Eat | Filmkritik: Du bist, was du isst

28. Februar 2016

Eat

„Eat your heart out“, empfiehlt Tracy der erfolglosen Mitbewerberin ziemlich abschätzig über die Schulter hinweg. Dann schließt sich die Tür zum Vorsprechtermin hinter ihr. Tracy bekommt die Rollen, denen Novella trotz unbestreitbarem Talent, makellosem Äußeren und einem Namen, nach dem sich jeder Filmstar alle zehn Finger lecken würde, seit nunmehr drei Jahren vergeblich hinterher läuft. Nichts gelingt ihr, obwohl sie jeden Tag um Punkt Sieben die Augen aufschlägt, um sich für die nächsten Auditions aufzuhübschen. Da kann man schon mal nervös an den blutrot lackierten Nägeln kauen. Und auf den Geschmack kommen.

Das ist bitte wörtlich zu verstehen. Nach und nach wird Novella ein zunehmend größeres Verlangen entwickeln, sich auf ziemlich animalische Weise das eigene Fleisch vom Leib zu reißen – nicht, dass sie eine Erklärung dafür hätte. Aber wer hat das bei autoaggressivem Verhalten schon? Schmerzempfinden kennt sie dabei jedenfalls keins und die Wunden versorgt sie eher schlecht als recht selbst, ohne einen weiteren Gedanken an die unvermeidbaren Folgen zu verschwenden. Hauptsache, ein angeknabberter Fuß passt zum Date noch in die Schaftstiefel.

Von einer realistischen Psychostudie könnte dieses Spielfilmdebüt also kaum weiter entfernt sein. Dass die insgesamt recht grelle Geschichte jedoch aller naheligenden Versuchung widersteht, in handfeste Exploitation auszuarten, liegt in erster Linie daran, dass sie ihre Hauptfigur durchweg ernst nimmt. Und wenn dafür der Zuschauer mit seiner klischeebeladenen Erwartungshaltung erst einmal vorgeführt werden muss – umso besser. Denn als er Novella (eindringlich und ohne Attitüden: Meggie Maddock) zum ersten Mal begegnet, sieht er nicht mehr als ihre angestrengten morgendlichen Bemühungen, zur auffälligsten Barbie von allen zu werden, bevor sie zum nächstbesten Casting stöckelt, um den größten Eindruck zu hinterlassen.

Doch genau dieses oberflächliche Starlet, das man da zunächst vermuten mag, ist sie gerade nicht. Elternlos, bald obdachlos und ohne Perspektive artet jedes Vorsprechen zum letzten Strohhalm aus. In einen vermutlich x-fach vorgetragenen Monolog über das Wahrwerden von Träumen am Ende des Scheiterns legt sie alle Leidenschaft und erntet bitteren Hohn und unkontrolliertes Gelächter. Wer vor solchem Hintergrund nur noch sich selbst als Reserve hat, betreibt ohnehin längst Auto-Kannibalismus. Dass sich Novella bald auch von ihrem eigenen Körper ernährt (und das sichtbar zwanghaft), ist nur konsequent.

Eat | Meggie Maddock

Das Schlimmste: Mit dem Auftreten der ersten Symptome machen sich auch wieder Anzeichen von Hoffnung bemerkbar. Ein Rollenangebot verspricht, die finanzielle Notlage der jungen Frau in letzter Minute zu lindern; ihre Vermieterin wirft sie trotz erheblicher Zahlungsrückstände nicht raus; ein junger Arzt verschafft ihr Schmetterlinge im Bauch. Dass nichts davon dauerhaftes Glück verspricht, kann man sich an fünf Fingern abzählen (sofern man sie noch vollständig besitzt). Zugleich wird Novella zunächst fast Opfer und dann Zeuge einer verstörenden Gewalttat, in die sie ungewollt verstrickt bleibt. Autor und Regisseur Jimmy Weber hat sich letztlich für eine besonders unnachgiebige Variante des klassischen (dem Verzehr von Menschenfleisch nicht abgeneigten) Märchens um Prinzessin, Prinz und böse Hexe entschieden.

„Eat“ kommt ohne offensichtliche Vorbilder aus, bewegt sich aber in einem Umfeld von Filmen, die thematisch ähnlich gelagert sind. Assoziativ mag einem „Starry Eyes“ einfallen, jener vielbeachtete Satanismus-Indie von 2014, in dem erst ein Akt trichotillomanischer Selbstverletzung (Hauptfigur Sarah, ebenfalls eine erfolglose Schauspielerin, reißt sich während einer Audition die Haare aus) die Chance auf eine Rolle eröffnet, und zudem eine Traumsequenz von einer Form des körperlichen Zerfalls kündet, wie ihn bis dato nur Cronenbergs „Die Fliege“ kannte. Schönheitswahn versus Zwangsernährung und Verstümmelung bestimmen die Koordinaten von „Excess Flesh“ (2015). Und überhaupt muss man einen vergleichenden Blick auf die wachsende Anzahl aktueller Titeln werfen, die sich in unterschiedlicher Weise mit Spielarten des Kannibalismus auseinandersetzen.

Wer will, kann in diesem speziellen Fall gerne zusätzlich einschlägige Beiträge aus der Gegenwartskunst hinzuziehen – etwa Patty Changs unappetitiliches Selbstverzehrungsvideo „Melons (At Loss)“ oder Dana Schutz und ihre berüchtigte Bilderserie „Self Eaters“. Doch wie weit man das inhaltliche Einzugsgebiet auch ausweitet (oder ausweidet), am Ende steht „Eat“ als echter Sonderfall da, der es nicht verdient hat, im allgemeinen Sumpf billig wegproduzierter Blutorgien unterzugehen. [LZ]

P.S.1: Eine 15-teilige Webserie dokumentiert die Dreharbeiten. Sie findet sich hier.
P.S.2: Absolut lachhaft gerät die Auswahl von Empfehlungszitaten auf dem Cover der deutschen DVD und Blu-ray – findet sich dort doch unter anderen tatsächlich die Quellenangabe „facebook.com“. Unkommentierbar.

OT: Eat (USA 2014). REGIE: Jimmy Weber. BUCH: Jimmy Weber. MUSIK: Jimmy Weber. KAMERA: Jon Stevenson. DARSTELLER: Meggie Maddock, Ali Francis, Jeremy Make, Dakota Pike, Maru Garcia, Christine Olyer, Stacy Pederson, John Schmidt, Mindy Faulkner. LAUFZEIT: 87 Min (DVD), 91 Min (Blu-ray). VÖ: 27.03.2015.

Eat | DVD-Cover

[Abbildungen: Mad Dimension]

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