „The Pale Emperor“. Von einem schicken Strohfeuer haben also alle drei etwas. Dass sich dazu eine angedeutete Vergewaltigung angesichts des BDSM-Hypes um jede neue Trailervariante zur onmipräsenten „Shades of Grey“-Adaption ideal eignet, liegt auf der Hand. [LZ]

P.S.: Das einzige Kleidungsstück, das die Sängerin in der betreffenden Szene trägt, ist ein Fanshirt zu Tobe Hoopers Backwood-Klassiker „The Texas Chainsaw Massacre“ (mit roter Schrift in der ansonsten schwarzweißen Sequenz). Ein Meta-Element, das für sich spricht und die ganze Aufregung – wenn man denn wollte – merklich relativieren könnte.

Larry King

[Abbildungen: Screencaptures]

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