Electric Boogaloo | Mark Hartleys Cannon-Doku ist vor allem ein Kuriositätenkabinett

29. April 2015

Electric Boogaloo - Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt

Als MGM 1983 aus Mangel an ausreichend verwertbarem Content (ein Problem, das den meisten hiesigen Privatsendern heute bekannt vorkommen dürfte) einen Distributionsvertrag mit den Trashkönigen von Cannon einging, ließ das für Richard Kraft – heute einer der bedeutendsten Filmmusik-Agenten Hollywoods – nur einen Schluss zu: „Dies ist das Ende der uns bekannten Zivilisation.“ Er muss es wissen, denn wie so manche seiner Kollegen, die heute fest im Branchensattel sitzen, hat auch er sich seine Sporen bei den berüchtigten Cousins aus Tiberias verdient. Geschadet hat es ihm nicht.

Für den traditionsreichen Partner mit dem brüllenden Löwen im Logo kann man das eher nicht behaupten. Das erste gemeinsame Projekt („Sahara“) fiel beim Publikum gnadenlos durch und schon ein Jahr später bekamen sich die ungleichen Parteien über John Dereks albernen Erotik-Nonsens „Bolero [dt. Ekstase]“ mächtig in die Haare. Das Studio drängte auf Kürzungen der Sexszenen, doch Cannon verzichtete stattdessen lieber auf ein MPAA-Rating und man ging seiner Wege. Heute gehören die verbliebenen Scherben und Lizenrechte des Independent-Marktführers der 80er Jahre zu wesentlichen Teilen ausgerechnet MGM – ein später Triumph.

Nach solchen Details sollte man bei „Electric Boogaloo“ allerdings gar nicht erst Ausschau halten, denn die unter anderem von Brett Ratner produzierte Doku setzt in erster Linie auf hemmungsloses Entertainment und fährt damit auch ganz gut. Schrille Episoden in (sehr) loser Chronologie aus etwa einem Jahrzehnt Cannon-Geschichte unter der Herrschaft von Menahem Golan und seinem weniger schillernden Kompagnon Yoran Globus bilden den roten Faden, den sich Filmemacher Mark Hartley („Not quite Hollywood“) zurechtgelegt hat, um der Masse an Material Herr zu werden, die sich über das Duo hinter einigen der größten Gurken der Kinogeschichte zusammentragen lässt.

Wie viel dabei unter den Schneidetisch gefallen ist, um eine reguläre Laufzeit von 105 Minuten hinzubekommen, lässt sich nur erahnen. Vieles taucht gerade mal streiflichtartig auf, manches bleibt völlig außen vor, anderes scheint sich irgendwie nicht so recht einfügen zu wollen. Das muss niemanden wundern, denn Cannon-Anekdoten gibt es bis zum Abwinken und ihre Auswahl kann nur subjektiv sein. Hartley entschied sich möglicherweise gerade deshalb für eine vergleichsweise konservative Collage aus Talking Heads, Filmausschnitten und Archivaufnahmen. Der Kitt, mit dem er die einzelnen, manchmal am Rande der Beliebigkeit aneinander gereihten Puzzleteile zusammenhält, ist Menahem Golan.

Electric Boogaloo - Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt

Das hat seinen guten Grund, denn Golan gilt als das Herz von Cannon, wohingegen sein geschäftstüchtiger Cousin möglicherweise eher als das Hirn des Unternehmens durchgeht. Von Globus spricht in „Electric Boogaloo“ jedenfalls kaum jemand, und wenn, dann nur in Verbindung mit dem alles überschattenden Menahem, zu dem jeder eine Meinung und eine Handvoll Geschichten im Angebot hat. Diese ergeben in der Summe nicht nur ein buntes Bild, sondern liefern auch exzellentes Material für ein absurdes Psychogramm. Wer sich den extrovertieren Teil des Duos als wahnwitziges Mashup aus Harvey Weinstein (ohne Geschmack) und Ed Wood (ohne Angora-Unterwäsche) vorstellen will, ist auf einem guten Weg.

Das heterogene Ensemble aus Zeitzeugen kommt nicht umhin, ihn zwangsläufig immer wieder ins Zentrum zu rücken, ganz egal wo. Beim Aufbau der israelischen Filmindustrie im Quasi-Alleingang (größter Erfolg: die Pubertätskinderei „Eis am Stiel“), beim Kauf der insolventen amerikanischen Produktionsgesellschaft Cannon Films und einer britischen Kinokette, bei der legendären Fast-Übernahme der Filmfestspiele in Cannes, bei Verkaufskampagnen auf Bluff-Basis, der Prestige-Förderung profilierter Filmemacher (darunter Cassavetes, Zeffirelli, Konchalovsky), den berüchtigten Trash-Klassikern rund um Altlasten und Newcomer wie Charles Bronson, Chuck Norris, Sylvia Kristel, Sybil Danning, Michael Dudikoff oder Dolph Lundgren – überall und allezeit Menahem, Menahem, Menahem: geliebt, gehasst, bewundert und verachtet.

Besessen vom Kino, aber ohne jegliches ästhetische Gefühl, konsumierte und produzierte er einen Film nach dem anderen. „Manchmal sind sie gut, manchmal nicht so gut, aber wir machen immerhin Filme“, sagt er in einem Archivausschnitt (keiner der beiden Cousins stand aufgrund des konkurrierenden Projekts „The Go-Go Boys“ für Interviews zur Verfügung) und setzt sich damit vom restlichen Hollywood ab, das seiner Rechnung gemäß „90 Prozent Gerede, 10 Prozent Filmemachen“ sei. Umso mehr lieferte er am Fließband, freilich mit der ebenso beständigen wie realitätsfremden Hoffnung, einmal mit einem Oscar belohnt zu werden – aber vielleicht gehört das ja nur zur Legende.

Stars mussten her, die entweder Reputation oder den großen Kassenerfolg bringen sollten, am Ende aber nur sich selber schadeten. Zweimal scheiterte Golan mit Sylvester Stallone, einmal übernahm er dabei sogar selber die Regie (bei „Over the Top“) und schoss ihn damit für Jahre ins Aus. Die gerade erblühte Karriere von Brooke Shields fuhr er mit Vollgas gegen die Wand (dank „Sahara“). Und Richard Chamberlain stürzte er als Sparversion von Indiana Jones (in „King Salomone’s Mines“ und dessen Sequel) vom Gipfel seines Marktwertes (nach „Shogun“ und „Die Dornenvögel“) direkt in den Keller.

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„Er hatte einfach diese verblüffende Gabe, sich Scheiße auszudenken, die wir dann drehten“, fasst Cutter Mark Helfrich („Predator“) Golans möglicherweise größtes Talent zusammen. Tatsächlich suchte er sich die Elemente von überall zusammen, subtrahierte jegliche Form narrativer Logik und bastelte sich daraus eine nicht selten abstruse Nummernrevue. Oder er klaute einfach – und sei es bei sich selbst. Das Originaldrehbuch zu „Rambo II“ eines gewissen James Cameron erklärte er offiziell zur Inspirationsquelle von „Missing in Action“, dessen erster (eigentlich zweiter) Teil sogar ein Jahr früher als das Stallone-Sequel auf dem Markt erschien. Cameron revanchierte sich später, indem er den Filmtod des T-800 in „Terminator 2“ nahezu variationsfrei aus „Masters of the Universe“ übernahm.

Politik und guter Ton interessierten Golan nicht. Gedreht wurde, was sich verkaufen ließ – am besten vorab. Einer der vielen Momente in „Electric Boogaloo“, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder den Kopf schütteln soll, stammt aus „Die letzte amerikanische Jungfrau“, einem Irgendwie-Remake von „Eis am Stiel“: Auf die Bilder einer Abtreibung folgt dort unmittelbar das Zerteilen einer Pizza. Von den Vergewaltigungs- und Gewaltexzessen der „Death Wish“-Reihe sollte man gar nicht erst anfangen. Viel lustiger ist da der unbekümmerte Umgang mit Sex und Freizügigkeit gegen allen Sinn und Verstand (siehe etwa „Die verruchte Lady“).

Dass Golans Gleichgültigkeit gegenüber Political Correctness durchaus auch schon einmal (ungewollt) politisch ausfallen konnte, belegt ein Beispiel aus der Zeit vor Cannon: 1965, als sein Heimatland gerade erst zaghaft begann, die ersten deutschen Filme seit Kriegsende wieder auf der Leinwand zu zeigen, wagte sich der damals noch junge Filmemacher frühzeitig an eine deutsch-israelische Co-Produktion („Einer spielt falsch“ mit Audie Murphy und Marianne Koch), bei der er sogar Regie führte. In Hartleys Kuriositätenkabinett hat Derartiges freilich nichts verloren.

Als das Goran/Globus-Imperium (oder je nach Sichtweise eher Kartenhaus) 1988 langsam in sich zusammenfiel und die Cousins im Streit auseinandergingen, tauchte im Licht einer breiteren Öffentlichkeit erstmals der Name Miramax auf (mit „The Thin Blue Line“ und Soderbergs „Sex, Lügen und Video“) – ein echter Paradigmenwechsel im Independentkino. Heute gehören Cannon-Alumni wie Avi Lerner („The Expendables“) zu den ideellen Nachlassverwaltern, die einiges von ihren Ziehvätern gelernt haben. „Electric Boogaloo“ hingegen weckt vor allem nostalgische Begehrlichkeiten. Höchste Zeit, sich die Blu-ray von „Ninja III“ zu besorgen. [LZ]

P.S.: Ebenfalls sehenswert ist eine 1986 entstandene BBC-Doku von Christopher Sykes mit dem bezeichnenden Titel „The Last Moguls“. Ebenfalls von Sykes stammt „Shooting Versace“ (1998) über Menahem Golans Bemühungen, das gewaltsame Ableben des bekannten Modedesigners ohne angemessenes Budget, aber mit Franco Nero in der Hauptrolle auf die Leinwand zu bringen.

Electric Boogaloo

OT: Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films (USA/AU/IL/UK 2014) REGIE: Mark Hartley. BUCH: Mark Hartley. MUSIK: Jamie Blanks. KAMERA: Garry Richards. DARSTELLER: Richard Kraft, Sam Firstenberg, Boaz Davidson, Sybil Danning, John G. Avildsen, Mark Helfrich, Avi Lerner, Robert Forster, Tobe Hooper, Mark Goldblatt, Lucinda Dickey, Alex Winter, Albert Pyun, Elliott Gould, Bo Derek, Olivia d’Abo, Michael Dudikoff, Franco Zeffirelli, Molly Ringwald, Cassandra Peterson, Richard Chamberlain. LAUFZEIT: 102 Min (DVD), 106 Min (Blu-ray). VÖ: 21.04.2015.

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[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment | Screencapture]

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